Georg August Universität Göttingen
Philosophische Fakultät
Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
AS: Terror und Gewalt unter Stalin
Sommersemester 2009
,,Our side won!"
Laura Schiffner
14.06.2009
Geschichte/Politik (BA Lehramt an Gymnasien)
Semester: 4
Essay zur Sitzung vom 04.06.2009
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,,Our side won!"
Sheila Fitzpatrick beschäftigte sich mit der Frage, ob die Bauern durch die
ländlichen Schauprozesse an Einfluss gewinnen konnten, oder sogar ihre
Machtposition ausbauen konnten. Der Sieg über die lokalen Beamten sei der Sieg
über das System der Bauern gewesen (vgl. Fitzpatrick, Sheila: How the Mice
buried the Cat, Scenes from the Great Purges of 1937 in the Russian provinces, in:
Ward, Chris (Hrsg.): The Stalinist Dicatorship, London u.a. 1998, S. 296 298.).
Aber selbst wenn die Bauern Aufmerksamkeit durch ,,Gewalt von unten" erregen
konnten, gab ihnen dies nicht automatisch einen Machtzuwachs. Denn
grundsätzlich übte der Staat die Gewalt aus. Er ermutigte die Bauern, ihre Wut
und Aggression auszuleben. Wie so oft gelang es Stalin, Personengruppen
gegeneinander auszuspielen. Er instrumentalisierte ihre bäuerliche Dummheit und
gab ihnen das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Die Ausübung von Gewalt zeigte
sich bereits darin, dass Moskau auf die unzähligen Beschwerdebriefe der Bauern
reagierte und in der Provinz Schauprozesse gegen die lokalen Funktionäre führte.
Diese Gewalt richtete sich nicht direkt gegen die Bauern, sondern augenscheinlich
gegen die örtlichen Parteifunktionäre. Allerdings bestand hierbei die Gefahr, dass
sich diese Argumente auch gegen Stalin hätten richten können. Insofern würde
sich die Gewalt umkehren und auf den Staat zielen.
Eine Beflügelung der Interessen der Bauern hätte zudem weitere
Machtdemonstrationen der Bauern ermöglicht. Eine Gewalt von unten erscheint
daher nicht abwegig. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, in
welchem sozialen Status die Bauernschaft lebte. Ein gemeinschaftliches
Aufbegehren oder selbstbewusste öffentliche Demonstrationen gegen das ,,System
Stalin" hätte es nicht gegeben. Die Bauern konnten sich nicht durchsetzen. Stalin
muss sich daher also auf ihre Schwäche und politische Unerfahrenheit verlassen
haben. Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Konnten oder wollten die Bauern
nichts ändern. Lebten sie tatsächlich mit dem Gedanken, ihre eigene Position
auszubauen oder verharrten sie in der traditionellen Hoffnung auf Besserung?
Dazu müssen zwei Thesen diskutiert werden. Der Leitgedanke der einen Variante
sagt, dass die Bauern scheinbar von der alten Strategie Gebrauch machten,
bestimmte Rollen zu bedienen. Sie versteckten sich hinter ihrer Dummheit. Aber
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sie hatten zumeist nicht den nächsten Schritt ihres Handelns vor Augen. Sie
handelten irrational. Wie auch schon während der Kollektivierungskampagnen
waren die Bauern nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Konsequenzen zu
überblicken.
Die andere Auffassung beschreibt als einzigen Anhaltspunkt für ein
überlegtes Handeln der Bauern den scheinbaren Machtzuwachs der Bauern
während der provinzialen Schauprozesse. Dieser Machtzuwachs war rein
psychologischer Natur. Stalin musste den Bauern, die er jahrelang ausgebeutet
hatte, ein Bild vermitteln, dass er sich um die sozialen und wirtschaftlichen
Ungerechtigkeiten kümmere. Die Bauern fühlten aufgrund ihrer ständigen
Beschwerdebriefe darin bestätigt. Stalin instrumentalisierte sie als Mittel um seine
politische Macht durchzusetzen. Er gab den Bauern eine Plattform und einen
begrenzten Spielraum, Rache an den örtlichen Funktionären zu nehmen.
Damit brachte er die örtlichen Funktionäre in ein Dilemma. Sie waren die
Schnittstelle zwischen Partei und Bauernschaft. Die Funktionäre mussten die
Vorgaben der Partei erfüllen. Konnten sie dies nicht, wurden sie von der Partei
politisch liquidiert und von ihren Ämtern abgesetzt bzw. ausgetauscht. Sie
mussten also entweder mit dem Ärger der Partei rechnen oder mit der
Verweigerungshaltung der Bauern. Die Bauern lehnten die Funktionäre
grundsätzlich ab. Sie kamen als Fremde aus der Stadt und sollten die staatlichen
Vorgaben durchsetzen. Damit waren sie ,,fleischgewordene Angreifer des
Dorfgefüges". Dass der jeweilige Amtsinhaber aber auch nur eine Marionette der
Partei war, wollten die Bauern nicht erkennen. Dies ist mithin ein deutlicher Beleg
für die Dummheit und Irrationalität der Bauern. Sie sahen nur das, was sich
unmittelbar vor ihren Augen abspielte. Was sich dahinter verbarg, vermochten Sie
nicht zu erkennen. So taten die Bauern genau das, womit Stalin gerechnet hatte
und was von ihnen erwartet wurde. Sie ließen ihren Zorn an den örtlichen
Beamten aus. Stalin gab den Bauern eine Stimme, die sich seinen Vorstellungen
nach auf das Problem der Funktionäre bezog. Mit weiteren Erhebungen seitens
der Bauern hatte er nicht zu rechnen, da sich der Unmut der Bauern in den
ländlichen Prozessen erschöpfte.
Fitzpatrick bestreitet dies in der Art, indem sie argumentiert, dass eben gerade die
Bauern nicht das taten, was Stalin von ihnen erwartete. Die Begründung dafür
sieht sie darin, dass Stalin in keinem Prozess gedankt wird. Dies scheint allerdings
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