die man die gesellschaftliche [morale] oder politische [politique] Ungleichheit nennen kann...“.
Zu Beginn der Evolution lebt der Mensch ähnlich einem Tier, der einzige Unterschied liegt darin, daß das Tier reine Instinkthandlungen vollzieht, während dem Menschen die Fähigkeit gegeben wurde, eigenständig zu denken und zu handeln. Rousseau bemängelt allerdings, daß der Mensch dies stets entgegen seines Selbsterhaltungstriebes tut: „So überlassen sich die ausschweifenden Menschen Exzessen, die bei ihnen Fieber und Tod verursachen, weil der Geist die Sinne verdirbt und der Wille noch spricht, wenn die Natur schweigt.“ (S. 44). Rousseau nennt ihn „Wilden“, diesen Menschen im „ursprünglichen Zustand“, einen Menschen, der ein Einzelgängerdasein führt, keinen festen Wohnsitz hat und dessen einzige Bedürfnisse sich darauf beschränken, daß er sich ernährt, sich fortpflanzt und sich ausruht (Vgl. S. 46).
Nun soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die, von Rousseau entworfene, Entwicklungsgeschichte der Menschheit darstellt: 1. Phase des Ursprungs und der Unbedarftheit (Introduktion) 1 Das ist sozusagen die Startphase, die bereits beschriebene Lebensweise des „Wilden“. In dieser Phase gibt es noch keinerlei Ungleichheit, da den Menschen jegliche Formen des Gesellschaftslebens fremd sind. Einziges naturgegebenes Gefühl ist das Mitleid, welches offenbar sowohl Menschen als auch Tiere in sich tragen. 2. Phase der Entstehung von Leidenschaften (steigende Handlung I) Laut Rousseau ist „...die Kenntnis des Todes und seiner Schrecken [...] eine der ersten Errungenschaften, die der Mensch gemacht hat, als er sich von dem tierischen Zustand entfernte.“ (S. 47). Dies setzt natürlich voraus, daß der Mensch schon in einer gewissen Art von Gesellschaft gelebt haben muß, um festzustellen, daß man nicht ewig lebt. Zumindest muß er schon einmal auf seinem Weg einen ‚Artgenossen’ in diesem ‚Zustand’ angetroffen haben. Seine Fähigkeit weiterzudenken hebt ihn diesbezüglich vom Tier ab, welches nicht auf das eigene Schicksal schließen kann.
1 Bei den in Klammern befindlichen Begriffen habe ich mich an der Funktion eines „dramatischen
Dreieckes“ orientiert, um die Dramatik zu verdeutlichen, die in Rousseaus Worten mitschwingt.
2
Leidenschaften wachsen mit den Bedürfnissen und Kenntnissen und befinden sich immer auf gleicher Stufe (Vgl. S. 47). Diese Phase ist eine sehr unvollkommene, auf der die nächste aufbaut.
3. Phase der ‚Vergesellschaftung’ (steigende Handlung II)
Die erste anzutreffende Gesellschaftsform bei Rousseau ist die Familie, hier entwickelt sich die Sprache, nachdem es zuvor nur unartikulierte Schreie gegeben hat, wenn ein „Wilder“ sich mitteilen wollte. Dies ist nun notwendig geworden, weil die Menschen in Interaktion miteinander stehen und auf (oben genannte) Bedürfnisse eingehen müssen. Als Beispiel sei hier die Mutter-Kind-Beziehung genannt (Vgl. S. 52). Die ersten Formen von Sprache waren sehr individuell, da die Menschen noch nicht in großen Gesellschaften lebten. Sie setzten sich anfangs aus Gesten und undefinierbaren Lauten zusammen, die nur die Mitglieder einer Familie verstanden. Es handelte sich in dieser Stufe nur um ‚Konkreta’ also sichtbare Gegenstände und um ‚Akkustika’, also Laute, die nachgeahmt werden konnten. Später gruppierten sich die Menschen und lebten in größeren Gemeinschaften, beispielsweise in Dörfern. Es entwickelten sich Idiome. 2
Der Ackerbau entstand, der Boden wurde auf verschiedene ‚Mitglieder’ der Gruppe aufgeteilt, damit ist nach Rousseau der „Naturzustand“ vernichtet (Vgl. S. 49f.). Hier spitzt sich der Konflikt allmählich zu, denn nun gibt es Güter, um die man ‚Angst’ haben muß und die man im Notfall auch verteidigen muß.
In denselben Zeitraum fällt auch die Entstehung von ideellen Werten, nie gekannte Gefühle und Bedürfnisse entwickeln sich, sprich: Liebe. Die/den Geliebte(n) gilt es genauso zu verteidigen wie den materiellen Besitz.
Langsam wird deutlich, daß ein funktionierendes Zusammenleben nicht mehr gewährleistet ist ohne die Aufstellung von Regeln. 4. Phase der Bildung von Staatsformen (Klimax)
Die gleichen Kriterien wie bei Phase 3, nur in größerem Rahmen: es entstanden Staaten, Sprachen und es gab Gesetze zur Wahrung von Eigentumsrechten. Die Ehe wurde eingeführt um eine gesellschaftliche Ordnung herzustellen.
2 Anmerkung: Rousseau versteift sich sehr auf die Entwicklung der Sprache. Sie ist offensichtlich
eines der wichtigsten Merkmale der „Vergesellschaftung“. Hier soll jedoch, zur Einhaltung des
Rahmens, nicht näher darauf eingegangen werden.
3
Arbeit zitieren:
Silke Hübner, 2003, Jean Jacques Rousseau - Abhandlung über Ungleichheit der Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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