„Mythos und Aktualität“
Der Generationenkonflikt in Dorsts Merlin
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG :
„DAS UMFÄNGLICHSTE THEATERSTÜCK DER
NACHKREIGSZEIT “ 3
ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON DORTSTS MERLIN. 5
MERLIN UND DIE FANTASY-LITERATUR. 7
DAS SCHEITERN VON UTOPIEN UND
DER GENERATIONENKONFLIKT. 9
DER GENERATIONENKONFLIKT IM TEXT. 11
a. Der Teufel und Merlin. 11
b. König Artus und Mordred. 12
c. Die jungen und die alten Ritter. 14
d. Der Gral. 15
FAZIT. 16
BIBLIOGRAPHIE. 18
2
EINLEITUNG:
„DAS UMFÄNGLICHSTE THEATERSTÜCK DER NACHKRIEGSZEIT“ 1
Über ein Theaterstück zu schreiben erweist sich oft problematischer als sich mit einem Roman oder mit einem Werk zu beschäftigen, das nur für Leser geschrieben worden ist. Im Vergleich mit dieser Art Literatur zeigt das Drama einen weiteren Aspekt, der einige Schwierigkeiten in der kritischen Annäherung hervorruft: Das von dem Autor geschriebene Originalstück muss für jede Aufführung dem Theater, den Schauspielern, aber auch dem Geschmack des Regisseurs adaptiert werden. Dadurch entstehen viele verschiedene Versionen, die große Unterschiede enthalten und manchmal sogar wenig miteinander zu tun haben. Worauf sollte man sich beziehen? Auf dem Original des Autors? Oder sollte man lieber ein bestimmtes Regiebuch oder Einstudierung eines Regisseurs in acht nehmen? Oder sollte man direkt eine Aufführung kommentieren?
Das kann allgemein für jedes Drama gesagt werden, aber mit Merlin oder Das wüste Land von Dorst wird das Problem noch größer. Das Stück ist ein gigantisches Werk, das mehr als dreihundert Seiten umfasst und in dem der Autor gleichzeitig viele Varianten von derselben Szene einführt (ein Beispiel ist die letzte Szene, von der uns Dorst drei verschiedene Versionen bietet: eine des Theaters, eine der Naturwissenschaft - die berühmteste mit dem erloschenen Zwergenplaneten - und eine des alten Märchens). Wenn man Merlin in voller Länge im Theater spielen wollte, würde es eine Spieldauer von mindestens fünfzehn Stunden ergeben. Ulrich Schreiber nennt es sogar „das umfänglichste Theaterstück der Nachkriegszeit“ 2 . Mit so einer kolossalen Länge sind für jede Aufführung auf der Bühne radikale Kürzungen notwendig: Es reicht nicht, nur Sentenzen und Auftritte zu schneiden, sondern es müssen auch ganze Teile gestrichen werden, die in der ursprünglichen Version eine wichtige Rolle spielen. Diese notwendigen Amputationen verdrehen die Geschichte, den Inhalt und die behandelten Themen und führen somit zu Regiebüchern, die eine Verarbeitung des Stoffes sind und in denen Dorsts Werk kaum zu erkennen ist. Der Text wird jedes Mal von dem jeweiligen Regisseur neu interpretiert, und damit zu oft auch reduziert und vereinfacht; mit den Kürzungen gehen unvermeidlich Themen und
1 Ulrich Schreiber, Der dritte Weg: jenseits von Gott und Teufel, in: Frankfurt Rundschau, 29.10.1981.
2 Ebd.
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Ideen verloren, die bei Dorst im Mittelpunkt stehen.
Nicht nur die Länge, sondern auch die Komplexität der Handlung erweist sich als eine Schwierigkeit für eine ausführliche Interpretation: Im Merlin kreuzen sich Geschichten, Figuren und Ereignisse, die aus verschiedenen Traditionen stammen und die in manchen Fällen nicht viel miteinander zu tun haben (zum Beispiel Parzival, dessen Geschichte sich parallel zur Haupthandlung entwickelt). Diese Komplexität führt zu einer Fülle von Szenen und Passagen, zu einem außergewöhnlichen Anspielungsreichtum und Überangebot von Spielanlässen, die eine Realisierung im Theater sehr schwierig machen. Kein Regisseur hat es bis jetzt geschafft, Merlin in seiner Ganzheit auf die Bühne zu bringen und es ist leicht zu schätzten, dass Dorsts Werk immer nur Teilrealisationen erfahren wird. 3 Die Folgen von Merlins Komplexität und Länge sind eine große Lückenhaftigkeit und ein Mangel an Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Aufführungen und Einstudierungen. Wenn dies einerseits dazu führt, dass Dorsts Ideen nicht in ihrer Ganzheit dargestellt werden können, ermöglicht es jedoch andererseits den einzelnen Regisseuren eigene Interpretationen und damit immer wieder eine Aktualisierung ausgewählter Thematiken.
Genauso wie es unmöglich ist, Merlin in seiner Ganzheit auf der Bühne zu realisieren, so wäre es auch eine undurchführbare Aufgabe zu versuchen, dieses gigantische Werk mit seinen vielfältigen Aspekten zu analysieren. Ich habe deswegen entschieden, mich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren: den Generationskonflikt, ein Thema, das am Ende der siebziger Jahre, als das Stück geschrieben worden ist, sehr aktuell war und Dorst besonders am Herzen lag. Die Kritik der Zeit hat diese Aktualitätsbezüge meistens rezipiert, aber sie sind nicht immer von den Regisseuren beachtet worden. Im Vergleich mit anderen früheren Aufführungen hat Johannes Lepper in seiner Einstudierung für das Schauspielhaus Dresden die Wichtigkeit dieses Thema verstanden und es, trotz der nötigen Kürzungen, dementsprechend betont.
Ich fand es notwendig, diese Aspekte ausführlich zu behandeln, so dass meine Arbeit korrekt verstanden werden kann: Ich werde mich teilweise mit Dorsts Buchfassung 4 und teilweise mit Johannes Leppers Einstudierung 5 beschäftigen und
3 Ich beziehe mich hier auf: Rüdiger Krohn, Tankred Dorst: Merlin oder Das wüste Land.
Dramatische Parabel über das notwendige Scheitern der Utopie, 1987.
4 Tankred Dorst, Merlin oder Das wüste Land, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981.
5 Tankred Dorst, Merlin oder Das wüste Land, Regie: Johannes Lepper, Soufflierbuch des
Staatsschauspiel Dresden, Dresden 2001.
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außerdem werde ich versuchen, wo möglich, einen Vergleich zwischen den beiden Versionen anzustellen.
ÜBER DIE ENSTEHUNG VON DORSTS MERLIN
Es wäre hier nicht angebracht auf die Entstehung des Werkes detailliert einzugehen, aber ein Blick auf die Geschichte dieser Entstehung und auf die ersten Aufführungen kann nützlich sein, um das Stück in seinen Kontext einzufügen und damit auch die Ansprüche des Autors auf Aktualität zu verstehen. Erster Anlass für Merlin oder Das wüste Land war das Festival „Theater der Nationen“ im Jahr 1979; Dorst hatte den Auftrag, ein Mords-Spektakel für diese Gelegenheit zu schreiben. Das Stück sollte in der Fischmarkthalle in Hamburg aufgeführt werden und die Vorstellung sollte die ganze Nacht dauern. Das Projekt gehörte zu einer Serie innovativer und alternativer Inszenierungen, die unter dem Namen „Hallentheater“ bekannt sind und zu der Zeit sehr beliebt waren. Der Autor selbst verdeutlicht uns in einem Interview, wie umfangreich und kompliziert das Projekt war und wie hoch seine Ansprüche waren: „Das war der einzige Punkt, der mich zögern ließ, diesen reizvollen Auftrag zu übernehmen: die Kürze der Zeit. Das ist ja fast so voluminös wie Faust I und II! Ich lese, lese, lese Material - und jeden Tag kommt bei mir ein neues Bücherpacket an. Es fällt mir schwer, zu entscheiden, was ich vom Originalstoff in die Collage hineinnehme und was ich weglasse. Das wird sich auch bestimmt im Laufe des Schreibens noch mehrmals ändern. Das Ganze darf ruhig ein bisschen chaotisch werden. Und wild. Und verrückt.„ 6 . Die erste Version, die wir von diesem Werk besitzen, ist ein Typoskript mit dem Datum 20.8.1978, das dreiundzwanzig Seiten und achtzig Szenen umfasst. Der Termin für die Fertigstellung des Vorhabens war für den 26. April 1979 festgelegt worden; schon bald stellte sich heraus, dass die Zeit zu gering war, um das anspruchsvolle Projekt zu realisieren. Da keine Verschiebungen zugelassen wurden und inzwischen auch Finanzierungsprobleme hinzu kamen, scheiterte der Aufführungsplan schon Anfang 1979. Das Merlin-Projekt ging aber weiter: Dorst plante eine Buchausgabe, deren Vorabdrucke im April 1979 begannen. In dieser
6 Süddeutsche zeitung, 12.8.1978. Zitiert aus: Günther Erken, Tankred Dorst, Suhrkamp, Frankfurt am
Main, 1989, Seite 172.
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Arbeit zitieren:
MA Davide Bonmassar, 2003, Mythos und Aktualität. Der Generationenkonflikt in Dorsts "Merlin", München, GRIN Verlag GmbH
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