I
Zusammenfassung
Lehramtsstudierenden greifen häufig auf ihre, durch Sozialisation erworbenen, subjektiven Theorien zurück und vernachlässigen wissenschaftliches Wissen (vgl. Spiewak, 2004). Daraus resultiert ein träges Wissen, dass zwar reproduziert jedoch nicht angewendet werden kann (vgl. Neuweg, 2007). Als eine Maßnahme die Anwendung wissenschaftlichen Wissens zu fördern gilt die didaktische Gestaltung von Seminarkonzeptionen. Die vorliegende Studie soll prüfen, ob träges Wissen und subjektive Theorien durch die Implementation innovativer Seminarkonzeptionen sowie den Einsatz modifizierter Instruktionsansätze unterbunden werden und langfristige Einstellungsänderungen gegenüber wissenschaftlichen Wissens erfolgen. Hierfür wurden unter Berücksichtigung aktueller Forschungsstände zwei Seminarkonzeptionen entwickelt, die sich hinsichtlich ihrer didaktischen Gestaltung (situiert orientiert vs. instruktional orientiert) unterschieden. Die Seminare wurden im Sommersemester 2007 mit 44 Studierenden im Rahmen der universitären Lehrerausbildung durchgeführt und in Bezug auf die Qualität der Anwendung wissenschaftlichen Wissens, Aktivierung der Lerner und Akzeptanz der Lernumgebung verglichen. Die Leistungen und Einstellungen der Studierenden wurden mittels Fragebögen, Wissenstests und qualitativen Interviews überprüft. Als Ergebnisse der Studie können festgehalten werden, dass die situiert orientierte Seminarkonzeption, sowohl bei der Qualität der Wissensanwendung, der Aktivierung und der Akzeptanz durch die Lerner bessere Ergebnisse erzielte. Lediglich bei hoch komplexen Informationen kann geschlussfolgert werden, dass eine durch reine Instruktion vermittelte Wissensbasis zumindest gleichwertige Ergebnisse erzielt. In beiden Seminarkonzeptionen war dennoch ein erhebliches Steigerungspotential vorhanden, da die erreichten Leistungen der Studierenden nur selten an das theoretische Maximum heranreichten. Bei der Betrachtung motivationaler Faktoren zur Aktivierung zeigte sich, dass die instruktional orientierten Studierenden von der hohen Instruktion profitierten, ihre Furcht vor Misserfolg nahm ab. Die Lerner der situiert orientierten Seminarkonzeption resultierten hingegen von den Freiräumen des selbstbestimmten Lernens und bewerteten das Lernklima als außerordentlich positiv. Gleiches galt auch für die Akzeptanz der Lernumgebung, die bei den situiert orientierten Lernern als wesentlich positiver eingeschätzt wurde und so eine höhere Bereitschaft der Wissensanwendung eruieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung I
Einleitung 1
1. Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 2
1.1 Träges Wissen in der Lehrerbildung 12
1.2 Subjektive Theorien in der Lehrerausbildung und Handlung 16
1.3 Motivationsaspekte bei der Wissensaneignung 19
1.4 Unterrichtsmodelle 24
1.4.1 Instruktionalisierte Ansätze 25
1.4.2 Kritik an instruktionalisierten Ansätzen 28
1.4.3 Situierte Ansätze 29
1.4.4 Kritik an situierten Ansätzen 31
1.5 Debatte zur Wirksamkeit verschiedener didaktischer Konzeptionen 32
1.5.1 Argumentation Anderson, Reder und Simon (1996) 33
1.5.2 Die Entstehung einer instruktional orientierten Lernumgebung 36
1.5.3 Argumentation Greeno (1997) 37
1.5.4 Revival the discussion 41
1.5.5 Die Entstehung einer situiert orientierten Lernumgebung 47
1.6 Resultate der Debatten 47
1.7 Untersuchungsfragen 48
2. Methode 51
2.1 Stichprobe 51
2.2 Experimenteller Aufbau 51
2.2.1 Konzeption der Lernumgebungen 51
2.2.2 Seminarinhalt 52
2.2.3 Seminarziele 52
2.3 Gruppendesign 53
2.3.1 Gruppe A: situiert orientierte Lernumgebung 54
2.3.2 Gruppe B: instruktionalisiertes Design 56
2.4 Lernmaterialien 59
2.4.1 Gemeinsame Sitzungen Sommersemester 2007. 59
2.4.2 situiert orientierte Gruppe (A) 60
2.4.3 instruktionalisiert orientierte Gruppe (B) 61
2.4.4 Gemeinsame Endsitzung 63
2.5 Instrumente und Messverfahren 63
2.5.1 Vorerhebung erste Sitzung 63
2.5.2 Wissenstest. 65
2.5.3 Gemeinsame Gruppenarbeit vom 17.07.2007 69
2.5.4 Nacherhebung 70
2.5.5 Validierung der Motivationsitems 72
3. Durchführung 74
3.1 Interne Validität (Zusammensetzung der Stichprobe) 74
3.1.1 Gruppendesign 74
3.1.2 Die innere Einstellung der Lerner 75
Deskriptive und Interferenzstatistische Befunde 78
3.2 Forschungsfrage 1: Welchen Einfluss haben die beiden
Seminarkonzeptionen auf die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen? 78
3.2.1 Perspektive Leistungsbetrachtung 78
3.2.2 Perspektive Inhaltsspezifische Betrachtung (Qualität des Wissens) 79
3.2.3 Perspektive Wissensart (Anwendungs- versus träges Wissen, als Qualität
der Wissensbasis) 82
3.2.4 strukturelle Perspektive (Vernetztheit und Wissenschaftlichkeit als Elemente
der Qualität der Wissensbasis) 83
3.2.5 Reflexionsniveau aus der Perspektive Wissenschaftlichkeit 84
3.3 Forschungsfrage 2: Wie wirken sich die beiden Seminar-konzeptionen auf
die Aktivierung der Lerner und das Interesse an Theorien aus? 87
3.3.1 Interesse an Theorie und Wissenschaft 87
3.3.2 Motivationale Faktoren 89
3.4 Forschungsfrage 3: Welchen Einfluss hat die Seminarkonzeption auf die
Akzeptanz der Lernumgebung? 92
4. Diskussion 94
5. Konsequenzen für den Unterricht 100
6. Ausblick 103
Literaturverzeichnis 106
Anhang 1 Vorerhebung 124
Anhang 2 Gruppenarbeit 127
Anhang 3 Wissenstest 129
Anhang 4 Nacherhebung 132
Einleitung 1
Einleitung
Unterrichten als zentrale Aufgabe des heutigen Lehrerhandelns ist durch einen stetigen Wandel von Anforderungen, Lernern, Gesetzen und Inhalten determiniert.
Heterogene Schülerlandschaften erfordern von Lehrern 1 , dass sie komplexe Situationen erfolgreich bewältigen, Entwicklungsstände von Kindern diagnostizieren und im schulischen Alltag eine flexible Managementfunktion übernehmen (Krainer, 2003). Durch Schulentwicklung verändert sich die Lehr-Lernsituation und erweitert sich das Arbeitsfeld von Lehrpersonen. Die zusätzliche Einführung von Bildungsstandards, orientiert am Output und entfernt von der Wissensvermittlung, wie sie in bisherigen Curriculumsplänen vorgeschrieben war, erfordert die Fähigkeit, Wissen in neue Formen und Situationen zu transferieren und befreit den Lehrer vom
1962), so erweitert sich seine Funktion immer mehr um die Organisations- und Konstruktionskomponente des Wissens. Denn aktuelle Befunde weisen darauf hin, dass die erfolgreiche Bewältigung neuer Handlungsfelder von Schule ohne eine differenzierte Wissensbasis, langfristig gesehen, nicht gelingt (vgl. Stark, 2001; Wahl, 2001). Doch Theorie und Praxis scheinen im täglichen Handlungsfeld der Lehrkräfte weit voneinander entfernt zu sein. Begriffe wie Praxisschock, subjektive Theorien und träges Wissen kennzeichnen diese Kluft. Theorie und Praxis stehen sich dabei nicht nur im alltäglichen Handlungsfeld des Lehrers konträr gegenüber, sondern schon bei der Vermittlung des wissenschaftlichen Wissens in der universitären Lehrerausbildung selbst. Die Lehrerausbildung muss sich folglich der Anwendung
f neue
Situationen einzugehen und Unterricht zu konstruieren. Daher erscheint es relevant (vgl. u.a. Anderson, Reder & Simon, 1996; Greeno, 1997; Kirschner, Sweller & Clark, 2004) die Unterrichtssituationen in der universitären Lehrerausbildung detailliert zu evaluieren, um eine bestmögliche Lehr-Lernsituation zu proklamieren, die die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen weitestgehend fördert.
1 Aus Gründen der Lesbarkeit wurde auf eine weibliche Anrede verzichtet. Stellvertretend steht die
männliche Form für beide Geschlechter (vgl. Miehte, Kajatin & Pohl; 2002).
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 2
1. Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
In einer Befragung von 500 Lehrer/Innen an niedersächsischen Schulen, zu ihren Problemlösestrategien und Wissensquellen in sozialer Interaktion mit Schülern offenbarten 81.7% der Lehrer, dass sie auf subjektive Theorien und Erfahrungen in ihrem Unterricht zurückgreifen. Dem gegenüber gaben gerade einmal 7% an, dass sie sich an einer bestimmten pädagogischen Theorie orientieren. (Neuweg, 2007) In weiteren empirischen Analysen konnten Gruber, Mandl und Renkl-Schwarzer (1999) zudem zeigen, dass Studierende das im Kontext der Universitätslehre erworbene Wissen zwar in Prüfungen reproduzieren (What-you-test-is-what-you-get-Prinzip; Bell, Burkhardt & Swan, 1992), jedoch nicht in alltagsnahe Problemsituationen transferieren können. Auch im Rahmen der Klausurkorrekturen von Lehramtsstudierenden an der Universität des Saarlandes ist festzuhalten, dass Reproduktionsaufgaben meist sehr erfolgreich durch die Studierenden bewältigt werden, Transferaufgaben aber nicht an den empirischen Mittelwert der Punkte für Reproduktionsaufgaben heranreichen (vgl. Herzmann, Stark & Krause, 2008). Die Wissensanwendung beschränkt sich im Studium zumeist auf die Bewältigung von Klausuren und Hausarbeiten; wissenschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse werden häufig nur aneinander gereiht und reproduziert (vgl. Kopp, Stark & Fischer, 2007; Stark, 2005). Die Reproduktion des erworbenen Theoriewissens (konzeptuelles deklaratives Wissen) wird einer kognitiven Vernetzung des erlernten wissenschaftlichen Wissens und der kritischen Reflexion sowie Elaboration vorgezogen (vgl. DeJong & Ferguson-Hessler, 1996), unabhängig davon welche Art von Fachwissen gelernt wird. Die für professionelles Lehrerhandeln zentrale Anwendung handlungsrelevanten bildungswissenschaftlichen Wissens wird dadurch massiv behindert und steht im Gegensatz zu dem von der Kultusministerkonferenz geforderten Curriculum, das nach Lernfeldern fächerübergreifend organisiert und handlungsorientiert strukturiert sein sollte, um die wissenschaftliche
Wissensanwendung als Schlüsselkompetenz in Lehre und Bildung zu fördern (vgl. Schwarz-Govaers, 2004).
Auch im Gesundheitsbereich (vgl. Schwarz-Govaers, 2001) wird das Problem der Wissensanwendung thematisiert. So verweigerten Pflegeschüler zum Beispiel die Schmerzmittelvergabe mit dem Hinweis, dass dieses abhängig mache, obwohl sie im
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 3
Unterricht zuvor genau das Gegenteil erlernt hatten. Die Schüler verfügten über ein konzeptuelles deklaratives Wissen, waren aber dennoch nicht in der Lage, dieses in Situationen anzuwenden. Viele Studien belegen, dass Lerner erhebliche Probleme haben, erworbenes Fachwissen auf professionalisierte Problemstellungen erfolgreich zu transferieren (vgl. Renkl, 1996). Generell gelten die Befunde für alle Bildungsbereiche, sollen aber im Folgenden nur für das Lehramtsstudium an Hochschulen exemplifiziert werden. Hier ist besonders relevant, dass viele Lehramtsstudierende ihr bildungswissenschaftliches Wissen nur unzureichend auf pädagogische Problemstellungen anwenden und subjektive Lehr-Lerntheorien bevorzugen (vgl. Terhart, Czerwenka, Ehrich, Jordan & Schmidt, 1994; Wahl 2001). Daraus folgt eine fehlende Qualifizierung von zukünftigen Lehrkräften, die in ihrem täglichen Handlungsfeld nicht mit wissenschaftlich fundiertem Wissen agieren können und somit den Anforderungen der Lehrerrolle des professionalisierten Vermittlers von Wissen und Bildung nicht gerecht werden. - bis achtjähriger Ausbildung
Autodidakten: Beim Unterrichten orientieren sie sich eher an ihrer Intuition oder der Erfahrung mit eigenen Kindern als an dem, was sie in Studium und Referendariat gelernt haben. Lieber bedienen sie sich aus einem privaten Schatzkästlein mit Tipps, Rezepten und überlieferten Glaubenssätzen." (Spiewak, 2004) Wenn aber zukünftige Lehrer, komplexere Situationen erfolgreich bewältigen sollen, die Entwicklungsstände von Kindern diagnostizieren sollen und im schulischen Alltag eine flexible Managementfunktion übernehmen müssen (vgl. Krainer, 2003), dann kann ihnen dies nur gelingen, wenn sie in ihrer Ausbildung ein fundiertes methodisches Wissen zur Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse erhalten, das sie in flexibler Weise an unterschiedliche pädagogische Situationen
müssen. Alle Unterrichtskonzeptionen erheben den Anspruch, theoretisch fundiertes Wissen vermitteln zu können, das den Lerner auf die zukünftige Anwendungssituation und professionelles Handeln vorbereitet (vgl. 1.5 Debatte zur Wirksamkeit verschiedener didaktischer Konzeptionen). Weitestgehend
unberücksichtigt bleiben in den Diskursen jedoch die Motivation und Volition der Lerner zur Anwendung wissenschaftlichen Wissens, obwohl sie ebenso ausschlaggebend für die Entstehung trägen Wissens sein können. Insbesondere
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 4
eine geringe Motivation und Volition des Lerners können in der Erwerbssituation, wie auch in der zukünftigen Anwendungssituation einen negativen Einfluss auf die Einstellung gegenüber wissenschaftlichem Wissen ausüben. Daher folgt im Kapitel
der Motivation unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung
wissenschaftlichen Wissens im Erwerbsprozess. Auch äußere Faktoren (wie zum Beispiel der Zeitdruck am Ende einer Unterrichtseinheit, Ablenkungen durch den Lernverband, der Raum als dritter Pädagoge) können auf den Lernprozess wirken, sie sollen aber nur am Rande Erwähnung finden.
Die Essenz für das überwiegende Lehrerhandeln (vgl. Neuweg, 2007) ist das vermittelte träge Wissen (Renkl, 1994; Renkl, 1996; Gruber & Renkl, 2000), welches den Lerner dazu verleitet auf seine subjektiven Theorien zurückzugreifen. Diese korrespondieren im Allgemeinen nur schwach mit wissenschaftlichen Theorien (vgl. Groeben, Wahl, Schlee & Scheele, 1988; Gerstenmaier & Mandl, 1996) und werden vom Lerner im zukünftigen Handlungskontext bevorzugt. Auffällig ist dabei, dass erlernte pädagogische Theorien dennoch reproduziert werden können (vgl. Renkl, 1994). Erworbene pädagogische Theorien stellen somit keine ausreichend verlässliche Basis für die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen dar, sondern müssen in verschiedenen Dimensionen des Wissens spezifiziert und konstruiert werden.
Eine erste Differenzierung von Wissen in deklaratives (knowing that) und prozedurales Wissen (knowing how) nahm Ryle (1969) vor und im weiteren Verlauf wurde unter Berücksichtigung von Gedächtnis sowie Bewusstsein (mind) Wissen als Sach-, Handlungs- und Metawissen analysiert und konzipiert (vgl. Renkl, 1996). Das Wissen über Theorien, Objekte und Personen wird dabei als deklaratives Wissen (Sachwissen) operationalisiert und intern in proportionaler Form, unabhängig von situativen constraints 2 und affordance 3 repräsentiert (vgl. Ryle, 1969; Mandl & Spada, 1988; Eysenck & Keane, 2000). Das prozedurale Wissen (Handlungswissen), als weitere Komponente des Wissens, stellt hingegen die Handlungsmöglichkeit mit deklarativem Wissen bereit und gilt als Prozess der Verarbeitung von Information in
2 Unter dem Begriff des situative constraints werden durch die Situation verursachte Begrenzungen
verstanden.
3 Affordance können hingegen als Aufforderungscharaktere durch die Situation bzw. Aufgabenstellung
verstanden werden; Übersetzungen ins Deutsche sind unzureichend (vgl. Müsseler & Prinz, 2002)
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 5
ermöglicht ein Verständnis für die Gewinnung sowie Verlässlichkeit von Wissen und eruiert die Tragweite und Auswirkung des erworbenen Wissens für den Lerner. (vgl. Ryle, 1969; Spada & Mandl, 1988; Eysenck & Keane, 2000; Eysenck & Keane, 2005) Diese Einteilung von Wissen hat auch heute noch in den verschiedenen psychologischen und pädagogischen Theorien Bestand und findet immer wieder Beachtung. Dabei besteht jedoch das Problem, dass sich wissenschaftliches Wissen und subjektive Theorien nur im ersten Moment in der Verfügbarkeit 4 von Subkategorien des Wissens unterscheiden (vgl. Stark, 2001). Viel eher sind die Qualität des deklarativen Wissens und die Qualität der Wissensbasis ausschlaggebend für die Anwendung wissenschaftlichen Wissens (vgl. Abbildung 1). So kann die Dimension der Qualität des (deklarativen) Wissens mittels Reproduktion über das jeweilige Themengebiet diagnostiziert werden und ermöglicht dadurch eine Überprüfung von erworbenem wissenschaftlichen Wissen, welches in Subkategorien wie Theorien, Modelle, Paradigmen und empirische Befunde klassifiziert werden kann (vgl. Kuhn, 1976). Es ist anzunehmen, dass die verschiedenen Subkategorien deklarativen Wissens unterschiedlich schwer zu erwerben und daher auch zu reproduzieren sind. Diese Annahme wird durch kognitionspsychologische Erkenntnisse der Gedächtnisforschung (vgl. Miller, 1956; Atkinson & Shiffrin, 1968; Anderson, Reder & Simon, 1996) unterstützt. In diesen konnte gezeigt werden, dass die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses begrenzt ist und dadurch die Aufnahme neuen Wissens ins Langzeitgedächtnis beschränkt wird (vgl. Kapitel:
4 Anwendbares wissenschaftliches Wissen verfügt über die drei Subkategorien: deklaratives
wissenschaftliches Wissen, prozedurales Wissen und Metawissen, während subjektive Theorien nur
über die Kategorien deklaratives und prozedurales Wissen verfügen. Daraus folgt, dass subjektive
Theorien nicht reflektiert werden (vgl. Dann, 1994). Dieser Annahme steht jedoch entgegen, dass
subjektive Theorien in eine feste Struktur eingebunden sind (vgl. Groeben, et al., 1988; Koch-Priewe,
1986), was bedeutet, dass ihr Wirkungsgrad zumindest durch Erfahrungswerte reflektiert wurde, daher
verfügen, wenn auch nicht im gleichen Maße, auch subjektive Theorien über Ebenen im Metawissen.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 6
Revival the discussion Cognitive Overload). Die Dimension der 1.5.4
Qualität deklarativen Wissens korreliert proportional zur Quantität des korrekten 5 deklarativen Wissens, und Monokausalität ist als Phänomen subjektiver Theorien zu bewerten. Abbildung 1
Anwendbarkeit wissenschaftlichen Wissens als Theoretisierungskompetenz
Für seminardidaktische Konzeptionen in der Lehramtsausbildung ist folglich zu beachten, dass deklaratives Wissen zu Problemen bei der Wissensanwendung führen kann, sofern es unvollständig bzw. unstrukturiert präsentiert wird. Diese Strukturdefizite verursachen unvollständiges bzw. unstrukturiertes deklaratives Wissen, das im Lerner verankert ist und ihm nur mangelhaft zur Verfügung steht (vgl. Renkl, 1994). Eine zukünftige Anwendung des wissenschaftlichen Wissens wird massiv beschränkt bzw. verhindert. Zudem kann es auch zum Cognitive Overload im Lerner führen, wenn der Grad der Abstraktheit die kognitiven Ressourcen des Lerners übersteigt. Strukturdefiziterklärungen sollen daher im folgenden Kapitel über 1.1 Träges Wissen in der Lehrerbildung finden. Die Dimension der Qualität der Wissensbasis wissenschaftlichen Wissens differenziert sich hingegen in die Dimensionen Wissen
über die Richtigkeit des deklarativen Wissens machen soll, eine Bewertung hinsichtlich der
wissenschaftlichen Fundiertheit wird nicht getroffen.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 7
sich aus der Theorie zur kognitiven Flexibilität (vgl. Spiro, 1991; Mandl, Kopp & Dvorak, 2004). Prozedurales Wissens wird in verschiedenen situativen constraints und affordance (Kontextualisierungskompetenz, Neuweg, 2007) veranschaulicht. Es ist als domänenspezifisches, bzw. als themenspezifisches Konstrukt (vgl. Stark, Hinkofer & Mandl, 2001) nach dem methodischem Vorbild der criss-crossing the knowledge domain Instruktionsmaßnahme (vgl. Gruber, Mandl & Renkl, 1999) konzipiert, das Handelnde befähigt, situatives Wissen aus den jeweiligen Kontexten zu verschiedenen Zeitpunkten zu elaborieren und gegebenenfalls zu erweitern ermöglicht somit die Adaption mentaler Modelle an die [aktuelle] Stark, Hinkofer & Mandl, 2001). Von angehenden Lehrkräften wird deshalb gefordert, dass sie in der Lage sind, aus den verschiedenen pädagogischen Problemstellungen Schlüsse und Ankerpunkte für die Verwendung deklarativen Fachwissens der Pädagogik zu extrahieren, um professionell zu handeln.
Ein Problem der Wissensanwendung bei Lehrkräften ist jedoch durch prozedurales Wissen determiniert, welches Wissen zur erfolgreichen Handlungs- und Problembewältigung nicht mit entsprechendem Wissen über relevante Konzepte und Prinzipien vernetzt (vgl. Ryle, 1969). In einem Forschungsansatz von Stark, Puhl und Krause (2007) konnten unter anderem drei idealtypische Klassifizierungen der Korrespondenzprobleme von prozeduralen wissenschaftlichem Wissen analysiert werden, die das Problem der Wissensanwendung entsprechend operationalisieren (Stark, 2005; Stark, Puhl & Krause, 2007).
1. Vernetzung auf Elemente nicht wissenschaftlicher Alltagsargumentation 2. defizitäre Vernetzung auf wissenschaftliche Theorien, Ansätze und Paradigmen
3. defizitäre Vernetzung auf Studien und empirische Befunde Lerner haben nach dieser Klassifizierung sowohl Probleme in der Differenzierung von wissenschaftlichem Wissen und Alltagswissen (subjektive Theorien), wie auch Probleme in der Unterscheidung von Subdimensionen wissenschaftlichen Wissens selbst (Theorien, Modelle und empirische Befunde) und deren Interpretation sowie Transfer in Anwendungssituationen (vgl. Kuhn, 1989). Ein theoriegeleitetes
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 8
Wahrnehmen (vgl. Neuweg, 2007), als zukünftiges professionelles Lehrerhandeln wird dadurch massiv behindert (vgl. Darling-Hammond, 2006; Helmke, Helmke & Schrader, 2007; Bromme, 2008) und fördert den Einsatz subjektiver Theorien. Die daraus resultierenden Transferdefizite verursachen träges Wissen, welches nur einen geringen Grad an Vernetzung zu anderen Konstrukten aufweist und unterbinden das Lehren im wissenschaftlichen Verständnis (vgl. Spada & Mandl, 1988; Stark, Hinkofer & Mandl, 2001; Gerstenmaier & Mandl, 1996; Gruber, Mandl & Renkl, 1999). Lernumgebungen sollen aber die Anwendung wissenschaftlichen Wissens fördern, daher müssen sie Raum zur korrekten Vernetzung von wissenschaftlichem Wissen schaffen und den Lernenden mit möglichst vielen Anwendungssituationen des Erlernten konfrontieren. Dadurch entsteht die sogenannte Multiperspektivität (vgl. Spiro, 1991), die Wissen als kontextgebunden operationalisiert (vgl. Greeno, 1997).
Ein hoher Grad an Vernetztheit und Transferierbarkeit ist aber nicht nur ein Aspekt der Qualität der Wissensbasis wissenschaftlichen Anwendungswissens, sondern ist auch Bestandteil subjektiver Theorien. Verglichen mit der dritten Wissensart (Metawissen) fehlt es den subjektiven Theorien jedoch an höherem Reflexionsniveau (vgl. Glissmann & Ruhmann, 2004). Denn erst ein elaboriertes und kritisch geprüftes Wissen stellt eine notwendige Basis für eine erfolgreiche Wissensanwendung im Allgemeinen sowie Transfer im Besonderen dar (vgl. Stark, Hinkofer & Mandl, 2001) und gilt als abschließendes Qualitätsmerkmal wissenschaftlichen Wissens (vgl. Abbildung 2).
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 9
Abbildung 2
Differenzierung des Wissens
In der erziehungswissenschaftlichen Forschung (vgl. Spiro, 1991; Mandl, Kopp & Dvorak 2004) wird vom flexiblen Wissen der kognitiven Flexibilität gesprochen. Es schließt den effektiven und effizienten Umgang mit routinemäßigen, vertrauten Repräsentationen ebenso ein, wie multiple Transferleistung innerhalb der jeweiligen Domäne (vgl. Spiro, 1991). Die Lehramtsstudierenden sind in der Lage die richtige wissenschaftliche Theorie der entsprechenden pädagogischen Problemstellungen / Situation anzupassen, diese zu modifizieren und zu reflektieren. Nach Salomon und Globerson (1987) sollen folglich sowohl low-road- als auch high-road-Anforderungen durch den Lerner bewältigt werden können. Die erfolgreiche Wissensanwendung wissenschaftlichen Wissens setzt daher eine differenzierte domänenspezifische (deklaratives Wissen) sowie kognitive (prozedurales Wissen) und metakognitive (Metawissen) Wissensstruktur beim Lerner voraus und wird als Prozess der Repräsentation, Kommunikation, Nutzung sowie Reflexion und Elaboration von Wissen verstanden (Reinmann-Rothmeier, Mandl, Erlach & Neubauer, 2001).
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 10
Anwendbares Wissen als wissenschaftliche Theoretisierungskompetenz kann folglich durch diese vier Perspektiven operationalisiert werden: 1. Leistungsbetrachtung (Qualität des Wissens und Qualität der Wissensbasis über das gesamte Inhaltsgebiet)
2. Inhaltsspezifische Betrachtung (Qualität des Wissens)
3. Wissensart (Anwendungs- versus träges Wissen, als Qualität der Wissensbasis)
4. strukturelle Perspektive (Vernetztheit und Wissenschaftlichkeit als Elemente
der Qualität der Wissensbasis)
Schlussendlich gilt es träges wissenschaftliches Wissen zu vermeiden und den Rückgriff auf subjektive Theorien in der Lehrerausbildung zu unterbinden. Es ist daher notwendig Lernumgebungen in der universitären Lehrerausbildung so zu
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 11
gestalten, dass sie wissenschaftliches deklaratives Wissen dem Lerner zur Verfügung stellen, durch verschiedene situative contraints und motivationale Aspekte die Anwendung des prozeduralen Wissens fördern und die Vernetzung, Elaboration sowie kritische Prüfung ermöglichen. Denn durch die kritische Reflexion der jeweiligen situativen Problemstellung und des eigenen pädagogischen Handelns, sowie durch die Verfügbarkeit einer Anzahl wissenschaftlich fundierter Theorien, Konzepte und Methoden gelingt dem Studierenden die Anwendung wissenschaftlichen Wissens und er ist intrinsisch motiviert (Deci & Ryan, 1980), es anzuwenden.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 12
1.1 Träges Wissen in der Lehrerbildung
Gruber, Mandl und Renkl-Schwarzer (1999) konnten in empirischen Analysen zeigen, dass Studierende im Kontext der Universitätslehre erworbenes Wissen zwar in Prüfungen abriefen, jedoch nicht auf alltagsnahe Problemsituationen übertrugen (vgl. auch Stark, 2005; Stark, Krause & Puhl, 2007). Das theoretische Fachwissen (deklaratives) war somit nicht zugleich Handlungswissen (prozedurales), sondern die Studierenden bezogen ihre handlungsrelevanten Informationen aus subjektiven Theorien, die durch ein Alltagsverständnis elaboriert wurden, sofern eine konkrete, komplexe Problemstellung vorlag. Die Lerner präferierten den Arbeitsaufwand zu minimieren und auf einem relativ niedrigen kognitiven Niveau zu agieren. In einer Studie zur Fortbildung von Lehrkräften als Multiplikatoren (im Rahmen von SchiLf) von Bergmüller (2008) 6 wurden im Zeitraum von drei Jahren 24 Lehrkräfte für Unterrichtsentwicklung (vgl. Rolff, Buhren, Lindau-Bank & Müller 1999) ausgebildet. Hierbei konnte gezeigt werden, dass Multiplikatoren in Schulen nicht ihr in der Ausbildung erworbenes Wissen anwendeten und auf subjektive Theorien zurückgriffen, wenn das Lehrkollegium ohne geteilte Problemsicht und mit passiven Verhaltensweisen arbeitete. Die fortzubildenden Lehrer forderten die Wissensinhalte als abgeschlossene Entitäten, vermutlich war der potentielle Nutzen der Fortbildung für das Lehrerkollegium unklar. Das Wissen aus der Ausbildung konnte durch die Multiplikatoren nicht angewendet werden. Darüber hinaus war zu verzeichnen, dass gerade Schulen, die einem negativen Idealtypus entsprachen, vermehrt die Schulen waren, die die Studie wegen kollegialen Problemen abbrachen. Schulen die hingegen eine geteilte Problemsicht hatten und sich die Entwicklung von Unterricht als Ziel setzten, verfügten über ein reflexives Fortbildungsverständnis und sahen sich eigenverantwortlich für die Fortbildung ihrer Lehrer. Die Trainer konnten vermehrt ihr wissenschaftlich fundiertes Wissen auf das Kollegium anwenden und weitergeben (vgl. Bergmüller, 2008).
Um erlerntes Wissen als träge zu klassifizieren, müssen daher gewisse Determinanten miteinander korrespondieren. Relevantes Faktenwissen, das dem Lerner zu kompetentem Handeln befähigen sollte, muss vorhanden sein und
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 13
trotzdem nicht angewendet werden. (vgl. Gruber & Renkl, 2000). Wie bereits in der Fachliteratur (vgl. Renkl, 1994; Renkl, 1996) über träges Wissen, wird die Operationalisierung des Wissens (vgl. Ryle, 1969; Spada & Mandl, 1988; Eyseneck & Keane, 2000) in die drei Ebenen deskriptives, prozedurales und (Meta)Wissen beibehalten. Für die Ebene des deskriptiven Wissens sind Strukturdefizit-Erklärungen angeführt die als Defizite im Inhaltsgebiet des Wissens verortet sind (vgl. Renkl, 1994). So können eine mangelnde Wissenskompilierung, die Trennung von implizitem und explizitem Wissen in Form abgeschlossener Entitäten, aber auch Fehlkonzepte im konzeptuellen Wissen als Erklärungen für träges Wissen angesehen werden. Diese Strukturdefizite können sowohl im Wissen selbst (extrinsisch) verankert sein, als auch bei der Vermittlung des Wissens (extrinsisch/intrinsisch) bzw. bei der Abspeicherung durch den Lerner (intrinsisch) verursacht worden sein. In Anlehnung an die instruktionalisierten Lernumgebungen, gelten daher der Grad der Instruktion und die Aufbereitung des Wissens als ausschlaggebend für die Qualität des verinnerlichten deklarativen Wissens (vgl. Kirschner, Sweller & Clark, 2006).
Zusätzlich postulieren die situierten Lernumgebungen auch eine fehlende Kontextgebundenheit und die daraus resultierende Struktur des zu verinnerlichenden Wissens, als bedeutend für die Entstehung trägen Wissens (vgl. Greeno, 1997). Denn ein unvollständig wissenschaftliches Wissen muss alleine noch kein träges Wissen begründen. Daher werden auf der Ebene des Handlungswissens (prozedurales Wissen) Situiertheits-Erklärungen angeführt, die aus der konstruktivistischen Annahme hervorgehen, dass Wissen generell kontextgebunden ist (vgl. Reinmann-Rothmeier & Mandl, 2001; Wahl, 2004) und nicht losgelöst von der Situation vermittelt werden kann. Whitehead verwies schon 1929 auf diese
This is not an easy
doctrine to apply, but a very hard one. It contains within itself the problem of keeping knowledge alive, of preventing it from becoming inert, which is the central problem of Jene Grundthese gilt als zentrales Element der situiert orientierten Didaktik und begründet zugleich die Kritik an instruktionalisierten Lehr-Lernverfahren. Sie sehen träges Wissen nicht nur durch fehlende oder unvollständige Instruktion verursacht, sondern ebenso hervorgerufen durch eine fehlende Einbettung des
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 14
Wissens in die Situation (vgl. Gruber, Mandl und Renkl-Schwarzer, 1999; Reinmann-Rothmeier & Mandl, 2001; Stark & Krause, 2006).
Letztlich sind auch Probleme des Metawissens relevant für die Entstehung von trägem Wissen. Metaprozess-Erklärungen versuchen daher das träge Wissen als metakognitive und motivationale Defizite zu begründen. Denn bei der kritischen Prüfung, höheren Reflexion und Elaboration des neu zu erwerbenden Wissens spielen Kosten-Nutzen-Abwägungen des Lerners eine entscheidende Rolle und können zu motivationalen sowie volitionalen Defiziten und dysfunktionalen epistemologischen Überzeugungen führen (vgl. Renkl, 1994). Wenn zum Beispiel die Reproduktion des Wissens (wie sie häufig universitäre Prüfungen abverlangen) durch den Studierenden als ausreichend empfunden wird (What-you-test-is-what-you-get-Prinzip; Bell, Burkhardt & Swan, 1992), sollte keine tiefere Elaboration des neu zu erwerbenden Wissens vollzogen werden, da Kosten und Nutzen in geringer Relation zueinander stehen (Ökonomieprinzip des Lernens). Gleichwohl kann aber auch das Interesse des Lerners an wissenschaftlichen Theorien entscheidend für die Anwendung und Reflexion wissenschaftlichen Wissens sein. In Bezug auf die didaktische Gestaltung von Lernumgebungen kann träges Wissen daher als Konsequenz aus verschiedenen Punkten extrahiert werden (vgl. Reinmann-Rothmeier & Mandl, 1996), die sowohl auf den Ebenen des Sach-, Handlungs- und Metawissens sowie der Motivation von Bedeutung sind. So ist zum Beispiel anzunehmen, dass eine rezeptive Wissensvermittlung zum Lernumstand führt, dass die Lernenden passiv und die Lehrenden aktiv sind. Es fehlt an Eigenaktivität sowie Initiative der Lernenden und die Leistungsmotivation nach dem Selbsterfahrungsmodell wird erschwert (vgl. Göttert & Kuhl, 1980; Trope, 1986; Heckhausen, 1989; Wild & Schiefele, 1994; Gruber & Moschner, 2005). Wenn zusätzlich die Aufnahme und Wiedergabe von Wissen im Vordergrund steht, erfolgt die Vermittlung neuer Wissensinhalte als abgeschlossene Entität, eine höhere Reflexion, kritisches Prüfen und Elaboration des Wissens wird unterbunden (vgl. Stark, Hinkofer & Mandl, 2001; Glissmann & Ruhrmann, 2004). Sofern die Inhalte des neu erworbenen Wissens keinen Bezug zum Erfahrungskontext der Lernenden herstellen, verlieren sie an Handlungsrelevanz und der potentielle Nutzen des Gelernten wird in realen Situationen unklar. Folglich ist träges Wissen ein Resultat aus verschiedenen Unterrichtsfaktoren und kann damit nicht als Konsequenz einer
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 15
einzigen Dimension, wie es u.a. Kirschner, Sweller und Clark (2004) 7 in ihren Publikationen zugrunde legen, angeführt werden. Nach Reinmann-Rothmeier und Mandl (2001) ist Unterricht mit jenen Eigenschaften d Die Perspektive auf das
Unterrichtsgeschehen ist lehrerzentriert. Sie unterstützen ihre Annahmen durch Studien wie TIMS (1998) und PISA (2000), die Schwierigkeiten in der schulischen Wissensvermittlung offen gelegt haben, die durch traditionelle Forschungs- und Evaluationsansätze nur minimal überprüfbar waren. Erst durch internationale Querschnittvergleiche deskriptiver Natur, war eine Betrachtung von
schlechte Abschneiden deutscher Schüler in den Vergleichstests führte zu öffentlichen Diskussionen, die den Druck zur Analyse und Beseitigung von Lerndefiziten und Ursachen im Schulunterricht erhöhten (vgl. Baumert, et al., 1997). Schlussendlich war die zentrale Erkenntnis der zahlreichen Diskussionen, dass
heutigen Anforderungen nur gering Rechnung tragen kann und die Anwendung von erlernten wissenschaftlichem Wissen erschwert. Die Arbeit mit neu erworbenem wissenschaftlichem Wissen erfordert vom Individuum höhere kognitive Anstrengung und so führt eine fehlende Aktivierung des Lerners und mangelnde Aufbereitung des Wissens zur Präferenz von subjektiven Theorien und der Vernachlässigung des Erlernten. Insbesondere im Bereich der Bildungswissenschaften konnte diese Präferenz, unter der Annahme, dass Wissen aus der eigenen Sozialisation ausreichend für die Erziehung und Wissensvermittlung im schulischen Kontext ist, nachgewiesen werden (vgl. Gräsel, Prenzel & Mandl, 1993; Terhart, et al., 1994; Hof, et al., 2000), zumal doch die Position des Lehrers dem angehenden Lehramtsstudenten vielversprechend vertraut erscheint. Die jahrelange Interaktion, Beobachtungen und Erfahrungen im Umgang mit Lehrern und ihren Unterrichtsmethoden übertragen stereotype Erwartungen an das eigene Handeln und erscheinen dem Lehramtsstudenten als eigentliche Expertise/Professionalität des Lehrerhandelns. Ein Fehlkonzept, das nur selten reflektiert und bewusst elaboriert wird und die Fort- und Ausbildung von Lehrkräften erschwert.
7 Träges Wissen wird nach Kirschner, Sweller & Clark (2004) verursacht durch eine kognitive
Überlastung des Lerners. Diese Überlastung führt dazu, dass der Lerner nicht in der Lage ist, dass
neu erworbene Wissen in seinen bestehenden Wissenskontext einzubinden und es daher los gelöst
existiert, bzw. nicht aufgenommen und verarbeitet wird.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 16
1.2 Subjektive Theorien in der Lehrerausbildung und Handlung
Subjektive Theorien dienen der gleichen Intention wie wissenschaftliches Anwendungswissen, sie unterscheiden sich aber in ihren Gütekriterien: Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. Schütz, 1972; Groeben, 1988) sowie in ihrem allgemeinem Handlungsfeld (Subjekt versus Wissenschaft). Durch vielfältige Erfahrungen entwickeln sich Vorstellungen von Funktionen der Welt, die durch den Lerner konstruiert, gespeichert und verdichtet 8 werden (vgl. Schwarz-Govaers, 2001) sowie im Dialog-Konsens aktualisierbar und rekonstruierbar sind. Generell dienen sie dem Individuum als subjektiv-theoretische Wissensbestände zur Prognose und Analyse von Verhaltensweisen und ermöglichen ihm Handlungsmuster in seiner Umwelt zu interpretieren und intendieren (vgl. Schwarz-Govaers, 2001). Jene Wissensbestände sind auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad operationalisiert und können ebenso in deklarativen (Funktions-) sowie prozeduralen (Handlungswissen) Wissen differenziert werden (vgl. Dann, 1994). Über eine Metaebene des Wissens verfügen sie hingegen nicht. Subjektives deklaratives Funktionswissen wird zum Beispiel zur [nachträglichen] Erklärung von Verhaltensweisen, Ereignissen oder Zuständen sowie der Rechtfertigung und Entlastung des Individuums herangezogen (vgl. Dann, 1994). Subjektive Theorien in Form von Handlungswissen hingegen liegen dem Subjekt als
Gebrauchsanweisungen vor, die ihm helfen sollen den Alltag sinnvoll zu strukturieren und auf neue Situation und Gegebenheiten schnell zu reagieren (vgl. Schütz, 1972; Schütz & Luckmann, 1975). Diese Schnelligkeit, hervorgerufen durch situativen Handlungsdruck, basiert auf Konzepten die einen monokausalen Theoriecharakter besitzen und nicht für die Bewältigung komplexer Problemstellungen ausreichen. Sie sind für ein professionalisiertes Anwendungsverständnis unzureichend und bieten dem Handelnden nur eine geringe Erklärungskraft. Insbesondere die veränderten Arbeitsbedingungen von Lehrpersonen erfordern aber gerade eine wissenschaftlich fundierte Diagnosekompetenz sowie die Kompetenz im Umgang mit erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Theorien. Gerade in der Ausbildung und Erziehung von Schülern/Kindern kann die Anwendung subjektiver
8 Der Begriff Verdichtung bezieht sich auf die Klassifikation von ähnlichen Situationen, parallel dazu werden auch entsprechend ähnliche Handlungen zu Handlungsklassen zusammengefasst, die
der Mensch schematisch anwendet.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 17
Theorien daher gravierende Probleme verursachen. Zum Beispiel subjektive Theorien, die dem Lehrer Streitigkeiten zwischen Schülern suggerieren, könnten unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten längst als Bullying im Klassenzimmer diagnostiziert werden und dem Lehrer zu entsprechenden Interventions- und Präventionsmaßnahmen auffordern.
Erschwerend kommt hinzu, dass subjektive Theorien über eine innere Resistenzkraft verfügen, bei der neu erworbenes Wissen zumeist ungeprüft übernommen wird und Ankerpunkte für wissenschaftliche Theorien nicht bzw. nur gering vorhanden sind (vgl. Wahl, 2001). Diese komplexen Aggregate von prinzipiell aktualisierbaren Kognitionen können zum Teil unbewusst übernommen werden und stehen so in einem Argumentationszusammenhang der vernetzte Wissensstrukturen bildet (vgl. Koch-Priewe, 1986), die parallel zu wissenschaftlich fundiertem Wissen existieren Strukturparallelität (vgl. Groeben, et al., 1988). Wie bereits 9 angeführt, sind Lehramtsstudierende schon vor ihrem Studium der Erziehungswissenschaft mit Erfahrungen aus ihrem zukünftigen Arbeitsgebiet vertraut. Die Sozialisation durch Familie und Schule spielt folglich eine entscheidende Rolle, die dazu führt, dass deklaratives Wissen aus dem eigenen subjektiven Erfahrungskontext in die zukünftige Profession unreflektiert übertragen wird. Abbildung 3
Wissensquellen praktizierender Lehrer (Terhart et.al. 1994,196).
9 1.1 Träges Wissen in der Lehrerbildung
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 18
Durch dieses Vorhandensein von unreflektierten subjektiven Theorien über den erziehungswissenschaftlichen Bereich erschwert sich die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen, unabhängig von temporalen und situativen Faktoren (vgl. Terhart et. al. 1994; Terhart, 1996). Dadurch entsteht ein Problem der mangelnden Dissemination des Ausbildungswissens in der Praxis und es fehlt an der theoriegeleiteter Wahrnehmung von wissenschaftlichen Erkenntnissen (vgl. Neuweg, 2007). So dass das Anwendungswissen nicht aus wissenschaftlich fundierten Konzepten der theoretischen Ausbildung resultiert, sondern der Handelnde sein prozeduralisiertes Wissen durch den allgemeinen Erfahrungsaustausch mit anderen, bzw. durch subjektive Theorien gewinnt (vgl. Gräsel, Prenzel & Mandl, 1993; Stark, 2001).
Übrig bleibt ein rudimentäres Planungshandeln, das an Schlichtheit fast nicht mehr zu unterbieten ist. Um so planen zu können, hätte man keine Lehrerausbildung von durchschnittlich 5 Jahren durchlaufen müssen; das wäre auch in fünf Stunden erlernbar gewesen!" (Wahl, 2001)
Es bleibt unbestritten, dass wissenschaftliches Wissen stets mit subjektiven Theorien korreliert. Hof et al. (2000) konnten in empirischen Studien zu subjektiven Wissenstheorien von Kursleiter/innnen einen starken Zusammenhang zwischen subjektiver Wissenstheorie und der Konzeption von Unterricht nachweisen. Dies beruht auf der Konstruktion des Wissenserwerbsprozesses, der nicht losgelöst von den eigenen Erfahrungen des Subjektes erfolgen kann. Für ein professionalisiertes Verständnis von Wissen besteht aber die Notwendigkeit der Reflexion, Elaboration und kritischen Prüfung von eigenem und neu erworbenen Wissens, die Optimierung der Wissensbasis (vgl. Schütz, 1972). Daher müssen Lernumgebungen nicht nur deklaratives wissenschaftliches Wissen für den Lehramtsstudierenden bereitstellen, sondern sie müssen auch die Möglichkeit geben, über eigene subjektive Theorien zu reflektieren. Denn nur so bleibt das Handlungswissen nicht weiter unreflektiert, sondern wird durch den Lehramtsstudierenden elaboriert und kritisch geprüft. Es gewinnt an Wissenschaftlichkeit und erleichtert die theoriegeleitete Wahrnehmung (vgl. Neuweg, 2007). Dadurch kann der Student seine subjektiven Theorien durch prozedurales Wissen aus wissenschaftlich deklarativen Wissen ersetzen (Steigerung der Qualität von Wissen und der Qualität der Wissensbasis) und professionalisiert
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 19
sein zukünftiges Lehrerhandeln. Er wird befähigt zu diagnostizieren, ob es sich nun um Bullying handelt oder nicht.
1.3 Motivationsaspekte bei der Wissensaneignung
Die Arbeit mit subjektiven Theorien erfordert vom Individuum geringere zeitliche und kognitive Kapazitäten, als die Anwendung wissenschaftlich fundierten Wissens (Ökonomisches Prinzip). Motivationale und volitionale Aspekte korrespondieren dabei nicht nur mit der konkreten Anwendungssituation im (zukünftigen) Praxisfeld, sondern lassen sich vor allem im Erwerbsprozess des wissenschaftlichen Anwendungswissens wiederfinden. Folglich gelten auch die Volition und Motivation des Lerners als Prädiktoren für die Qualität der Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und beeinflussen somit maßgeblich die spätere Wissensanwendung. Motivationale Prädiktoren, wie die Leistungsmotivation, das Lernklima und die Beteiligung der Studierenden müssen bei didaktischen Ansätzen zur Gestaltung von Lernumgebungen ebenso eine Rolle spielen, wie Aspekte des Wissenstransfers und
Wissensanwendung. Darüber hinaus gelten auch das Interesse 10 und die Einstellungen der Studenten gegenüber dem Lehrstoff als relevante dispositionale Anknüpfungspunkte für die Anwendung wissenschaftlichen Wissens, da sie situationsunabhängige motivationale Einflüsse ausüben (vgl. Bohnsack, 2000). Ein geringes Interesse an Theorien und Wissenschaft kann nicht nur dazu führen, dass das wissenschaftliche Wissen im Erwerbsprozess ungenügend elaboriert, reflektiert und strukturiert wird, sondern unabhängig davon auch, dass das erworbene Wissen in der (zukünftigen) Lehranwendung nicht praktiziert wird. Daraus resultiert ein Rückgriff des Lehrers auf seine subjektiven Theorien. Die Nutzung des erworbenen wissenschaftlichen Wissens bleibt aus und verursacht die Entstehung trägen wissenschaftlichen Wissens bei sich und seinen Schülern.
10 So konnten Schiefele, Krapp & Schreyer (1993) in einer Metaanalyse über mehrere Schulformen,
Klassenstufen und Schulfächern eine mittlere Korrelation von r = .30 zwischen Interesse (als
Disposition) und Leistungen (Noten / Tests) ermitteln.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 20
Es besteht der Konsens, dass Interesse und Lernmotivation aussagekräftige Prädiktoren für die Qualität schulisches und akademisches Lernens und Lehrens sind (Krapp, 1992; Schiefele, Krapp & Schreyer, 1993; Pekrun & Schiefele, 1996; Krapp, 1998), daher werden in der vorliegenden Arbeit Variablen aus verschiedenen theoretischen Überlegungen der aktuellen Motivationsforschung berücksichtigt (Wild & Schiefele, 1994; Moschner & Gruber, 2005).
Lernmotivation wird im Allgemeinen als Wunsch oder Absicht verstanden, bestimmte Dinge zu lernen bzw. Aufgaben zu bewältigen (vgl. Rheinberg, 1996, Schiefele, 1996). Ob eine Intention als intrinsisch bzw. extrinsisch zu klassifizieren ist, soll dabei offen bleiben. Sinnvoller erscheint die Betrachtung der ganzheitlichen Leistungsmotivation (vgl. Rheinberg, 1996), da sie Aussagen über motivationale Konsequenzen für die didaktische Gestaltung von Lernumgebungen machen kann. Diese Auffassung konnte in den verschiedenen Theorien um leistungsmotivierten Verhalten nachgewiesen werden (vgl. Schneider & Schmalt, 2000) und findet im folgenden eine genauere Beachtung.
Ein Verhalten wird dann als leistungsmotiviert erachtet, wenn es auf die Bewertung der eigenen Leistung abzielt und den Vergleich mit einem Gütemaßstab ermöglicht (vgl. Rheinberg, 1996). Variablen der Leistungsmotivation lassen sich so als Erwartungs- und Wertaspekte operationalisieren (vgl. Stark, 1999, Heckhausen, 1989). [In der Literatur wird das Konstrukt der Leistungsmotivation mit unterschiedlichen Begriffen belegt (vgl. Dweck, 1986; Dweck & Legett, 1988; Schiefele, 1996; Schiefele & Köller, 1998).] Eine hohe Anstrengungsbereitschaft und positiver Lernerfolg (vgl. Heckhausen, 1989; Helmke, 1992) werden durch das
und ein positives Fähigkeitskonzept (vgl. Pekrun, 1983; Schneider-Schmalt, 2000) begünstigt. Sie stellen die Erwartungsaspekte der Leistungsmotivation dar. Die lernförderlichen Wertaspekte können hingegen als Aufgabenorientierung (vgl. Dweck & Elliot, 1988; Dweck, 1999) bzw. Bewältigungsorientierung (vgl. Rheinberg, 1996, Schneider & Schmalt, 2000) und als Interesse am Lerngegenstand (Krapp, 1992; Pekrun & Schiefele, 1996) verstanden werden und sollten gerade bei der Anwendung von Wissen den Lernzuwachs fördern. Diese Wertaspekte ermöglichen die kritische Auseinandersetzung und das Reflektieren der neu erlernten Inhalte und
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 21
wirken somit positiv auf Lernleistung und Lernqualität (vgl. Nollen, 1989; Schiefele, Krapp & Schreyer, 1993; Schiefele & Schreyer, 1994). Ungünstige Fähigkeitskonzepte und ein divergentes, ergebnisorientiertes
Auseinandersetzung mit den zu erwerbenden Lerninhalten (vgl. Renkl, 1994; Gräsel & Mandl, 1999; Stark, 2001). Sie können bei ungünstiger stabiler Attribution zur (Schneider & Schmalt, 2000). Lehramtsstudierende,
deren Leistungsmotiv als divergent und ergebnisorientiert zu interpretieren ist, tendieren daher zu Aufgaben mit Reproduktionscharakter und hoher Instruktion [aufgrund der hohen Erfolgswahrscheinlichkeit 11 ]. Sie weisen in dieser Dimension bessere Lernleistungen als in der Wissensanwendung vor. Die damit bedingte Option des sozialen Vergleiches durch die Reproduktion von Wissen Performanceorientierung -erhöht folglich die Lernqualität bei
Reproduktionsaufgaben für Studierende mit ungünstigen Fähigkeitskonzepten. (Schneider & Schmalt, 2000)
Häufig ist zu beobachten, dass Lehramtsstudierende nur ein geringes Interesse am Lerninhalt (deklarativem Wissen) aufweisen (vgl. Herzmann, Stark & Krause, 2008; Stark, Krause & Puhl, 2007). Dies scheint verständlich, da die Motivation zur Auswahl eines Seminars unterschiedlich positioniert ist (vgl. Abbildung 4). So können die Studierenden zwar einen gewissen Anteil von Veranstaltungen auf Grundlage ihrer eigenen Interessengebiete aussuchen, müssen aber auch an Pflichtveranstaltungen teilnehmen. Es ist anzunehmen, dass die freiwillige Auswahl von Vorlesungen und Seminaren stärker mit intrinsischer Motivation korrespondiert,
weil ein Interesse am Thema 12 besteht, während ein gewisser Anteil an Pflichtmodulen external motiviert besucht wird (vgl. Deci & Ryan, 1980). Zudem findet die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Theorien bei Lehramtsstudenten überwiegend nur divergent leistungsbezogen (vgl. Stark, 2001; Stark, et al. 2001) und external motiviert statt (vgl. Prenzel, et al., 2002), und hier
11 Nach dem theoretischen Konstrukt des Risiko-Wahl-
ebenso Aufgaben mit geringen Erfolgswahrscheinlichkeiten und hohem
Schwierigkeitsgrad bevorzugt wählen.
12 Auch pragmatische Überlegungen können eine Präferenz für bestimmte Veranstaltungen
hervorrufen, sollen hier aber keine weitere Beachtung finden, da pragmatische Überlegungen sowohl
mit internaler und externaler Motivation korrespondieren können.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 22
gekennzeichnet. Für die Anwendung
von Wissen ist dadurch die Tatsache entscheidend, dass Studierend
verfügen, gegenüber neuem Wissen ängstlich eingestellt sind. Man geht von einem geringen Erwartungsaspekt der Leistungsmotivation aus. Die Auseinandersetzung mit dem neuen Wissen erfolgt nicht so intensiv und es ist anzunehmen, dass eine zusätzlich geringe Akzeptanz der Lernumgebung die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichem Wissen (die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen) erschwert. Der Wertaspekt des neu zu erlernenden Wissens wird nicht mehr im Wissen selbst operationalisiert, sondern in der Nutzung des Wissens zur eigenen Profilierung in Bezug zu anderen Lernern - Performanceorientierung. Ziel muss es daher sein, Lernumgebungen motivational so zu gestalten, dass Studierende
verfügen um neuem Wissen gegenüber optimistisch eingestellt zu sein -Lernorientierung. Dies wird als Erwartungsaspekt der Leistungsmotivation definiert. In dessen Zentrum steht das neu zu erwerbende Wissen selbst, denn so ist der Lerner in der Lage das neu erworbene Wissen kritisch zu prüfen, zu elaborieren und zu reflektieren. In der Fachliteratur (vgl. Schneider & Schmalt, 2000) gilt dies als lernförderlicher Wertaspekt, der mit dem subjektiven Lernerfolg, der Akzeptanz der Lernumgebung sowie dem Lernklima interagiert und so Probleme bei der Wissensanwendung minimiert.
Die Leistungsmotivation der Studierenden ist aber nur ein Teilaspekt des erfolgreichen Lernens, auch die Effekte der Lernumgebung selbst haben einen Einfluss auf den Lernvorgang (vgl. Stark, 2001). So verweist Bloom (1976) auf eine reziproke Beziehung zwischen Motivation und Kognition. Wenn folglich eine instruktionale Maßnahme längerfristig ungünstige Motivationsaspekte zeigt, dann führt dies zu Problemen beim Wissenserwerb. Kirscher, Sweller und Clark (2006) ziehen diese Annahme in ihrem Cognitive Overload mit ein, welcher durch fehlende bzw. minimale Instruktion geringen bis keinen Lernerfolg hervorruft. Die Lernfreude der Lerner kann daher einen aussagekräftigen Indikator für die kognitive Belastung in Lernumgebungen darstellen (vgl. Stark, 2001; Stark, Puhl & Krause, 2007) und ebenso zur Erklärung von Problemen bei der Wissensanwendung beitragen.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 23
Abbildung 4
Korrelation zwischen den Varianten motivierten Lernen und ihren Bedingungen in der
Darüber hinaus können das Lernklima, die Beteiligung der Studierenden am Unterricht und die von ihnen aufgebrachte Anstrengung ebenso als relevante motivationale Variablen von Instruktionsansätzen verstanden werden. Denn eine hohe Beteiligung der Studierenden am Unterricht (vgl. Rindermann, 2004) und ein hoher subjektiver Lernerfolg (vgl. Schmidt, Fuhrmann & Juch, 2005) sind aussagekräftige Prädiktoren für die Akzeptanz der Lernumgebung (vgl. Wild, Schiefele & Wintele, 1994), die Aktivierung der Lerner im Unterricht sowie ihr Interesse am Lernstoff (vgl. Stark, 2001). Abschließend kann so die Konklusion entwickelt werden, dass die
ördernde Ausprägungsgrad von
Lernumgebungen einer hohen Leistungsbereitschaft förderlich sein sollten und so zur Optimierung von Lern- und Instruktionsansätzen, bei der Vermittlung wissenschaftlichen anwendbaren Wissens, beitragen kann (vgl. Pintrich, Marx und Boyle, 1993).
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 24
1.4 Unterrichtsmodelle
Primäres Ziel von Unterrichtsmodellen in der universitären Lehre ist die Vermittlung von anwendbarem wissenschaftlichem Wissen. Dies impliziert sowohl deklaratives wissenschaftliches Wissen (konzeptuelles Wissen), wie auch prozedurales und Metawissen. Dabei kommen in der aktuellen wissenschaftlichen Lektüre verschiedene Metaanalysen, Studien und empirische Befunde (vgl. Anderson, Reeder & Simon, 1996; Greeno, 1997; Kirschner, Sweller & Clark, 2006; Loyens, Gog & Paas, 2007) zu divergenten Erkenntnissen, welcher Instruktionsansatz optimal für die Vermittlung anwendbaren wissenschaftlichen Wissens geeignet ist. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen den Lehrstrategien
des situierten Lernens 13 (Dochy, et al., 2003; Hmelo 1998; Hmelo & Lin, 2000) und der direkten Instruktion (Kirschner, et al., 2006; Swelller, 1988, Anderson, et al., 1996). Wobei, entsprechend den Präferenzen, die Effektivität situiert orientierter Lernumgebungen (Hmelo-Silver, Duncan & Chinn, 2007; Schmidt, Loyens, Van Gog & Paas, 2007), wie auch die der instruktional orientierten Lernumgebungen (Kirschner, Sweller & Clark, 2006) repliziert werden konnten. Bei situiert orientierten Lernumgebungen konnte insbesondere die Förderung anwendbaren und flexiblen Wissens elaboriert werden, die zur Etablierung dieser Ansätze im schulischen Kontext führte. Forschungen zu instruktional orientierten Ansätzen konnten durch direkte Instruktionen und einer hohen Bereitstellung von aufbereiteten Wissen positive Effekte für die Vermittlung deklarativen (konzeptuellen) Wissen darstellen (vgl. Dochy, et al., 2003; Kirschner, Sweller & Clark, 2006). Diese Effekte ließen sich vor allem, bei geringem Vorwissen der Lerner und einer hohen Komplexität des Wissens reproduzieren. Weiterhin ist aber auch anzunehmen, dass sich diese Effekte bei der Vermittlung von Wissen mit geringer Komplexität und bei ungünstigen motivationalen und kognitiven Voraussetzungen der Lerner zeigen dürften (vgl. Köller, 1998; 2008). Die methodische Orientierung einer Lernumgebung und deren Erfolgskontrolle (Reproduktions- vs. Anwendungsaufgaben; soziale vs. individuelle Bezugsnorm) sollte folglich mit den intrinsischen Voraussetzungen der
13 Situiertes Lernen beinhaltet in dieser Arbeit spezifische didaktische Gestaltungen, wie das Problem-
based-Learning, Kooperatives Lernen und Partnerarbeit. Ein zentrales Merkmal dieser
Unterrichtsmethoden ist die Selbstbestimmung, Kompetenz- und Wirksamkeitserfahrung sowie soziale
Eingebundenheit der Lerner in den Wissensprozess durch die aktive Auseinandersetzung und
Konstruktion des Wissens.
Arbeit zitieren:
Jan Fendler, 2009, Effekte integrierter Lernumgebungen in der Lehrerforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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