Inhaltsverzeichnis Seite
Vorwort 1
Einleitung 1
1. Biographische Angaben zu Arthur Schnitzler 2
1.1 Arthur Schnitzler und Sigmund Freud 4
1.2 Vorbilder und Einflüsse der Novelle 5
2. Inhaltsangabe „Fräulein Else“ 6
3. Formale Analyse 7
3.1 Die Erzähltechnik Innerer Monolog 7
3.2 Der Aufbau der Novelle 8
3.3 Die Motive 9
4. Inhaltsanalyse 10
4.1 Soziale Determinanten des Suizids der Protagonistin 10
4.1.1 Familiäre Situation 12
4.1.2 Soziale Bedingungen ihres weiteren Umfeldes 16
4.1.2.1 Die sexuelle Nötigung Herrn von Dorsdays 16
4.1.1.1 Die distanzierte Beziehung Elses zu ihrem Cousin Paul
18
4.1.1.2 Cissy Mohr als auslösender Moment des Suizids 19
4.2 Innerpsychische Determinanten des Suizids 21
4.2.1 Elses Liebeskonzept 22
4.2.2 Inadäquate Strategien der Konfliktbewältigung 25
4.3 Die öffentliche Inszenierung ihrer Exhibition 27
4.4 Das prämenstruellle Syndrom als Einflussfaktor 27
auf die Stimmungslage
5. Zusammenfassende Begründung des Suizids 28
6. Die Wahrscheinlichkeit des letalen Ausgangs 29
7. Schlussbetrachtung 31
Literaturverzeichnis
2
Vorwort
Im Rahmen des Seminars 7354 „Geschlechterkonstellationen und Liebeskonzepte in ausgewählten Texten des 19. und 20. Jahrhunderts“ im Wintersemester 02/03 habe ich mich vertieft mit dem Suizid in der Inneren-Monolog-Novelle „Fräulein Else“ (1924) von Arthur Schnitzler beschäftigt.
Einleitung
Einleiten möchte ich mit Franz Kafkas „Kleine Fabel„ (1920):
„Ach“, sagte die kleine Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese lange Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du musst nur die Laufrichtung ändern.“ sagte die Katze und fraß sie. 1
Unausweichlich ist der Weg des Scheiterns der „kleinen Maus“ in Kafkas Fabel, und so unausweichlich gestaltet auch Arthur Schnitzler das Scheitern der 2 ist in der Novelle „Fräulein Else“ der Fräulein Else. Die „persönliche Katastrophe“
Suizid der Protagonistin, die antizipiert, „Geheimnisvoller Selbstmord einer jungen 3 Dame der Wiener Gesellschaft“. 4 auf Schnitzler hat 1924 als „Kenner des menschlichen Seelenlebens“ psychologisch-literarische Weise den Selbstmord Elses als logische Konsequenz äußerer Bedingungen als auch ihrem inneren Gefühlsleben dargestellt. Dabei sind die psychopathologischen Aspekte Elses Verhaltens als Symptom eines gesellschaftlichen Auslösers anzusehen. In der vorliegenden Hausarbeit sollen nun diese Determinanten des Suizids, sowohl die sozialen als auch die psychisch-individuellen, herausgearbeitet werden.
Zunächst werde ich anhand Schnitzlers Biographie der Frage nachgehen, woher dieser ein solch psychologisch fundiertes Wissen hatte und welchen Einfluss sein Zeitgenosse Sigmund Freud auf sein literarisches Schaffen nahm. Schnitzler erreicht beim Rezipienten ein hohes Maß an Empathie mit der Protagonistin, die Frage danach, wie er das technisch umsetzt, werde ich in der formalen Analyse des Inneren Monologes sowie im Aufbau der Novelle betrachten. _____________________________________________________________
1 Franz Kafka in „Texte, Themen und Strukturen„, Seite 18 2 Scheible, Hartmut, „Arthur Schnitzler und die Aufklärung„, Seite 70 3 Schnitzler, Arthur „Fräulein Else„, Seite 447 4 Reh, Albert, „Literatur und Psychologie„, Seite 21
3
Zur Begründung des Suizids werde ich dann Elses gesellschaftliche Bedingungen, hier vor allem ihre Beziehung zum Vater, aber auch der Mutter, Cissy und Paul untersuchen. Schließlich stellt die Forderung Herrn von Dorsdays Else vor einen nicht lösbaren Konflikt. Warum sie an diesem Konflikt scheitert, werde ich anhand ihrer psychischen Determinanten, ihren inadäquaten Lösungsstrategien und ihrem problematischen Liebeskonzept herausstellen. Zuletzt interessiert mich die Frage, ob die Protagonistin literarisch tatsächlich stirbt. Wie wahrscheinlich ist das letale Ende Elses, bedenkt sie doch selbst, 1 „vielleicht habe ich nicht einmal genug Veronal.“?
1. Biographische Angaben zu Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 als Sohn von Johann Schnitzler und Louise, geb. Markbreiter, in Wien geboren. Der Vater war ein anerkannter Professor der Medizin und Schnitzler wuchs in jüdisch-liberalen, wohlhabenden Verhältnissen auf. Er besuchte 1871 das akademische Gymnasium in Wien und begann bereits früh zu schreiben, so notierte er im Mai 1880 „Somit hab ich bis 2 . Im Jahr auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen“ 1879 begann er auf Wunsch seiner Familie mit dem Medizinstudium, auch wenn er feststellte,
Oh ich fühls - ich bin kein Mensch, der zum Studium taugt. Wenn ich nur so sehr Künstler wäre, als ich Künstlernatur bin. Aber in ein paar Jahren werde ich vielleicht auf dem Punkt stehen, wo ich einsehe, daß ich nicht zu diesem und nicht zu jenem tauge - und meine Zukunft wird sein: ein mittelmäßiger Arzt zu werden! 3
Sein Gemütszustand in den ersten Jahren seines Studiums ist mit „Weltschmerz“ 4 Aber zu beschreiben, frustriert bemerkt Schnitzler „Ich bin mir selbst zuwider“. „Immerhin bringt die militärische Dienstzeit (1882 bis 1883) eine Ablenkung von 5 und bedingt eine der zwanghaften Reflexion der eigenen Perspektivlosigkeit.“ Wendung nach außen, die sich zunächst in einer langen Reihe von mehr oder weniger flüchtigen Liebschaften niederschlug, deren unpersönlicher Charakter Schnitzler später nicht zu unrecht hervorhob. 6
Sein Verhältnis zur Medizin blieb distanziert, allerdings bildete er ein verstärktes Interesse für Nerven - und Geisteskrankheiten aus und promovierte schließlich 1885 zum Dr. med. . Anschließend wurde er Sekundararzt im Allgemeinen
1 Schnitzler, Arthur „Fräulein Else“, Seite 447
2, 3 Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 19 4 Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 21 5 Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 22
6 Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 25
4
1 Ab 1887 arbeitete er ohne Enthusiasmus in der Redaktion der von Krankenhaus.
seinem Vater gegründeten „Internationalen Klinischen Rundschau“ mit. Von 1888 bis 1893 war er Assistent seines Vaters in der Allgemeinen Poliklinik in Wien, nach dessen Tod eröffnete er eine „Privatpraxis, die er jedoch mit zunehmendem 2 Erfolg als Dichter vernachlässigte.“
Zu Beginn der 90er Jahre bildeten Schnitzler, Paul Goldmann, Hugo von Hoffmansthal, Felix Salten, R ichard Beer-Hofmann und Hermann Bahr den 3 Literatenkreis „Jung Wien“, der sich im „Café Griensteidl“ zusammenfand. „Liebelei“ brachte Schnitzler 1895 den endgültigen künstlerischen Durchbruch. Doch „Der gesamten Realität seiner Zeit wird Schnitzler erstmals in den zehn 4 Seine analysierende Darstellung unverbindlich Szenen des Reigen habhaft.“
ablaufender sexueller Handlungen, rief moralische Entrüstung hervor, die Aufführungen in Wien und Berlin wurden gestört. Darüber hinaus hatte „Leutnant Gustl“ 1901, zur Folge, dass Schnitzler seine Offizierscharge verlor. Schnitzler war in seiner Gesellschaft ein einsamer Mensch, was von den Autoren der „Moderne“ durchaus auch als „Voraussetzung, die eigene ‚Sensitivität’, die ‚Nervenszustände’ “ zu fühlen, gesehen wurde. Schnitzler meinte melancholisch: Unrettbar wird man sich fremd. Und dieses über alle Maßen schreckliches Gefühl kommtdaß zwei Leute sich immer, immer fremd bleiben müssen, daß man nie ganz ineinander hineinsehen kann, daß man sich eigentlich nie wirklich versteht. - In der Empfindung dieser Lebenseinsamkeit sich begegnen - das ist eigentlich die letzte Hoffnung. 5
Erst als sich Schnitzler in die junge Schauspielerin und Sängerin Olga Gussmann (1882 - 1970) verliebte, begannen „die Widerstände gegen die Ehe 6 . Am 9. August 1902 kam Sohn Heinrich zur Welt, ein Jahr später nachzulassen“
heiratete Schnitzler dessen Mutter Olga. Seine Tochter Lili wurde am 13. September 1909 geboren. Sie nahm vor allem auch nach der Scheidung von seiner Frau Olga im Jahre 1921 eine besondere Rolle in seinem Leben ein und ihr Selbstmord 1928 erschütterte ihn zutiefst. Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Gegenwart in 7 seiner Heimatstadt.
1 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 26
2 Worbs, Michael „Nervenkunst„, Seite 196 3 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 40 4 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 65
5 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 76 6 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 77 7 Scheible, Hartmut „Schnitzler„, vgl. Seiten 78 ff
5
1.1 Arthur Schnitzler und Sigmund Freud 1 gesteht „Ich danke Ihren Schriften so mannigfache starke und tiefe Anregungen“ Schnitzler in seinem Glückwunschschreiben am 6. Mai 1906 zu Freuds 50. Geburtstag und belegt so den Einfluss der Psychologie auf seine Literatur. In seiner Antwort vom 8. Mai 1906 betont Freud die „weitreichenden Übereinstimmung(...), die zwischen Ihren und meinen Auffassungen mancher 2 . 16 Jahre später erklärt Freud psychologischer und erotischer Probleme besteht.“
in seinem Gratulationsschreiben zu Schnitzlers 60. Geburtstag diesen als seinen „Doppelgänger“ und nennt die „feine Selbstwahrnehmung“ Schnitzlers als 3 . Ausgangspunkt seiner „Analyse der Wirklichkeit“
Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu. Nicht etwa, daß ich sonst so leicht geneigt wäre, mich mit einem andern zu identifizieren oder daß ich mich über die Differenz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnen trennt, sondern ich habe immer wieder, wenn ich mich in Ihre Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren. Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis - was die Leute Pessimismus heißen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. (...) So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung - alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an andern Menschen aufgedeckt habe. Ja ich glaube, im Grunde Ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich und unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war, und wenn Sie das nicht wären, hätten Ihre künstlerischen Fähigkeiten, Ihre Sprachkunst und Gestaltungskraft, freies Spiel gehabt, und Sie zu einem Dichter weit mehr nach dem Wunsch der Menge gemacht. 4
Schnitzler stimmt mit Freud darüber ein, „daß die Forschungen der Tiefenpsychologie für den Schriftsteller ein unermessliches Ideenreservoir sein 5 Neben der „Differenz der Begabung“ sieht Schnitzler aber auch können.“
Differenzen der psychologischen Theorien beider Männer. „Er kennt und schätzt die Werke Freuds, steht aber der psychoanalytischen Methode mit einer gewissen Reserviertheit gegenüber, da er für sie zu dogmatisch und einseitig 6 Skeptisch ist Schnitzler vor allem gegen die „Überdeterminierung einer hält.“
7 und der Sexualität als Grundlage aller neurotischen Bildung des Unbewussten“ 8 . Störungen. Weiterhin wandte er sich gegen eine „Willkür der Traumsymbolik“ Letztendlich „witterte Schnitzler hinter Freuds Verallgemeinerung das verzweifelte 9 Scheitern an der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.“
1 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 235
2 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 237 3 Scheible, Hartmut „Schnitzler und die Aufklärung“, Seite 71
4 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 233, 234 5, 6 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 300 7 , 8, 9 Worbs, Michael „Nervenkunst“, Seite 253
6
1.2 Vorbilder und Einflüsse der Novelle
Ein Teil der Kernhandlung entspricht stellenweise sogar wörtlich einer Episode Schnitzlers Leben, als seine Großtante Dora für ihren Schwager eintreten musste.
Dora Kohnberger, die sich während dieses Sommers (1887) in Ischl aufhielt, begleitete ich auf einem peinlichen Gang ins Hotel Bauer, wo wir bei einem guten Freunde für meinen Onkel Edmund Markbreiter, Doras Schwager, der wieder einmal vor dem Ruin, wenn nicht vor dem Kriminal stand, als Bittsteller vorsprachen. Es handelte sich um ein paar tausend Gulden, die durch eine Sammlung aufgebracht werden sollten, an der sich hauptsächlich Verwandte beteiligten, soweit sie nicht schon müde geworden waren, dem unverbesserlichen Verschwender und Börsenspieler, der zugleich ein so großer Advokat war, aber persönlich allen Kredit verloren hatte, beizustehen. Herr Cz., ein reicher Kunsthändler, Junggeselle, Freund der Familie und - ohne Erfolg natürlich - ein Kurmacher der Frau Dora, entschloß sich nach einer längeren Unterredung (...) zu einer Spende. 1 (Hervorhebungen von mir, C.M.)
Namensgeberin der Protagonistin war wahrscheinlich die Tochter dieses Onkels, 2 seine frühverstorbene Cousine, die Else geheißen hat.
Schnitzler schildert eine ähnliche familiäre Distanz wie er sie der Protagonistin zuschreibt. Er hat ebenso wie er es in der Novelle gestaltet eine schwache, sich völlig mit dem Ehemann identifizierende Mutter, der er bezeichnender Weise in seiner Biographie nicht mehr als eine Erwähnung widmet.
Bei aller Zärtlichkeit , deren wir uns von den Eltern zu erfreuen hatten, bei aller Sorgfalt die auf unseren Unterricht - mehr auf diesen als auf unsere Erziehung im weiteren Sinneverwendet wurde, war mein Vater nach Anlage, Beruf und Streben (...) doch so sehr von sich selbst erfüllt, ja auf sich angewiesen, und die Mutter in all ihrer hausfraulichen Tüchtigkeit und Übergeschäftigkeit hatte sich seiner Art und seinen Interessen so völlig und bis zur Selbstentäußerung angepasst, daß sie beide an der inneren Entwicklung ihrer Kinder viel weniger Anteil zu nehmen vermochten und dieser Entwicklung vor allem viel weniger echtes und befruchtendes Verständnis entgegengebracht, als sie sich jemals einzugestehen 3
auch nur fähig gewesen wären.
Die fiktive Fräulein Else weist einige identische Charakterzüge mit seiner Tochter 4 zeigt und sich als „begnadet Lili auf, die bereits in der Kindheit „Extravaganzen“ 5 empfindet. Sie spielt bereits früh mit (...) vor vielen, und ‚jung, jung, jung’“ 6 . Anhand ihres Selbstmordgedanken, „die aber heftig abgelehnt werden“ Tagebuches von 1928 muss Schnitzler das „pathologische ihres Wesens, das erotisch besessene“ und zugleich naive bei einem „klaren, klugen“ Verstand 7 Das Tagebuch offenbart „eine zügellose erotische Phantasie“ 8 und erkennen.
Schnitzler hat auch in bezug auf seine Tochter zuweilen von Hebephrenie gesprochen, doch hat er die Dinge nie dramatisiert und hat stets versucht -und auch daran geglaubt- Lillis psychische Labilität heilen zu können. 9
1, 2 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 271 3 Scheible, Hartmut, „Schnitzler“, Seite 13 4, 5, 6 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 304 7, 8, 9 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 305
7
Arbeit zitieren:
Claudia Sellhoff, 2003, Eine Untersuchung der Determinanten des Suizids in der Inneren-Monolog-Novelle 'Fräulein Else', 1924 von Arthur Schnitzler, München, GRIN Verlag GmbH
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