Seite Inhaltsverzeichnis:
1. Der 11. September 2001 und Literatur 1
2. Literatur des 11. September 2
2.1 „Extremely loud & incredibly close“ von Jonathan Safran Foer 2
2.2 „www.else-buschheuer.de - Das New York Tagebuch”
3. Die Referenz auf »9/11« 4
4. Thesen des Neohistorismus 7
5. Neohistoristische Ansätze in Foers Roman 11
5.1 Kontextbildende Materialien 11
5.2 Der Diskursfaden
5.3 Die kulturelle Energie 16
6. Fazit 18
Quellen 20
1. Der 11. September 2001 und Literatur
Die Anschläge des 11. September 2001 sind wahre, d.h. reale Ereignisse unserer Zeitgeschichte. Jean Baudrillard bezeichnete »9/11« sogar als „die Mutter aller Ereignisse“ 1 . Etwa sechs Jahre danach wird in den Medien noch heftig über die allgemein gewachsene Bedrohung und die religiösen Motivationen der Attentäter diskutiert. »9/11« hat sich auf viele Bereiche des Alltags ausgewirkt – es sind mittlerweile Kino- und Dokumentarfilme entstanden, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.
Zudem sind auf der einen Seite unzählige Sachbücher erschienen, in denen sich Historiker und Sachkundige mit der Bedeutung dieses Tags für die Geschichte auseinandersetzen – auf der anderen Seite aber entstanden auch Romane, die auf das Thema direkt oder indirekt verweisen. Es handelt sich vor allem um Romane, so Stefan Mesch 2 , die substantiell sehr unterschiedliche Grundlagen haben, die Autoren artikulieren sich mit betretenem Schweigen und hilflosem Stammeln, politisch-polemisch und über den Rückzug ins Private, aber auch mit emotionalen Ausbrüchen und zynischen Kommentaren 3 . Die „literarischen Aufräumarbeiten“ seien nun zwar abgeschlossen, es stelle sich aber jetzt, da einige Jahre ins Land gegangen seien, die Frage, was übrig bleibt für die Klassiker-Ecke.
Je stärker sich Schriftsteller dem Zeitgeist anbiedern, desto schneller setzen ihre Bü-
cher Staub an. (Stefan Mesch)
Ist dem wirklich so? Oder haben wir es nicht mit einer wichtigen Reziprozität von Geschichtlichkeit-Texte und Textualität-Geschichte zu tun? Autoren wie David Wyatt („And the war came“), Frédéric Beigbeder („Windows on the world“) oder Jonathan Safran Foer haben sich dem Thema mit einiger Distanz literarisch genähert. Weniger distanziert, weil viel näher am Geschehen produzierten sich etwa Kathrin Röggla („really ground zero“), Richard Picciotto („Unter Einsatz meines Lebens“) oder Else Buschheuer.
Folgend soll es um die Literaturtheorie New Hitoricism gehen, um die Frage, ob sich bei einer Gegenüberstellung eines literarischen Textes und außerliterarischen Texten oder Dokumenten eine neue Verortung des Kunstwerkes einstellt. Worum handelt es sich bei dieser Literatur-theorie und was ist ihr Ziel? Lässt sie sich auf einen Roman wie den von Foer anwenden? Wie wird der 11. September in den verschiedenen Texten verarbeitet?
1 Baudrillard, Jean: Der Geist des Terrorismus hgg. von Peter Engelmann, Wien 2002.
2 Stefan Mesch ist Literaturkritiker und Mitherausgeber der Zeitschrift „Bella triste“.
3 Vgl. „Kulturschock 9/11“ in http://www.lit04.de/archiv/lit051/thema_0501.html Zugriff: 19.07.2007
2. Literatur des 11. September
Die Verarbeitung des faktualen Ereignisses »9/11« wird anhand des Werkes „Extremely loud & incredibly close“ von Jonathan Safran Foer betrachtet werden. Bezüglich des Grades der Distanziertheit zu den Anschlägen soll zusätzlich „www.else-buschheuer.de - Das New York Tagebuch“ herangezogen werden.
2.1 „Extremely loud & incredibly close“ von Jonathan Safran Foer Der Autor:
Jonathan Safran Foer wurde 1977 in Washington, D.C. geboren, sein Interesse am Schreiben wurde durch Joyce Carol Oates geweckt, bei der er einen Kurs besuchte. 2001 gab er die Anthologie „Convergence of Birds“ heraus, eine Sammlung von Texten zum Maler Joseph Cornell. 2002 erschien sein Debütroman „Everything is Illuminated“, der von einer Reise in die Ukraine inspiriert war, auf der Foer über das Leben seines Großvaters recherchierte. 2004 war er Mitherausgeber des „Future Dictionary of America“. 4 Jonathan Safran Foer lebt derzeit in Berlin.
Das Werk:
Der Roman „Extremely loud & incredibly close“ wurde 2005 veröffentlicht. Es geht um das neunjährige Einzelkind Oskar Schell, dessen Vater ein Juweliergeschäft führt und am 11. September 2001 eine Besprechung im World Trade Center hat und infolge der Anschläge ums Leben kommt. Der Sohn bleibt zurück und geht auf eine fantasievolle Reise während der Suche nach der Lösung eines vermeintlichen Rätsels seines Vaters. Parallel erzählt Foer auch die Geschichte des Großvaters, der die Bombardierung Dresdens überlebte.
4 Vgl. http://www.arslonga.de/lit/authors/f/foer.html Zugriff: 19.07.07
2.2 „www.else-buschheuer.de - Das New York Tagebuch“ von Else Buschheuer Die Autorin:
Else Buschheuer wurde 1967 in Eilenburg bei Leipzig geboren. 2001 ging sie für ein geplantes 3-monatiges Praktikum nach New York und wurde unfreiwillig Zeuge der Anschläge auf das World-Trade-Center. Sie veröffentlichte Auszüge aus ihrem 2000 eröffneten Internettagebuch in Buchform, inzwischen sind fünf Tagebücher erschienen. Else Buschheuer lebt in Leipzig.
Das Werk:
„www.else-buschheuer.de - Das New York Tagesbuch“ ist eine Sammlung von anfangs amüsanten Aufzeichnungen aus dem Leben einer Frau, die ihre ersten Schritte in Manhattan, einer für sie fremden Umgebung macht. Der Schwerpunkt verlagert sich im Verlaufe des Werkes durch den 11. September 2001 und die unmittelbare Nähe der Autorin zum Unglücksort. Die Aufzeichnungen der unter großem psychischen Druck stehenden Autorin gewinnen dadurch an hohem dokumentarischen Wert.
3. Die Referenz auf »9/11«
Ich möchte nur mal schnell anmerken, dass ich durch eines der Flugzeuge, die ins
World Trade Center reingeknallt sind (das zweite), wach geworden bin. Das zweite Flugzeug war größer, der Knall war lauter. (Buschheuer, S. 128)
Internettagebücher haben erst seit kurzem Konjunktur, Else Buschheuer war eine der ersten Deutschen, die ein solches eröffnete. Dieses neue Forum entspricht nicht in jeder Hinsicht dem traditionellen „Tagebuch“; es handelt sich dabei auch um regelmäßige chronologische Aufzeichnungen eines Autors aus seinem persönlichen Umfeld und gegenwärtigen Schaffen als auch generell zum Zeitgeschehen 5 , das unterscheidende Moment aber ist die temporale Distanz, nicht die zwischen Ereignis und Schreiben, sondern die Zeitspanne zwischen Schreiben und Veröffentlichen, die durch das Internet und die Möglichkeit der sofortigen Öffentlichmachung viel kürzer ist, als es zum Beispiel bei Frischs Tagebuch 1946-49 der Fall ist, dem durch die verzögerte Veröffentlichung noch der Reiz der Spontaneität fehlte. Buschheuer schrieb und posthum konnten ihre Leser teilhaben an ihrer momentanen psychischen Verfassung. Dieses Tagebuch ist nicht fingiert, sondern authentisch und war zu Beginn nicht als Zeitdokument für die Anschläge auf das World Trade Center gedacht.
Jonathan Safran Foer hat eine ganz andere literarische Form gewählt; den Roman, in dem von einem kleinen nicht realen Jungen erzählt wird. Der gemeine Roman als Plattform der Fiktion verschließt sich eigentlich einem solchen Wirklichkeitsbezug wie er sich in einem authentischen Tagebuch wie dem Buschheuers findet. Denn der Begriff der Fiktion gibt gewisse Schranken vor; die dargestellte Welt soll per definition nicht eine wirklich vorhandene sein, sondern sie soll so verstanden werden, als ob sie real wäre. 6 Diese Welt ist also imaginär, erdichtet. Bei „Extremely loud & incredibly close“ ist es auch an dem, bis zu dem Punkt der Thematisierung des 11. September 2001.
It was on a TV there that I saw that the first building had fallen. (Foer, S. 68)
When the second plane hit, the woman who was giving the news started to scream.
A Ball of fire rolled out of the building and up. (Foer, S. 225)
Der 11. September 2001 und die Bombardierung Dresdens sind nicht die einzigen Thematisierungen realer Begebenheiten. Der Protagonist hält ein Referat über Hiroshima:
5 Vgl. Zirbs, Wieland (Hrsg.): Literatur Lexikon – Daten, Fakten und Zusammenhänge, Berlin 1998, S. 359.
6 Ebd., S. 97.
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2007, "Extrem laut und unglaublich nah" , München, GRIN Verlag GmbH
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