Gottfried Benn, ein „Intellektualist“ im Bann des
Nationalsozialismus 4
1 Einleitung 4
2 Der Text „Der neue Staat und die Intellektuellen“ 5
2.1 Der neue Staat. 6
2.1.1 Vom Irrationalismus zum Mythos. 7
2.1.2 Die Legitimation durch die Geschichte 9
2.1.3 Das Formproblem und die Macht. 12
2.2 und die Intellektuellen 14
2.2.1 Internationalismus und der Kampf der Dichter. 15
2.2.2 Die Geistesfreiheit und die Position der Staatsmacht 18
2.2.3 Benns Antikapitalismus als Liberalismuskritik 20
3 Genealogie des „Intellektualisten“ 22
3.1 Der Gedanke und der, der sich ihm beugt 23
3.2 Das gezüchtete Gehirn, das militante Genie 25
3.3 Der Intellektualist, Krieger der Begriffe. 26
4 Fazit. 27
Literaturverzeichnis 30
3
Gottfried Benn, ein „Intellektualist“ im Bann des
Nationalsozialismus
1 Einleitung
In der Literaturgeschichte sind Arbeiten über Benn ohne eine separate Bezugnahme auf sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus nicht vorstellbar. Es wird dort versucht zu erklären, zu ergründen, zu verteidigen, zu verurteilen und zu rehabilitieren. Es gibt viele Ansätze, die begreiflich machen sollen, wie ein gefeierter Dichter und Essayist, ein so sensibler und intelligenter Mann auf die plumpe Rhetorik der Nazis hat hereinfallen können. Auch seine intellektuellen Zeitgenossen, allen voran Klaus Mann, beschäftigt diese Frage. Doch seinerzeit, 1933, müssen sie ihn aufgeben. Er steht auf der anderen Seite und scheint für immer verloren.
Allgemein wird viel diskutiert zu jener Zeit. Nach dem ersten Weltkrieg sind alle Optionen offen. Alle Menschheitsutopien und Staatsformen erscheinen möglich und warten auf ihre Chance zur Verwirklichung. Auch nach dem Ausruf der Republik kämpft man weiter für den Sozialismus, den Kommunismus, die Anarchie oder sehnt sich zurück nach der Monarchie. Es gilt Rahmen abzustecken, Aufgaben zu definieren, Begriffe mit Bedeutung zu füllen wie zum Beispiel „intellektuell“, „Geistigkeit“. Es regiert die Hingabe an Ideen, Klassen, Wahrheiten, und nicht zu vergessen, die Kunst. Wo ist die Kunst? Vor allem die Schriftsteller melden sich zu Wort. Der Marxismus ist weit verbreitet und die noch junge Soziologie erobert in ihrem Windschatten die Gemüter. Hitzige Debatten über die Aufgabe der Lyrik entbrennen. Ob sie kritisch sein müsse, sich dem System entgegenstellen solle und ob unpolitische Lyrik nicht unterbewusst den Kapitalismus unterstütze.
Es ist schwer, in diesem Meer von Erkenntnis den Standort des Intellektuellen auszumachen. Soll er der Wahrheit verpflichtet sein, der Klasse, der Gerechtigkeit oder gar der Partei? Es gibt viele Meinungen, einigen kann man sich nicht. Obwohl er in dieser Debatte in den Zeiten der Weimarer Republik zunächst nicht in Erscheinung tritt, macht Benn vielleicht gerade dadurch seine Position deutlich. Erst nach den Angriffen Ende der zwanziger Jahre und schließlich nach der
4
Machtergreifung Hitlers 1933 arbeitet er seine Position innerhalb dieses Diskurses öffentlich aus. Position ist wohl untertrieben. Eigentlich sind es Positionen. Eine davon, das Bekenntnis zum Nationalsozialismus, treibt eine Schockwelle durch die intellektuellen Schriftsteller. Die vorliegende Arbeit will versuchen, sich einem Denken zu nähern, dem Klaus Mann eine gewisse „Verführungskraft“ nicht abstreiten kann, aber dennoch ihre „Gefahren“ spürt. 1 Den Bennschen Intellektualisten in das politische Spektrum der Intellektuellen innerhalb der Weimarer Republik einzuordnen soll hier nicht Hauptaugenmerk sein. Es soll vielmehr versucht werden, sich dem Weltbild Gottfried Benns individualistisch anzunähern.
Schlüsseltext für die Arbeit soll seine Rundfunkrede „Der neue Staat und die Intellektuellen“ von 1933 sein.
Man muss hier jedoch hinzufügen, dass das Bennsche „Doppelleben“, das Leben zwischen allen Stühlen, enorme Probleme aufwirft, wenn man Benns „Standpunkt“ verorten will. Er bleibt widersprüchlich durch und durch. Deshalb wird diese Arbeit auch versuchen, dem Pluralismus Benns Rechnung zu tragen, indem sie diese Widersprüche aufzudecken versucht.
2 Der Text „Der neue Staat und die Intellektuellen“
„Gottfried Benn - ein Zerrissener“ 2 So nannte ihn Werner Rübe in seiner Biografie. Ihn anders sehen zu wollen ist hilfreich, wenn man sich eine der Positionen Benns zu Eigen machen will, aber seinem Denken wird man sich damit nicht nähern. Er war der Artist und der Mensch, der Wissenschaftler und der radikale Irrationalist, der Freund vieler Juden und der Nationalsozialist, der Pazifist und der Soldat, der Intellektuelle und dessen Feind. Innerlich zerrissen hielt er sich selbst in einer Spannung, die sicherlich auch eine wichtige Antriebskraft für sein Schaffen war. Dass er sich dabei oft widersprach, dass seine „Härte des Gedankens, Verantwortung im Urteil, Sicherheit im Unterscheiden von Zufälligem und Gesetzlichem, vor allem aber die tiefe
3 , der er sich als Wissenschaftler rühmt, ihn nicht vor himmelschreienden Skepsis“
Fehlschlüssen schützten, nicht vor den Schriften irrationalistischer Pseudowissenschaftler warnten, schien er nicht zu bemerken.
1 Vgl.: Zitat nach : Benn, Gottfried: Prosa und Autobiographie, S. 401
2 Rübe, Werner: Provoziertes Leben, S. 304 3 Benn, Gottfried: Prosa und Autobiographie, S. 362
5
Will man Benns Position verstehen, muss man sich in seinen Konflikt einlassen. Schon die Überschrift seines Bekenntnisses zum neuen Staat „Der neue Staat und die Intellektuellen“ lassen die doppelte Intention seines Denkens erkennen. Es sind zwei Adressaten angegeben, zwei Thematiken, zwei Begründungen für diesen Text. Der neue Staat auf der einen Seite, die Intellektuellen auf der anderen.
Genauso wie der Neue Staat ist dieser Text „gegen die Intellektuellen entstanden“ 4 . So spart Benn auch keinesfalls mit Polemik gegen diese.
Andererseits tauchen viele der Weltanschauungen Benns wieder auf, die er bereits in früheren Texten vertrat. Sein Irrationalismus, sein negatives Geschichtsbild und seine Hoffnung auf eine Erneuerung der europäischen Kultur reihen sich hier nahtlos in die Ideologie der Nazis ein.
2.1 Der neue Staat...
„Es scheint ja heute ein beinah zwangsläufiges Gesetz, dass eine zu starke Sympathie mit dem 5 Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch genau acht gibt.“ (Klaus Mann)
„Das Resultat meiner fünfzehnjährigen gedanklichen Entwicklung stelle ich an den Anfang: die 6 Das schreibt Gottfried Benn in die beiden Rundfunkreden für den neuen Staat.“
Einleitung, als er die Rundfunkrede zusammen mit anderen Texten in dem Band „Der neue Staat und die Intellektuellen“ veröffentlicht. Viele seiner Texte, die Ende der zwanziger bis Anfang der dreißiger Jahre erscheinen, stützen diese Aussage. Vor allem die eindeutig vorgetragene Affinität zum Irrationalismus und die Hoffnung auf eine geschichtliche Wendung hin zum Mythischen, wie sie zum Beispiel in „Nach dem Nihilismus“ und „Irrationalismus und moderne Medizin“ zu finden sind. Auch Benns Glaube an den eruptiven Charakter der Geschichte sowie seine romantische Auffassung von der Erblehre scheinen zu diesem Bild zu passen. So findet man viele der Auffassungen, die er bereits früher vertrat, in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ wieder. Dieter Wellershoff hat sich eingehend
4 Benn, Gottfried: Essays und Reden, Der neue Staat und die Intellektuellen, S. 457 5 Zitat nach : Benn, Gottfried: Prosa und Autobiographie, S. 401 6 Zitat nach: Wellershoff, Dieter: Phänotyp dieser Stunde, S. 172
6
mit dieser geistigen Entwicklung Benns beschäftigt. Er sieht seinen Ausflug in den Nationalsozialismus gar als „Konsequenz seines Denkens“ 7
2.1.1 Vom Irrationalismus zum Mythos
Im „Doppelleben“, einer Art autobiographischem Essay, schildert Benn rückblickend seine Motivation, sich den Nazis anzuschließen: „Ich glaubte an eine echte Erneuerung des deutschen Volkes, die einen Ausweg aus Rationalismus, Funktionalismus,
8 zivilisatorischer Erstarrung finden würde,[...]“
Der Irrationalismus Benns ist im Grunde eine Abwehrhaltung gegen die moderne Welt. Er ist typisch für die Zeit, in der er lebt. Die zunehmende Säkularisierung, der Verlust der Metaphysik wird von vielen wie ein Exil erlebt. 9 Gerade als Sohn eines protestantischen Pfarrers muss dieser Einschnitt besonders schmerzvoll gewesen sein. In einem seiner ersten Prosaversuche, „Heinrich Mann. Ein Untergang“ schildert Benn, wie durch „die Seuche der Erkenntnis“ 10 sein metaphysisches Weltbild zugrunde geht:
„Nun gab es nichts mehr was mich trug. Nun war über allen Tiefen nur mein Odem. Nun war das Du tot. Nun war alles tot: Erlösung, Opfer und Erlöschen. Bis ich den Ausweg aus mir fand: in Siedelungen aus meinem Blut. Die sollten Heimat werden, Trost, Erde,
Himmel, Rache, Zwiegespräch. -“ 11
Benns Reaktion auf diese „Entfremdung“ ist zunächst der Rückzug in die Innerlichkeit. In den „Siedelungen seines Blutes“ taucht er immer wieder ab. Hier findet er Reinheit und Klarheit im Ausdruck, die verlorene Metaphysik und Transzendenz im Denken. Vor allem die Rönne- Novellen zeichnen ein klares Bild von Benns Weltrezeption. 12 Doch auch wenn er sich so gegenüber der modernen Welt verwehren möchte, kann er sich doch nicht vor ihr verstecken. Seine Abwehrreaktionen sind meist heftig:
„Schmerz, Faustschlag gegen das Pamphlet des Lebens aus dem ausgefransten Maule hedonistischer Demokraten, Schmerz, Chaos, das die Rieselfelder bürgerlicher Ratio überfegt und tief vernichtet und den Kosmos sich neu zu falten zerstörend zwingt. -Wort aus den Reichen, wo das Schicksal waltet, und des Genius schauerndstem Geschehen -
7 Wellershoff,Dieter: Phänotyp dieser Stunde, S. 155 8 Benn, Gottfried: Prosa und Autobiographie, S. 402
9 Vgl.: Bornemann, Alexander: Widerruf der Moderne, S. 41
10 Benn, Gottfried: Gesammelte Werke 5, Prosa, S. 1181
11 Ebd.
12 Vgl.: Wellershoff, Dieter: Phänotyp dieser Stunde, S. 15 ff
7
prostituierter Klamauk, wenn der Utilitarier dich verwendet für des Mittelmenschen
13 Dykrasien.“
Der Utilitarier, dieser Zweckmensch, ist Benn zuwider. Ihm setzt er sein eigenes Menschenbild entgegen:
„Ist der Mensch in seinem Wesen, in seiner substantiellen Anlage, im letzten Grundriss seines Ich naturalistisch, materialistisch, also wirtschaftlich begründet, wirtschaftlich geprägt, nur von Hunger und Kleidung in der Struktur bestimmt oder ist er das große unwillkürliche Wesen, wie Goethe sagte: der Unsichtbare, der Unberechenbare, der trotz aller sozialen und psychologischen Analyse Unauflösbare, der auch durch die Epoche materialistischer Geschichtsphilosophie und atomisierender Biologie seinen
14 schicksalhaften Weg: eng angehalten an die Erde, aber doch über die Erde geht?“ Benns metaphysisches und tragisches Menschenbild ist ein Leitmedium, das alle seine Werke durchzieht. Obwohl auch die Nazis einen Weg heraus aus der Agonie des modernen Zeitalters offerierten, hatte Benn seinen eigenen Weg gefunden. Er zitiert häufig Nietzsches Wort in allerlei Abwandlungen: „die Kunst als eigentliche 15 Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische Tätigkeit“ Vor 1933 sind die Nazis für Benn nur eine Partei, nur politische Agitatoren, die sich mit Sozialisten, Kommunisten und Demokraten um hässliche Diesseitigkeiten streiten. Zu dieser Zeit macht er in der „Akademie-Rede“ seiner tiefen Sehnsucht Luft, eine Sehnsucht nach einer anthropologischen Wendung. Er sieht also schon 1932:
„[...] daß unter dem nicht mehr aufzuhaltenden Realitätszerfall, der Frigidisierung und der immer wachsenden Begriffsbedrängung sich ein radikaler Vorstoß der alten noch substanziellen Schichten vorbereiten wird und daß die zivilisatorische Endepoche der Menschheit, aus der allerdings wohl ganz ohne Zweifel alle ideologischen und theistischen Motive völlig verschwunden sein werden, gleichzeitig die Epoche eines großartig halluzinatorisch-konstruktiven Stils sein wird, in dem sich das
16 Herkunftsmäßige, das Schöpfungsfrühe noch einmal ins Bewusstsein wendet,[...]“ Benn träumt von einer Wendung, die vor allem weg von der aktuellen rationalistischen Weltauffassung, hin zu einer mythisch aufgeladenen aber auch ästhetisch konstruktiven Sicht führen soll. Allerdings kann man aus diesem Hang zum Irrationalismus durchaus auch eine Disposition für die Ideologie der Nazis ableiten. 17 Als sich die braune Bewegung zu formieren beginnt, eine Macht, die er
13 Benn, Gottfried: Essays und Reden, Das moderne Ich, S. 41
14 Benn, Gottfried: Essays und Reden, Die neue Literarische Saison, S. 444 15 Benn, Gottfried: Essays und Reden, Rede auf Heinrich Mann, S. 432 16 Benn, Gottfried: Essays und Reden, Akademie-Rede, S. 454 f
17 Vgl.: Wellershoff, Dieter: Phänotyp dieser Stunde, S. 157
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Arbeit zitieren:
Michael Seemann, 2003, Gottfried Benn - ein Intellektualist im Bann des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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