Verbreitung dieses schwer aufzuführenden Werkes entsprach der Aufnahme der vorangegangenen Strauss-Opern“. Zum weiteren Verständnis fasse ich den Inhalt der Oper so knapp wie möglich zusammen: Die Kaiserin des Feenreiches muss den Kaiser davor bewahren, versteinert zu werden. Dafür muss sie einen Schatten gewinnen, der das Symbol der Fruchtbarkeit ist. In der Welt der Menschen will die Färberin dagegen ihren Schatten loswerden. Durch die Amme der Kaiserin soll es zwischen beiden zu einem Tausch kommen. Dieser wird jedoch verhindert, statt dessen müssen sie eine Prüfung bestehen, ähnlich der in Mozarts Zauberflöte. Am Ende finden Färber und Färberin wieder zusammen, so dass diese ihren Schatten behalten möchte. Durch die bestandene Prüfung erhält auch die Kaiserin einen Schatten, wodurch auch der Kaiser aus seiner Versteinerung erlöst wird.
Der Stil wird in verschiedenen Kritiken als eine Verbindung der vorherigen Opern Elektra und Ariadne auf Naxos beschrieben, was sich unter anderem auf das Orchester bezieht. Aufgrund der verschiedenen Handlungsorte und der Darstellung verschiedener Welten bedarf die Oper einer großen Ausstattung und häufigen Wechseln des Bühnenbildes. Damit bildet die Oper einen Kontrast zur politischen Wirklichkeit der Zeit.
Kritik im historischen Kontext - die gesellschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg
Dieser Gegensatz zwischen der politischen Wirklichkeit auf der einen Seitedurch den erste Weltkrieg sind „in politischer, soziologischer, kultureller, religiöser Hinsicht [...] die Wertmaßstäbe ins Wanken geraten - und der Märchenwelt der Oper auf der anderen Seite ist es, der die unterschiedlichen Reaktionen der Kritik auslöst.
„Die [...] Kritiken enthalten Widersprüche in allen Schattierungen, Widersprüche vom hymnischen Ja bis zum vernichtenden Nein: Der Komponist Richard Strauss auf dem Wege zur Vollkommenheit, bzw. der Komponist habe nichts mehr zu sagen [...].“
1918 bricht die Herrschaft der k. Und k. Monarchie Österreich-Ungarn zusammen und zur Zeit der Uraufführung besteht auch die Wiener Hofoper nicht mehr. Zum Zeitpunkt der Uraufführung sind die Folgen des Ersten Weltkriegs noch in deutlich zu spüren. Die politischen Wirren und die wirtschaftliche Not stellten einen ungünstigen Zeitpunkt dar für eine „reich ausgestattete Märchenoper“. Hierin sieht von Rauchhaupt die Problematik und
eine Ursache für die unterschiedliche Bewertung durch die Kritiker, die eine eher „soziologische Betrachtungsweise“ einnehmen: „Fühlte sich der Rezensent wohlwollend der Gesellschaft verbunden, so war er auch mit Strauss' Märchenoper einverstanden; hielt er aber nichts von diesem festlichen Publikum, so fällte er ein negatives, wenn nicht sogar vernichtendes Urteil über den Komponisten.“
Es fällt auf, dass viele Kritiken, die von Rauchhaupt zitiert, nicht nur auf die Oper selbst, sondern auch auf das Publikum eingehen. Die positiven Kritiken heben dabei unter anderem die die galante Abendgarderobe hervor, „Offiziere in Galauniform“, „[e]s strahlte vom Diamanten und Perlen“. Die Oper wird beschrieben als „eine künstlerische und gesellschaftliche Sensation, die an die schönsten und glücklichsten Friedenszeiten erinnerte“. Kritik im musikalischen Kontext - avantgardistische und konservative Kritiker
Einen zweiten Grund für die Differenzen der Kritiker ist für Rauchhaupt in der Entwicklung der Musik selbst zu suchen. Dies wird vor allem an der Kritik von Paul Bekker deutlich.
Bekker war Musikschriftsteller und -kritiker, hatte eine musikalische Ausbildung als Geiger und Dirigent und war eine einflussreiche Stimme und Autorität. Seine Kritik an der Frau ohne Schatten, die zunächst in der Frankfurter Zeitung und später in dem Band Kritische Zeitbilder erschien, fällt besonders hart aus. Dabei ist es allerdings besonders auffällig, dass er immer wieder betont, dass er keineswegs an dem Talent von Strauss oder seinen Fähigkeiten als Komponist zweifelt. Im Gegenteil: „Es gibt keinen, der an Macht und Ansehen ihm annähernd zu vergleichen wäre [...]. War er es nicht, der unter all den epigonenhaften Begabungen der neunziger Jahre durch sein Temperament, seine draufgängerische Kühnheit, den berauschenden Schwung seines Wesens und sein echtes Musikantentum uns Glauben und Zuversicht gab?“ Und: „Strauss hat jetzt noch so viel Talent wie früher und er kann jetzt noch viel mehr als sonst.“ Er behauptet: „Schlechte Musik im gewöhnlichen Sinne des Wortes kann ein Künstler vom Range eines Strauß nicht machen.“ Was wirft Bekker Strauss also vor und worin liegt seine Kritik an der Frau ohne Schatten? Zunächst einmal kritisiert er einige formelle Aspekte der Oper. Grundsätzlich beanstandet er die fehlende Bühnenwirkung der Handlung. Dies lastet er nicht nur Strauss allein, sondern auch dem Librettisten Hugo von
Hofmannsthal an. Seine Wahl der Symbole hält Bekker für ungeeignet. Das zentrale Symbol ist der Schatten, den die Kaiserin zunächst nicht hat, jedoch im Verlauf der Oper erhält. Dies für das Publikum sichtbar darzustellen, ist unmöglich. Auch die Versteinerung des Kaisers hat als Handlungselement keine gute Wirkung. Zudem sind die Charaktere seiner Meinung nach zu schwach und unglaubwürdig: „Die beiden Hauptpersonen, Kaiserin und Färberin, laufen nebeneinander her, ohne daß sich irgendein Spiel zwischen ihnen entwickelt“. Sie sind „widerspruchsvoll in sich, unabgeschlossen [...] ohne individuellen Kontur und ohne dramatische Beziehungen zueinander“. So kommt er schließlich zu dem Schluss: „Es fehlt nicht nur der schöpferische Geist, es fehlt diesmal auch das Amüsement und die Unterhaltung. Dieses Werk leidet an dem gefährlichsten Gebrechen: es ist langweilig.“ Es lässt sich lediglich eine „artistische Produktionsmanier“ erkennen, die „innere Unfruchtbarkeit einer nur noch talentmäßig geübten Kunst“.
Bei dieser Kritik an der Oper zeigt sich, dass Bekker nicht nur konkrete Aspekte wie Handlung, Charakteren und Komposition kritisiert. Er stellt nicht nur Die Frau ohne Schatten infrage, sondern Richard Strauss selbst, wenn auch nicht, wie bereits oben bemerkt, als Komponisten.
Statt dessen kritisiert er in erster Linie Strauss' „Weltanschauung“ und den fehlenden ideellen Gehalt seiner Komposition. Dies lässt sich einerseits durch die Umständen der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erklären. Europa befindet sich in einer wirtschaftlichen wie geistigen Krise. Im Zuge dieser Situation stellt Bekker eine klare Forderung an die Kunst:
„Das Weltbild hat sich uns geändert, unsere Forderungen an die Menschen, unsere Vorstellungen über das Wesen der Kunst haben sich gewandelt. Es geht eine tiefe Sehnsucht nach einem neuen Glauben durch die Menschheit. Wir schauen aus nach einer Kunst, in der etwas von diesem neuen Glauben anklingt. Wir suche nach neuen Maßstäben, nach neuen Wertbegriffen, nach einer prophetischen Kunst, die sie uns kündet.“
Hier kommt der zweite der zu Anfang genannten Aspekte zum tragen. Von Rauchhaupt bemerkt, dass für Bekker in dieser Situation die traditionelle Musik für diese Rolle nicht geeignet ist. Eine neue Weltanschauung ist für ihn nicht mit traditioneller Harmonik zu vereinbaren. Sein musikalisches Ideal, das seinen Anforderungen gerecht wird, ist das der Neuen Musik. Vor diesem Hintergrund ist die Kritik Bekkers an Strauss verständlich. Denn seiner Meinung nach ist Die Frau ohne Schatten zwar „das Werk eines der außerordentlichsten Talente,
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Martina Drautzburg, 2008, Kritik an der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss, München, GRIN Verlag GmbH
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