I
Inhalt
1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit 1
2. Institutionelle Kommunikation 1
2.1. Der Begriff der Institution. 2
2.2. Institutionelle Kommunikation und ihre Besonderheiten. 2
3. Der Begriff der Kommunikativen Gattung. 4
3.1. Kommunikative Gattungen - Eine Definition. 5
3.2. Die Funktion Kommunikativer Gattungen 6
3.3. Abgrenzung vom Begriff der Kommunikationsform. 7
4. Strukturmerkmale und Strukturebenen kommunikativer Gattungen. 9
5. Kommunikation vor Gericht - Methodische Aspekte der Datenanalyse. 11
5.1. Die Daten. 11
5.2. Die Methode der Konversationsanalyse 13
6. Kommunikation vor Gericht - Datenanalyse. 14
6.1. Strategische Besonderheiten - Komponenten defensiver Strategien 14
6.1.1. Vorausschauendes Antwortverhalten 15
6.1.2. Herunterspielen von Sachverhalten 16
6.1.3. Ich kann mich nicht erinnern’ 17
6.1.4. Alternative Beschreibungen. 17
6.2. Zwischenfazit. 18
6.3. Formale Besonderheiten 19
7. Defensive Strategien Kommunikative Gattungen? 20
8. Zusammenfassung der Ergebnisse. 22
Literaturverzeichnis. 23
Internetverzeichnis.......................................................................................................... 24
II
„Kommunikative Gattungen sind historisch und kulturellspezifische, gesellschaftlich verfestigte und formalisierte Lösungen kommunikativer Probleme [...], deren von Gattung zu Gattung unterschiedlich ausgeprägte Funktion in der Bewältigung, Vermittlung und Tradierung intersubjektiver Erfahrungen der Lebenswelt besteht.“ 1
„Interaction is institutional insofar as participants’ institutional or professional identities are somehow made relevant to the work activities in which they are engaged.“ 2
1 Luckmann (1992): S.8.
2 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.3 f.
1
1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
In Zeiten einer stets schneller und komplizierter werdenden Welt greift der Mensch zunehmend auf institutionalisierte Prozesse, d.h. auf vorgefertigte Muster zurück, welche Orientierung und somit Entlastung bieten. Dies ist gerade angesichts der vielfältigen sozialen Interaktionen von hoher Relevanz. Luckmann und Berger stellen fest: „Alles menschliche Tun ist dem Gesetz der Gewöhnung unterworfen.“ 3 Nach Aussage der Wissenschaftler verfestigen sich sämtliche menschliche Handlungen bei häufiger Wiederholung zu Modellen, die für das Individuum wie auch die Gesellschaft eine Erleichterung darstellen. Die Handlungen werden habitualisiert und der Einzelne durch die Gewöhnung von der „Bürde der Entscheidung“ befreit. 4 Jeder Mensch verfügt somit über einen Wissensvorrat an Mustern und Modellen, welche das Handeln in eine bestimmte Richtung lenken und Gesellschaft und Kommunikation erst ermöglichen. Einen Bestandteil dieses gemeinsamen, wenn auch interkulturell unterschiedlichen Wissensvorrats bilden die so genannten kommunikativen Gattungen, welche im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Es soll versucht werden, dass Konzept der Kommunikativen Gattungen mit dem Konzept der institutionellen Kommunikation zu verbinden. Ziel ist, der Fragestellung nachzugehen, inwieweit kommunikative Gattungen innerhalb institutioneller Kommunikation vorkommen und welche Funktionen sie dort möglicherweise erfüllen. Die Frage soll exemplarisch am Beispiel der Institution ‚Gericht’ beantwortet werden. Der Fokus liegt dabei auf den defensiven Strategien, auf welche Zeugen vor Gericht zurückgreifen. Hierzu wird im Folgenden zunächst in einem theoretischen Teil auf das Konzept der Institutionellen Kommunikation und das Konzept der kommunikativen Gattungen eingegangen. Im Anschluss daran soll in einem praktischen Teil die Forschungsfrage anhand mehrerer Transkripte von Zeugenbefragungen beantwortet werden.
2. Institutionelle Kommunikation
Der Begriff der institutionellen Kommunikation hängt eng mit dem Begriff der Institution zusammen. Daher liegt es nahe, sich kurz mit der Definition dieses begriffs ausei- 3 Berger/Luckmann (1969): S.56.
4 Berger/ Luckmann (1969): S.57.
2
nanderzusetzen, bevor in einem nächsten Schritt die Besonderheiten institutioneller Kommunikation diskutiert werden.
2.1. Der Begriff der Institution
Schäfer definiert eine Institution als eine „soziale Einrichtung, die auf Dauer bestimmt, was getan werden muss.“ 5 Institutionen setzen dem sozialen Handeln gewisse Grenzen, und bieten somit sowohl dem Gesellschaftlichen Ganzen als auch dem einzelnen Individuum eine Orientierung. In Schäfers Worten: Indem Institutionen die Beliebigkeit und Willkür des sozialen Handelns beschränken, üben sie normative Wirkungen aus; sie definieren Pflichten. Dabei leisten sie eine Doppelfunktion: einmal für den Menschen, dessen Bedürfnisnatur sie formen, zum anderen für die Gesellschaft, deren Strukturen und Be-stand sie sichern. 6
Durch ihre richtungweisende Funktion dienen Institutionen der Entlastung des Menschen, da sie das Zusammenleben regeln und in geordnete Bahnen leiten. Luckmann und Berger bemerken: „Durch die bloße Tatsache ihres Vorhandenseins halten Institutionen menschliches Verhalten unter Kontrolle.“ 7 Somit bilden sie das Fundament sozialen Handelns und sind notwendige Voraussetzung für das Funktionieren der Gesellschaft und die Interaktion des Einzelnen mit dem gesellschaftlichen Kollektiv. 8
2.2. Institutionelle Kommunikation und ihre Besonderheiten
Wie die Bezeichnung suggeriert, findet institutionelle Kommunikation in erster Linie in Institutionen in obigem Sinne statt. Allerdings ist institutionelle Kommunikation mehr als nur eine ‚Kommunikation in der Institution.’ Zwar mag sie in Institutionen wie Krankenhäusern, Schulen oder Gerichten vorkommen, doch ist sie keineswegs an den physischen Ort des Gebäudes gebunden. So handelt es sich beispielsweise auch beim Hausbesuch eines Arztes um institutionelle Interaktion. Ebenso ist die Art des kommunikativen Kontakts (z.B. persönlich oder über das Telefon) nicht entscheidend. 9 Ausschlaggebend ist vielmehr der Aufgabenbezug oder die Zielgerichtetheit der Interaktion sowie die Tatsache, dass mindestens ein Kommunikationspartner eine Organisati-
5 Schäfers(2003): S. 149.
6 Schäfers (2003): S. 149.
7 Berger/ Luckmann (1969): S.58.
8 Vgl. Schäfers (2003): S. 150.
9 Vgl. Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.3.
3
on in irgendeiner Weise vertritt: „The interactions [...] are task-related and they involve at least one participant who represents a formal organization of some kind.“ 10 Und weiter: „Interaction is institutional insofar as participants’ institutional or professional identities are somehow made relevant to the work activities in which they are engaged.“ 11
Drew und Heritage machen darauf aufmerksam, dass die Unterschiede zwischen institutioneller und alltäglicher Konversation fließend sind. 12 Allerdings weist die institutionelle Kommunikation nach Aussage der Wissenschaftler einige Eigenschaften auf, welche in der Alltagskommunikation eher selten vorkommen.
Erstens ist institutionelle Kommunikation zielgerichtet auf eine institutionell relevante Art („Institutional talk is goal-oriented in institutionally relevant ways“ 13 ). Als Beispiel kann ein Polizeinotruf herangezogen werden, bei dem sowohl der Laie als auch der Fachmann das Ziel verfolgen, nötige Informationen auszutauschen, um möglichst schnell Hilfe zu bekommen bzw. Hilfe zu senden. Zweitens unterliegt das Benehmen der Kommunikationspartner in institutioneller Kommunikation häufig bestimmten Einschränkungen („Institutional interaction may often involve special and particular constraints on [...] contributions on the business at hand.“ 14 ). Diese Einschränkungen können sich sowohl auf sprachliches Verhalten als auch auf das Verhalten allgemein beziehen. So wird ein Zeuge vor Gericht beispielsweise förmlich handeln und das Wort ‚Polizist’ dem Wort ‚Bulle’ vorziehen. Als letztes Charakteristikum weist institutionelle Kommunikation ein spezifisches Regelwerk hinsichtlich des Verhaltens der Experten auf („Special character of inference in institutional contexts.“ 15 ). Beispielsweise sollte ein Richter oder Arzt Emotionen vermeiden und auf Äußerungen der Zustimmung, Überraschung etc. verzichten.
10 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.3.
11 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.3 f.
12 Vgl. Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.21.
13 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.22.
14 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.22.
15 Drew/Heritage in Drew/Heritage (1995): S.24.
4
3. Der Begriff der Kommunikativen Gattung
Der Begriff der kommunikativen Gattung geht auf die soziologischen bzw. soziolinguistischen Arbeiten von Luckmann (1986) sowie auf die Arbeiten von Günthner und Knoblauch (1994) zurück und ist verhältnismäßig jung. Er baut im Wesentlichen auf dem literaturwissenschaftlichen und linguistischen Gattungsbegriff auf. 16 Der Gattungsbegriff bezeichnet generell ein Konzept einer systematischen Gliederung oder Kategorisierung von Objekten nach spezifischen Kriterien. 17 So dient der Begriff der literarischen Gattung beispielsweise in erster Linie der Ordnung und Klassifikation von Literatur. Der literarische Gattungsbegriff erfüllt eine Doppelfunktion: Zum einen wird er zur Bezeichnung der drei Großbereiche der Literatur (Lyrik, Epik, und Drama) verwendet, zum anderen zur Bezeichnung literarischer Texttypen, wie beispielsweise der Tragödie oder Komödie. 18
Thomas Luckmann griff den Term der Gattung auf und systematisierte und operationalisierte ihn zur Beschreibung musterhafter Abläufe des gesellschaftlichen Handelns. Nach Auer zeichnet sich Luckmanns Begriff der kommunikativen Gattung gleich auf dreifache Weise aus: Erstens begründet Luckmann damit die Existenz von Gattungen aus Sicht der Soziologie, indem er deren Funktion als „Tradierung und Vermittlung bestimmter gesellschaftlich relevanter Wissensbestände“ 19 beschreibt. Zweitens definiert er Gattungen nicht als festgeformte Texte (wie z.B. in der Literatur), sondern als Traditionen des Sprechens, die nur aus dem jeweiligen situativen Kontext verständlich sind und diesen gleichzeitig mitkonstituieren. Und drittens schafft es Luckmann in seinem Konzept, sowohl der Tatsache Rechnung zu tragen, dass nicht alles Sprechen in Gattungen stattfindet, als auch zu berücksichtigen, dass der Gattungsbegriff sich nicht ausschließlich auf ritualisierte Sprechweisen beschränken darf. Seine Definition der kommunikativen Gattungen ist also zum einen nicht so weit, als dass sie sinnlos wür- 16 Vgl.Auer (1999): S.176 f.
17 http://de.wikipedia.org/wiki/Gattung - 07.08.2007.
18 Vgl. Metzler Literaturlexikon (2004): S. 209.
19 Auer (1999): S.177.
Arbeit zitieren:
Lydia Prexl, 2007, Kommunikative Gattungen in der institutionellen Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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