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Einführung
In vielerlei Hinsicht sind Untersuchungen zum Medienbegriff unternommen worden. Eine der inspirierendsten Auseinandersetzungen mit diesem Thema hat Marshall McLuhan entwickelt. Ausgehend von seinen Studien zur „Volkskultur des industriellen Menschen“, die er in seinem Buch „Die mechanische Braut“ zusammenfaßte und das sich mit den Auswirkungen der Beeinflussung von Presse, Radio, Kino und Werbung auf den Menschen beschäftigt, versuche ich der Entstehung der medienspezifischen Begrifflichkeit seiner Hauptthese „Das Medium ist die Botschaft“ nachzugehen.
1911 wurde Marshall McLuhan in Edmonton (Kanada) geboren. 1928 begann er zunächst ein Technikstudium und wechselte dann zur Literatur. 1936 nahm McLuhan ein Lehrang ebot an der Universität von Wisconsin in Madison an und trat zum katholischen Glauben über. 1937 wechselte er an die Jesuitenuniversität in St. Louis. Von 1944 an war er Profes-sor für Englisch, von 1946 - 80 am St. Michael’s College der Universität von Toronto. Der Okkultismus der Katholiken und darüber hinaus die Tatsache, daß eine katholische Institution zeitlebens sein Arbeitgeber war, veranlassen mich die religiöse Komponente im Denken McLuhans miteinzubeziehen. Seine Erkenntnisse sind eng mit seiner Biographie verknüpft. Gerade im Zusammenhang zwischen Religiosität und Medium besteht die Möglichkeit, die Wurzeln seiner medientheoretischen Überlegungen herauszufinden.
Die Etymologie des Wortes Medium ist dem lateinischen entlehnt und bedeutet soviel wie Mittel oder Träger. Im Bereich Multimedia wird dieser Begriff völlig wirr und mißverständlich eingesetzt, ohne daß es die meisten merken. Das Problem dabei ist, daß das Wort Medium tatsächlich mehrere Bedeutungen besitzt.
Zum einen gibt es die Medien als inhaltlichen Träger von Informationen, wie sie traditionell in Text, Bild und Ton unterschieden werden. Analog dazu finden sich weitere Klassifizierungen. Den Text unterteilt man in gedruckten Text und digitalen Text. Kunstwerk, Illustration, Grafik, Computer-Grafik, Fotografie, Film, Video, Animation werden dem Oberbegriff Bild zugeordnet. Den Ton nehmen wir durch Musik, Geräusche und Sprache wahr. Außerdem dienen Medien als physikalische Träger von Informationen, wie z. B. ein bedrucktes Papier, Schallplatten, Magnetband, Disketten usw.
Darüber hinaus gibt es Medien als Kulturelle Institutionen, wie Presse, Buchverlage, Rundfunk und Fernsehen. Ebenfalls erwähnenswert ist das Medium (Medien) als theologisches Konzept des Mittelalters, welches einfach Kommunikation mit Gott meint. Dies sind alles wichtige Hinweise, um der Genealogie des Begriffs „Medium“ bei Marshall McLuhan nachzuspüren.
Aufgrund der vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des Begriffs „Medium“ wird es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich sein, ein umfassendes Begriffsspektrum offenzulegen. Eine sinnvolle Reduzierung sehe ich im Bereich des „Menschmediums“. Diese Stationen der Begrifflichkeit sind gerade durch eine katholische Glaubensgrundlage nachvollziehbar, die neben den geistigen Elementen einen starken spirituellen Bezug zum Leibhaftigen, d. h. dem Körper, vermittelt. Aus diesem Grund lege ich den Themenschwerpunkt in dieser Ar- beit auf den Bereich des Comics fest.
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1.Das Buch als Medium
Marshall McLuhan hat als Experte für moderne Dichtung und Literaturkritik seine Medien-theorie aus seinem nächstliegenden medialen Bereich des Mediums „Buch“ entwickelt. Werner Faulstich weist darauf hin, daß das Buch häufig als Speicherungs- und Tradierungsmedium bekannt ist, aber noch nicht in seinen Funktionen im Kontext zur gesamten Medienkultur gesetzt worden ist. Einen Ansatz dazu liefert er uns in einer kurzen Zusammenfassung:. 1 Als erste Form des Mediums Buch wird der Kodex angesehen, der Ende des ersten und Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung entstanden ist und aus gehefteten, zusammengefalteten Blättern beliebigen Materials bestand, die in der Regel von einem Ledereinband geschützt wurden. Die Einführung des Kodex als Medium zwischen Mensch und Gott gegenüber der Rolle wird häufig mit der Einführung des Christe ntums in Verbindung gebracht, der den Begriff der „Heiligen Schrift“ etablierte. Anhand der religiösen Bedeutung des Kodex vollzog sich die „Ablösung der Dominanz der Menschm edien durch die Dominanz der Schreibmedien endgültig“.
Lange war das Medium Buch nur einer privilegierten Schicht zugänglich. Martin Luther nutzt ein neues Verfahren der Vervielfältigung um die „Schrift“ jedem zugänglich zu machen: die Druckpresse und setzt die „Schrift und nur die Schrift“ (sola scriptura) als äußerster, ausschließlicher Zeuge der Wahrheit ein. 2 Bis zu diesem Zeitpunkt repräsentierte das Medium auch immer die Institution und war nicht nur Nachricht, sondern zugleich Weltordnung. 3
Wenn wir einen Blick auf die analphabetische Gesellschaft des Mittelalters werfen, werden uns die Grundlagen der Bildkultur aufgezeigt. McLuhan war durch seine Tätigkeit am St. Michael College, einer Hochburg für Mittelalterstudien, bestens mit dieser Zeitspanne vertraut. Die Bilder hatten ihre eigene Sprache, und erst seit den technischen Errungenschaften der Renaissance kann man von einer Ausbreitung der Medienkultur sprechen, denn z. B. bietet das neue Medium des Kupferstichs im Vergleich zur Malerei die Möglichkeit der Vervielfältigung.
Um das Buch als Medium zu etablieren, nutzte Lukas Cranach, als Freund und Glaubensgenosse Luthers, die damalige Bildersprache, um auf das „Buch“, d. h. die Schrift aufmerksam zu machen. Seine Bildnisse erinnern an römische Grabdenkmäler, und auch in den Bildunterschriften fließt das antike Gedankengut mit ein. Die Formensprache der Kupfe rstichbildnisse von Luther basiert unterschwellig auf dem geläufigen Kanon der Heiligendarstellungen, doch in der Inschriftentafel des Bildnisstichs Luthers von 1520, die besagt, daß „Die unvergänglichen Abbilder seines Geistes bringt Luther selbst hervor, seine sterblichen Züge jedoch das Wachs des Lucas“, liegt die Betonung eindeutig auf den geistigen und seelischen Errungenschaften, die schriftlich festgehalten werden. 4 Daraufhin folgte allgemein eine strikte Spaltung zwischen Schrift und Bild, die nur in den Emblemen weiterlebte und im Comic wieder zusammengeführt worden ist, aufgrund der Rückbesinnung auf das Menschmedium.
1 Faulstich, Werner, Das Medium als Kult, Göttingen, 1997, S. 256ff.
2 vgl. Faßler, Manfred, Geschichte der Medien, München, 1998, S.10.
3 ebd. S.11.
4 vgl. Warnke, Martin, Cranachs Luther, Frankfurt am Main, 1985, S. 36.
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2. Die mechanische Braut
2.1. Zur Entstehung des Buches
Das Buch „Die mechanische Braut“ wurde 1951 veröffentlicht, und der Titel bezeichnet die damalige Gegenwartskultur, die er innerhalb von 13 Jahren durch seine Auseinandersetzung mit der Werbung erarbeitet hatte. Einige Kapitel erschienen in der Zeitschrift Neurotica. In diesem Buch hat er Werbeanzeigen und Comics mit kurzen analytischen Kommentaren versehen, die eine gedruckte Zusammenfassung seiner Diavorträge in der Öffentlichkeit sowie an der Universität erg aben. In 59 Kapiteln wird das soziale Umfeld Amerikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skizziert. Jedes dieser Kapitel steht für sich und muß nicht in einer bestimmten Re ihenfolge gelesen werden.. 5
Die Inspiration dazu hatte McLuhan ursprünglich Leavis’ Culture and Environment und den Illustrationen in Wyndham Lewis’ Buch The Doom of Youth von 1932 entnommen. 6
Als das Buch erschien hatte McLuhan das Gefühl, dieses Buch sei »gerade herausgekommen, als seine wichtigsten Erkenntnisse durch das Fernsehen irrelevant wurden.« Es erschien bereits »im Schatten der Verdrahtung«, welche die mechanische durch die elektronische Braut ersetzte. Es war sein letzter moralischer Appell gegen die verhe erenden Folgen von Kapitalismus, Industrialisierung, dialektischem Denken und mechanischem Automatismus. 7
„Die mechanische Braut“ trägt den Untertitel „Volkskultur des industriellen Menschen“. Er skizziert darin die nordamerikanische Kultur der späten vierziger Jahre. Da wir zwei diametral verschiedene Kulturkonzepte unterscheiden, sei die Bedeutung der Volkskultur bei McLuhan kurz erläutert.
Mit Kultur wird hier der Zusammenhang zwischen den Menschen und deren Umgang mit den Künsten und den Maschinen, sowie den Medien, bezeichnet. In diesem sozialen System geht es um die Verständigung, d. h. die Kommunikation zwischen Menschen und Medien in der Alltagskultur. Allerdings hat das Volk mit der Herstellung von Volkskultur nicht das geringste zu tun. Das gilt auch für die Volkskultur des industriellen Menschen, die zu einem großen Teil aus Laboratorien, Studios und Werbeagenturen stammt. 8
Dieser Ansatz, Werbesendungen dem Kultursektor zuzuordnen und sogar als Literatur aufzufassen, ist ungewohnt und verleitet in großem Maße dazu, sich mit dieser These ausein-ander zusetzen. Darüber hinaus beleuchtet er auch die Comicstrategien und deren Auswirkungen auf das menschliche Verhalten. Die kommunikative Funktion des Comics, welchen jeder lesen oder betrachten und verstehen kann, wird somit zum Massenmedium und deshalb prägend für die Kultur.
5 Reuss, Jürgen, in: Die mechanische Braut, S. 238.
6 vgl. Marchand, Philip, Marshall McLuhan, Stuttgart, 1999. S. 159.
7 vgl. ebd. S.162.
8 Medien verstehen, Der McLuhan-Reader, S. 30.
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2.2. Einflüsse
2.2.1. Literarische Einflüsse
McLuhan behauptete, das die Untersuchung der Lektüre Finnegans Wake von James Joyce, ihm zu wichtigen Einsichten in die Medienanalyse verholfen habe. James Joyce hat seine Inspirationen für Finnegans Wake seinerseits aus den Dialogen der Bildgeschichte >Krazy Kat< von George Herriman bezogen, die ein „genaues Abbild der Sprachverwirrung in den amerikanischen Großstädten des frühen 20. Jahrhunderts“ 9 sind und aus umgangssprachlichen und literarischen Facetten des Englischen sowie anderen europäischen Spracheinflüssen zusammengesetzt wurden.
Tatsächlich lassen sich Parallelen zwischen McLuhan und Joyce ziehen, wobei ich lediglich einen Aspekt hervorheben möchte, der für das Menschmedium von besonderer Bedeutung ist. Aus Finnegans Wake heraus hat Sabine Fabo einen intermedialen Dialog abgeleitet. 10
„(...) and look at this prepronominal funferal (...) as were it sentenced to be nuzzlde over a full trillion times for ever and a night till his noddle sink or swim by that ideal reader suffering from an ideal insomnia.“
„Ein Autor erdenkt einen unermüdlichen, idealen Leser, den er, dem Konzept des impliziten Lesers zum Trotz, ausdrücklich im Text benennt. Der Joycesche Text hat die Adressierung des Rezipienten bereits in seiner Werkstruktur vorweggenommen.
Durch die Unbestimmtheit und die Leerstellen wird der Leser aktiviert und zur Komplettierung des Werkes durch „Konsistenzbildung“ aufgefordert. Ein derart sich konstituierendes Verhältnis zwischen Werk und Rezipient ist nicht auf Offenlegung eines im Text verborg enen Sinns angelegt, sondern wird von Wechselbeziehungen geprägt, die sich dialogisch entfalten.“
Diese Dialogstruktur verwendet auch McLuhan in Die mechanische Braut. Die rhetorischen Fragen fungieren dabei als Leerstellen, die den Leser zur Vervollständigung aktivieren.
1948 hegte McLuhan eine große Bewunderung für Ezra Pounds literaturkritische Schriften wie ABC of Reading und Guide to Kultchur, in denen Pound anhand ausgewählter Werke seine entscheidenden Urteilskriterien und Wahrnehmungstechniken offen legte. 11 Es war ein unausgesprochener Glaubensgrundsatz für McLuhan, daß alle großen Künstler in Wirklichkeit entweder offiziell oder insgeheim katholisch waren, 12 weil sich das „katholische Denken dadurch stärken ließ, daß es sich mit den künstlerischen Techniken der Moderne
9 Platthaus, Andreas, Im Comic vereint, Berlin, 1998, S. 27.
10 Zitat nach Fabo, Sabine, Joyce und Beuys, Ein intermedialer Dialog, Heidelberg, 1997, S.2 ff.
11 ebd. S.145.
12 Vgl., Marchand, Philip, Marshall McLuhan, Stuttgart, 1999. S. 146.
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Karoline Kmetetz-Becker, 2000, Zu: Marshall McLuhan- "Die mechanische Braut", München, GRIN Verlag GmbH
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