Der neue Zugang zu den antiken Texten war gekennzeichnet durch die Suche nach Übersehenem: von den einst behandelten Themen wie Krieg, Politik, Revolutionen und Dynastien hin zu vergleichenden Studien über Bevölkerungen, Institutionen oder Wirtschaft wurden bereits untersuchte Quellen unter neuen Gesichtspunkten behandelt. Neben den Textquellen wurde auch auf dem Gebiet der Archäologie nach bisher Unentdecktem geforscht. Dementsprechend nennt Momigliano als Wendepunkte zur neuen Geschichtsschreibung die Veröffentlichung Vicos Scienza Nuova 1725 und die Ausgrabungen von Herculaneum 1738.
Die Auseinandersetzung zwischen philosophischen Historikern und den sogenannten traditionellen érudits war von Vorbehalten auf der einen Seite und Verachtung auf der anderen bestimmt. Während Paciaudi in seiner Monumenta Peleponnesia 1761 von einer Angst vor einer „Invasion der heiligen Bezirke der Geschichte durch eine fanatische Bande von Philosophen“ (S. 240) redet, spricht Momogliano davon, dass die Antiquare zunehmend zum Ziel der Angriffe und der Ironie der Philosophen wurden. Nichtsdestotrotz existierte eine Abhängigkeit in der Beziehung zwischen antiquarischen und philosophischen Geschichtswissenschaftlern. Die philosophischen Historiker waren auf die antiquarischen Werke ihrer Vorgänger angewiesen und mussten deren Gelehrsamkeit als wichtiges Werkzeug ihrer eigenen Arbeit anerkennen. Momigliano beschreibt dieses Verhältnis sehr plastisch: „Die Ehe von Gelehrsamkeit und Philosophie war ein stürmisches Verhältnis, voller Streit, gegenseitiger Anklagen und vorläufiger Trennungen; aber wie viele andere stürmische Ehen war sie stabil und fruchtbar.“ (S. 226) Weitergehend hebt Momigliano die Verdienste der érudits hervor, die sich in den Sammlungen wichtiger nationaler Quellen in ganz Europa widerspiegelten und die deren Geduld, kritische Einsicht und Ehrlichkeit bewiesen. Gibbon lernte sowohl von den gläubigen unter ihnen wie Tillemont (wobei er sich nicht dessen Trennung zwischen Kirchengeschichte und Geschichte der römischen Kaiser zu eigen machte) als auch von den Freigeistern wie Bayle.
Gibbon vereinigt nach Momiglianos Einschätzung beide Seiten, sowohl die des Philosophen als auch die des Antiquars: „In der Literatur galt seine Sympathie den ‚anciens’ gegenüber den ‚modernes’, in der Philosophie glaubte er, dass eine detaillierte Untersuchung der antiken Welt eine unschätzbare Hilfe für die Kenntnis der Natur des Menschen böte. [...] Er kombinierte die Gelehrsamkeit der einen geistigen Richtung mit der philosophischen Phantasie der anderen.“ (S.243/ 251)
Die philosophischen Historiker dagegen konzentrierten sich auf die Darstellung der Entwicklung der Menschheit, der civilisation. Dabei nahm die Lesbarkeit der Arbeiten einen höheren Stellenwert als die Belegbarkeit der Thesen ein. Maßgebend für die Darstellung war das vorher formulierte Ziel, an dem sich die historische Erörterung orientierte. Als eine bemerkenswerte Erkenntnis der philosphischen Historiker hebt Momigliano hervor, dass die Aneinanderreihung von historischen Fakten noch keine Geschichte ausmacht, sondern dass es darauf ankommt, Zusammenhänge, Entwicklungen und Tendenzen zu untersuchen, um die Geschichte in einem weiteren Spektrum betrachten und verstehen zu können. Gibbon trat eben in dieses Klima des ambivalenten und angespannten wissenschaftlichen Verhältnisses ein. Momigliano betrachtet die Gibbons Werk Decline and Fall vorangegangenen Arbeiten zur römischen und griechischen Geschichte und gelangt anhand dessen zu der These, dass „Gibbon der früheste der großen Historiker des Altertums war“ (S. 227). Die Frage nach dieser Rolle innerhalb einer Zeit des geschichtswissenschaftlichen Umbruchs und nach dem Zustandekommen dieser Position beantwortet Momigliano im folgenden. Universalgeschichten, wie die 1766 in England erschienene, und Monographien zu aktuellen Themen waren schon in der Zeit vor Decline and Fall von Bedeutung. Dabei war deren Übersetzung in Fremdsprachen für die internationale Diskussion wichtig. Ein anderer Aspekt war die Bewertung der historischen Arbeiten vor dem Hintergrund des Glaubens der Autoren. Obwohl Gibbons Kapitel 15 und 16 über die Verbreitung des Christentums und die Christenverfolgungen als für seine Zeit provokant und nicht mit der Kirche konform gehend galten, verwendete er als Grundlage dafür auch kirchengeschichtliche Werke, die durchaus von gläubigen Autoren verfasst wurden. Umso schwieriger war es demzufolge für seine Kritiker, sich mit ihren Angriffen gegen seine Kapitel zum Christentum Gehör zu verschaffen. Momigliano führt diese Tatsache auf drei Punkte zurück: zum einen die Offenlegung seines Belegmaterials, die selbst den Kritikern eine Überprüfung des Behaupteten ermöglichte. Zweitens formulierte er eine positive Folge für die Zivilisation aus der These, dass das Christentum das römische Reich zerstört hätte („Europa ist vor jedem künftigen Barbareneinfall sicher, denn bevor sie erobern können, müssen sie aufhören barbarisch zu sein.“ S. 250) und schließlich die Verbindung von einer seriös-sachlichen Darstellung mit seinem unkonventionellen, untergründigem Witz. Momigliano wertschätzt besonders Gibbons Leistung, die Beziehung von Christentum und Zivilisation durch sein Werk beleuchtet und in der Geschichtsschreibung verankert zu haben. Dies tat Gibbon auch, indem er nicht mehr zwischen dem Wert von Kirchengeschichte und profaner Geschichte unterschied, sondern beide Gattungen als gleichwertiges Belegmaterial benutzte. Dabei trat er nicht als scharfer
Arbeit zitieren:
Chrstiane Baltes, 2004, Gibbon und die Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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