Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Interkulturalität. 2
3. Differenz. 4
4. Fremdheit. 4
5. Modi des Fremderlebens. 6
6. Die Postkoloniale Perspektive: Hybridität und dritter Raum 7
7. Deutsch- türkische Literatur 8
8. Biographisches zu Feridun Zaimoglu 10
9. Kanak Sprak 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft 10
10. Definition Kanake/ Kanak Sprak 11
11. Authentizität der Nachdichtungen 12
12. Multikulturalität als Utopie? 13
13. Modi der Fremderfahrung in Kanak Sprak - Analyse ausgewählter
Textstellen. 15
13.1 „Erbarmen is’s wahre Vitamin“ Fikret, 25, arbeitslos 15
13.2 „Die Beschmutzten kennen keine Ästhetik“ Memet, 29, Dichter 16
14. Fazit 18
15. Literaturangaben. 19
15.1 Primärliteratur. 19
15.2 Sekundärliteratur 19
15.3 Internetquellen 20
1
1. Einleitung
Die Türkei steht durch ihre geographische Lage zwischen Europa und Asien, als Land zwischen zwei Kulturkreisen im Interesse der Öffentlichkeit. Viel dazu beigetragen hat auch die kritisch geführte Debatte um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei. Vor allem für Deutschland spielt die Türkei eine große Rolle. Laut dem statistischen Bundesamt lebten 2005 über zwei Millionen Personen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland 1 . Die Türken bilden dabei eine heterogene Gruppe aus bis zu 25 bis 30 unterschiedlichen aus der Türkei stammende Ethnien und Sprachgruppen. Nahezu alle sprechen Türkisch und zusätzlich oft auch ihre ursprüngliche Muttersprache. Die türkische Minderheit ist seit dem deutschen Anwerben von Gastarbeitern in den frühen 60er die zahlenmäßig stärkste in Deutschland und ist dadurch Gegenstand einer jeden Diskussion über Einwanderung und Integration. Im Zuge dieser Konstellation entstand die deutsch-türkische Literatur und bietet einen zentralen Begegnungsraum des Interkulturellen in Deutschland 2 . Diese deutsch-türkische Literatur ist nun Gegenstand dieser Arbeit. Um jedoch einen Diskurs über den Begegnungsraum des Interkulturellen führen zu können, müssen erst zentrale Begrifflichkeiten bezüglich dieses Themas erläutert werden. Aus diesem Grund beschäftigt sich der erste Teil dieser Arbeit mit den zentralen Begriffen der interkulturellen Literaturwissenschaft - Interkulturalität, Differenz und Fremdheit. Hervorgehoben wird hierbei der Begriff der Fremdheit. Danach wird die deutsch - türkische Literatur thematisiert und einer ihrer berühmtesten Autoren Feridun Zaimoglu mit seinem Erstlingswerk Kanak Sprak vorgestellt. Anhand dieses Werkes werden die zentralen Begriffe der interkulturellen Literaturwissenschaft analysiert und die verschiedene Modi der Fremderfahrung dargestellt.
2. Interkulturalität
Um den Begriff Interkulturalität genauer zu bestimmen, muss zunächst eine spezifischere Analyse des Begriffes Kultur vorgenommen werden. Eine allgemein gehaltene Bezeichnung von Kultur schließt die Gesamtheit der geistigen und artistischen Leistungen einer Gemeinschaft ein, die das Wesen einer sozialen Gruppe (politischer Nation, sprachlicher Gemeinschaft etc.) bestimmt 3 . Dabei sind zwei Bestandteile mit Nachdruck herauszustellen: Zum einen der Umstand, dass der Mensch sich mit einer Welt von Symbolen und Bedeutungen umgibt und zum anderen, dass das je spezifische Netz von Symbolen und Bedeutungen als konstitutiv für die Identität einer Gruppe/ eines Kollektivs angesehen wird 4 . Für den Begriff „Kultur“ bieten verschiedene Autoren unterschiedliche
1 Veröffentlichte Studie des statistischen Bundesamtes 2005 über Bevölkerung mit Migrationshintergrund
2 Vgl. Hofmann 2003: 195
3 Ebd.: 9
4 Vgl. Gutjahr 2002: 352
2
Definitionsformen. Clifford Geertz bezeichnet Kultur als „Netz von Bedeutungen, in das der Mensch selber verstrickt ist“ 5 ; Terry Eagleton in seinem Buch „Was ist Kultur?“ beschreibt „Kultur“ als einen „Komplex von Werten, Sitten und Gebräuchen, Überzeugungen und Praktiken, die die Lebensweise einer bestimmten Gruppe ausmachen“ 6 . Ein anderer Bestimmungsansatz liefert uns Doris Bachmann- Medick die „Kultur“ als „eine Konstellation von Texten, die - über das geschriebene oder gesprochene Wort hinaus - auch in Ritualen, Theater, Gebärden, Festen usw. verkörpert sind“ 7 versteht. Die Problematik an einer statischen Sichtweise, wie wir sie in den vorangegangenen Definitionen vorfinden, ist der Eindruck, dass sich eine Kultur einer Gemeinschaft genau bestimmen lässt. Hierbei entsteht der Eindruck einer Homogenität der Kulturen, die jedoch eine intrakulturelle Differenz und Alterität nicht berücksichtigt. Die Kultur einer Gemeinschaft ist aber vielmehr eine heterogene Konstellation, die aus unterschiedlichen kulturellen Orientierungen besteht. Die in diesem Zusammenhang aufkommenden Begriffe „kulturelle Vielfalt“ und „multikulturelle Gesellschaft“ sind an dieser Stelle jedoch auch kritisch zu hinterfragen. Das Ziel dieser Begriffe ist es zwar Kulturen von Migranten, wie z.B. in Deutschland die der türkischen Migranten, anzuerkennen, jedoch besteht dabei die Gefahr diese auf eine kulturelle Identität zu simplifizieren und sie als Addition weiterer Kulturen zu einer Mehrheitskultur zu verstehen. Bei diesem Modell würde es dann nicht zu einer wirklichen Begegnung zwischen den einzelnen Kulturen kommen, sondern vielmehr zu einer Summierung der Eigenschaften. Dem gegenüber steht das Verständnis der interkulturellen Literaturwissenschaft. Hier wird die kulturelle Identität nicht als starrer Zustand beschrieben. Die kulturelle Identität einer Gemeinschaft und die eines Individuums wird hier als jeweils nur provisorisches und zeitweiliges Ergebnis eines unabschließbaren Prozesses dargestellt 8 . Bei aller Feindifferenzierung in der Verwendung des Begriffes Interkulturalität kann als Grundbestimmung festgehalten werden, dass mit Interkulturalität Formen des Austausches zwischen sozialen Einheiten und Individuen gefasst werden, bei denen differente Erfahrungshorizonte, Wertvorstellungen und Handlungsweisen auf die Sozialisierung durch unterschiedliche Kulturen zurückgeführt werden. Unter Interkulturalität versteht man also Interaktionsformen, bei denen die Partner sich wechselseitig als unterschiedlich kulturell geprägt identifizieren 9 .
5 Vgl. Geertz 1983: 9-12
6 Eagleton 2001: 51
7 Bachmann-Medick 1996: 10
8 Vgl. Hofmann 2003: 10/11
9 Vgl. Gutjahr 2003: 15
3
3. Differenz
Kulturelle Differenz ist demnach kein Zustand, der als objektiv bestehende Unterscheidung statischer Gebilde mit klar benennbaren Eigenschaften zu beschreiben ist, sondern vielmehr das Resultat einer Zuschreibung, die sich im Laufe der kulturellen Begegnung ergibt 10 . Die Interkulturalität rückt damit die Unterschiedlichkeit von Kultur als interpretative Leistung der Menschen in den Mittelpunkt. Diese interpretative Leistung bezieht sich dabei auf eine Relation, die von einer Konstruktion eines Zuschreibungsverhältnisses von Eigenem und Fremdem ausgeht. Grundgedanke hierbei ist, dass das Fremde nichts im Voraus Festgelegtes ist und auch keine objektiv messbare Größe definiert, sondern vielmehr erst im Verhältnis zum Eigenen an Kontur gewinnt 11 . Kulturelle Differenz ist also das Ergebnis einer Erkundung des Eigenen und des Fremden, die sich in der interkulturellen Begegnung vollzieht und mit der Differenz überhaupt erst artikuliert werden kann 12 .
4. Fremdheit
Auch das Fremde wird nicht als objektive Eigenschaft eines Menschen oder eines Gegenstandes verstanden. Das Fremde ist vielmehr durch seinen relationalen Charakter bestimmt, d.h. A ist B bezüglich C fremd 13 . Dabei sind die sprachlichen und kulturellen Implikationen des Fremdheitsbegriffes durch seine Vielfältigkeit geprägt. Das Wort fremd weist in der deutschen Sprache ein vielschichtiges und weiträumiges Bedeutungsspektrum auf 14 . Dies drückt sich alleine dadurch aus, dass es in verschiedenen Sprachen mit jeweils anderen Wörtern wiedergegeben werden muss 15 . So ist das entsprechende englische Wortfeld wesentlich ausdifferenzierter als das deutsche. Die englische Sprache bietet gleich mehrer Lexeme an die Aspekte des Wortes fremd ausdrücken, wie z.B. foreign, strange, alien, other u.a. Auch in den klassischen Sprachen Griechisch und Latein findet man keine einsinnige Verbindung. Beide Sprachen besitzen verschiedene Worte, die differenziert die Aspekte des deutschen Wortes fremd erfassen. Dementsprechend deckt sich z.B das griech. xenos bzw. das lat. alienus nicht mit allen Bedeutungsaspekten von fremd 16 .
Über die Beutung von fremd findet man in den betreffenden Wörterbüchern eine Übereinstimmung, die man wie folgt unterteilen kann:
10 Vgl. Hofmann 2003: 11
11 Vgl. Gutjahr 2003: 15
12 Vgl. Hofmann 2003: 12
13 Ebd.: 14
14 Wierlacher 2003: 233
15 Vgl. Hofmann 2003: 14
16 Vgl. Wierlacher 2003: 234
4
1. einem anderen Land, Volk, Ort, einer anderen Gegend, Stadt, Familie angehörend, aus einem anderen Land, Volk, Ort, einer anderen Gegend etc. stammend, von anderer Herkunft;
2. einem anderen gehörend, einen anderen angehend, betreffend, anderer Leute; 3. nicht bekannt, nicht vertraut, unbekannt, unvertraut, ungewohnt, andersgeartet, neu, ungeläufig;
4. nicht zu etwas, jemandem passend, andersartig, fremdartig, seltsam 17 .
Aus dieser Unterteilung kristallisieren sich drei grundlegende Unterscheidungen heraus:
1. Als primäre und fundamentale Bedeutung ist fremd das, was außerhalb des eigenen Bereiches liegt.
2. Die zweite Bedeutung von fremd kann man als das, was einem anderem gehört, wobei in diesem Verständnis auch der Aspekt der Nationalität eine wichtige Rolle spielen kann, bezeichnen.
3. Als letzter Bedeutungsaspekt lässt sich fremd als das, was von fremder Art ist und als fremdartig gilt erläutern. Das Fremde erscheint hierbei als das Unvertraute, als das, was in seiner Erscheinung und vielleicht auch in seiner Art als grundlegend anders von dem Subjekt betrachtet wird, von dem die Bestimmung ausgeht 18 .
Die entscheidende Frage bezüglich des Fremden ist nun inwieweit das Fremde fremd bleiben muss und soll bzw. inwiefern das Fremde vertraut und damit nicht mehr fremd werden kann und soll. Aus dieser Fragestellung lassen sich nun verschieden Facetten der Fremdheit über die rein sprachliche Betrachtung hinaus ableiten. Als prototypische Denkfigur des Fremden ist hier der Tod zu nennen, wobei hier der Umgang mit dem Fremden nicht zu einer Überwindung führen kann. Das Fremde als das noch Unbekannte bezieht sich auf Nicht-Gewusstes, aber auch auf die Möglichkeit des Wissens und des Kennenlernens. Das Fremde als das unbekannte Dritte beruht darauf, dass in einem vertrauten Raum eine unbekannte Person auftaucht, deren „Aufnahme“ als ein kulturelles und soziales Problem erscheint. Diese Erfahrung widerfährt nicht nur jemandem, der die Heimat verlassen will, sondern auch jemandem, der zu Hause bleibt, wird eine Begegnung mit dem Fremden zugemutet bzw. ermöglicht. Gerade im Zuge der Globalisierung tritt diese Facette der Fremdheit immer häufiger auf. Als letzte Facette ist das Fremde als das verdrängte Eigene zu erwähnen. Dabei kann der Gedanke an das Unheimliche zur „Entfremdungs-Erfahrung“ führen, d.h. der Mensch kann sich selbst fremd werden. Laut Freud ist das Unheimliche das verdrängte Eigene das uns Angst
17 Wierlacher 2003: 234
18 Vgl. Hofmann 2003: 15
5
Arbeit zitieren:
Tobias Rohmann, 2008, Interkulturelle Literaturwissenschaft am Beispiel des deutsch-türkischen Werkes “Kanak Sprak”, München, GRIN Verlag GmbH
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