Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 3
2. MACHT UND AUFGABE DER DICHTUNG 3
3. DAS GESPALTENE ICH 7
4. DIE FOLGEN DER BERUFUNG 11
5. LITERATURVERZEICHNIS 15
5.1. PRIMÄRLITERATUR 15
5.2. SEKUNDÄRLITERATUR 15
2
1. Einleitung
Diese Arbeit soll den Versuch machen bisher weitestgehend unabhängig voneinander behandelte Gedichte der Droste parallel zu lesen. Damit wird jenen eine innere Zusammengehörigkeit unterstellt, die schließlich auch aufgefunden werden konnte, doch entzieht sich die Argumentation dem Vorwurf des Zirkelschlusses nicht gänzlich. Hauptsächliches Ziel war es der „Geheimnisebene“ 1 Raum zu schaffen. Wie Peter von Matt sagt „[...]fordert [diese Dichtung] alle Lesekunst und -erfahrung, gerade weil sie so konventionell daher kommt.“ 2 Um diese Anforderung, zumindest im Kleinen, zu erfüllen, wurden manche Spitzfindigkeiten nicht nur geduldet sondern sogar gesucht. Mit der Hoffnung einer allen untersuchten Gedichten zugrunde liegenden Intention gerecht werden zu können. Der untersuchte Corpus ist daher absichtlich klein gehalten worden, damit das je Besondere in den Focus gerückt werden konnte. Oft verbirgt sich nämlich gerade hier, im Detail, das Allgemeine.
Zuerst werden das so genannte Dichtergedicht „Mein Beruf“ 3 und das Gedicht „Das Spiegelbild“ 4 gelesen. Deren Interpretation entscheidende Aspekte zum Verständnis des zweiten Teils von „Der Dichter - Dichters Glück“ 5 (oft auch als eigenständiges Fragment „Locke nicht du Strahl aus der Höh“ betrachtet) beitragen kann.
Hier wird deutlich, dass die göttliche Berufung zur Dichtung leidvolle Auswirkungen auf die Dichterin selbst hat. Sie wird zum Opfer. Zum einen gibt sie sich dabei selbst her. Sie opfert sich. Zum anderen wird sie geopfert, indem Gott sie beruft. Die Dichterexistenz, wie sie die Droste versteht, ist daher, im vollen Sinne des Wortes, tragisch zu nennen.
2. Macht und Aufgabe der Dichtung
Das Gedicht „Mein Beruf“ sollte, nach Vorsehung der Droste, zusammen mit „Meine Todten“ und „Katharine Schücking“ die 1844 bei „Cotta“ verlegte Gedichtausgabe eröffnen. Da das Gedicht inhaltlich eine sehr konkrete und rhetorisch durchdacht dargestellte Vorstellung von Dichtung vertritt, würde es am Beginn eines Buches als eine Art Vorwort
1 Peter von Matt: Das doppelte Gesicht der Annette von Droste-Hülshoff. Über das Gedicht »Die Schwestern«. In: ders.: Die verdächtige Pracht. Über Dichter und Gedichte. München: 1998, S. 239.
2 Ebd., S. 218.
3 Annette von Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe. Werke - Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. I, 1. Gedichte zu Lebzeiten. Text. Tübingen: 1985, S. 97 - 98.
4 Ebd., S. 168 f.
5 Annette von Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe. Werke - Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. II, 1. Gedichte aus dem Nachlaß. Text. Tübingen: 1994, S. 69 f.
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gelesen werden können, ihm käme also eine besondere, programmatische Bedeutung zu. 6 Dass es letztendlich in besagter Ausgabe an marginaler Stelle, unter der Rubrik „Gedichte vermischten Inhalts“ erschien, ist hauptsächlich auf briefliches Anraten Schückings zurückzuführen. 7 Im Antwortschreiben der Droste heißt es: „Gegen die Versetzung der Einleitungsgedichte habe ich Nichts.“ 8 Diese eilig scheinende Zustimmung lässt vermuten, dass der Dichterin nicht unbedingt daran gelegen war, dem Gedicht die oben angesprochene Bedeutung zukommen zu lassen; da Schückings konkrete Beweggründe aber unbekannt sind, ließen sich darüber nur Spekulationen anstellen. 9
Die erste Strophe beginnt mit wörtlicher Rede. Das Ich der Dichtung wiederholt eine zuvor an es herangetragene Frage: „Was meinem Kreise mich enttrieb,/ Der Kammer friedlichem Gelasse?“ 10 Erklärend wird die Motivation dieser Worte nachgeschoben. „Das fragt ihr mich als sey, ein Dieb,/ Ich eingebrochen am Parnasse.“ 11 Das Ich sieht sich mit einem Vorwurf konfrontiert. Dass es dichtet, so scheint es, ist für die anonym bleibenden Frager legitimationsbedürftig. Aber es kann das Recht zu dichten, von höchster Instanz verliehen, verkündet werden. „Bei der Geburt bin ich geladen,/ Mein Recht so weit der Himmel tagt,/ Und meine Macht von Gottes Gnaden.“ 12 Diese inhaltliche Rechtfertigung ist ebenso Bedingung für das Gedicht selbst. Somit muss es bereits als Erfüllung des in ihm formulierten Anspruchs auftreten.
Die Legitimationsbemühungen der Autorin leiten den Text zudem klassisch rhetorisch ein. „So hört denn, hört, weil ihr gefragt[...]“ 13 . Die Figur der captatio benevolentiae 14 wird unübersehbar.
Die expositio auf inhaltlicher Ebene fortführend, wird in der zweiten Strophe der aktuelle Zeitbezug formuliert. Dies ist der zweite Punkt der Legitimation des dichterischen Sprechens der Droste, die Berufung geschieht zu einem bestimmten Zweck. Dichtung wird somit nicht
6 vgl. Ortrun Niethammer: Die programmatischen Einleitungsgedichte zur 1844er Gedichtausgabe der Droste. In: Ein Gitter aus Musik und Sprache. Feministische Analysen zu Annette von Droste-Hülshoff. Hg. v. Ortrun Niethammer und Claudia Belemann. Paderborn: 1992, S. 55 - 62.
7 Der Brief Schückings, indem er den Vorschlag wahrscheinlich unterbreitete, ist verloren.
8 Annette von Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe. Werke - Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. X, 1. Briefe 1843 - 1848. Text. Tübingen: 1992, S. 150; zit. nach: dies.: Historisch-kritische Ausgabe. Werke - Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. I, 2. Gedichte zu Lebzeiten. Dokumentation. Tübingen: 1985, S. 930.
9 An den Beginn der Ausgabe wurden die „Zeitbilder“ gesetzt. Dies kann durchaus mit marktstrategischen Überlegungen des Verlegers in Zusammenhang stehen. Denn der restaurative Standpunkt, der in den „Zeitgedichten“ zum Ausdruck kommt, dürfte sich besser verkauft haben als die Dichtungsprogrammatik und die Problematisierung der Legitimation (auch als Dichterin) in „Mein Beruf“, „Katharine Schücking“ und „Meine Todten“. Ebenso scheint die allerdings tendenziös gegen Schücking gerichtete Interpretation Niethammers eine Möglichkeit darzustellen. vgl. Ortrun Niethammer: Die programmatischen Einleitungsgedichte zur 1844er Gedichtausgabe der Droste. In: Ein Gitter aus Musik und Sprache. Feministische Analysen zu Annette von Droste-Hülshoff. Hg. v. Ortrun Niethammer und Claudia Belemann. Paderborn: 1992, S. 55.
10 Annette von Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe. Werke - Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. I, 1. Gedichte zu Lebzeiten. Text. Tübingen: 1985, S. 97, V. 1 - 2.
11 Ebd., V. 3 - 4.
12 Ebd., V. 6 - 8.
13 Ebd., V. 5.
14 Ortrun Niethammer: Die programmatischen Einleitungsgedichte zur 1844er Gedichtausgabe der Droste. In: Ein Gitter aus Musik und Sprache. Feministische Analysen zu Annette von Droste-Hülshoff. Hg. v. Ortrun Niethammer und Claudia Belemann. Paderborn: 1992, S. 58.
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Arbeit zitieren:
Falk Quenstedt, 2002, Das Opfer der Berufung. Über drei Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff., München, GRIN Verlag GmbH
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