Inhalt
Hinweise zur zitierten Literatur 3
§1
Vorbemerkung 4
§2
Zur Problemstellung: Vermögenspsychologie
und Emanzipation der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert 6
§3
Fundus animae : Reiz (dunkle Perzeption) und Affekt 8
§4
Die Einheit von sinnlicher Rezeption und physiologischem Medium 10
§5
Die Einkraft der Seele 12
§6
Einheit von Erkennen und Empfinden:
Geniekonzept und Schaffensprozeß 15
§7 Nachtrag:
Die Einheit von Mensch und Natur 19
Literaturverzeichnis 21
2
Hinweise zur zitierten Literatur
Folgende Abkürzungen benutze ich im Text:
VEE
J. G. Herder: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, Bemerkungen und Träume (1778), in: Sämtliche Werke in 33 Bänden, ed. Bernhard Suphan, Berlin 1877-1913, Bd. V, S. 169-235
Fassung 1774
J. G. Herder: Uebers Erkennen und Empfinden in der Menschlichen Seele (1774) in: Ibid., pp. 236-262
Folgende Abkürzungen benutze ich im Anmerkungsapparat:
Psychologia empirica
Christian Wolff: Psychologia empirica, methodo scientifica pertractata, quae ea, quae de anima humana indubia experientiae fide constant, Francofurti et Lipsiae 1738 (Reprint Hildesheim 1978)
Psychologia rationalis
Christian Wolff: Psychologia rationalis, methodo scientifica pertractata, quae ea, quae de anima humana indubia experientiae fide innotescunt, Francofurti et Lipsiae
1740 (Reprint Hildesheim 1972)
Gerhardt
Gottfried Wilhelm Leibniz: Die philosophischen Schriften. Hrsg. von C. I. Gerhardt, 7 Bände, Berlin l875-8o (Reprint Hildesheim 1960-79)
3
§1 Vorbemerkung
Die philosophische Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften schrieb unter dem Vorsitz Johann Georg Sulzers 1773 eine Preisfrage aus, die 1. das Verhältnis von Erkennen und Empfinden als einer "zwiefachen Kraft der Seele" 1 untersucht wissen wollte, und 2. die Frage nach der Wirkung dieser "beyden Seelenkräfte" 2 auf das zu dieser Zeit heftig diskutierte Phänomen "Genie" zur Debatte stellte. Daß der Komplex von Erkenntnis und Empfindung im Rahmen einer dualistischen Sichtweise abgehandelt werden sollte, war nicht weiter verwunderlich: Schon 1763 hatte der Initiator J. G. Sulzer einen Aufsatz mit ähnlichen inhaltlichen Gewichtungen publiziert, 3 in dem er sämtliche Wirkungen der menschlichen Seele auf zwei Grundvermögen, sc. Vorstellung und Empfindung, zurückführte. Sulzers Schrift untersucht, wie beide Komponenten jeweils getrennt operieren, betont aber, daß die Seele "gemeiniglich (...) diese beyden Vermögen zugleich" 4 ausübt. An dem ausgeschriebenen Thema beteiligte sich 1774 auch Johann Gottfried Herder. Sein Beitrag mit dem Titel "Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele" enthüllte jedoch einen gänzlich anders gearteten inhaltlichen Ansatz: Entgegen der akademischen Vorgabe setzte Herder Erkenntnis und Empfinden als Eine Seelenkraft und negierte somit die Intention der Akademie. Projekt und Ausführung verkündete er am 5. August 1774 in einem Schreiben an Friedrich von Hahn.
"Was ich an die Preisfrage bisher gedacht, ist nicht der Rede werth: den medius terminus aber der beiden Sätze, die ich, wie sie für identisch halte (erkennen und genießen); habe ich bisher noch nicht anders als ein Wesen Eines Geistes, und, wie ichs hier entwickeln werde, eines eingeschränkten, sich vervollkommnenden Geiste finden können." 5
Herders unmittelbarer Beitrag zum Thema der Akademie umfaßte zwei jeweils überarbeitete Versionen; eine dritte, weitaus detailliertere Fassung erschien (freilich ohne direkten Bezug zur Preisfrage) 1778 anonym. Seinem frühen, 1774 fertiggestellten Traktat, folgte 1775 eine erweiterte Umarbeitung, da die Berliner Akademie aufgrund inhaltlich nicht zufriedenstellender Einsendungen das Thema im Jahre 1775 erneut
1 Im Vorwort seiner 1786 in Berlin veröffentlichten Preisschrift "Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens" wiederholt J. A. Eberhard den genauen Wortlaut der akademischen Fragestellung; cf. ibid., Berlin
1786, p. 14 f. (Repr. Brüssel 1968)
2 Ibid.
3 Der Aufsatz trägt den Titel "Anmerkungen über den verschiedenen Zustand, worinn sich die Seele bey Ausübung ihrer Hauptvermögen, nämlich des Vermögens, sich etwas vorzustellen und des Vermögens zu empfinden, befindet." in: J. G. Sulzer, Vermischte philosophische Schriften, Leipzig 1773, pp. 225-243 (Repr. Hildesheim 1974)
4 Ibid., p. 225ff.
5 Zitiert nach: R. Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, Berlin 188o, p. 665
4
ausschrieb. 6 In beiden Fällen (1774 und 1775) blieb Herder der Preis versagt. Ein Schreiben an J. G. Zimmermann vom 28. Dezember 1775 bezeugt, daß er mit diesem Ergebnis, im Hinblick auf seine inhaltlichen Prämissen und Argumentationen, gerechnet hatte: "Ich kann den Preis nicht erhalten, denn ich habe das Gegenteil von dem bewiesen, was die Akademie will..." 7
1776 wurde dagegen J. A. Eberhards themenkonformer Arbeit "Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens" der Hauptpreis zuerkannt. Zwei Jahre später veröffentlichte Herder die dritte und endgültige Version unter dem Titel "Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele; Bemerkungen und Träume", die auch textliche Grundlage der vorliegenden Arbeit sein soll. Wo es der faktisch und argumentativen Prägnanz dienlich erschien, habe ich allerdings auch das Frühkonzept von 1774 berücksichtigt.
Herders Thesen verstehen sich weitestgehend als Kritik und auch Korrektiv der in Deutschland noch wirksamen rationalistischen Schulphilosophie Leibniz' und Wolffs. Dementsprechend nimmt Herder auf deren Inhalte und Terminologie ständigen Bezug. Daher orientiert sich die Struktur der vorliegenden Untersuchung auch explizit an meines Erachtens notwendigen faktischen Ergänzungen aus dem Bereich der rationalistischen Tradition, die ich, dem jeweiligen argumentativen Kontext gemäß, zur Erhellung der Gesamtproblematik in den Fußnoten angeführt habe.
6 Ausführlicher dargelegt von Haym, op. cit., p. 668 ff.
7 Ibid. zitiert, p. 669
5
§2 Zur Problemstellung: Vermögenspsychologie und Emanzipation der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert
Im Zuge der verstärkten Rezeption der empiristisch orientierten englischen Philosophie kommt es Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu einer eigentümlichen Synthese von bislang eher pejorativ bewerteten Erkenntniselementen wie Sinnlichkeit, Reiz und Empfindung und wichtigen theoretischen Positionen der rationalistischen Schulphilosophie. Für die Entwicklung der Ästhetik in Deutschland war diese schrittweise Emanzipation des Sinnlichen als eigenständiges Erkenntnispotential neben der Verstandeskraft ausschlaggebend. Schon der Wolff - Schüler Georg Bernhard Bilfinger machte in seinen "Dilucidationes philosophicae" von 1725 auf die Nützlichkeit einer Logik des sogenannten "unteren Erkenntnisvermögens" aufmerksam. 8 Alexander Gottlieb Baumgarten manifestierte schließlich das Reich des Sinnlichen, Imaginativen in einer neuen, selbständigen Wissenschaft, der Ästhetik. Die Anregung Bilfingers wird im § 533 der Metaphysik Baumgartens zur ausdrücklichen "logica cognoscitivae facultatis inferioris" verarbeitet. 9 Damit ist der rein logoszentrierte Erkenntnishorizont der rationalistischen Schulphilosophie zwar in Frage gestellt, jedoch keineswegs seiner theoretischen Legitimationsfunktion gänzlich enthoben; weiterhin bleibt das metaphysische Grundgerüst von Ontologie, Seelenpsychologie und Erkenntnislehre in wesentlichen Teilbereichen bestehen. Indessen wird die Funktion der Sinnlichkeit nunmehr der Vernunfterkenntnis angeglichen, indem sie, mit der Logik kombiniert, nicht mehr nur als bloßer Reiz oder Denkprämisse fungiert, sondern sich in Form eines definitorisch stärker gewichteten analogen rationis zu einer spezifischen Logik entfalten kann. 10 Ästhetik im 18. Jahrhundert ist also in erster Linie spezielle Erkenntnistheorie und praktische Psychologie: Die neue wissenschaftliche Disziplin untersucht dezidiert die Möglichkeiten sinnlicher Erkenntnis und setzt diese (sofern es rationalistische Ästhetik ist) in
8 So Bilfinger im § 268: "Vellem existerent, qui circa facultatem sentiendi, imaginandi, attendendi, abstrahendi, & memoriam praestarent, quod bonus ille Aristoteles, adeo hodie onmibus sordens, praestitit circa intellectum: hoc est, ut in artis formam redigerent, quicquid ad illas in suo usu dirigendas, & iuvandas pertinet & conducit; quemadmodum Aristoteles in organo Logicam, sive facultatem demonstrandi redegit in ordinem. Neque enim ista aut impossibilia esse putem, aut inutilia." cf. G. B. Bilfinger, Dilucidationes philosophicae de Deo, anima humana, mundo, et generalibus rerum affectionibus, Tubingae 1725, § 268 (Repr. 1982)
9 Die explizite Definition der Ästhetik lautet: "Scientia sensitive cognoscendi et proponendi (!) est AESTHETICA (Logica facultatis cognoscitivae inferioris, Philosophia gratiarum et musarum, gnoseologia inferior, ars pulchre cogitandi, ars analogi rationis)," A. G. Baumgarten, Metaphysica, Halae 1779, § 533 (Repr. Hildesheim 1963)
10 Zweifelsohne erfährt der Begriff des analogon rationis durch Baumgarten eine spektakuläre und innovative Neubewertung. Dagegen versteht Christian Wolff unter dem Terminus noch das bloß Vernunftähnliche, das er als einen "bloß in den Sinnen, der Einbildungskraft und dem Gedächtnisse" gegründeten Induktionsschluß definiert und im Verhalten der Tiere zu beobachten vermeint, cf. Chr. Wolff, Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen (Deutsche Metaphysik), Halle 1751, § 377 (Repr. Hildesheim 1983)
6
Arbeit zitieren:
M.A. Frithjof Böhle-Holzapfel, 1990, "Einkraft der Seele", München, GRIN Verlag GmbH
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