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Ludwig-Maximilians-Universität
Historisches Seminar/ Abteilung für Neure und Neueste Geschichte
Hauptseminar: Der NS in historischen Ausstellungen, Sommersemester 2008
,,Unwissenschaftliche Wissenschaft?"
- Debatten um die erste ,,Wehrmachtsausstellung"
von Felix Müller
M.A.: Politologie/ Neuere und Neueste Geschichte/Soziologie
Fachsemester: 8.
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Inhaltsverzeichnis
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EINLEITEND ZUM THEMA...3
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DEBATTE...3
2.1
Zentrale Kritikpunkte... 4
2.2
Verlauf der Debatte... 5
2.2.1
Ruhe vor dem Sturm: Rezeption vor München ... 5
2.2.2
Die Stimmung kippt: München ... 6
2.2.3
Von München zu Reemtsmas Rückzieher und darüber hinaus ... 8
3
AKTEURE IN DER DEBATTE ...12
3.1
Ausstellungsmacher... 12
3.1.1
Medien ... 13
3.1.2
Wissenschaft ... 15
3.1.3
Ausstellungsbesucher... 17
4
KRITIK/ THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ...19
4.1
Zur Rolle der Geschichtswissenschaft ... 19
4.2
Fotos als Quelle in der Ausstellung ... 20
4.3
Ein Generationenkonflikt?... 24
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EIN PARADIGMENWECHSEL? SCHLUSS...26
6
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS ...29
3
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Einleitend zum Thema
Die Ausstellung ,,Vernichtungskrieg" ist zweifelsohne ein Phänomen. Als das Hamburger
Institut für Sozialforschung (HIS) die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht am 5.
März 1995 das erste Mal eröffnete, konnte niemand damit rechnen, welch hohe Wellen sie
einmal schlagen sollte. 900 000 Besucher haben die bald so genannte
,,Wehrmachtsausstellung" gesehen, die Schau des Hamburger Instituts hat
Großdemonstrationen, Bundes- und Landtagsdebatten, Gerichtsprozesse nach sich gezogen
und über Monate hinweg die Leserbriefspalten der Zeitungen gefüllt all das aber
interessanterweise erst, nachdem die Ausstellung bereits fast zwei Jahre durch die Lande zog,
ohne besondere Aufmerksamkeit erregt zu haben. Was war geschehen? Und wie schwer
wiegen die Vorwürfe gegen die Ausstellungsmacher fast zehn Jahre nachdem Jan Philipp
Reemtsma die Ausstellung am 4. November 1999 zurückzog? Wie ist die Rolle der
Geschichtswissenschaft zu beurteilen, wie die der Medien? Hat die Ausstellung der
Geschichtskultur in der Bundesrepublik gut oder schlecht getan? das sind die Fragen, um
die sich diese Arbeit drehen soll. Dabei werde ich die Rolle der Wehrmacht in Bezug auf die
Shoah
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nur am Rande streifen, vielmehr geht es mir um eine Auseinandersetzung mit der
Debatte um die Ausstellung. Dies kann sinnvoll nicht geschehen, indem man die Situation der
bundesrepublikanischen Geschichts- und Gedenkkultur Mitte der 90er Jahre völlig außen vor
lässt, letztendlich soll es aber doch um die Ausstellung gehen. Wie konnte eine Ausstellung so
viel Staub aufwirbeln?
2 Debatte
Was die Ausstellungsmacher auslösen wollten, das haben sie ausgelöst zumindest zum Teil.
Die Beteiligung der Wehrmacht an Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wurde öffentlich
thematisiert, die Shoah war plötzlich nicht mehr nur das industrielle Töten in den Lagern,
ausgeführt durch die SS, sondern auch Erschießung oder Erhängung durch
Wehrmachtssoldaten. Was den Ausstellungsmachern nicht gelungen ist, ist, im Diskurs zu
verankern, dass es nicht das Ziel der Ausstellung sei, ,,ein verspätetes Urteil über eine ganze
Generation ehemaliger Soldaten zu fällen",
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wie es Hannes Heer und seine Mitstreiter gleich
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Im Verlauf der öffentlichen Debatte um die gleichnamige US-Fernsehserie etablierte sich Ende der 70er Jahre
der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff ,,Holocaust" auch im deutschen Sprachgebrauch.
Problematisch ist die Begrifflichkeit u.a. wegen ihrer Unschärfe (vgl. ,,Holocaust" bei Eitz), aber auch wegen der
ursprünglich religiösen Bedeutung ,,Brandopfer". In dieser Arbeit verwende ich deshalb bewusst alternativ den
hebräischen Ausdruck ,,Shaoh" für das, wofür die deutsche Sprache kein eigenes Wort finden konnte. (vgl. auch
Metraux, 317f.)
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Ausstellungskatalog, S.7.
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zu Beginn der Ausstellung betonten. Die Vernichtungskriegsausstellung zeigte weder ein
Gesamtbild des Zweiten Weltkriegs, noch eines der Wehrmacht, darin lag auch gar nicht die
Intention der Ausstellungsmacher.
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Sie war eigentlich nicht als ,,Enzyklopädie" zu betrachten,
sondern beschränkte sich auf den Aspekt ,,Vernichtungskrieg", es sollte kein Gesamtbild
gezeichnet oder der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, sondern bestimmte
Aspekte im Bezug auf das Verbrechen und den Umgang mit diesem verdeutlicht werden.
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So
war die offizielle Intention der Ausstellungsmacher. Wie zu sehen sein wird, ist ihnen die
Vermittlung dieser Punkte im Verlauf der Debatte keineswegs gelungen oder sie sollte gar
nicht gelingen.
Anhand von drei Fallstudien wollten die Ausstellungsmacher die Richtigkeit ihrer These von
der Wehrmacht als verbrecherische Organisation belegen:
- im Militärverwaltungsbezirk Serbien wurden innerhalb des ersten Kriegsjahres 1941 alle
männlichen Juden im Rahmen der ,,Partisanenabwehr" als Geiseln verhaftet und dann
sukzessive ermordet,
- die 6. Armee leistet der SS tatkräftige Hilfe beim Judenmord durch strategische Hilfen,
aber auch durch Erschießungen von Juden in der Ukraine,
- der Rassenkrieg in Weißrussland gegen Juden und ,,slawische Untermenschen".
Alle drei Teilbereiche wurden primär durch Fotos gestaltet. Im vierten Bereich ,,Die Bilder
der Nachkriegszeit" wurde vom schwierigen Umgang mit der Vergangenheit in der
Nachkriegsgesellschaft berichtet. Eine Besonderheit war das ,,Eiserne Kreuz": Vier
Stellwände waren so zusammengestellt, dass sie ein solches Kreuz bildeten. An den
Außenseiten waren Propagandatexte zu lesen, im Inneren des Kreuzes waren Bilder von
Verbrechen zu sehen.
2.1 Zentrale
Kritikpunkte
Die Ausstellung war mit den verschiedensten Vorwürfen konfrontiert, wobei immer zu
beachten ist, wer wann was zu kritisieren hatte. Einleitend möchte ich die zentralen Vorwürfe
gegen Reemtsmas Ausstellung nennen, anschließend den Verlauf der Debatte aufzeigen und
danach untersuchen, welche Rolle die verschiedenen Akteure in der Debatte gespielt haben.
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Vgl. Immenroth, S.41.
4
Vgl. Immenroth, S.41.
5
Die fünf Hauptvorwürfe gegen die Ausstellung waren
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:
- das Relativierungsargument: alle Kriege seien schlimm,
- das Pauschalisierungsargument: die Ausstellung fälle ein Pauschalurteil über alle
Wehrmachtssoldaten,
- das Opferargument: Wehrmachtssoldaten seien selbst Opfer des Krieges gewesen,
- das Objektivitätsargument: die Ausstellung sei nicht wissenschaftlich fundiert und
verzerre das Geschichtsbild,
- das Fälschungsargument: Die Ausstellung manipuliere. Schrift-, Ton- und Bilddokumente
seien gefälscht worden.
2.2 Verlauf der Debatte
Die Ausstellung ,,Vernichtungskrieg" wurde am 5. März 1995 in Hamburg eröffnet und
danach insgesamt in 33 deutschen und österreichischen Städten gezeigt, fast 900 000
Menschen haben sie besucht. Weitere Ausstellungstermine im In- und Ausland waren bis ins
Jahr 2005 geplant. Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang ist, dass die gesamte
von mir gesichtete Literatur zum Thema argumentiert, die Ausstellungsmacher hätten von
Anfang an die Intention gehabt, einen gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu setzen den über
die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg. Hannes Heer selbst schreibt jedoch im
Rückblick, die Ausstellung sei gar nicht als Wanderausstellung konzipiert gewesen und hätte
sich ursprünglich an ein wissenschaftliches Publikum gerichtet.
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2.2.1 Ruhe vor dem Sturm: Rezeption vor München
Die Ausstellung wurde nach ihrer Eröffnung zunächst verhalten-positiv in der Presse
aufgenommen. ,,Die wichtigste historische Ausstellung seit langem"
7
, allerdings war von
Anfang an die Rede von einem Tabubruch und vom Ende der Legende von der ,,sauberen
Wehrmacht."
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Medial war damit der Grundstein für die späteren Debatten gelegt, obwohl sich
aus der Wissenschaft und von Seiten der Ausstellungsbesucher noch nicht viel rührte. Kritik
kam etwa von Soldatenverbänden, für die die Ausstellung eine Provokation sondersgleichen
darstellte, lebt die Subkultur dieser Verbände doch aus der gemeinsamen Erinnerung an den
5
So fasst sie etwa Immenroth auf S.24 zusammen, sinngemäß ergeben sie sich aber quasi in allen
wissenschaftlichen Texten, die sich mit der Rezeption der Ausstellung auseinandergesetzt haben
6
Heer Verschwinden, S.17.
7
zit. nach Heer Medusa, S.246.
8
Vgl. etwa Jureit Generationenprojekt, S.161.
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Zweiten Weltkrieg als eine Zeit der Bewährung von Kameradschaft, Pflichterfüllung,
Tapferkeit, Ehre und Opferbereitschaft, der Bewährung von zeitlos gültigen ,,soldatischen
Tugenden", an denen man sich guten Glaubens orientiert habe, aber von der NS-Führung
missbraucht worden sei.
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Wirkliches Gewicht bekamen die kritischen Stimmen aber erst ab
Anfang 1996, als auch aus der ,,seriösen Presse" zunehmend kritische Anmerkungen zu
vernehmen waren. Beispielhaft sei Günther Gillessen genannt, der in der FAZ argumentierte,
er verwehre sich gegen die einseitige und pauschale Schuldzuweisung an die Wehrmacht
die SS sei für die Verbrechen verantwortlich gewesen, Übergriffe wie im Partisanenkrieg
seien nur in Reaktion auf Stalins brutale Kriegsführung hinter den deutschen Linien erfolgt,
die Ausstellung sei kein wissenschaftlicher Beitrag, sondern nur ein ,,Pamphlet", das einem
,,Bedürfnis der Betroffenheit" und einem nach Anlässen förmlich süchtigen
,,Schuldempfinden" entspreche.
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Zeitgleich veröffentlichte der ehemalige Fernseh-Journalist
Rüdiger Proske eine Polemik, in der er die Ausstellungsmacher als ,,Altkommunisten" und
,,Spät-68er" bezeichnete und als ihre Zielsetzung eine ,,Diffamierung der Bundeswehr"
ausmachte.
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Auf der Bonner Hardthöhe schien man die Sache ähnlich zu sehen, nachdem vermehrt die
Kritik laut wurde, das HIS strebe eine ,,pauschale Diffamierung" aller Wehrmachtssoldaten
an, verbot Verteidigungsminister Rühe den Gliederungen der Bundeswehr jeden öffentlichen
Kontakt mit Reemtsmas Schau.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Debatte um die Ausstellung trotz des großen
Besucherinteresses zunächst nur regional und punktuell stattfand. So schrieb der Historiker
Klaus Naumann im Januar 1996: ,,Nach den Regeln öffentlicher Theamatisierungsstrategien
hätte die Ausstellung einen Skandal hervorrufen können. Die Themendefinition war präzise
und provokativ, die Problematisierung der moralischen Diskrepanz zwischen Sein und Sollen
zugespitzt, persönliche Betroffenheit und lebensweltliche Bezüge unübersehbar, die
normative Aufladung beträchtlich und zum `Nachrichtenfaktor` reichte es allemal. Dennoch
blieb der Skandal aus."
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Wenige Wochen später hätte diese These sicher niemand mehr
vertreten.
2.2.2 Die Stimmung kippt: München
Wichtig für das Verständnis der zweiten Phase ist, zu wissen, dass mit der Debatte um
Goldhagens Buch das Thema ,,deutsche Täter" zumindest in interessierten Kreisen plötzlich
weit oben auf der Agenda stand sich aber auch als ausgesprochen brauchbar für mediale
Skandalisierungen gezeigt hatte. Der ,,Popstar Goldhagen" hat der Vernichtungskriegs-
9
Vgl. Latzel, S.325f.
10
zit. nach Heer Medusa, S.246.
11
Heer Medusa, S.246.
12
Zit. nach Grittmann, S.341.
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Ausstellung damit gewissermaßen einen Weg für ihre außerordentliche Beachtung und
Polarisierung geebnet. Und das nicht nur, weil die Thematik eine ähnliche war, auch die
Argumentation von Goldhagens ,,Vernichtungsantisemitismus" glich der des HIS. ,,Die
Ausstellung wirkte, als habe man Goldhagens Thesen ins Bild gesetzt."
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Bundesweite Aufmerksamkeit brachte der Ausstellung aber erst die ,,Fundamentalopposition"
ein, die der lokale CSU-Chef Peter Gauweiler im März 1997 im Vorfeld der
Ausstellungseröffnung in München initiierte.
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Eigentlich war Gauweilers Ziel gewesen, das
Interesse an der Ausstellung zu ersticken. ,,Wie bei früheren Versuchen endlich einen
Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen", schreibt Thamer, ,,endete auch dieser
Versuch eine Debatte zu verhindern mit dem Gegenteil der ursprünglichen
Intention."
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Spätestens jetzt wurde die Ausstellung in der Öffentlichkeit verkürzt und
missverständlich als ,,Wehrmachtsausstellung" bezeichnet, was den Eindruck erweckte, es
handele sich um eine Auseinandersetzung mit der Wehrmacht schlechthin.
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Der Streit hatte sich etwas verkürzt dargestellt - um die Frage entfacht, ob die Ausstellung
im Münchner Rathaus gezeigt werden dürfe. OB Ude fand ja, und der Stadtrat letztendlich
auch. Die CSU aber war unter Gauweiler bereits auf radikalen Oppositionskurs gegangen.
Kultusminister Zehetmair ging sogar so weit, die Ausstellungsmacher indirekt für
Rechtsextremismus mitverantwortlich zu machen: ,,Angesichts der Diskussionen der letzten
Wochen ist (...) festzustellen: Millionen Kriegsteilnehmer unterschiedslos treffende und
diskriminierend wirkende Bewertungen verletzen einen großen Teil der älteren Generation,
reißen neue Gräben auf und schaffen unbelehrbaren Ewig-Gestrigen neuen Nährboden."
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An
Hunderttausende Münchner Haushalte schickte Gauweiler einen Brief, in der er den ,,lieben
Münchnerinnen und Münchnern" darstellte, worum es seiner Meinung nach in der Debatte
ging.
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Auch er erhob den Vorwurf eines Pauschalurteils über alle ehemaligen
Wehrmachtsangehörigen, argumentierte aber auch gegen Reemtsma und Heer selbst: ,,Auch
persönlich sind die Ausstellungsmacher für ihr `Richteramt`, das sie sich über einer ganzen
Generation anmaßen, nicht qualifiziert." Hannes Heer sei als aktiver Kommunist, zeitweiliges
DKP-Mitglied und ,,Agitator gegen den demokratischen Rechtsstatt" in Erscheinung
getreten, argumentierte Gauweiler. Reemtsma habe sich als Geldgeber der ,,berüchtigten
Hamburger Hafenstraße" einen Namen gemacht, jenem ,,Zentrum autonomer Militanz in der
Bundesrepublik, von dem zahllose Angriffe gegen den demokratischen Rechtsstaat in
Deutschland ausgegangen sind", rückte er Reemtsma in die Nähe des Terrorismus. Sein ,,so
genanntes Institut", das in Wahrheit ein privater Verein sei, der mit den Instituten einer
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Jeissmann, S.231.
14
Vgl. Thamer, S.176.
15
Thamer, S.176.
16
Vgl. Thamer, S.176.
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SZ vom 15.2.97, zit. nach Prantl, S.245.
18
Der komplette Brief ist dokumentiert in Prantl, S.317ff.
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Universität nichts zu tun habe, beschäftige unter anderem einen ,,Baader-Meinhof-
Terroristen". Der rot-grünen Rathauskoalition warf er vor, ,,diese Veranstaltung in den Rang
eines kommunalen Staatsaktes" zu erheben. Auch die Presse nahm Gauweiler aus seinem
Rundumschlag nicht aus. Die SZ und die Münchner Boulevardzeitung AZ hätten sich ,,nicht
als Berichterstatter, sondern als Agitatoren der Aussteller und ihrer rot-grünen
Bundesgenossen" begriffen. Die deutsche Geschichtsschreibung sei ,,der Aufklärung
verpflichtet und nicht dem Pamphlet". Dabei, so Gauweiler an seine ,,lieben Münchner" bitte
er sie, ihn zu unterstützen.
Das alles sowie die etwas ruhigeren Reaktionen der kommunalpolitischen
Ausstellungsbefürworter gleichwohl warf man Gauweiler vor, am rechtsextremen Rand zu
fischen ging einher mit einem geradezu explodierenden Besucherinteresse. Insgesamt 90
000 Interessierte strömten alleine in das Münchner Rathaus, darunter gut und gerne 20 000
Schüler_innen.
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Unter den Augen der Fernsehnation standen die Menschen über den
gesamten Marienplatz Schlange, wo stets auch ehemalige Wehrmachtssoldaten mit einem
Interesse an Diskussionen bereitstanden.
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Das erste Mal in der Geschichte der Ausstellung kam es in München auch zu
Demonstrationen und Ausschreitungen. 5000 Alt- und Neonazis zogen im März in einer
Demonstration für die Ehre der Wehrmachtssoldaten durch die Innenstadt, nur mit Mühe
konnte die Polizei ein Aufeinandertreffen mit der Gegendemonstration verhindern. ,,Die
Münchner Ereignisse führten zu einer Isolation der rechtskonservativen Gegner", schreibt
Hannes Heer im Rückblick.
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Dieser Einschätzung möchte ich widersprechen, eher haben die
,,Münchner Ereignisse" zu einer Polarisierung und Ideologisierung der Debatte geführt,
vermehrt kamen nun auch in den seriöseren Medien kritische Stellungnahmen in Bezug auf
die Aussage und die Konzeption der Ausstellung zu Wort.
2.2.3 Von München zu Reemtsmas Rückzieher und darüber
hinaus
Wie sehr die Debatte um die Ausstellung des HIS ,,seit München" zu einer
gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung um und mit der eigenen Vergangenheit wurde,
zeigte sich auch daran, dass neben verschiedenen Landesparlamenten sich am 13.März 1997
auch der Bundestag der Thematik annahm. Abgeordnete aller Parteien versuchten sich zum
Teil unter Tränen in ganz persönlicher Weise diesem offiziell nie eingestandenen Thema
deutscher Schuld zu nähern. ,,Die Debatte über die Rolle der Wehrmacht ist schwierig und
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Zahlen nach Heer Medusa, S.247.
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Michael Skasa schrieb in Bezug auf die Massen an Schülern, die die Ausstellung in München besuchten in der
ZEIT vom 14.3.97: ,,Kommen sie dann wieder raus, verstehen sie erst recht die Empörung der Alten auf dem
Marienplatz nicht mehr, die von ,,Diffamierung und Pauschalisierung" schnauben, weil sie die Bilder und Texte
drinnen nicht kennen.", zit. nach Prantl, S.323.
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Heer Medusa, S.247.
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