Gliederung
1. Einleitung: Handlungs- und Produktionsorientierter Unterricht
2. Grundlagen: Rezeptionsästhetik
2.1. Der literarische Text
2.1.1. Produziertheit
2.1.2. Intertextualität
2.1.3. Unbestimmtheitsstellen
2.2. Der literarische Leser als Koproduzent
3. Konzepte des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts
3.1. Gerhard Haas
3.2. Wolfgang Menzel
3.3. Kaspar H. Spinner
4. Ziele und Vorteile von handlungs- und produktionsorientiertem Literaturunterricht
4.1. Lerngegenstand
4.2. Persönlichkeitsentfaltung der Schüler
4.3. Verbesserung des sozialen Klimas im Unterricht
5. Handlungs- und Produktionsorientierter Unterricht in der Diskussion
6. Methodische Aspekte
6.1. Wann kann ich handlungs- und produktionsorientierte Methoden einsetzen?
6.2. Was muss ich bei der Vorbereitung beachten
6.3. Wie gehe ich mit den Schülerproduktionen um
6.4. Bewertung von handlungs- und produktionsorientierten Aufgaben
7. Abschließende Bemerkungen
8. Anhang
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Was ist eigentlich unter handlungs- und produktionsorientiertem Unterricht zu verstehen? Um uns diesem relativ jungen Konzept der Didaktik aus den 80er Jahren zu nähern, wollen wir seine beiden wesentlichen Komponenten heranziehen. Die Idee des Handelns impliziert aktives Tätigsein im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel. Dazu kommt die zweite Komponente, nämlich die Produktion. Das bezieht sich darauf, dass die Schüler nicht nur nachvollziehen und nachbilden, sondern gleichzeitig eigene Texte schaffen und selbst kreativ gestalten. In den Worten von Gerhard Haas: „Hauptziel ist immer zuerst die Herstellung eines engen, intensiven Kontakts mit dem Text durch handelndes Reagieren auf ihn und produktives Agieren mit ihm.“ 1 In der Produktion von neuen, mehr oder weniger literarischen, auf jeden Fall aber eigenen Texten können die Schüler erfahren, wie und mit welcher Wirkung sie selbst literarische Formen verwenden können. Besonders wichtig ist, dass mit Hilfe von handlungs- und produktionsorientierten Verfahren die traditionelle Kluft zwischen Theorie und Praxis überwunden wird, so dass der Schwerpunkt nicht mehr nur auf der Kopfarbeit liegt, sondern alle Sinne mit eingebunden werden und auch „Handarbeit“ geleistet wird. Diese Art des „learning by doing“ entspricht auch den Erkenntnissen der Lernpsychologie. Außerdem verspricht man sich, auf diese Weise die Schule ein wenig näher an das wirkliche Leben heran zu führen. Denn natürliches Lesen ist immer auch ein aktives Mitgestalten der Sinnzusammenhänge eines Textes. Eine handlungs- und produktionsorientierte Unterrichtsgestaltung zielt also auf eine ganzheitliche schüleraktive Form der Wissensvermittlung ab. Sie stellt den Anspruch, nicht bloßes Wissen zu vermitteln, sondern dieses Wissen „Erfahrung“ werden zu lassen. Die Schüler sollen also Literatur und deren Besonderheit nicht nur kognitiv-analytisch lernen, sondern auch sinnlich erfahren und verstehen können. Man will zurückkehren zu dem ursprünglichen Zweck von Literatur und die Schülern wieder Lesegenuss lehren. Denn traditionelle Methoden, wie die der Textanalyse, liegen weit entfernt von einem natürlichen Lesen und von wirklichem Spaß an Literatur.
Wir wollen nun etwas genauer darauf eingehen, aus welchem Grund gerade der Lerngegenstand „Literatur“ die Forderung nach einem produktiven Umgang mit ihm nahe legt. Dabei legen wir besonderes Augenmerk auf den literarischen Text in seiner Eigenschaft als etwas bewusst „Gestaltetes“. Als zweiten Punkt werden wir darauf eingehen, warum
1 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht: Grundriss einer produktiven Hermeneutik. 1998. In: Deutschdidaktik aktuell. Hrsg. von Günter Lange, Karl Schuster, Werner Ziesenis. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. S. 53
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folglich auch das „literarische Verstehen“ 2 am sinnvollsten über produktive und handlungsorientierte Verfahren eingeleitet werden kann. Ich folge hier im wesentlichen der Zusammenfassung rezeptionsästhetischer Grundlagen von Günter Waldmann. Die Idee des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts fußt nämlich auf der Auffassung, wie sie von Hans Robert Jauß vertreten wird, „dass ein Kunstwerk sich erst im Akt der Rezeption vollendet. Gleich einer Partitur bedarf der einzelne Text der Inszenierung durch die Phantasie des Lesers, um wirklich zu werden.“ 3 Damit wird die Bedeutung des individuellen Leseaktes betont.
Zuerst jedoch wenden wir uns dem Basis des Literaturunterrichts zu: dem literarischen Text. Was macht einen Text zu einem literarischen Text? Ein wesentliches Merkmal des literarischen Textes ist seine „Produziertheit“ 4 , in dem Sinne, dass der literarische Text von einem Autor bewusst gestaltet wird. Jeder Autor wählt bewusst bestimmte Ausschnitte aus der ihm bekannten Wirklichkeit aus, um aus ihnen eine Erzählung, ein Drama oder ein Gedicht zu machen. Er bildet diese Ausschnitte jedoch nicht einfach nur ab, sondern kombiniert sie neu, formt sie um, verändert sie, und schmückt sie mit seiner eigenen Phantasie aus. Er greift also gestaltend in diese Versatzstücke der Wirklichkeit ein. Die Produktion eines literarischen Werkes ist jedoch kein „willkürliches Jonglieren mit Wirklichkeits- und Phantasieteilen“ 5 . Ganz im Gegenteil, der Autor richtet sich nach literarischen Regularitäten und wendet ganz bestimmte Techniken an: er verwendet Stilmittel; er benutzt eine literarische Sprache; er setzt den Inhalt seines Werkes in eine entsprechende literarische Form und erzielt auf diese Weise eine bestimmte Wirkung; er wählt eine bestimmte Erzählhaltung aus; er entscheidet sich für eine oder mehrere Perspektiven, etc. Die Gestalt und der Inhalt des Textes sind demnach immer das Produkt einer vom Autor getroffenen Auswahl aus einer Reihe von alternativen Möglichkeiten; „aus seinem literarischen Repertoire, aus dem gegenwärtigen oder traditionellen literarischen Fundus; aus literarischen Vorbildern der Vergangenheit und der Gegenwart; aus früheren eigenen Versuchen, aus Früh- und Vorformen des jetzt zu
2 Begriff nach Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. S. 466
3 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht: Grundriss einer produktiven Hermeneutik. 1998. In: Deutschdidaktik aktuell. Hrsg. von Günter Lange, Karl Schuster, Werner Ziesenis. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. S. 53
4 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. S. 468
5 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. S 467
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schreibenden Textes“ 6 . Wenn ich ihn also literarisch verstehen will, dann muss ich mir erstens bewusst werden, „dass er produziert worden ist“ 7 , und zweitens erkennen, „als was er produziert worden ist“ 8 , das heißt: Ich muss erkennen, was diesen Text so besonders macht und weshalb der Autor aus all den Möglichkeiten gerade diese Formen, Strukturen und literarischen Merkmale ausgewählt hat. Erst indem ich die darin begründete Differenz zu anderen Texten, aber auch Ähnlichkeiten zu ihnen feststelle, kann ich das Werk in einem literarischen Kontext verstehen. Unzweifelhaft haben handlungs- und produktionsorientierte Verfahren gerade in Bezug auf diesen Aspekt des literarischen Verstehens einen unschätzbaren Wert. Denn wie kann ein Schüler diesen Prozess des Schaffens besser nachvollziehen und erspüren als durch selbständiges Produzieren von eigenen Texten, durch Verändern, Umgestalten und durch Experimentieren mit dem zu betrachtenden literarischen Text? Wie kann er es besser verstehen, als wenn er selbst Autor sein darf? Ein zweites Merkmal des literarischen Textes ist seine Intertextualität. Darunter versteht man, dass ein Text immer auch andere Texte enthält. In seiner spezifischen Gestaltung und seinem spezifischen Thema nimmt er stets Bezug auf andere Werke, sei es auf Werke der Gegenwart oder auf solche der Vergangenheit. Waldmann zitiert in Bezug darauf Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.“ 9 Er spricht daher von einem dialogischem Charakter eines literarischen Textes. Das aber muss nicht unbedingt offensichtlich sein. Ein Text kann zwar weiterhin in einer bereits vorhandenen Tradition stehen und deren typische stilistische Merkmale übernehmen, weit interessanter ist es jedoch dort, wo er sich in einer Gegenbewegung davon absetzt. Gerade die Einzigartigkeit und die Besonderheit ist es ja, die einen literarisch hochwertigen Text auszeichnet. Um diese Besonderheiten und Andersartigkeiten erkennen zu können, ist nicht nur ein umfangreiches Wissen über literarische Formen und Gestaltungsmöglichkeiten nötig. Die Schüler müssen auch ein Gespür dafür entwickeln, wo die Unterschiede zu suchen sind, und dafür, welche Formen welche Wirkungen erzielen. Eben diese Art der Wahrnehmungssensibilisierung und das Verständnis von Intertextualität kann
6 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. S. 468
7 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. S. 468
8 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. HohengehrenS. 468
9 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren S. 471
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mit Hilfe von produktiven Verfahren besonders gut geschult werden (Etwa das Schreiben von Parallelgedichten, oder das Umschreiben in andere literarische Formen, etc.). Betrachten wir nun ein drittes wesentliches Merkmal von literarischen Texten, das diese von Alltagstexten unterscheidet: Das Verhältnis zwischen Text und Wirklichkeit. Ein Gebrauchstext referiert immer auf die tatsächliche Wirklichkeit und ist deshalb durch sie bestimmt. Das heißt, Kriterien für einen Gebrauchstext sind seine Sachlichkeit, seine Informativität, seine Angemessenheit. In einem Zeitungstext ist die Abfolge der Ereignisse durch das tatsächliche Geschen vorgegeben und der Journalist hat nicht die Möglichkeit, etwas hinzu zu erfinden. Wenn er auch nur einen kleinen Ausschnitt von dem Geschehenen beschreibt, so ist das nicht Genannte dennoch genau so, wie es ist. Die Lücken im Text können also mit einem Verweis auf die Wirklichkeit bestimmt werden. Es gibt keine alternativen Möglichkeiten.
In einem literarischen Text hingegen wird eine Wirklichkeit nur dargestellt. Der Status eines literarischen Textes ist nicht dadurch festgelegt, dass oder in welchem Maße er auf „reale Wirklichkeit“ referiert, sondern dadurch, dass er selbstbezüglich (autoreferentiell) heißt. Deshalb sind die Kriterien für seine Literarizität sein Aufbau und seine Struktur, die innere Kohäsion und Kohärenz (Stimmigkeit). Literarische Wirklichkeiten sind zwar meistens analog zur realen Welt gebildet, damit wir als Leser uns die Personen und Handlungen, Ereignisse und Räume bildlich vorstellen, uns in diese fiktive Welt hineinversetzen und die Geschehnisse miterleben können. Jedoch bleiben sie fiktive Wirklichkeiten, die von einem Autor gemacht sind. Auch der Autor stellt in seinem Werk nur Ausschnitte aus seiner fiktiven Wirklichkeit dar. Wenn er allerdings nur bestimmte Personen, Handlungen, Ereignisse, etc. wählt, um sie zu erzählen, dann bleiben immer Lücken. Er beschreibt Personen nur mit einigen wenigen Merkmalen aus einer unendlichen Anzahl. Anders als bei einem Gebrauchstext, der auf eine tatsächliche Wirklichkeit referiert, können diese Lücken nicht durch den Verweis auf die Wirklichkeit gefüllt werden, sondern bleiben als sogenannte „Unbestimmtheitsstellen“ 10 stehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie diese Lücken gefüllt werden können.
10 Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur . In: Taschenbuch des Deutschunterrichts: Grundfragen und Praxis der Sprach- und Literaturdidaktik; 1994 5 hrsg. von Günter Lange. (S. 466) Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren S. 472
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Arbeit zitieren:
Sarai Jung, 2003, Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht: Eine schülerzentrierte Alternative, München, GRIN Verlag GmbH
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