Chancen, wohingegen die Politik der Drohung und des Drucks lediglich die, so wörtlich, „Erstarrung des Status quo“ zur Folge gehabt hätte. Im festen Glauben an die leistungsfähigere und belastbarere westliche Welt, welche zu guter Letzt reüssieren werde, sei es erlaubt, mit der eigenen Öffnung zu beginnen. Zudem ist Bahr von besonderen deutschen Aufgaben in diesem Rahmen überzeugt, denn es gebe Aufgaben, welche Deutschland aufgrund der in Europa sonst nirgends mehr existierenden Teilung (s)eines Volkes erfüllen könne und müsse. Als Konsequenz einer Transformation der amerikanischen Betrachtungsweise ( „Strategie des Friedens“ ) auf die deutsche Politikkonzeption ergebe sich die endgültige Abkehr von einer „Politik der Stärke“, die nur Sieg oder Niederlage kenne. Die Apologeten einer solchen Politik verlangten beispielsweise sofortige freie Wahlen, bei Nichterfüllung ihrer Forderungen blockierten sie jedwede weitere Kooperation. Dieser bestimmten Politik spricht Bahr den Realitäts- und Aktualitätsbezug gänzlich ab, zudem verweist er auf den „Unsinn“, diese innerhalb der „Strategie des Friedens“ anwenden zu wollen. Er macht deutlich, daß die Wiedervereinigung nicht mehr, wie allgemein angenommen, relativ schnell als historisches Tagesereignis auf einer speziellen Konferenz durchgesetzt werden könne, sondern er verweist auf die Langwierigkeit eines Prozesses, welcher durch die Erreichung mehrerer kleinerer Erfolge schlussendlich zum großen Erfolg, zur Aufhebung der deutschen Teilung, führen werde. Durch den Rückgriff auf Worte von John F. Kennedy, der die Perzeption von Interessen der Gegenseite als bedeutsames Element für die interessengeleitete Politik der eigenen Seite betrachtet habe, folgert Bahr nun, dass die sowjetischen Interessen bei der angestrebten Umgestaltung der „Zone“ berücksichtigt werden müssten. Nur auf diese Weise ließe sich der Weg zur Wiedervereinigung realistisch gehen. Mit dem Eingeständnis der Schwierigkeiten bei der gewollten Veränderung der anderen Seite geht er nun auf die Rolle Ulbrichts und die negative Leistungsbilanz der „Zone“ im Vergleich zu den anderen Ostblockstaaten ein. Auch und natürlich im Vergleich zur Bundesrepublik sei die Diskrepanz in der Entwicklung sehr groß. Am Beispiel des Aufstandes vom 17. Juni 1953, wo im Laufe des Aufstandes ökonomische Forderungen sehr bald zu politisch-existentiellen geworden seien, könne man beobachten, wie sehr die UdSSR die Gefahr gesehen habe, die sich aus Verbesserungs- und Erleichterungswünschen ergebe. Um ihre Interessen wahren zu können und Ulbricht nicht zu verlieren, hätten die Sowjets militärisch eingegriffen. Als Fazit daraus könne man eine Festigung der Macht Ulbrichts konstatieren. Da die „Zone“ folglich nicht aus der sowjetischen Interessensphäre gelöst werden könne, sei es nur allzu realistisch, zu betonen, dass man keine Politik der direkten Verdrängung Ulbrichts und seiner Getreuen betreiben könne. Auch wenn diese Beschreibung nicht populär und auch nicht mit dem
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eigenen Verlangen kongruent sei, seien Veränderungen aufgrund der unbestreitbaren Aussichtslosigkeit eines Ulbricht- Sturzes einzig und allein mit der ungeliebten anderen Seite Deutschlands möglich. Dabei verweist Bahr auf die schon bestehenden Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der „Zone“. Den immer wiederkehrenden Gedanken, ob durch die völlige Abkehr von wirtschaftlicher Kooperation nicht doch der Kollaps des dortigen Regimes erreicht werden könnte, negiert Bahr und stellt ihn als „Illusion“ dar. Vielmehr könne man empirisch belegen, dass einzig und allein Ulbricht Nutznießer dieser Handlungen wäre. Die Spaltung würde noch weiter verschärft und zementiert werden, da zudem die Situation Berlins dabei nicht genug Betrachtung erlangen würde. Außerdem betont Bahr, die Nichtanerkennung der „Zone“ sei „selbstverständlich“ und ohne Einwand gerechtfertigt. Dies dürfe jedoch nicht zu einer verminderten Handlungsfähigkeit bundesdeutscher Außenpolitik führen. Beispielhaft hierfür sei die Fähigkeit Chinas und der USA gewesen, miteinander in Verhandlungen zu treten, ohne dass daraus etwa eine Anerkennung des maoistischen Chinas durch die USA erfolgt sei. Weiterhin zählt Bahr Beispiele für innerdeutsche Realitäten auf: Schüsse auf flüchtende Menschen, Befehle der „Zonentruppen“ an die Alliierten in Bezug auf deren Rechte in Ostberlin, die zwar rechtlich zu beanstanden seien, leider aber die bittere Realität der gegebenen Machtverhältnisse widerspiegelten. Dies alles sei jedoch ebensowenig als „Anerkennung“ des dortigen Regimes zu bezeichnen wie die Zahlung einer Gebühr an den Grenzstellen oder die Anwendung der Hallstein- Doktrin, d.h., die Aussetzung diplomatischer Beziehungen zu den Staaten, welche das Ulbricht-Regime anerkennen würden. Deshalb kommt Bahr zu dem Schluss, es könne Chancen geben, Nutzen aus den bestehenden Beziehungen ziehen zu können, ohne de jure einer „Anerkennung“ zuzustimmen. Es gehe hierbei um eine Ausweitung der zu behandelnden Fragen zwischen beiden Seiten. Zur Verdeutlichung bemüht Bahr noch einmal Kennedy, welcher Handel mit Ostblockländern billige, sofern dieser Handel nicht den westlichen Sicherheitsinteressen diametral gegenüberstünde. Dieses Konzept auf Deutschland übertragen würde vielerlei unausgeschöpfte Möglichkeiten hervortreten lassen. Eine Verbreiterung des Handels zwischen Ostblock und westlicher Welt sei dann auch im Interesse seines Landes, wobei keine ökonomische „Erpressung der Zone“ angestrebt werde.
Zuvorderst solle es darum gehen, dadurch Verbesserungen für das Leben der Menschen zu schaffen. Zur Entschärfung der feindseligen Haltungen sei eine Stärkung durch größeren Wohl- stand erwünscht und beabsichtigt. Die Ankündigung der UdSSR, sie wolle mit dem Westen in Bezug auf dessen Wohlstand gleichziehen und letztlich sogar an diesem
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vorüberziehen, zeige in aller Deutlichkeit die Signifikanz des Wunsches, auf der Ebene des materiellen Standards aufzuholen. Diese Politikkonzeption gelte jedoch nicht nur singulär für die UdSSR, sondern sie impliziere alle Staaten, die unter sowjetischer Hegemonie stünden. Wirtschaftliche Kooperation schaffe Besserung und führe dann zu mehr Beziehungen, die von Nutzen für die BRD seien. Die Bürger der „Zone“ wären somit glücklicher und ausgeglichener, was gerade als positives Zeichen zu bewerten sei, denn diese Tatsache schließe eine unvorhersehbare Zuspitzung der Situation fast gänzlich aus und damit auch eine Rückkehr zur „Politik der Stärke“. Ulbricht und seine Genossen profitierten zwar kurzfristig davon, doch gebe es keine Alternative zu jenem Prozess. Die gewünschten Verbesserungen für die Bürger seien jedoch „in so homöopathischen Dosen“ 1 zu gewähren, daß es nicht zu einer Aktion der UdSSR aus ihrem ureigenen Interesse komme, wie 1953 in der „Zone“, 1956 in Ungarn.
Da die Mauer ein „Zeichen der Schwäche und Angst“ sei, müsse man nun die Chance nutzen, diese Angst durch erweiterte Beziehungen insoweit zu minimieren, dass langfristig eine Grenz- und Maueröffnung denkbar werde, weil man die Risiken kalkulierbar halten könne. Dieser Politik verleiht Bahr den Namen „Wandel durch Annäherung“, welche man deutlich vertreten müsse und die mit dem amerikanischen Kennedy- Konzept vollkommen übereinstimme.
Ohne diesen Weg müsste man der Realität eine Absage erteilen und auf Wunder hoffen. Doch dann habe man nichts mehr auf der Weltbühne der Politik verloren, da man keine Politik, sondern Träumereien betreiben würde. Die Tutzinger Rede in der politischen Analyse
Die Rede brachte entschiedene Neuerungen hervor, die ich im folgenden kurz skizzieren werde: 1. Neue eigene Aufgaben für eine selbstbewusste BRD: Deutschland sollte sich zu mehr Selbstengagement bekennen und nicht alle Aufgaben den Alliierten überlassen. Aufgaben, welche nur Deutschland bewältigen könne, sollte es in voller Bündnissolidarität selbstbewusst in Angriff nehmen. 2. Das Ulbricht-Regime wurde nicht mehr bloß dämonisiert, sondern es wurde als baldiger politischer Verhandlungspartner aus Vernunft angesehen, trotz des Festhaltens an der Unvereinbarkeit der Systeme.
1 vgl. Jacobsen, Hans- Adolf: Mißtrauische Nachbarn, Seite 356
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Christian Wilhelm, 2000, Die Tutzinger Rede Egon Bahrs 1963, München, GRIN Verlag GmbH
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