Gliederung
I.
Einleitung 1
II.
Politische und historische Kontextualisierung 1
III.
Das Leben der Menschen in Subay 2
1.
Ordnung der Gegenseitigkeit 2
a) Idee der Körperschaft
2
b) Idee des Tausches
c) Idee des Teilens
d) Beispiel: Übergangsritual bei einer Hochzeit
7
2.
Ordnung des Islams 7
3.
Ordnung des Staates 8
4.
Zwischenergebnis 9
IV.
Eskiya – Der Bandit 10
1.
Kontext 10
2.
Beschreibung und Interpretation der Filmmotive 11
a) Rache
11
b) Verrat aus Leidenschaft
c) Liebe
d) Tradition vs. Wandel
16
V.
Fazit 18
Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Der folgende Textbeitrag ist die schriftlich ausgearbeitete Version des Referates über Werner Schiffauers Ethnographie „Die Bauern von Subay. Das Leben in einem türkischen Dorf“. Über die Referatsleistung des Verfassers hinaus werden hier Schiffauers Ausführungen durch weitere Literatur ergänzt und verifiziert. Darüber hinaus sollen die in Yavuz Turguls Spielfilm „Eskiya – Der Bandit“ dargestellten Handlungsmotive und Werte auf der Grundlage einer Untersuchung der sozialen Beziehungen zwischen den einzelnen Filmprotagonisten herausgearbeitet werden. Die aus dem Spielfilm gewonnenen Erkenntnisse sollen hierbei mit den durch Schiffauer beschriebenen traditionellen Ordnungsprinzipien der türkischen Gesellschaft abgeglichen werden. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser vergleichenden Betrachtung liegt auf den dargestellten gesellschaftlichen Werten, also auf einer thematisch begrenzten, inhaltlichen Ebene. Eine umfassende Filmanalyse und -interpretation soll hier nicht betrieben werden.
II. Politische und historische Kontextualisierung
Zunächst bedarf es einer kurzen politisch-historischen Kontextualisierung, um die Zeit und die Umstände zu reflektieren, in denen Buch und Film erschienen sind, auch wenn zwischen Erscheinen von Ethnographie und Film nur etwa 9 Jahre liegen. Schiffauers insgesamt achtmonatige Feldforschung in dem in der Schwarzmeerregion, zirka 100 km nördlich von Ankara liegenden Dorf Subay 1 fand in den
Sommermonaten 1977 und im Winter 1982/83 statt. Die Ethnographie erschien im Jahre 1987. Die Lage in der Türkei zurzeit der Feldforschung Schiffauers war durch politische Instabilität geprägt, die sich in wechselnden politischen Koalitionen, wirtschaftlichen Umbrüchen, Terrorakten und politischen Morden durch das extrem rechte und linke politische Spektrum zeigte. Im Herbst 1980 putschte sich das Militär an die Macht, in der Folge wurde über das Land das Kriegsrecht verhängt, alle politischen Parteien, Gewerkschaften und Vereine verboten, die Regierung des Amtes enthoben, das Parlament geschlossen. Der Putsch richtete sich vornehmlich gegen die aufkeimende kurdische Befreiungsbewegung, sowie gegen linke und kommunistische Kräfte. 2 Anfang der 1990er
Jahre begab die Türkei sich auf den Weg zu einem demokratischen Staat, jedoch erst ab 1999 wurden umfassende Reformen im Zivilrecht begonnen, die Menschen- und
1
Alle Orts- und Eigennahmen wurden von Schiffauer verändert.
2 Vgl. Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei, München 2000 3 , S. 102-123; sowie Çağlar, Gazi: Die Türkei zwischen Orient und Okzident. Eine politische Analyse der Geschichte und Gegenwart, Münster 2003, S. 185-190.
Freiheitsrechte gestärkt. Teilweise wurden auch die gegen die kurdische Bevölkerung bestehenden Repressionen eingestellt und kulturelle Freiheiten weniger beschnitten. 3 Mitte der 1990er Jahre, 9 Jahre nach dem Buch, erschien der Film „Eskiya – Der Bandit“. Das türkische Kino der 1990er Jahre zeichnete sich vor allem durch historisch aufgearbeitete und komödiantische Filme aus. Auch „Eskiya – Der Bandit“ lässt sich hier einordnen, es lassen sich sowohl melancholische als auch durchaus komödiantische Elemente wieder finden. „Eskiya – Der Bandit“ erschien in einer Zeit der beschleunigten Dynamik und politisch-strukturellen Fortentwicklung der Türkei. Es verwundert also nicht, dass der Film sich auch mit dem Ringen zwischen Tradition und Wandel auseinandersetzt. Der 35 Jahre lang in der Haft isolierte, nur die traditionelle Ordnung in seinem Dorf kennende Hauptdarsteller reist das erste Mal in seinem Leben in die Großstadt Istanbul. Die Beobachtungen und Begegnungen dieses Mannes münden in einer der Grundideen des Films: Die Suche bzw. das Finden von Identität zwischen der traditionalistischen Kultur und den Vorstellungen eines fortschrittorientierten, modernen Lebens. Mal mehr, mal weniger deutlich spiegelt dabei der Film die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft wieder.
III. Das Leben der Menschen in Subay
Schiffauer arbeitet in „Die Bauern von Subay“ im Wesentlichen drei die Dorfgesellschaft prägende Ordnungsprinzipien heraus: Die Ordnung der Gegenseitigkeit, des Islams und des Staates. Anzunehmen ist dabei, dass Schiffauers Feldforschung über die soziale Welt des Dorfes Subay nicht nur für die ländliche türkische Gesellschaft repräsentativ ist, sondern durchaus (noch) für das Leben der modernen, großstädtischen Bevölkerung Gültigkeit hat.
1. Ordnung der Gegenseitigkeit Die Mechanismen der Gegenseitigkeit sind in Subay das wichtigste gesellschaftliche Ordnungsprinzip.
a) Idee der Körperschaft Eine Komponente des Ordnungsprinzips der Gegenseitigkeit ist die Idee der Körperschaft. Rechtssubjekte sind nicht die Individuen, sondern die Haushalte im Dorf. Die Haushalte sind die sozialen Körper in der Gesellschaft. Jeder Einzelne ist nur als
3
Riemer, Andrea K.: Die Türkei an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Die Schöne und der Kranke Mann am Bosporus?, Frankfurt am Main 1998, S. 66ff.
Mitglied eines Haushaltes, als Träger von Rechten und Pflichten, Rechtsperson. Nur
zusammen mit den anderen Angehörigen seines Haushaltes bildet er eine Rechtseinheit.
Wird ein einzelnes Haushaltsmitglied von außen angegriffen, so ist dies immer auch ein
Angriff auf alle anderen Haushaltsangehörigen. Andererseits wird die Verfehlung eines
Einzelnen auch immer als Verfehlung aller Familienmitglieder gesehen. 4
Dieser Rechtseinheitsgedanke kommt u. a. auch im Konzept der Ehre (namus) zum
Tragen. Ehre ist hier im Sinne von Integrität und Unantastbarkeit eines Haushaltes zu
verstehen. Wenn ein Außenstehender ein Haushaltsmitglied angreift oder beleidigt, wird
die Ehre des ganzen Haushaltes verletzt. Das Ehrkonzept spiegelt sich in der traditionellen
türkischen Gesellschaft auch in der grundsätzlichen und rigiden Trennung von zwei
Bereichen – dem privaten, inneren Bereich auf der einen und dem öffentlichen, äußeren
Bereich auf der anderen Seite. Der innere Bereich wird zunächst durch die Kernfamilie
bzw. den Haushalt verkörpert. Die Ehre wird als gemeinsamer Besitz angesehen.
Verletzungen der Grenze zum inneren Bereich durch außenstehende Dritte fordert ihre
Verteidigung heraus. Da sich die bäuerliche Familie nur als Solidargemeinschaft erhalten
kann, fordert die Ehre, unabhängig von der abstrakten Schuldfrage, die bedingungslose
Solidarität und Verteidigung des ganzen Haushaltes. 5 Innerer und äußerer Bereich sind
darüber hinaus geschlechtsspezifisch getrennt. Die Frau mit ihren ganz eigenen Aufgaben
und Pflichten (vgl. hierzu Abb. 1) wird dem inneren, häuslichen Bereich zugeordnet, der
Mann dem äußeren, öffentlichen Bereich.
Aus dieser Unterscheidung resultieren wiederum unterschiedliche, geschlechtsspezifische Verhaltensnormen hinsichtlich Bewahrung der Ehre. Der Mann bewahrt die Ehre, wenn er sich nicht so verhält, dass er in den Ruf eines Feiglings gerät, sich ausreichend um die Mitglieder seines Haushalt sorgt bzw. diese vor den Angriffen Außenstehender zu verteidigen weiß und es schafft, die sexuelle Integrität
4
Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23.
5 Die Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Bildungswerk e.V. [Hg.]: Die Ehre in der türkischen Kultur. Ein Wertsystem im Wandel, Berlin 1991, S. 9.
der zum Haushalt zugehörigen Frauen zu garantieren. Die Frau dagegen bewahrt im
Wesentlichen die Ehre, indem sie sich vor sexuellen Übergriffen Außensteher zu schützen
weiß, sie in ihrer Keuschheit unversehrt bleibt und nicht in den Ruf einer Hure gerät. 6
Jedes Familienmitglied ist somit für die Ehre des gesamten Haushaltes
mitverantwortlich. Der Haushaltsvorstand, meist der Vater, ist der Repräsentant des ganzen
Haushalts. Nur seine Person ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich rechtsfähig, er
alleine steht für die Einheit und Geschlossenheit des Haushaltes. Alle anderen
Haushaltsmitglieder sind ihm im Rechtsverständnis untergeordnet. Der Haushaltsvorstand
hat darüber hinaus die Aufgabe, die Haushaltsmitglieder in der Öffentlichkeit zu vertreten
und sie gegen Angriffe von außen zu schützen. 7 Die Ehre eines Mannes kann aus ganz
unterschiedlichen Gründen herausgefordert werden, z. B. durch eine unerlaubte
Überschreitung der Grenzen seines Besitzes, seiner Felder oder seines Hauses, durch eine
Annäherung Dritter an die in seinem Haushalt lebenden Frauen oder aber durch einen
verbalen oder körperlichen Angriff auf einer der Haushaltsmitglied. 8
Ein Angriff auf ein beliebiges Familienmitglied wird
immer auch als Angriff auf den Haushaltsvorstand gewertet. In Subay sollen unter anderem Fälle aufgetreten sein, in denen
Frauen bewusst geschädigt Haushaltsvorstand zu treffen. Dabei zerstört nichts „die Ehre
einer Familie so vollkommen, wie ein Angriff auf die sexuelle Unversehrtheit der Frauen im Haushalt“. 9 Wird der voreheliche Geschlechtsverkehr einer Tochter oder der außereheliche Verkehr einer Frau bekannt, ist der Rechtstatus
der ganzen Familie ruiniert. In diesem Fall kann die Ehre nur durch den Tod des
Angreifers oder der Frau selbst wiederhergestellt werden. Ist ein Haushalt angegriffen,
obliegt die Verteidigung der Ehre grundsätzlich den jüngeren Männern eines Haushaltes.
Die Verteidigung der Ehre muss durch die Söhne im Notfall auch mit dem Leben verteidigt
werden. 10
Die vorgemachten Ausführungen verdeutlichen, wieso die Haushalte in Subay
ständig um ihren politischen Stand, ihre Ehre und ihr Ansehen in Sorge sind. Alles muss
vermieden werden, was dazu führen könnte, den Ruf und damit die Ehre der Familie auch
nur anzuzweifeln. Aus diesem Grund drängt der Haushaltsvorstand auf die
6
Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23; Die Ausländerbeauftragte: Die Ehre in der türkischen Kultur, S. 10f.
7
Die Ausländerbeauftragte: Die Ehre in der türkischen Kultur, S. 6; Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23f.
8
Petersen, Andrea: Ehre und Scham. Das Verhältnis der Geschlechter in der Türkei, Berlin 1985, S. 29.
9
Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 25.
10 Petersen: Ehre und Scham., S. 32f.; Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 25.
Arbeit zitieren:
Marc Castillon, 2008, 'Die Bauern von Subay' und 'Eskiya - der Bandit' - Ein genreübergreifender Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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