Inhalt
0. Vorwort
1. Joseph Butler
1.1. Leben und Charakter
1.2. Werk und Rezeption
2. Die 15 Sermons
2.1. Die Natur des Menschen
2.2. Innere und äußere Prinzipien
2.3. Mitleid
2.4. Nächstenliebe
2.5. Der Gebrauch der Sprache
3. Kulturhistorischer Kontext
3.1. Shaftesbury
3.2. Locke
3.3. Mandeville
4. Zusammenfassung
4.1. Gewissen, Moral, Selbstliebe
4.1. Butler und die Freimaurer
5. Bibliographie
0. Vorwort
Im Jahre 1718 wurde Joseph Butler Preacher at the Rolls Chapel in London. Ein Jahr zuvor, am 24. Juni 1717, dem Johannistag, beschlossen vier Logen in London, eine Großloge zu gründen, die Grand Lodge of London. Dieses Datum gilt als Gründungstag der regulären Freimaurerei, der Johannisfreimaurerei oder blauen Freimaurerei. 1 Biographische Berührungspunkte zwischen Butler und den Freimaurern dürfen also vorausgesetzt werden. Ob und in welcher Weise Butler persönliche Kontakte mit Freimaurern pflegte, die Freimaurerei als solche sein Interesse weckte oder ihm als Inspirationsquelle diente und in welcher Weise er in den gesellschaftlichen Debatten um die Freimaurerei jener Zeit Stellung bezog und Einfluss nahm, kann aufgrund der dünnen Quellenlage hier nicht entschieden werden. Auf umgekehrtem Weg dürfte die Beweisführung einfacher sein, besitzen Butlers moralethische Erörterungen über die Natur des Menschen doch eine offensichtliche Affinität zum moralethischen Konzept der Selbstvervollkommnung durch Selbsterziehung, dem die Freimaurer nachhingen.
Was Butler und die Freimaurer verbindet, ist das aufklärerische Sendungsbewusstsein, das mit einem Rückgriff auf antikes Gedankengut einhergeht und sich z.B. in der freimaurerischen Bezugnahme auf den Salomonischen Tempel manifestiert. Zu den in damaliger Zeit erörterten Fragen gehören wesentlich solche nach der Identität des Individuums, des menschlichen Rechts auf Selbstbestimmung und die ethisch-moralische Bestimmung der Vereinbarkeit eines individuellen Strebens nach Glück mit dem Allgemeinwohl und dem Glauben an Gott.
Butler bezieht zu diesen Fragen mehr oder weniger explizit Stellung. In der vorliegenden Arbeit wird zu zeigen sein, in welcher Weise er die menschliche Konstitution und dessen Handlungsantriebe bestimmt, insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis der Affekte des Menschen und seinem Reflektionsvermögen. Darüber hinaus soll, beispielhaft an einer kurzen
1 Die historischen Daten zur Freimaurerei in dieser Arbeit entstammen einer Zusammenfassung zur Geschichte
und Philosophie der Freimaurer unter http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/thg/16362.htm.
Darstellung der Positionen Lockes, Shaftesburys und Mandevilles, eine Einordnung von Butlers Erörterungen in den kulturhistorischen Kontext vorgenommen werden.
1. Joseph Butler
1.1. Leben und Charakter
Joseph Butler 2 lebte 1692-1752 in England. Er war der jüngste Sohn eines Presbyterianers, einer auf kalvinistischen Grundlagen stehenden Kirche, die das Bischofsamt ablehnt. 1714 wechselte er seine Konfession und trat der Established Church bei. In den Jahren 1718-1726 hielt er als Preacher at the Rolls Chapel in London vor einem akademisch gebildeten Publikum die später unter dem Titel “Human Nature and other Sermons” veröffentlichten 15 Predigten. Er studierte Divinity und Law in Oxford, und 1733 erwarb er seinen Doktortitel in den Rechtswissenschaften. Er war Leibpriester der Königin Caroline (1736-37) und Georgs II. (1746) sowie während dieser Jahre auch Parlamentsmitglied. 1950 wurde er zum Bischof von Durham ernannt.
Der führenden englischen Gesellschaft zu Butlers Zeit wird von Biographen und Historikern eine gewisse Doppelzüngigkeit nachgesagt: einerseits ein modisches Interesse an theologischen Fragen, andererseits ein inhumaner Umgang mit Schwächeren. Butler selbst versuchte den hohen ethischen Anforderungen seiner Theorie zwar gerecht zu werden, doch stand seine Theorie der Selbstbejahung im Gegensatz zu seinen Selbsterfahrungen, er hatte „mehr Angst vor sich selbst als vor der Welt“. „Die Einsicht in die Notwendigkeit einer Selbstvervollkommnung“, so von Eckhardt, „verlangt die Umwandlung vom gewöhnlichen zum idealen Selbst“, und die Diskrepanz zwischen beiden schaffe die von Butler beschriebene Angst.
Über Butlers Leben ist, abgesehen von den Eckdaten seiner Biographie, wenig bekannt. Auch seine Bibliographie ist lückenhaft: Seine Bescheidenheit verleitete ihn dazu, seinen gesamten Nachlass vor seinem Tod zu verbrennen. Als gesichert gelten seine Interessenschwerpunkte
2 gesamter Abschnitt: von Eckhardt, S. 10ff.
4
auf philosophisch-theologischem und wissenschaftlich-politischem Gebiet, sowie in der Architektur. In letzterem Bereich konnte er gleichwohl keine herausragenden Leistungen vollbringen, seine Leidenschaft geriet ihm zu einer „ruinösen Freizeitbeschäftigung“.
1.2. Werk und Rezeption
Butler selbst sah sich als einerseits als Moralphilosoph in der Tradition der antiken Moralisten und andererseits als Forscher auf dem Gebiet der Psychologie und Anthropologie. In der Literatur wird Butlers „Theorie vom sittlichen Objekt“ seit dem 19. Jahrhundert üblicherweise in den Bereichen der Theologie, Psychologie (Motivationstheorie), Moral- und Sprachphilosophie verortet und rezipiert. In Oxford wurde er Ende des 19. Jahrhunderts als „wichtigster klassischer Ethiker neben Aristoteles“ gelehrt. In Deutschland hingegen blieb er so unbekannt wie einflusslos. 3
Als Autor der „Analogy“, einer populären Abhandlung über den Gottesbeweis, galt Butler seinerzeit als der „profundeste Philosoph Englands“. In seiner Theorie von der menschlichen sittlichen Natur, die den Sermons zugrunde liegen, erscheint das Individuum als losgelöst von seiner sozialen und historischen Situation. Dies scheint im Widerspruch zu stehen zu Butlers überaus gesellschaftsbezogener Laufbahn.
Tatsächlich, so von Eckhardt, stünden beide in keinem gravierenden Gegensatz. In den Sermons erscheine das Individuum als Element der Gesellschaft. Diese sei das komplexere und spätere System, das sich aus den Individuen und der Qualität ihrer Beziehungen erklärt bzw. aus Verhältnissen, die sie schaffen. Die Analyse des Individuums, wie in den Sermons vorgenommen, sei folglich eine Teilanalyse der Elemente der Gesellschaft. 4 Von Eckhardts Interpretation von Butler als System- bzw. Gesellschaftstheoretiker (1980), die von Schrader (1984) aufgenommen wird, ist neu, obwohl Butler selbst darlegt, dass die menschliche Natur und seine Ethik nur begriffen werden können, wenn der „Mensch als ein
3 von Eckhardt, S. 13
4 Ebenda, S. 11
5
System“ aufgefasst wird und die Sermons, von Eckhardt zufolge, erst dann eine sinnvolle Einheit bilden, „wenn der sittlichen Kultur des Menschen eine dynamische Selbstvervollkommnungstheorie zugrundegelegt wird“. 5
Eine Analogie macht von Eckhardt aus zwischen Butlers Sermons und der Doppelfunktion des sokratischen Dialogs, der die Lehre der Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung mit einer Erziehung zur Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung verbindet. Das Verständnis von Butlers Theorie wird dadurch erschwert, dass er annahm, es sei für den Leser und Hörer lehrreicher, die Schlussfolgerungen aus seinen Prämissen selbst zu ziehen. 6 Butlers Theorie der menschlichen sittlichen Natur ist somit keine Sittenlehre im klassischen Sinn, sondern eher ein geistiges Gebäude, das auf die moralische Haltung des Menschen abzielt, ohne daraus konkrete Handlungsvorgaben abzuleiten. Die Theorie enthalte Einsichten, die der einzelne nur durch Selbstkultur für sich erlangen könne. Dem ungebildeten Leser dürften daher nicht alle Schlussfolgerungen vorgegeben werden. Der „Lernprozess höherstufiger Selbsterforschung“ dürfe nicht vorweg genommen werden, sondern müsse bestimmten, den Einsichten vorausgehenden Veränderungen des Gemütes folgen, damit der Gehalt der Einsichten wirklich verstanden werden könne. In diesem Zusammenhang verweist Butler auch auf Entscheidungen, die nicht allgemein getroffen werden könnten, weil sie individuelle Unterschiede beträfen. 7
2. Die 15 Sermons
Der Aufbau der Sermons folgt nach Butlers eigener Aussage keiner Systematik, vielmehr sei sie eine zufällige Auswahl aus der Menge der Predigten, die er im Laufe von acht Jahren in Rolls hielt. Entsprechend dem Genre kann in der Tat jede Predigt für sich stehend gehört und gelesen werden. Gleichwohl ist in der Veröffentlichung eine innere Struktur erkennbar. So beruht das Verständnis der Sermons XI - XII über die Nächstenliebe auf der Kenntnis der einführenden Sermons I - III zur Natur des Menschen (s. dazu 2.4.).
5 Ebenda, S. 14f.
6 Ebenda, S. 16f.
7 von Eckhardt, S. 17f.
6
Butlers Motivation, die Sermons zu schreiben, war nach seinen Worten „…to explain what is meant by the nature of man when it is said that virtue consists in following, and vice in deviating from it, and by explaining to show that the assertion is true.” 8
Butler sieht sich also zwei Aufgaben gegenüber: Erstens der Erklärung des Begriffs der moralischen Natur dergestalt, dass seine These ‚virtue is to following nature’ verständlich wird und zweitens der Verifikation dieser These. Ausgehend von der in der Vorstellung „we are one body in Christ“ zum Ausdruck kommenden Verschmelzung der Körper, entwickelt Butler seine Theorie von der Natur des Menschen. Das Verhältnis der Teile des natürlichen Körpers zueinander und zum gesamten Körper steht analog zum Verhältnis der Mitglieder einer Gesellschaft zueinander und dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Butlers Grundansatz ist positivistisch: Der Sinn für das Moralische und Gute sei dem Menschen auf natürliche Weise eingepflanzt. So wie die Mitglieder einer Gesellschaft dazu geschaffen seien, sich gegenseitig Gutes zu tun, so seien die Teile des natürlichen Körpers Instrumente, um Gutes zu tun. Die Menschen seien genauso für die Gesellschaft, die Nächstenliebe und das Wohl der Allgemeinheit geschaffen wie dafür, für ihr eigenes Leben, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden Sorge zu tragen. 9
2.1. Die Natur des Menschen
In den Sermons I - III führt Butler jene Begrifflichkeiten ein, die das Grundgerüst seiner Theorie bilden. Das natürliche Prinzip der Güte (benevolence) stellt er die Selbstliebe (self- love) desIndividuums gegenüber. Die Güte des Menschen diene dem gesellschaftlichen Wohl, die Selbstliebe hingegen dem persönlichen Wohl des Menschen. Als weiteres
8 Butler 1914, Pref. § 8; zitiert bei Schrader, S. 104
9 Butler 1887, S. 10ff.
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Arbeit zitieren:
Clemens Grün, 2003, Gewissen, Moral und Selbstliebe in der englischen Aufklärung als Fundament freimaurischer Gewissensethik anhand von Joseph Butlers "15 Sermons", München, GRIN Verlag GmbH
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