In den von mir betrachteten Paragraphen der Philosophische Untersuchungen 1 , insbesondere die Paragraphen PU 138 bis 155 sowie PU 179 bis 192, diskutiert Wittgenstein seine Auffassung vom „Verstehen“. Ich möchte mich unter Berücksichtigung der Aufgabenstellung, besonders mit der Frage beschäftigen, ob das Verstehen als geistiger Zustand begriffen werden darf oder nicht. Und was die Gründe für ein blitzartiges Verstehen von gesprochenem Wort sind bzw. seien können.
Nach Wittgensteins Überzeugung ist die Sprache ein regelgeleitete Tätigkeit, wobei die Regeln als Maßstäbe der Richtigkeit zu begreifen sind, welche nicht beschreiben wie Leute sprechen b zw. sprechen sollten, sondern erläutern, was es heißt, richtig und sinnvoll zu sprechen. Ich glaube er denk hierbei nicht unbedingt an die Grammatik, so wie wir sie verstehen, denn derjenige der eine sprachliche Regel ausdrückt, muss keine metasprachliche Aussage über die Anwendung von Wörtern haben, sondern es stellt sich vielmehr das Problem in den Vordergrund ob ein Ausdruck zu einem bestimmten Anlass eine normative Funktion erfüllt. Ich sehe dies als einen angenehm pragmatischen Ansatz in Wittgensteins Denkweise. Man kann somit sagen, dass Wittgenstein eine Differenzierung zwischen einer Regel und ihrem Ausdruck, einer Regelformulierung macht. Aber der Unterschied ist nicht der zwischen einer abstrakten Entität und ihrer konkreten Bezeichnung, sondern vielmehr der zwischen einer normativen Funktion und der sprachlichen Form, die benutzt werden muss um das Konstrukt anzuwenden. Daher glaube ich dass das „Regelfolgen“ als eine Art Erfolgsindikator angesehen werden kann, da es diesen Unterschied zwischen glauben, dass man einer Regel folgt, und ihr wirklich zu folgen, mit einspannt. Entscheidend ist doch, dass es einen Unterschied macht ob ich einer Regel folge oder ob ich vielmehr durch mein bloßes Handeln in Übereinstimmung mit der Regel, die Gesetzmäßigkeit verstanden habe. Hierzu eignet sich das Beispiel aus den PU 143 2 mit dem Niederschreiben von Reihen. Der B hat in diesem Beispiel, zwei mögliche Reaktion, zum
1 Philosophische Untersuchungen aus ders. Werkausgabe in 8 Bänden, Band 1: Tractatus
logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen (StW501),
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984,
2 vgl. PU143 S.312
2
einen kann er die Zahlen die er schreiben soll „regellos“ - wirr durcheinander - nachschreiben. In diesem Falle hat er einen regellosen Fehler gemacht, denn er hat nicht verstanden, dass er die Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge aufschreiben soll. Anderseits kann der Schüler B auch so reagieren wie im Beispiel, dass er nur jede zweite Zahl aufschreibt. Dann sprechen wir von einem systematischen Fehler - er hat, zwar nicht ganz unserem Willen, durch sein Handeln eine logische Kette aufgebaut uns gezeigt, dass er die Regel zum Teil verstanden hat und somit auch ein Lernprozess eingetreten ist.
In d en zu behandelnden Paragraphen wendet sich Wittgenstein zwei Problematiken zu, auf welche ich im Verlauf meines Essays näher eingehen werde. Insbesondere die Paragraphen PU 143 3 bis 184 beschäftigen sich mit der Frage , ob das „Verstehen“ ein geistiger Zustand oder Vorgang sei. Aus dem unsere Anwendung der Wörter entspringe. In den Paragraphen PU185 bis 242 beschäftigt sich Wittgenstein mit der Frage, inwieweit eine Regel im Stande ist zu definieren, was eine richtige oder eine falsche Anwendung ist. Darauf möchte ich dann auch noch mal kurz eingehen. Was ist nun eigentlich verstehen und ist es ein seelischer Zustand? Einen Satz richtig zu verstehen heißt „seinen Sinn auffassen“ daraus resultiert, dass man diese abstrakte Entität des Gesprochenen erfassen. Aufgrund unserer unterschiedlichsten Erfahrungswerte ruft der Sprecher beim Hörer nicht eine qualitativ identische Vorstellung hervor, sondern nur einen numerisch ähnlichen Gedanken! Aber handelt es sich nundabei um einen seelischen Vorgang? Wittgenstein verneint dies! „Betrübnis, Aufregung, Schmerzen, nennen wir seelische Zustände.“ 4 Den angeführten seelischen Zuständen ist gemein, dass sie all von längerer Dauer sind, als das Verstehen. Eine Äußerung zu verstehen heißt nicht, ein Erlebnis zu haben, und es ist auch nicht etwas, was im Geist des Hörers stattfände. Wittgenstein ist also der Überzeugung, dass Verstehen also weder ein seelisches noch ein physisches Ereignis, Zustand bzw. Vorgang sein kann. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch charakteristische seelische oder
3 vgl. S.311ff.
4 vgl. PU150(a) S.315
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Arbeit zitieren:
Roman Grzyb, 2003, Ludwig Wittgenstein - §§ 138-155, 179-192 der Philosophischen Untersuchungen, München, GRIN Verlag GmbH
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