Charakteristisch für die bisherige Auseinandersetzung ist dabei die Aufdeckung von argumentativen Parallelen und historischen Denkstrukturen zwischen den "Euthanasie"-Diskursen der
zwanziger und dreißiger Jahre mit der "Singer"-Debatte (vgl. Grode 1988). Damit darf es allerdings nicht sein Bewenden haben, denn dann wäre die Diskussion abgeschnitten von Fragestellungen, die über das faschistische "Euthanasie"-Programm hinausweisen: insbesondere abgeschnitten von der Frage nach dem Verhältnis von Normalität und Destruktion, von "Alltag und
Barbarei" (Peukert 1987).
Deshalb ist es m.E. notwendig die Diskussion zu verallgemeinern und nach dem generellen Vermächtnis von Innen und Außen zu fragen, nach Mechanismen, die offenbar gesellschaftliche Ausgrenzung geradezu vorprogrammieren und Solidarität verhindern. Für eine solche Perspektive ist
es förderlich das Faschismus-Argument nicht als Begründung gegen, sondern für eine Diskussion
um die "Euthanasie" heranzuziehen. Denn insbesondere am Beispiel der sozialen Verfolgung von
Minderheiten auf der einen und der Befindlichkeit der Bevölke-rungsmehrheit im Nazismus auf
der anderen Seite, lassen sich einige grundsätzliche Tendenzen herausarbeiten.
Der Blick auf die Geschichte der NS-Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik zeigt, daß sich die
Maßnahmen des NS-Staates gegen soziale Randgruppen zwar unmittelbar gegen die definierten
Zielgruppen - seien es nun Opfer der Zwangssterilisation, Homosexuelle oder "Arbeitsscheue
und Gemeinschaftsfremde" - richteten, als perspektivisches Ziel aber durchweg die Bevölkerungsmehrheit ausersehen war. Dies hatte nicht nur Konzequenzen für die Minderheiten, sondern
auch für die Befindlichkeit und die Reaktionen der Bevölkerungsmehrheit.
Diese These soll im folgenden an zwei Beispielen der Verfolgung von Randgruppen
verdeutlicht werden, die - im Unterschied zu den Opfern der "Euthanasie" - noch in einen relativ
unmittelbaren Kontakt zur Bevölkerungsmehrheitstanden: den Opfern der Zwangssterilisationen
und den der Aktionen gegen "Asoziale und Gemeinschaftsfremde".
Primär war die Zwangssterilisationspolitik im NS ohne Zweifel eine Gewaltmaßnahme, die sich
vor allem gegen alle Frauen richtete, die unter das Verdikt des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" fielen. So waren die Zwangssterilisationen zwar einerseits ein Teil eines
gleichermaßen gegen Frauen und Männer gerichteten vielfältigen Instrumentariums zur "Ausmerzung" von ethnisch und eugenisch "Minderwertigen" zum Zweck der "Aufartung". Unterschiedli- ches bedeutete dagegen die Sterilisation für Frauen und Männer vor allem unter zwei Aspekten,
die sie als soziale Maßnahme charakterisieren: Die sterilisationspolitische Tren-nung von Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung hieß in erster Linie "Freigabe männlicher Sexualgewalt
gegenüber 'minderwertigen' und zwangssterilisierten Frauen" (Bock 1986, 394). Hinzu kam die
Gewalt des körperlichen Eingriffs, die sich in der Gesamtzahl von 5.000, darunter zu 90%
Frauen, unmittelbar oder mittelbar durch die Sterilisation Getöteten spiegelt. In diesem Sinne
kennzeichnet Gisela Bock die Sterilisationspolitik für Frauen "nicht als Vorstufe, sondern als
Beginn und erste Etappe der Massenmorde" (Bock 1986, 380).
Doch ging die Zielrichtung dieser Maßnahmen perspektivisch weit über den Personenkreis der
unmittelbar betroffenen Frauen hinaus. Wenn beispielsweise die Unfähigkeit zu Kindererziehung zum Diagnosebegriff wurde (vgl. Bock 1986, 413), so tangierte dies nicht allein
"einwilligungsunfähige" Personen im Zugriffsfeld des Vormundschafts- und Pflegerechts, sondern berührte zentral allgemeine gesellschaftliche "Normalisierungspraktiken im Alltag" (Haug
1986, 105): Dieses Grundmotiv der NS-Sterilisationspolitik führte dazu, daß "Rabenmüt-ter"
und "Schlampen" physische Gewalt und Gebärverbot riskierten. Diese Drohung hatte im Sinne
eines "Do it yourself der Ideologie im Alltag" (Haug 1986, S. 8) auf das rollenspezifische Verhalten der "normalen" Frauen vielleicht einen größeren Einfluß auf die Domestizierung der Frauen
im NS, als alle Bräute- und Mütterschulungen (vgl. Bock 1986, 416).
Eine nicht unähnliche Problematik des Verhältnisses von Normalität und Ausgrenzung, von
Innen und Außen ergibt sich aus der Untersuchung der faschistischen Maßnahmen gegen sog. "Asoziale". So war in den Jahren 1937 und 1938 von SS und Polizei eine Serie von Maßnahmen zur
"Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" inszeniert worden, deren hauptsächliches Ziel es gewesen war eine möglichst große Zahl von sog. "asozialen Elementen" in die Konzentrations-lager
einzuweisen (vgl. Broszat 1965 81ff.; Buchheim 1966, 189ff.; Kühnrich 1983, 57).
Erfaßt wurden im wesentlichen Personen, die als "Gewohnheitsverbrecher" und/oder
"Asoziale" eingestuft worden waren. Unter diesen "Gewohnheitsverbrechern" nahmen die "Spitzbuben und Betrüger" mit fast 80% den ersten Rang ein. Ihre Eigentumsdelikte bestanden hauptsächlich in Mundraub, mehrmaligen Fahraddiebstählen, nicht zurückgezahlten Schulden von
wenigen Mark, Mietschulden und ähnlichem (vgl. Siemen 1982, 95). Zum Kreis der Personen,
die wegen ihrer "Asozialität" in "Schutzhaft" genommen wurden gehörten Bettler, Landstreicher,
Zigeuner, Landfahrer, Arbeitsscheue, Müßiggänger, Prosttuierte, Querulanten, Raufbolde, Ver- kehrssünder, Psychopathen und Geisteskranke (vgl. Broszat 1965, 81).
Die Gründe für die Einweisungsaktionen von "Asozialen" in die KZ lagen in erster Linie
in der Absicht den im Zuge der Kriegsvorbereitung eingetreten Arbeitskräftemangel, insbesondere im landwirtschaftlichn Sektor zu beheben und darüber hinaus die allgemeine Arbeitsdisziplin
zu stärken (vgl. Grode 1987, 47/48). Hinzu kam, daß die "Asozialen" genau jenem Menschentypus zu entsprechen schienen, mit dem die SS der Öffentlichkeit und dem Ausland gegenüber
immer wieder das Bestehen des KZ-Systems zu rechtfertigen versuchte (vgl. Grode1990, 32).
Schließlich scheint überdies die Vermutung begründet, als hätten die Einweisungen dieser Personengruppe den Nebenzweck gehabt, die auf den "Mobilmachungsfall" hin in den Vorkriegsjahren
errichteten KZ, insbesondere Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald und Mauthausen, die für
die bisherige Hauptkategorie der politischen Häftlinge zu groß waren, vorübergehend aufzufüllen
(vgl. Pingel 1979, 71).
Unter die Rubrik "Maßnahmen gegen Gemeinschaftsfremde" fiel auch die "Aktion Arbeitsscheu
Reich" im Jahre 1938. In einer Studie über diese Aktion verweist Wolfgang Ayaß noch einmal
aus-drücklich auf den schon oben erwähnten Arbeitskräftegesichtspunkt. Wichtiger als die Arbeitsleistung der gefangenen "Arbeitsscheuen" ist dabei für ihn allerdings der abschreckende
Effekt auf die Gesamtbevölkerung, den er im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten der allgemeinen Dienstpflicht, "unmittelbar nach der Juniaktion der Kriminalpolizei" (Ayaß 1988, 70) erblickt. Das Ziel war also vor allem die "Stärkung der nationalen Arbeitsdisziplin" der Bevölkerungsmehrheit.
Gleichermaßen erkennbar ist in diesen Aktionen gegen "Asoziale" und "Arbeitsscheue" eine
kontinuierliche Ausdehnung der Erfassungskategorien des "Abnormen", die schließlich auf dem
Höhepunkt des Krieges noch weiter ins "Normale" vorgetrieben wurden:
>Erhoben werden sollen ... unter anderem Arbeitsplatzwechsel, Arbeitslosigkeit, Krankheiten,
eheliche Treue, gesteigerte Sinnlichkeit, Schulden, Unterstützung durch die Fürsorge und häufige Belästigung von Parteistellen und Behörden.< (zit. n. Haug 1986, 102)
Im Zuge dieser bereits 1938 beginnenden Ausdehnung und Verschmelzung der Erfassungs-kategorien wurde die "Asozialität" zur "Gemeinschaftsunfähigkeit" im Rahmen der faschistischen "Volksgemeinschaft" umgearbeitet. Die Konstituierung der "Volksgemeinschaft", der die
überwiegende Bevölkerungsmehrheit freiwillig und nicht etwa gezwungenermaßen angehören
wollte, verlief ihrerseits wiederum insbesondere über ideologische Praxen (vgl. Projekt Ideologie- Theorie 1980). Diese Praxen waren sowohl "von oben" inszeniert (vgl. Behrens 1980, 81ff.),
als auch durch Selbsttätigkeit "von unten", als eine Art "Selbstpsychiatisierung" (Haug, 1986,
106) bestimmt. Moral, Gesundheit und Schönheit waren hier die "Hauptstützpunkte", die wiederum eng verknüpft waren mit der Sexualität, als zentralem "Übungsfeld der Selbst/ Beherrschung" (Haug 1986, 126).
Die Individuen unterwarfen sich diesen Praxen jedoch nicht nur aus freien Stücken. Die
Notwendigkeit des Lebens in der Klassengesellschaft mit ihren Marktgesetzen und ihren ideologischen Ordnungen zwangen sie dazu. Durch den Nachweis des Schönen, Gesunden, Adretten,
Empfehlenswerten, kurz des "Nicht-Jüdischen" gaben sie das "Gebrauchwertversprechen ihrer
Ware Arbeitskraft" (Haug 1987, 161).
Der Blick auf das Verhältnis von "Asozialen und Gemeinschaftsfremden" zur Bevölkerungsmehrheit im Nationalsozialismus verweist somit auf den dialektischen Zusammenhang von
Normalität und Ausgrenzung, von Zwang und Selbstzwang. Ein Zusammenhang der umso mehr
fortbesteht, als Marktgesetze und Konsumverhalten die individuellen Beziehungen weiter dominieren.
Wenn Johannes S. Ach und Andreas Gaidt am Schluß ihres Beitrags (1990) also vollkommen
zutreffenend feststellen, daß die Hauptschwierigkeit Strategien gegen Neo-Eugenik und Bevölkerungspolitik politisch und effizient werden zu lassen, darin liegt, daß "hier Herrschaftsinteresse in Form einer realen individuellen Optionssteigerung auftritt" (1990, 775), so verweist dies insbesondere auf die nichtaufhebbare - jedoch produktiv wendbare - Problematik des
Umgangs mit Fremden. Der spezifisch faschistische Umgang lag seinerzeit darin, diese Spannung
nicht aushalten zu wollen, und stattdessen [ohne Diskussion (!)] die Widersprüche zwischen
"gesund" und "krank", zwischen "Volksgemeinschaft" und den "Fremdvölkischen", - allgemein
betrachtet - zwischen Innen und Außen, physisch zu vernichten.
Dieser Problematik eines nur gewaltsam aufhebbaren Spannungsverhältnisses gilt es sich bewußt zu bleiben, ganz gleich, ob die Diskurse um die "aktive Sterbehilfe", um gentechnologische Eingriffe in das Erbgut oder um das Lebensrecht behinderter Menschen geführt werden.
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Literaturverzeichnis
Ach, J.S. und A. Gaith, 1990: Kein Diskurs über Abtreibung und >Euthanasie Zur Rechtferti- gung der Singer-Debatte. In: Das Argument 183, 769-776.
Ayaß, W., 1988: >Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin<. Die Aktion >Arbeitsscheu Reich<
1938. In: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, 6, 43-74.
Behrens, M., 1980: Ideologische Anordnung und Präsentation der Volksgemeinschaft am 1. Mai
1933. In: Projekt Ideologie-Theorie, 1, 81-106.
Bock, G., 1986: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen.
Broszat, M., 1965: Nationalsozialistische Konzentrationslager. In: H. Buchheim u. a., Anatomie
des SS-Staates, Olten, Freiburg i.Br., Bd. II, 9 - 160.
Buchheim, H. 1966: Die Aktion "Arbeitsscheu Reich". In: Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte. Stuttgart, Bd. II, S. 189-195.
Feuser, G., 1989:: "Der Streit um Leben und Tod" - Stellungnahme zur Diskussion über das Lebensrecht behinderter Menschen. In: Behindertenpädagogik 28, 301-308.
Grode, W., 1987: Die "Sonderbehandlung 14f13" in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Ein Beitrag zur Dynamik faschistischer Vernichtungspolitik, Frankfurt/M. (siehe
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ders., 1988: Das Selbstbestimmungsrecht der Patienten. Zur historischen Kontinuität von spezifischen Denkstrukturen in der Debatte um die "aktive Sterbehilfe". In: Behinderten-pädagogik 27,
286-295. (siehe www.wissen24.de)
ders., 1990: Faschistische Vernichtungspolitik und Modernisierung: Die Produktion der idealen
Volksgemeinschaft durch die "Endlösung der sozialen Frage". In: Informationen (Studienkreis:
Deutscher Widerstand), 31, 31-33.
Haug, W.F., 1986: Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts - Die Ideologie der gesunden
Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus - Materialanalysen. Berlin.
(vgl. www.wissen24.de/vorschau/23093.html)
ders., 1987: Antisemitismus als Bewährungsprobe der Ideologietheorie. In: ders.: Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur, Berlin, Bd. 2, 141-166.
Kühnrich, H., 19833: Der KZ-Staat. Die faschistischen Konzentrationslager 1933 bis 1945,
Berlin/ DDR.
Peukert, Detlev J.K. 1987: Alltag und Barbarei. Zur Normalität des Dritten Reiches. In: D.
Diner (Hrsg.), Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Frankfurt/M, 51-61.
Pingel, F., 1979: Häftlinge unter SS-Herrschaft, Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung
im Konzentrationslager, Hamburg.
Projekt Ideologie-Theorie 1980: Faschismus und Ideologie (Argument-Sonderbände 60 u. 62)
Berlin.
Schumann, M., 1989: Vom Sozialdarwinismus zur modernen Reproduktionsmedizin und zur
pränatalen Diagnostik - Gibt es eine Kontinuität? In: Behindertenpädagogik 28, 134-157.
Siemen, H.L., 1982: Das Grauen ist vorprogrammiert. Psychiatrie zwischen Faschismus und
Atomkrieg, Gießen 1982.
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Dr. phil. Walter Grode, 2005, >Ausgrenzung und Normalität<. Anmerkungen zur >Singer Debatte< vor dem Hintergrund der faschistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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