1 Einleitung
,,Ausländer sind faul" - ein Vorurteil. Was veranlaßt Menschen dazu über andere zu urteilen, obwohl sie sie gar nicht kennen? Weshalb halten sich Unterstellungen so hartnäckig und warum können diese falschen Wertungen nur schwer ins Positive umgewandelt werden? Ist es überhaupt möglich die Einstellungen von Personen gegenüber anderen Personen und Gruppen zu ändern? Das sind interessante, aber auch schwierige Fragen, die beantwortet werden sollen. In Deutschland leben neben den Deutschen auch sehr viele Ausländer. Diese haben unter einem ,,Phänomen" zu leiden, welches in den letzten Jahren immer deutlicher an den Tag kam. Politiker versuch(t)en zunehmend diesem Thema auszuweichen. Fremdenfeindlichkeit ist also ein brisantes Thema, besonders jetzt im Wahlkampf. Irgendwann war im Videotext eines Fernsehsenders zu lesen, daß ein Politiker gegen ,,multi-kulti" ist. Drückt sich hierbei nicht schon eine fremdenfeindliche Haltung aus? Diese Arbeit soll sich daher mit Vorurteilen beschäftigen und Fragen nachgehen, wie z.B. ,,Welche Ursachen hat Fremdenfeindlichkeit?" und ,,Was kann man dagegen tun?". Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich Fremdenfeindlichkeit erklären läßt und ob Vorurteile über Fremde änderbar sind und gegebenenfalls wie. Warum gerade das Thema ,,Vorurteilsforschung: Fremdenfeindlichkeit"? In meiner unmittelbaren Verwandtschaft gibt es einen Ausländer, der mir sehr nahe steht. Er hatte auch unter der Fremdenfeindlichkeit zu leiden, gerade weil Vorurteile in unserer Verwandtschaft sehr tief verwurzelt waren. Das Zusammensein mit ihm hat glücklicherweise dazu geführt, daß er völlig in seiner ganzen Person akzeptiert wird und wir alle keine Vorurteile gegen ihn haben.
Diese Arbeit soll zum Beginn Fremdenfeindlichkeit definieren, um dann allgemeine Aussagen über Stereotype, Vorurteile und Einstellungen zu vermitteln. Danach werden Ursachen für die Ablehnung von Fremden herausgearbeitet. Um zu zeigen, daß sich Vorurteile gegenüber Ausländern auch in anderen Ländern finden lassen und dort problematisch sind, sollen Vorurteile gegenüber den Deutschen in Italien kurz dargestellt werden, um dann speziell einen Blick auf die USA und Großbritannien zu werfen, bevor dann darauf eingegangen wird, wie die Betroffenen der Fremdenfeindlichkeit damit umgehen. Weiterhin sollen Möglichkeiten gefunden werden, wie sich Vorurteile bestmöglichst ändern lassen.
Als Grundlage für diese Arbeit dient der Artikel ,,`Fremdenfeindlichkeit' - Versuch einer Systematisierung der Debatte" von Andreas Zick aus der Fachzeitschrift ,,Gruppendynamik". Außerdem wird sich auf Beiträge zum Thema ,,Fremdenfeindlichkeit" aus dem Buch ,,Psychologie und multikulturelle Gesellschaft" bezogen. Weiterhin ist der Beitrag von Marita Rosch aus dem Buch ,,Angewandte Sozialpsychologie" mit dem Titel ,,Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland - sozialpsychologische Überlegungen zur Problematik sozialer Randgruppen" verwendet worden.
2 Was ist Fremdenfeindlichkeit?
Durch Vorurteile wird Fremdenfeindlichkeit geschürt. Doch was ist Fremdenfeindlichkeit überhaupt? Schaut man sich diesen Begriff genauer an, so fällt auf, daß dort vom ,,Fremden" und vom ,,Feind" die Rede ist.
Wenden wir uns dem ersten Begriff zu. ,,Fremd" heißt, daß ein Mensch aus einem bestimmten Gebiet (Heimat) in ein anderes Gebiet kommt (wo er fremd ist). Wenn der Fremde in seinem Territorium ist - quasi in seiner kulturellen Umgebung - stellt er keine Gefahr für die dar, die ihn als fremd betrachten.
Der zweite Begriff bezieht sich auf den ,,Feind". Ein Feind ist jemand, der nicht meine persönlichen Interessen vertritt. Er hat eine andere Weltanschauung und wird durch andere Prinzipien geleitet. ,,Feindlich" drückt eine ablehnende Haltung gegenüber einem Menschen aus. Diese Haltung wird dann aber gleichzeitig auf alle bezogen, die so wie mein Feind sind. Ist der Fremde nicht mehr in ,,seinem" Land, sondern kommt in ein anderes, wird er dort zum Feind. Er stellt eine Bedrohung dar, die mit allen Mitteln abgewehrt werden muß. Diese Abwehr ist gleichzusetzen mit Fremdenfeindlichkeit - eine defensive Ausgrenzungs- und Abgrenzungshaltung, die sich heutzutage um sehr knappe Ressourcen d reht, nämlich Arbeitsplätze, Geld und billige Wohnfläche.
Im folgenden ist sehr oft von den Deutschen die Rede. Sie sollen dann als Bezugspunkt und Beispiel für die Vorurteilsforschung zum Thema ,,Fremdenfeindlichkeit" dienen, da Fremdenfeindlichkeit in unserem Land sehr stark verbreitet ist.
3 Stereotype, Vorurteile, Einstellungen - allgemeine Aussagen
Stereotype kann man als eine eingreifende Variable ansehen, durch die Menschen die Flut von Informationen leichter wahrnehmen und verarbeiten können. Sie helfen, uns in der Gesellschaft zurechtzufinden. Weiterhin sind sie sehr starre Wertungen über Einzelne und Gruppen. Nach Adorno sind Stereotype Teile unserer Persönlichkeit. Adorno geht davon aus, daß negative Einstellungen gegenüber fremden Personen und Zusammenschlüsse dieser (Gruppen) ihren Ursprung im Persönlichkeitstyp der antidemokratischen und autoritären Persönlichkeit haben.
,,Das Vorurteil ist eine Einstellung, die eine Person dazu prädestiniert, gegenüber einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in positiver oder negativer Weise zu denken, wahrzunehmen, zu empfinden und zu handeln" (Schultz-Gambard (Hrsg.), 1987, S. 217). Stereotype kann man bildlich als Teilmenge der Vorurteile, diese gleichfalls als Teilmenge von Einstellungen auffassen.
Nach Tajfel sind bei den Menschen drei kognitive Prozesse verantwortlich zur Beurteilung von Mitgliedern einer Gruppe, der man selbst nicht angehört. Zuerst ist der Prozeß der Kategorisierung zu nennen. Personen werden ganz einfach unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie verschiedenen Bevölkerungsgruppen angehören. Der zweite Prozeß betrifft die Assimilation. Das ist ein Sozialisationsvorgang, in dem wir lernen, welche Eigenschaften der eigenen Gruppe und welche der fremden Gruppe zuzuordnen sind. Der letzte Prozeß kann als Suche nach Kohärenz (Zusammenhalt) aufgefaßt werden. Hierbei erlauben Vorurteile einem Individuum, Umweltveränderungen bestimmten Eigenschaften von Personen zuzuschreiben. Zum Beispiel die Tatsache, daß es immer weniger Arbeitsplätze gibt, wird dazu verwendet, um Ausländer hier in Deutschland als ,,geldgeil" und ,,ausbeutend" gegenüber den Deutschen zu bezeichnen, da die Ausländer sich in Deutschland ,,breit machen". Vorurteile entstehen, wenn Personen vom Äußeren eines Menschen versuchen das Innere dieses Menschen zu verstehen. Vorurteile sind meist falsche Urteile, die mit Wahrheitsanspruch versehen werden. Weiterhin kann man sie als voreilige Urteile auffassen, die auf unvollständigen Informationen beruhen. Vorurteile generalisieren und enthalten Bewertungen über einzelne bzw. Gruppen (Stereotype, siehe oben). Des weiteren sind sie emotional projektiv, das heißt, es werden eigene Gefühle auf andere Menschen übertragen.
Zum Beispiel kann ein Skinhead Angst vor der Dunkelheit haben, er überträgt die dann auf einen Ausländer und verbietet ihm somit quasi in den Nachtstunden auf der Straße zu sein. Die Funktion der Vorurteile läßt sich so beschreiben, daß sie eine Orientierungsfunktion haben, sie privilegieren denjenigen, der sie hat, und sie dienen zur Selbstbehauptung und besseren Selbstdarstellung. Sie sind ganz einfach nützlich und sind daher Bestand unserer Alltagstheorien.
Was sind Einstellungen? Es sind zeitlich überdauernde Reaktionsbereitschaften gegenüber bestimmten Personen, Personengruppen, Objekten, Situationen und Institutionen. Sie steuern unser Verhalten und bestehen aus drei verschieden Komponenten. Erstens gibt es die kognitive Komponente (z.B. Ausländer sind faul). Zweitens sind Einstellungen durch eine affektive Komponente gekennzeichnet (z.B. Ausländer sind sympathisch oder unsympathische). Drittens ist die Verhaltenskomponente zu nennen, die sich im Verhalten der Personen widerspiegelt (z.B. Ausländer von oben herab behandeln). Es gibt zentrale und periphere Einstellungen. Sie können sich verselbständigen und es ist schwer, Einstellungen zu ändern oder abzubauen.
4 Ursachen der Fremdenfeindlichkeit
Zu Beginn muß geklärt werden was eine soziale Randgruppe ist. Angehörige dieser Gruppe unterscheiden sich aufgrund äußerer Merkmale ( z.B. Hautfarbe, Aussehen), Denkgewohnheiten (z.B. Religion, Weltbild) von der restlichen Gesellschaft eines Staates oder einer Kulturkreises. Diese sichtbaren und spürbaren ,,Hinweise" werden entsprechend von der stärker vertretenen Gruppe in einem Land als Anlaß für Fremdenfeindlichkeit genommen.
4.1. Verletzung des Zugehörigkeitsgefühls
Als Ausgangspunkt steht die Frage was ein soziales System ist. Soziale Systeme sind für sich abgeschlossen und nach außen hin abgegrenzt. Nach innen sind sie strukturierte Einheiten. Sie verfolgen einen bestimmten Zweck. Die Angehörigen des Systems - hier speziell die Deutschen - können an kollektiv erreichten Zielen teilhaben (z. B. Wirtschaftswachstum, gemeinsame Kultur, Weltanschauung). So bildet sich dann ein Gefühl der Zugehörigkeit heraus. Dies führt zur Differenzierung zwischen ,,uns" und den Fremden. Die Angehörigen des Systems haben durch gemeinsame Sozialisation allgemeingültige Normen und Werte der
eigenen Kultur übernommen. Sie betrachten sich als gleichwertig und können sich gegenseitig vertrauen. Daraus resultiert das starke ,,wir" - Gefühl. Diejenigen, die nicht dem sozialen System angehören, werden bewußt ausgegrenzt, im materiellen und sozialen Sinn. Fremde haben nicht die gleichen Rechte wie das ,,Wir" und m üssen sogar mit weniger Rechten auskommen. Ihre Ansprüche gelten fast nicht und die ,,wir" - Interessen werden auf jeden Fall höher bewertet, d. h. sie kommen vor den Interessen ausländischer Mitbürger. Die Angehörigen des sozialen Systems schützen sich gegenseitig vor äußeren Gefahren und erheben Anspruch auf soziale Unterstützung im Innern. Die Mitglieder des sozialen Systems sind für ,,Outsider" die Alteingesessenen, sie bestimmen aktuelle Verhältnisse und kontrollieren weitgehend das soziale Leben, den sozialen Alltag.
Soziale Systeme sind zwar in sich abgeschlossen und nach außen hin begrenzt, aber sie sind offene Systeme. Daraus folgt, daß eine begrenzte Anzahl von Ausländern durchaus in diesem System sein kann. Aber eine Überbelastung, die zur Instabilität (und zum Zusammenbruch des Systems führen würde) führt, wird vermieden, da die Einreise und der dauerhafte Aufenthalt rechtlichen Kontrollen unterliegen. Daher werden natürlich die Interessen der Angehörigen des Systems berücksichtigt und gewahrt. In Krisen des sozialen Systems wird versucht, es vor externen, also äußeren, Belastungen zu schützen. Dazu dient - das meinen sicherlich diejenigen, die gegen Ausländer sind - die Fremdenfeindlichkeit. Blickt man zurück auf die letzten Jahre, läßt sich dies praktisch bestätigen. Durch das stetige Anwachsen der Zahl der ausländischen Mitbevölkerung in Deutschland wird ihr Aufenthalt immer schwerer zu kontrollieren. Weiterhin treten immer mehr die ausländischen Interessen in den Vordergrund, die der Deutschen bleiben von den politischen Parteien weitestgehend unberücksichtigt. So wird es jedenfalls von den Menschen gesehen, die die Fremden hassen. Ausländer werden zu gleichberechtigten Partnern und konkurrieren um Arbeitsplätze und billigen Wohnraum. Eine wichtige Ursache der Ausländerfeindlichkeit ist, daß sie finanzielle Unterstützung vom Staat kassieren. Für die deutsche Bevölkerung fehlen solche Hilfen und werden außerdem noch gekürzt - zugunsten der Ausländer.
Die Deutschen fühlen sich von ihrem Staat im Stich gelassen und meinen, benachteiligt zu sein. Ihre Enttäuschung drückt sich dann auch darin aus, daß sie aus Protest eine eher rechte Partei wählen, wie die Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich zeigen. Die alteingesessenen Parteien sollen aufgeschreckt werden, sich Themen zuwenden, die die Bürger interessieren und bewegen.
Arbeit zitieren:
Gerrit Witt, 1998, Vorurteilsforschung - Fremdenfeindlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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