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Medienlehre, Kommunikationspolitik - Skript mit Rezensionen zur Basisliteratur (Diplom- / Magisterprüfung)

Skript, 2001, 52 Seiten
Autor: Reinhard Röde
Fach: Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Details

Kategorie: Skript
Jahr: 2001
Seiten: 52
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V1042
ISBN (E-Book): 978-3-638-10642-9

Dateigröße: 302 KB


Textauszug (computergeneriert)

Skripte aus den Themenbereichen
Medienlehre
Kommunikationspolitik

Medienlehre

Charlton Rezeptionsforschung als Aufgabe einer interdisz. Medienwissenschaft
Ludwig Medienökonomie
Neuberger Massenmedien im Internet 1999
Pürer Rundfunk in Deutschland
Pürer/Raabe Presse in Deutschland
Schönbach Zeitungen in den Neunzigern: Faktoren ihres Erfolges
Schönbach/Peiser Was wird aus dem Zeitungslesen?
Schulz Mediaforschung
Schulz Neue Medien-Chancen und Risiken

Kommunikationspolitik

Bethge Der Grundversorgungsauftrag des öff.-rechtl. Rundfunks
Kopper Einführung (Medien- und Kommunikationspolitik der BR Deutschland)
Pürer/Raabe Funktionen der Presse im Systemd er BRD (in: Medien in Deutschl.)
Stober Medien als vierte Gewalt - Zur Verantwortung der Massenmedien
Stuiber Rundfunkbegriff / Rundfunkrecht (in: Medien in Deutschland 2.2)
Stuiber Anmerkungen zur Rundfunkpolitik (in: Medien in Deutschland 2.2)
Wilke Bedeutung und Gegenstand der Medienpolitik

Die Dokumente im PDF sind verlinkt. Klicken auf den Titel führt zum jeweiligen Dokument.


Charlton: Rezeptionsforschung als Aufgabe eine interdisziplinären Medienwissenschaft

Relevanz: Wichtig
Kürze und Würze: 24 Seiten
Zusammengefasst von: Hardy - Eigene Kommentare kursiv

Der Kern:

Michael Charlton fasst die drei grundsätzlichen Paradigmen von Rezeptionsforschung
zusammen und geht auf ihre theoretischen Grundlagen ein. Am ausführlichsten tut er dies bei
der handlungstheoretischen Rezeptionsforschung.

· Die kausalnomologische Wirkungsforschung geht aus vom S-R-Modell und vom passiv rezipierenden Zuschauer.
· Die kognitionswissenschaftliche Verstehensforschung baut auf dem Paradigma des Konstruktivismus auf: (Medien-) Wirklichkeit wird individuell konstruiert.
· Die handlungstheoretische Rezeptionsforschung betrachtet Medienrezeption in ständiger und beidseitiger Interaktion mit der Alltagspraxis des Rezipienten.

Der interdisziplinäre Aspekt aus dem Titel kommt nur am Rande vor: in der Forderung am Schluss, die Wissenschaften sollten doch ihre Ergebnisse gegenseitig nutzen und in der Feststellung, die drei Forschungsrichtungen existierten zwar in wechselseitiger Unabhängigkeit, könnten sich aber auch gegenseitig gut ergänzen.

Die Nachricht

Gegenstand, Standort der Rezeptionsforschung
Unter Medienrezeption soll die aktive Auseinandersetzung von Lesern mit Texten verstanden werden. (Charlton stellt ständig klar, dass ,,Leser von Texten" stets auch ,,Hörern von Sprache und Musik", ,,Zuschauer von Filmen" etc. bezieht. Ich hab das hiermit getan und lass das im Rest des Textes).

Der Rezeptionsprozess (RP) beginnt mit der Zuwendung zum Medium. Im Mittelpunkt des RP steht die Leser-Text-Interaktion, die von sozialer Kommunikation begleitet sein kann. Abbrüche der Leser-Text-Interaktion sind häufig. An die eigentliche Rezeption kann sich eine Aneignungsphase anschließen, in der Medienerfahrung und eigene Lebenswelt zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Die Rezeptionsforschung befasst sich mit den inhaltlichen und formalen Eigenschaften der Texte, mit den psychologischen und sozialen Bedingungen der Rezeption und mit der Beziehung zwischen Mediensystem und Alltagswelt der Rezeptionsteilnehmer. Deswegen ist eine interdisziplinäre Herangehensweise notwendig. Trend der Rezeptionsforschung: weg von dem Erfassen einer Medienwirkung, im Mittelpunkt stehen statt dessen die konstruktiven, sinnerzeugenden Aktivitäten der Rezipienten.

1. Kausalnomologische Medienwirkungsforschung
Die Medienwirkungsforschung versucht nachzuweisen, dass zwischen der Beobachtung eines oder mehrerer vergleichbarer Medienereignisse und dem nachfolgenden Verhalten des Zuschauers eine kausale Beziehung besteht. Fokus der Forschung ist die Beeinflussbarkeit solcher Verhaltensweisen, die von allgemeinem gesellschaftlichem Interesse sind (Wahlverhalten, Kaufverhalten, durchgedrehte Killer-Jugendliche etc).
Metaanalysen von Wirkungsstudien zeigen, dass die nachweisbaren Medieneffekte enttäuschend gering sind. Das Modell des passiven, indoktrinierbaren Zsuchauers ist durch eine handlungstheoreische Konzeption zu ergänzen (s.u.); zumindest sind, wie es der rezipientenorientierte Ansatz (z.B. Sturm 1982) verfolgt, Persönlichkeitsmerkmale und Lebensbedingungen des Rezipienten als Kovariate zu berücksichtigen. Kritisiert wird auch, dass eine Vermischung zwischen physikalistsicher (= nach den Methoden der Physik ausgerichteter) und intentionalistischer (= die Absicht des Handelnden in den Mittelpunkt stellender) Betrachtungsweise und Terminologie stattfindet (z.B. ,,Der Medienreiz x ist Ursache für die Aggressionsbereitschaft y".)

Modell der Leser-Text-Interaktion in der Wirkungsforschung
In der Wirkungsforschung sind die Leser als reizkontrolliert und input-abhängig konzipiert. Zu einer bidirektionalen oder transaktionalen Leser-Text-Interaktion kann es nicht kommen. Text- und Lesermerkmale sind unabhängige Einflussgrößen, die sich nicht gegenseitig verändern können, sondern nur einen spezifischen Effekt auf die abhängige Variable ,,Medienwirkung" haben. Über längere Zeit gesehen ist dies aber widersprüchlich: Geht man vom Leser als unabhängige Variable aus, so erscheint nicht plausibel, warum bei ihm eine Medienwirkung stattfinden und ihn verändern kann.

2. Kognitionswissenschaftliche Textverstehensforschung
Wahrnehmen und Verstehen werden von Forschern dieser Richtung als konstruktive und wissensbasierte Prozesse beschrieben, die simultan verlaufen: sowohl ausgehend von der Reizgrundlage (,,bottom up"), als auch von den im Langzeitgedächtnis gespeicherten Konzepten und Schemata (,,top down"). Rezipienten konstruieren also auf der Grundlage ihrer Lebenserfahrungen eine subjektive Lesart der Mediengeschichte.
Die kognitionswissenschaftliche Forschung sucht nicht nach kausalen Erklärungen für Medieneinflüsse, sondern nach Algorithmen, die den Konstruktionsprozess sowie die daran beteiligten Systeme erklären können.
Kognitive Rezeptionstheorien können nicht nur die Modellierung mentaler Prozesse beschreiben, sondern darüber hinaus auch weitere Handlungen des Zsuchauers erklären. z.B. die selektive Zuwendung zu Medieninhalten, Aufsuchen von Angst oder Spannung etc. Leser-Text-Interaktion in der Textverstehensforschung und im Konstruktivismus
Der Rezipient ist in der Textverstehensforschung aktiver Konstrukteur von Sinn und nicht Zielscheibe von Medienreizen. Die Leser-Text-Interaktion lässt sich unter bestimmten Bedingungen als transaktional beschreiben (z.B. bei Früh/Schönbach 1982). Natürlich verändert der Leser nicht den Text, dem er sich zugewandt hat. Die Transaktion beschreibt einen innerpsychischen Vorgang: Die konstruktiven, schemagesteuerten Prozesse aus dem Langzeitgedächtnis (top-down) interagieren mit den Prozessen, die von der Reizgrundlage (=dem Text) ausgehen (bottom-up).

Kleiner Luhmann-Exkurs: Konstruktivistische Medientheorien verstehen die Beziehung zwischen dem Subjekt und seiner medialen Umwelt nicht mehr als Informationsaufnahme.
Luhmann 1996: Information ist immer selbstreferentiell, d.h. auf die eigenen Wissensbestände des Systems (= hier: des Rezipienten) bezogen. Der Kontakt zur Systemumwelt erzeugt im kognitiven System lediglich Irritationen, die dann unter dem Rückgriff auf die vorhandenen Wissensbestände als bemerkenswert und damit informativ oder als nicht informativ bewertet werde.

Sicher eine auf den extremsten Grundlagen von Informationsweitergabe argumentierende Sichtweise, aber nicht ohne Charme. Ein Germanistik-Professor zeichnete eine sehr ähnliche konstruktivistische Perspektive (es ging um Literaturinterpretation) mal so auf:

Abb. [...]

Folgt man dieser Vorstellung, kann im kommunikationswissenschaftlichen Sinn überhaupt nicht von einer Leser-Text-Interaktion gesprochen werden, da das System Rezipient und das Mediensystem jeweils geschlossene Systeme sind und die Wechselbeziehung nur in einer gegenseitigen Irritation besteht, die dann von jedem sozialen und kognitiven System selbst aufgelöst werden muss.

3. Handlungstheoretische Rezeptionsforschung
Kommunikation und Interaktion dienen der Bewältigungd er Aufgabenm die das Leben inder Sozialwelt stellt. Der handlungstheoretische Ansatz in der Medienforschung sieht die Massenkommunikation als Tei dieser sozialen Praxis an - sowohl auf Seite der sich mitteilenden, als auch der rezipierenden Teilnehmer.

Grundannahmen der handlungstheoretischen Rezeptionsforschung:
  • Rezeption entsteht aus der Alltagspraxis (Rezipienten wählen bevorzugt Medienthemen aus, die mit ihrer eigenen Lebenssituation in Zusammenhang stehen)
  • Rezeption wird von der Alltagspraxis begleitet (zum Beispiel, wenn sich Fernsehzuschauer gegenseitig die Logik eines Films erklären)
  • Rezeption wirkt auf die Alltagspraxis zurück (z.B. wenn Zuschauer medial rezipierte Handlungsentwürfe zur Läsung ihrer eigenen Alltagsprobleme übernehmen)

Beispiel: Strukturanalytsiche Rezeptionsforschung
Es gibt mehrere handlungsorientierte Rezeptionsmodelle: z.B. Nutzenansatz (Renckstorf 1989), Encoding-Decoding-Theorie (Hall 1980), Biographieforschung (Baacke/Sander/Vollbrecht 1990). Charlton geht auf seinen eigenen Ansatz ein: die Strukturanalytsiche Rezeptionsforschung).
Die strukturanalytsiche Rezeptionsforschung begreift das Ineinander von gesellschaftlichen Strukturen und subjektivem Handeln als Ergebnis eines Ko-Konstruktionsprozesses, in welchem individuelle Konstruktionstätigkeit und soziale Konstitutionzusammenwirken. (Noch Fragen? Ich hätte es auch nicht treffender sagen können ;-).

Das Rezeptionsgeschehen wird als ein mehrschrittiger Prozess verstanden (Phasenmodell des Rezeptionshandelns):
  1. Der Rezipient gestaltet die soziale Situation so, dass eine Auseinandersetzung mit Medien möglich wird.
  2. Zu Beginn, aber auch noch während der Auseinandersetzung mit dem Medium erfolgt eine thematische Selektion. Rezipienten suchen dabei nach ihren identity themes und nach ihnen vertrauten Strategien zur Lebensbewältigung; die eigene Lebenssituation wird mehr oder weniger bewusst anhand der medialen Geschichten und Deutungsmuster reflektiert.
  3. Die eigentliche Rezeptionsphase: Rezipienten spielen mit ihrer emotionalen Nähe/Distanz zu Medienangebot, suche nach einem Maß an Involvement, das eine optimale Anregung zulässt, ohne die eigene Gefühlsbalance zu gefährden.
  4. Nach der Rezeption folgt die Nutzbarmachung des Rezipierten für die eigene Lebensführung; dieser Prozess wird häufig durch personale Kommunikation unterstützt.

Leser-Text-Interaktion in der handlungstheoretischen Rezeptionsforschung
Aus handlungstheoretischer Sicht enthält ein Text (bzw. Bild, Film...) nicht (oder nicht nur) Informationen über die Welt, sondern eine Reihe von Instruktionen, wie sich der Leser selbst Erkenntnisse beschaffen soll. Ein Text ist also eine thematisch geordnete, kohärente Menge von Instruktionen, nach Eco eine ,,Strategie, die den Bereich seiner - wenn nicht legitimen, so doch legitimierbaren - Interpretationen konstituiert".

Die Inhalte des Textes werden vom Leser aktualisiert, indem er
  • auf der einen Seite mögliche Welten konstruiert und überprüft (Extensionen, Voraussagen, Weltstrukturen) - wenn ichs richtig verstehe, ist das der Part des Lesers - und
  • auf der anderen Seite Themen und Szenographien identifiziert (diskursive Strukturen), Makropositionen der Fabel rekonstruiert (erzählerische Strukturen), die Aktantenstrukturen und die ideologischen Strukturen der Erzählung versteht - das müsste dann der Part des Textes sein.

Aktuelle Themen der interdisziplinären Rezeptionsforschung
- Aktivität und Autonomie von Rezipienten

[...]


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