2 Aus einem der Gedichte von Archilochos v. Paros, nur in Teilen erhalten
institutionalisiert, um ihn so in geordnete Bahnen zu lenken.
Der erste Schritt war, den Festen feste Daten zuzuweisen. So entstanden zunächst:
- die Anthesterien, ein Fest für Dionysos als Gott des Weines und der Fruchtbarkeit
- die Oschophorien, ein Erntedankfest
später dann:
- die Lenäen, ein Fest, eigentlich zum Feiern als Selbstzweck, ein „orgiastisches Frauenfest“ (Latacz, S.38), mit Tänzen und ersten Theateraufführungen, noch auf oder zumindest in der Nähe der Agora (Marktplatz)
- die ländlichen Dionysien, entstanden aus einem alten ländlichen Fruchtbarkeitsfest mit Phallus- Verehrung
- die städtischen Dionysien, ein staatlich angeordnetes Fest, ein „Instrument der Religions- und Kulturpolitik der Tyrannis“ (Latacz, S. 41) Die städtischen Dionysien teilten sich in zwei Hauptbestandteile, die Phallus-Prozession (von den ländlichen Dionysien Übernommen) und die Theateraufführungen (von den Lenäen übernommen)
Die Theateraufführungen im Rahmen der Städtischen Dionysien entwickelten sich also im Laufe der Zeit bis zur voll ausgebildeten Form der Griechischen Tragödie.
Auch wenn man die Schriften des Aristoteles zur Hilfe nimmt, stellt sich die Entwicklung der Tragödie auf gleiche Weise dar und es werden noch einige Details der Entwicklungsgeschichte aufgezeigt, die bis jetzt noch nicht erwähnt wurden. „Entstanden aus improvisatorischem Ursprung[...]von den Anstimmern des Dithyrambos, [...] wurde sie in kleinen Schritten größer, [...] hielt [...] inne, sobald sie ihre Natur erreicht hatte.
Und die Zahl der Schauspieler hat von einem auf zwei[...]geführt und die Partien des Chores[haben sich]verringert und dem Wort als dem Hauptakteur den Weg bereitet[...]Dann noch zur Größe: aus kleinen Geschichten und lachenerregender Diktion - auf Grund der Umformung aus Satyrhaftem - wurde sie [die Tragödie] respektabel, und das Versmaß wandelte sich vom Tetrameter zum Iambos [...]nachdem das Sprechen aufgekommen war “ (Aristoteles 3 , zit. nach Latacz, S.56)
Aristoteles sieht die Keimzelle der Tragödie also in der Improvisation (Dithyramben). Keimzelle ist sicherlich das richtige Wort, wenn man im Zusammenhang mit Aristoteles vom Ursprung der Tragödie spricht, „Er [Aristoteles] sieht das Phänomen Tragödie etwa wie eine Pflanze“ (Latacz, S. 57). Sie entwickelte sich aus einer Keimzelle, und „hielt [...] inne, sobald sie Ihre Natur erreicht hatte“ (siehe oben).
Er sagt auch, dass sich die Zahl der Schauspieler erhöhte und der Chor an Bedeutung verlor. Somit wurde also der Gesang zurückgedrängt, und das gesprochene Wort wurde wichtiger.
Die erwähnte „Umformung aus Satyrhaftem [...] nachdem das Sprechen aufgekommen war“ (siehe oben) machte sie respektabel.
³`Poetik´ von Aristoteles
Das Satyrhafte war demnach ein Chorgesang der kleine, lächerliche Inhalte hatte. Der Wandel des Versmaßes erklärt sich aus der Verlagerung des Schwerpunktes vom Gesang zum Sprechen. Der Iambus ist das Versmaß, dass wir bis heute, unbewusst, in unserer Alltagssprache am meisten nutzen, wohingegen der Tetrameter ein rhythmischer Viertakt ist, der gut zu Gesang und Tanz passte. Auch die Auseinandersetzung mit dem Begriff `Tragödie´ bestätigt die bisher dargestellte Entstehungsgeschichte. Wenn man das Wort Tragödie (Tragodia) in seine zwei Bestandteile `Trag- ` und `odia´ zerlegt, so bedeutet `odia´ Gesang, was sich eindeutig mit dem deckt was bis jetzt gesagt wurde. Mit dem ersten Teil, `Trag´, ist es schon etwas schwieriger. `Trag´ bedeutet übersetzt soviel wie Ziegenbock, ein Begriff der sich auf den ersten Blick nicht in die bisher erläuterte Entstehung einzufügen scheint. Bei näherer Betrachtung lässt sich dieser zunächst verwirrende Begriff jedoch erklären. Wie oben erwähnt spielte das satyrhafte für die Entwicklung der Tragödie eine Rolle. Die Satyrn waren die Begleiter des Dionysos. Auf Bilder wurden sie stets in ein Bocksfell gewandet dargestellt. Das Wort Tragödie wäre also zurückzuführen auf eine ihre frühen Formen, „bei der tanzende, und in lachenerweckendem Stil singende Satyrn mit Bockscharakter einen Chor bildeten“ (Latacz, S. 62).
1.2Die Rezeptionskomponenten
Die griechischen Tragödien wurden im Rahmen einer bestimmten Rezeptionssituation aufgeführt. Der Autor der Stücke musste sich also beim Schreiben derselben und bei der Vorbereitung der Aufführung stets der Rezeptionsbedingungen bewusst sein, unter denen sein Stück dann zur Aufführung kommt. Im einzelnen sind dies:
Ortsgebundenheit
Die Tragödien wurden im Theatron aufgeführt. Die Zuschauer saßen in einem großen Halbkreis, ihre Blickrichtung war daher in Richtung der Orchestra (=Tanzplatz, Aufführungsort) „fixiert“.
Um die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer nicht zu überfordern, musste der Tragödiendichter also darauf achten, dass die Stücke nicht zu lang waren. „Die Durchschnittsaufnahmefähigkeit des Publikums bestimmt also dir Länge des Theaterstücks.“ (Latacz, S. 21)
Auch der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit des Publikums musste der Dichter Rechnung tragen. Dies ließ sich im wesentlichen durch Variation der äußeren Form und durch Spannungssteigerung innerhalb des Stückes bewerkstelligen. Die Variation der äußeren Form erfolgt durch Wechsel zwischen Sing- , Tanz- und Sprechpassagen (darin beinhaltet auch wechselnde Versmaße, Tanzarten, etc.), sowie durch Personenwechsel und Wechsel der Dialogpartner (Chor - Schauspieler, Schauspieler - Schauspieler, Schauspieler - Chorführer, etc.). „Fazit: Die erste Komponente der Rezeptionssituation [...] ist ihre Ortsgebundenheit. Diese zwingt den Dichter, seinem Kunstwerk eine ortsangemessene Struktur zu geben: das Stück muss relativ kurz sein, es muss
abwechslungsreich, und es muss im Falle der Tragödie streng logisch aufgebaut sein.“ (Latacz, S. 22)
Anlassgebundenheit
Die Tragödien wurden, wie im Teil 1.1 beschrieben, nur anlässlich bestimmter Feste im Rahmen des Dionysoskults aufgeführt. Der Dichter schreibt also seine Stücke nur für die einmalige Aufführung an diesem besonderen Anlass. Die Stücke und ihre Aufführung mussten also so gestaltet werden, dass der Sinn dem Zuschauer nach nur einmaligem Anschauen erschließt. Es durften keine zu verschachtelte und komplizierte Handlungsstränge eingebaut werden. Auf die Inhalte der Tragödien wirkte sich die Anlassgebundenheit dahingehend aus, dass sie in früherer Zeit vermutlich direkten Bezug zum Dionysoskult hatten, der dann im Laufe der Zeit dann einem allgemeinen Mythe nbezug wich. „Die Anlassgebundenheit der Tragödie an den religiös- kultischen Anlass `Dionysosfest´ zieht erstens die Singularität der Tragödienaufführung und zweitens den Mythosbezug des Tragödienstoffes nach sich.“ (Latacz, S. 25)
Wettbewerbsgebundenheit
Die Dionysosfeste waren (zumindest in ihrer späteren Zeit) staatlich organisiert. Aufgrund des großen Zuspruches der Bevölkerung, überstieg das Angebot an Stücken für die Feste schon bald den Bedarf, so dass die staatliche Verwaltung dazu überging die Aufführungen als Wettbewerb (Agon) auszutragen. „[...] der Leiter [von staatlicher Seite] der Großen Dionysien [...] wählte aus der Vielzahl der Dichter, die Tragödien inszenieren wollten, drei aus. Jeder Dichter musste vier Stücke (Tetralogie) präsentieren, bestehend aus drei Tragödien (Trilogie) und einem Satyrspiel. [...] Die Entscheidung über den Sieger [...] wurde von einem in einem komplizierten Verfahren gewählten Schiedsrichtergremium getroffen.“ (Bernhard Zimmermann, Einführung zu `Aischylos Tragödien´)
Daher mussten die Tragödien, wenn sie im Wettbewerb eine Chance haben wollten, höchsten qualitativen Ansprüchen genügen. Auch sollte das Stück ja im Rahmen einer „religionspolitischen Institution des Staates“ (Latacz, S. 25) aufgeführt werden, und musste so einen „gedanklichen Bezug zur jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Situation“ (Latacz, S. 26) haben. Auch die schnelle Entwicklung der Gattung Tragödie ist wohl auf die Aufführungsart, den Agon, zurückzuführen. „[...] galt es doch, ein durch häufigen Theaterbesuch geschultes Publikum zu Überzeugen. Da die mythischen Stoffe [in ihrer Anzahl begrenzt waren,] im Bereich de Stoffwahl also keine großen Innovationen möglich waren, kam es darauf an, einen bekannten Stoff auf neue, vielleicht überraschende Art darzustellen[...]“ (Zimmermann, S. 8)
Mittelgebundenheit
Da die Tragödien im Rahmen eines Wettbewerbs aufgeführt wurden, mussten auch für alle Wettbewerbsteilnehmer gleiche Bedingungen geschaffen werden. Daher hatten alle Tragödiendichter die gleichen personellen und Technischen Mittel zur Verfügung.
Es waren also die Anzahl der Chormitglieder, der Schauspieler, der Statisten und der Musiker für alle gleich.
Auch der Aufführungsort: Orchestra (Spielfläche), Skene (Kulissengebäude hinter der Orchestra), Logeion (=`Sprechplatz´, Ort an dem die Schauspieler standen, zwischen Orchestra und Skene) und zwei seitliche Eingänge sowie die zu Verfügung
Arbeit zitieren:
Wolfgang Wüst, 2001, Die Entstehung der griechischen Tragödie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Emil Frankls
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 24 Seiten
'Don Karlos', ein Freundschaftsdesaster - eine didaktische Ana...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hauptseminararbeit, 29 Seiten
Der Einfluss von Kants Philosophie auf die Sozialpädagogik
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Massenkultur und Propaganda - Kulturpolitik im 3. Reich
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Seminararbeit, 27 Seiten
Historische Grundlagen des Bewegungsunterrrichts
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Hausarbeit, 18 Seiten
"Praxis der Familienhilfe - Familientherapie als notwendige Metho...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 71 Seiten
>Ausgrenzung und Normalität<. Anmerkungen zur >Singer Debatt...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Wissenschaftlicher Aufsatz, 8 Seiten
Griechisch / Altgriechisch: Die Entstehung der griechischen Tragödie ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Wolfgang Wüst hat den Text Die Entstehung der griechischen Tragödie veröffentlicht
Wolfgang Wüst hat einen neuen Text hochgeladen
super
toll.
sorry, suche die allgemeine struktur der griechischen Tragödie
am Thursday, February 07, 2002-
Patrizia
Arbeit.
Wow,echt klasse Arbeit!respekt!
am Monday, September 23, 2002-
Lukas
Plural/Singular.
Die Arbeit ist ganz gut geworden; als Gräzist sollte man allerdings den Unterschied zwischen dem Singular (Stasimon) und dem Plural (Stasima) eines Wortes kennen.Außerdem: Ist es wirklich notwendig, ein Skriptum als Quelle anzuführen?
am Monday, March 27, 2006-
Serge Ehrensperger
Nietzsche?.
Friedrich Nietzsche ist bekanntlich der wichtigste Autor und Entdecker dieser Dinge in seiner Dissertation "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Wie wird diese grundlegende, geniale Schrift im Lichte der heutigen Forschung gesehen? www.sergeehrensperger.ch
am Sunday, October 26, 2008-