deutlich. Dieses Spiel von Licht und Schatten finden wir auch im Gesicht. Die Haut ist orangegelblich, was ebenfalls stark auf den Einfluß des Naturlichtes hinweist. Die Augen sind kaum mehr als
dunkle Flächen und der Mund besteht aus zwei schwungvollen rosa Linien und doch schafft Cezanne
es, durch das geschickte ineinanderfliessenlassen der Farben einen Ausdruck und Leben in das
Gesicht zu zaubern, auch wenn es nach einem ruhigen Leben aussieht. Die Haare sind streng nach
hinten zu einem Zopf gebunden. Der Hintergrund, der sich in zwei Hälften Teilen läßt ist rechts
dominierend weiß und links braun. Auf der vermeidlichen Tür schimmert bläulich ein leichter Schatten
der Mme.
Der Wegfall der Perspektivwirkung, den viele Impressionisten anstrebten, läßt sich hier bedingt
finden. Die Möbel im linken Hintergrund wirken als hätten sie eine Tiefe, diese ist jedoch auch durch
die Farbgebung nur mehr angedeutet als völlig ausgeführt. Die Möbelstücke lassen sich auch nicht
erkennen, sondern nur vermuten.. Die Tür im rechten Hintergrund ist ebenfalls nur ansatzweise mit
Konturen versehen, die aber durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten klar hervortreten.
Und schliesslich wieder die Frau selbst. Im Gesicht wieder durch verschieden Farbtöne
hervorgerufen, so sind auf der Jacke zwar auch Schatten angedeutet, doch findet man kaum Falten,
die der Stoff wirft, o.ä..
In Matisses Bild ist wie schon erwähnt die Frau nur bis über die Brust dargestellt. Auch die Arme
sieht man nicht. Im Gegensatz zu Cezannes Darstellung besteht der Hintergrund hier nur aus drei
großen Farbflächen. Matisses Portrait gehört zum Expressionismus, dessen wilder Ausdruck auch in
diesem Bild zu erkennen ist. Er schlägt sich vor allem in der typisch expressionistischen
Übersteigerung der Farben nieder. Diese gehen über ihre Natürlichkeit hinaus und das Bild ist keine
Wiedergabe der Natur, sondern eine innere Empfindung, der gefühlsgemäß Ausdruck gegeben wird.
So entsteht eine neue Version der Dinge, so wie es an der Mme M. deutlich wird, die hier blaue
Haare und ein gelbliches Gesicht hat. Auf diesem Portrait ist (wie bei Cezanne) die einfache Ehefrau
des Malers zu sehen, jedoch wird dieses der Alltagswelt entsprungene Motiv durch die Farbe in
Leidenschaftlichkeit verwandelt, so wie es die Expressionisten beabsichtigten. Der Bildgegenstand
wird zur Funktion der Farbe, was im Gemälde von Cezanne anders ist (darauf wird bei der
Auseinandersetzung mit der Farbgebung noch näher eingegangen). Hier aber ist auf das Emotionale,
nicht das Ästhetische gezielt. Farbe und Form steigern sich gegenseitig und z.T. wird sogar schlampig
gemalt, weil alles andere dem unmittelbaren Ausdruck hinderlich sein könnte. Die Sichtbarkeit des
Objekts wird bei den Expressionisten noch beibehalten, so wie man auf diesem Gemälde die Frau
erkennen kann. Eine Räumlichkeit ist auf Matisses Bild fast ohne Perspektiven und Schatten
gegeben, eine ähnliche Wirkung wird durch das Übereinanderlegen und Wechselspiel der
Farbflecken erreicht (s. Gesicht). Alle Farbflecken sind warm und kräftig. Die Farben leuchten
sogar. Man findet reine und Mischfarben. Die Farben sind nur teilweise mit weiß abgemischt was in
dieser Konstellation mit den hellen, fröhlich, warmen Farben nur aufhellend wirkt. Genau die
gegenteilige Wirkung erzielt das Abmischen mit Weiß auf dem Bild von Paul C.. Er verwendet für
seine Darstellung nur milde, milchige Farben, in die ausnahmslos weiß untergemischt ist. Dadurch
wirken die Farben blasser und kühler, es sind alles Mischfarben.
Bei genauerem Vergleich und Analyse der Farben bestätigt sich der Gesamteindruck bis ins Detail.
Beginnen wir beim rechten Teil des Hintergrundes. Dieser stellt auf dem Porträt der Mme C. eine
Tür da, die blau-weißlich schimmert. Die Farbgebung läßt diese Tür kühl und leblos wirken, sie
scheint den Betrachter zur Distanz zu zwingen und wenn man die Frau (Gesichtseindruck) und die
Tür gemeinsam betrachtet scheint es durch die weiß-bläuliche Farbe als hielte dieFrau sich an der
Tür fest, also würde die Tür ein Schutzschild darstellen. Ganz anders der grüne Hintergrund der
rechten Bildseite von M.s Gemälde. Drängt die weiße Farbe auf Distanz und Hintergrund, so scheint
sich die intensive grüne Farbe geradezu nach vorne zu drängen. Die Farbe wirkt außerdem freundlich
und lebhaft. Im Zusammenhang mit Mme Matisse schützt dieser Teil des Bildes die Frau nicht,
sondern stützt sie, und unterstützt auch den Ausdruck des Selbstbewußtseins.
In beiden Bildern folgt im Hintergrund in der Mitte nun ein Schnitt, der das Bild in zwei Hälften teilt.
Auf dem Bild von Matisse ist der linke Hintergrund noch einmal in zwei Farbflächen geteilt. Erstens in
eine zart violette. Diese wird zum Kopf der Frau hin etwas heller. Die Farbe drückt eine gewisse
Extravaganz aus und wirkt andererseits sanft und nachdenklich. Die zweite, untere Farbe ist ein sehr
deckendes, kräftiges orange-rot, das Wärme und Leidenschaft zum Ausdruck bringt. Auch diese
Farbe strotzt vor Selbstvertrauen. Wieder lässt sich ein guter Vergleich zu Cezannes linkem
Hintergrund ziehen. Dieser ist durch verschiedene Brauntöne ausgestaltet, die teilweise etwas
Möbelähnliches erkennen lassen. Die obere Hälfte ist ausgearbeitet und in deckenderen Tönen
gemalt. Auf der unteren Hälfte ist die Farbe gestrichelt aufgetragen, wodurch dieser erdfarbene, doch
Wärme erzeugende Ton kühl gehalten wird.
Nun lenken wir den Blick auf die Jacken der Madames. Mme Cezannes Jacke ist blau-grün und
enthält auch viele weiße Stellen, bzw. Tupfer. Das Grün wirkt durch das Zusammenwirken mit blau
und weiß sehr kühl, durch leichte bräunliche Einflüsse schmuddelig. Außerdem zurückgezogen,
gleichgültig und müde, die Auftragsart der Tupfer und Striche läßt zwar eine Lebendigkeit erwarten,
durch die gewählten Farbtöne kommt der Ausdruck der Müdigkeit näher und betrachtet man die
Striche mit dem Einfluß des Blauen so kommt eine Traurigkeit und Resignation auf. Wieder das
krasse Gegenteil ist die Jacke der Frau von M.. Sie besteht aus verschiedenen Rottönen. Die Jacke
selbst ist Magenta-Rot und ist von einigen, anders als bei den Strichen von C. deckenden Strichen
durchzogen, die in reinem Rot feurig, brennend leuchten. Sie drücken Bewegung aus und scheinen
etwas zu fordern. Gedämpft werden die Streifen durch den sanften Magenta Untergrund, so dass die
Jacke eine Zwiespältige Wirkung auf den Betrachter hat. Zum einen „liebevoll“ zum anderen aber
auch „gefährlich“. Selbst der Kragen, der eigentlich weiß ist, wurde nicht „rein weiß“ gemalt, so dass
auch er nicht kalt wirkt. Jedenfalls baut diese Jacke eine Beziehung zum Betrachter auf, die bei der
Jacke der Mme C. nicht aufkommen will. Diese hat zudem noch einen weißen, stehenden Kragen
der sehr steril wirkt.
Der Blick wandert von der Jacke hoch zum Gesicht. Gelblich bei Mme C. und Gelblich- hautfarben
bei Mme. Matisse. Das Gelb, bei beiden Bildern benützt hat doch eine ganz untersch. Wirkung. Man
muss es hier im Zusammenhang mit den Farben rundherum und dem Gesichtsausdruck betrachten,
so stellt man fest, dass das Gesicht der Mme. C. ruhig, zurückhaltend, pessimistisch, schutzlos und
gar kränklich scheint. Diese Wirkung wird vor allem durch die Milchigkeit des Gelbtons erzielt. Bei
Matisse ist diese Farbe reine, leuchtender und Stellenweise mit hellem grün gemischt. Somit erweckt
sie den Eindruck von Fröhlichkeit, Lebendigkeit, Nachdenklichkeit aber man könnte eine, wenn auch
versteckte, Aggressivität vermuten.
Vom Gesicht aus zu dem letzten Farbflecken der Bilder: den Haaren. Realistisch Braun dargestellt
sind die Haare der Frau C., sie sind zudem glatt und ausdruckslos. Gewöhnlich. Die Haare von
Matisses Frau wirken geheimnisvoll durch den Blauton und vermitteln Stärke durch das Schwarze.
Zusammenfassend läßt sich noch einmal betonen, dass Cezanne alle Farbtöne abgeschwächt
verwendet und sie „blass“ erscheinen. Allesamt haben die gleiche Grundwirkung der Ruhe und
Distanziertheit. Die Farben bei Matisse hingegen sind warm, lebendig bis leuchtend. Machen das Bild
also zum farblichen Genuss, der durchaus optimistisch stimmen läßt.
Neben den Farben spielt auch die Art und Weise des Farbauftrages eine Rolle. Czesannes Bild kann
man in Anbetracht dieses Aspektes in zwei Teile teilen. Den oberen Teil (1/3 des Bildes) hat
Cezanne flächig und flächendeckend gemalt, eine Pinselführung ist kaum erkennbar. Zum Teil, siehe
Gesicht, wirkt das hier maskenhaft und aufgetragen. Unten geht der Maler zu einem schuppenartigen
tupfen und stricheln über. Einzelfarben sind nebeneinander und übereinander zu erkennen, aber nicht
direkt vermischt. Auch die Pinselführung läßt sich ausmachen. Sie ist nach Form bzw. Nach Licht &
Schatten ausgerichtet. Es wird weniger Farbe verwendet (weiße Flächen).
Anders bei Matisse. Er malt überwiegend flächendeckend, teilt diese Flächen oft klar ab und selbst
beim Mischen der Farben, wie im Gesicht teilt er sie noch in Partien ein, so dass sie einander nicht
stören (wieder typisch expressionistisch). Es werden viele Farben benützt, die jedoch nicht getupft
werden.
Die unterschiedliche Farbverwendung und Auftragung macht auch einen anderen Umgang mit den
hell-dunkel Kontrasten notwendig. Im Bildnis der Mme Cezanne findet man verschiedene Kontraste,
z.B. der Hintergrund rechts gegenüber dem Hintergrund links, Gesicht und Augen/Haare. Und
letztendlich die vielen, kleinen Kontraste auf der Jacke: weiß-blau, grün. Im Bild von der Frau M.s
finden wir nur einen hell-dunkel Kontrast von Haar und Gesicht. Hier finden sich mehr
Farbkontraste: grün-rot, blau- zart violett, rot-gelb. Gemeinsam haben beide Bilder das Abheben der
Portraitfigur vom Hintergrund durch eine dunkle Umrandung.
Betrachtet man abschließend beide Bilder noch einmal im Vergleich wird man spätestens nach dieser
Analyse feststellen, das beide Bilder im Motiv und in der Darstellungsart insofern ähnlich sind, als
dass das Porträt der eigenen Frau im Mittelpunkt steht. Der Gesichtsausdruck ist ernst, die Haare
gebunden, die Hände nicht zu sehen (also nur Oberkörper) und selbst der Hintergrund ist auf beiden
Bildern genau über den Köpfen der Frauen geteilt. Oberflächlich und grob gesehen ähneln sich die
Bilder sehr. Geht man jedoch näher darauf ein, stellt man schnell die Unterschiede fest, die deutlich
machen, das diese Gemälde aus zwei, zwar aufeinanderfolgenden und -aufbauenden, aber dennoch
von unterschiedlichen Merkmalen und Absichten geprägten Kunstepochen stammen.
Arbeit zitieren:
Anna Mona Peters, 2001, Bildvergleich "Madame Cezanne in blauer Jacke" und "Bildnis mit grünem Streifen", München, GRIN Verlag GmbH
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