0.Vorwort
1.Die Religion der Santería
1.1.Geschichte und Soziologie
1.2.Das spirituelle Universum der Yorubas
1.3.Die Yoruba-Orishas
2.Das Santería-Ritual
2.1.Beschreibung und Deutung
2.2.Elemente des Tanzes
3.Perspektiven der Gegenwart
3.1.Santería im Sozialismus
4 Literatur
0.Vorwort
Mein Interesse für die Santería wurde während einer Exkursion nach Cuba im März/April 1996 geweckt. Über meine damalige Tanzlehrerin, eine Anhängerin der Santería, gewann ich Einblick in die rituellen Ausdrucksformen dieser Religion, wie sie in Havanna praktiziert wird. So hatte ich Gelegenheit, selbst einige der wichtigsten Tanzschritte zu erlernen und am 17.3.96 einem Ritual in einem Hochhaus im Stadtteil Centro Habana als beobachtender Teilnehmer beizuwohnen. In einem Theaterprojekt mit cubanischen und deutschen Schauspielschülern und Lehrern der Nationalen Schauspielschule Havannas lernte ich Charakter und Möglichkeiten der dramatischen Umsetzung der Santería-orishas kennen. Darüber hinaus konnte ich mich durch vielerlei Gespräche, aber auch den Besuch von Konzerten, Theateraufführungen und Kinofilmen von der Präsenz der Kulte im Alltagsleben der Cubaner überzeugen. In „Fresa y Chocolate“ 1 etwa, einem Film, der auf eine Novelle von Senel Paz zurückgeht, und der weit über die Grenzen Cubas hinaus bekannt und populär wurde, wird die historisch bedingte Vermischung von Ausdrucksformen afrikanischer und christlicher Religion als Sinnbild für die politische Orientierungslosigkeit vieler Menschen im gegenwärtigen Cuba inszeniert. Die in eine Dreiecksbeziehung mit ihrem schwulen, systemkritischen Nachbarn und einem linientreuen Studenten verwickelte (weiße) Protagonistin betet hier Yoruba-Heilige, Jesus Christus und „Fidel“ mit gleicher Inbrunst und, wenn nötig, alle zugleich an und bleibt am Ende doch auf sich selbst zurückgeworfen. Ihr religiöser Glaube wird in Beziehung gesetzt zu ihrer ideologischen Überzeugung, und beides als zweifelhaftes, we il sinnentleertes Spiel mit Symbolen entlarvt.
Auch wenn die Kritik an der sozialistischen Propaganda hier offenbar im Zentrum steht, werden doch zwei wesentliche Fragen bei der Beschäftigung mit der Santería problematisiert:
2
1. Inwieweit hat sich die Santería heute von ihren afrikanischen Wurzeln gelöst, und darf sie als Bestandteil einer über die Gruppe der in Cuba lebenden Yorubas hinauswirkenden nationalen Identität angesehen werden?
2. Erfüllen die Kulte heute noch ihren ursprünglichen Sinngehalt, oder haben sie ihre traditionelle Bedeutung weitgehend eingebüßt, ist die in Cuba praktizierte Form der Santería also noch als religiöser Glaube zu bezeichnen oder nur mehr der Folklore zuzuordnen?
In meiner Untersuchung werde ich diese Punkte freilich nicht zentral behandeln und lediglich Indizien liefern, die für eine entsprechende Arbeit von Nutzen sein könnten, soweit sie mein Thema betreffen. Im Zusammenhang mit dem Seminar liegt mein Erkenntnisinteresse stattdessen in einer Darstellung von historischer Entwicklung, spirituellem Universum und rituellen Ausdrucksformen der cubanischen Santería zum Verständnis der späteren Tanzanalyse. Hinweise auf die Situation der Santería im sozialistischen Cuba sollen das gegenwärtige Konfliktpotential anzeigen und Ausblicke auf die zukünftige Entwicklung ermöglichen.
Für den historischen Teil meiner Untersuchung hat Niess die wichtigste Vorarbeit geleistet. Rädecke bietet, wenn auch in der Deutung häufig wenig sorgfältig, in komprimierter Form eine Fülle von Fakten und Daten. Für den analytischen Teil habe ich vorwiegend auf die Darstellungen von Duany und Murphy zurückgegriffen, mit Ausnahme der Tanzanalyse. Bei letzterer standen die Untersuchungen Pintos im brasilianischen Bahia Pate. Die rituellen Ausdrucksformen der dortigen Santería stimmen, wie er selbst Ortiz zitiert 2 , mit denen der cubanischen weigehend überein. Zusätzlich habe ich hier auf eigene Beobachtungen zurückgegriffen. Gleiches gilt für die meisten Beschreibungen der Situation im sozialistischen Cuba der Gegenwart.
1 von Tomós Gutiérrez Alea (Cuba 1992)
2 Pinto: S.161
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1.Die Religion der Santería
1.1.Geschichte und Soziologie
Die heutige ethnographische Struktur Lateinamerikas ist geprägt vom Zuckerrohranbau der Kolonialzeit 3 . Die Verschiffung von Afrikanern als Sklaven setzte bereits Anfang des 16. Jahrhunderts ein, wurde aber erst seit dem 18. Jahrhundert im großen Stil betrieben 4 . Die Urbevölkerung Cubas soll schon Mitte des 16. Jahrhunderts weitgehend ausgerottet gewesen sein 5 .
Fast alle Sklaven kamen aus Westafrika. Einige hundert Volksstämme waren betroffen. In Cuba sind heute noch Einflüsse von vierzehn Stämmen nachweisbar. Die weitaus größte Gruppe bildet dabei zweifelsohne die der Yorubas aus dem Oyo-Reich im heutigen Südwest-Nigeria. 6
Bereits seit tausend Jahren wohnen die Yorubas in Städten. Parallel zur kolonialen Erschließung weiter Teile Lateinamerikas, Asiens und Afrikas durch die Europäer setzte Ende des 17. Jahrhundert im westafrikanischen Raum ein reger Handel mit Bodenschätzen und Gewürzen ein. Konkurrenzdenken unter benachbarten Stämmen führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen. 1796 wurde der Oyo-König gestürzt, 1804 das Imperium besiegt. Millionen Yorubas wurden den Sklavenhändlern aus Europa in die Hände gespielt. 7 Fünf- bis achthunderttausend sollen allein nach Cuba verschleppt worden sein 8 .
Die koloniale Mentalität war zynisch. Den Europäern galten die Schwarzen als Menschen zweiter Klasse. Für Lohnarbeiter waren die Bedingungen auf den Plantagen
3 Diese Deutung findet sich sowohl bei Niess: S.163, als auch bei Duany: S.39
4 Die erste Petition zur Einführung von Sklaven existierte bereits 1532, die meisten Sklaven wurden aber erst nach 1792, dem Jahr des ersten Zuckerbooms, eingeführt. 85% aller cubanischen Sklaven kamen erst im 19.Jahrhundert auf die Insel (Niess: S.163).
5 Diejenigen, die nicht von Zwangsarbeit oder Krankheiten hinweggerafft wurden, schlachteten die Spanier regelrecht ab (Niess: S.90).
6 Rädecke: S. 30
7 Murphy: S. 21
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zu schlecht. Ein Verbessern der Bedingungen galt als unprofitabel. Lohnenswerter schien es zu sein, wenn sich die Menschen innerhalb weniger Jahre zu Tode arbeiteten, als dass man verbrauchte Kräfte bis ins hohe Alter durchschleppte. 9 Widerstand gegen diese Behandlung regte sich seit der Sklavenrevolte auf Haiti im Jahre 1791 immer wieder. Allein in Cuba gab es neun Aufstände bis zur entgültigen Befreiung 1886. Formen des Widerstandes waren die Zerstörung von Anlagen, das Verbrennen von Feldern, das Vergiften des Meisters, kollektiver Selbstmord oder die Flucht in die Berge. Gemeinsam mit den cuartados (Sklaven, die sich von ihren Meistern freikaufen konnten) gründeten geflohene Sklaven eigene palencos (Gemeinden) und zogen als cimarones („Jäger, Sammler, Diebe“) durch die Lande. Mit Fidel Castro wurde cimarone zwischen! 956 und 1959 zum Heldentitel, als der Patriot mit einer Handvoll Guerillas im Gefolge aus den Bergen heraus das Regime stürzte und die Revolution einleitete. 10
Dem Umstand, dass die Trennung der Rassen in Cuba schon während der Kolonialzeit weniger stark ausgeprägt war als auf anderen Karibikinseln 11 , war es zuzuschreiben, dass sich eine afrikanisch geprägte Kultur wie die der Yorubas überhaupt entfalten konnte. Im Zusammenhang mit Cuba ist auch von einer „menschlichen Sklaverei“ 12 die Rede, obwohl es eines der letzten Länder war, das die Sklaverei vollständig abschaffte. Die Spanier der frühkolonialen Oberschicht gingen zwar kaum Verbindungen mit den Schwarzen ein. Der Mangel an weißen Frauen, die spätere Einwanderung ärmerer Spanier und die hohe Anzahl von cuartados führten jedoch im Laufe der Zeit zu einer erheblichen Vermischung der Rassen. 13
Unfreiwilliger Wegbereiter für das Überleben der Yoruba-Kultur war die katholische Kirche. Zwar wurden die Schwarzen schon bei ihrer Ankunft mit Peitschen in die Kirche gepfercht, massenhaft zu guten Christen geweiht und die Sklaverei damit legitimiert: Ein Leben des Dienens sei doch ein kleiner Preis für das ewige Leben
8 Niess: S.163
9 Ein schwarzer Neuankömmling lebte bei harter Arbeit kaum länger als zehn Jahre (Rädecke:S.66).
10 Niess: S. 316ff.
11 Rädecke: S.30
12 Niess: S. 168
13 Rädecke: S. 30
5
Arbeit zitieren:
Clemens Grün, 1996, Afrikanische Elemente ritueller Praktiken der cubanischen Santería im soziohistorischen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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