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Jonathan Swifts utopisch-satirischer Reiseroman in vier Teilen mit dem vollständigen Titel 75$9(/6 ,172 6(9(5$/ 5(027( 1$7,216 2) 7+( :25/'%\/HPXHO*XOOLYHU)LUVWD6XUJHRQDQG7KHQD&DSWDLQRI6HYHUDO6KLSV
wurde am 28. Oktober 1726 veröffentlicht. Über die Zeit, in der Swift die Idee zu seinem größten Werk faßte, herrscht allerdings keine Klarheit. Alexander Pope bemerkte, die Idee zu dem Roman sei während der Zusammenarbeit im 6FULEOHUXV &OXE, also zwischen 1711 und 1714 in London geboren worden. Deane Swift, ein
Vetter und früher Biograph Jonathan Swifts, verlegte den Entstehungszeitraum in die Jahre zwischen 1715 und 1720, in denen Swift nach seinem politischen Rückzug in Dublin weilte und nur wenig veröffentlichte (vgl. Weiß 1992: S.209). Recht eindeutig läßt sich aus den Äußerungen Swifts allerdings ableiten, daß das Werk in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre, wenn schon nicht geschrieben, so doch seine entgültige Fassung erhielt. Die vier Bücher des Romans sind in der Reihenfolge 1, 2 (1721- 1723) , 4 ( 1723) und 3 ( 1724) entstanden, wobei das Schreiben des dritten Buches wegen der 'UDSLHU¶V /HWWHUV unterbrochen werden mußte. Swift war
darauf bedacht, nicht als Autor in Erscheinung zu treten und sämtliche Spuren zu verwischen, um sich selbst und seinen Verleger vor Verfolgung durch die Behörden zu schützen, schließlich wußte der Autor sehr genau, daß er hier neben einer spannenden Erzählung auch eine präzise Satire auf die Gesellschaft seiner Zeit geschaffen hatte .
„ Mit der Gattung des fiktiven Reiseberichts wählte Swift nicht nur die Reise als grundlegende Form, in der die Erfahrungen der Welt in dieser Zeit gestaltet wurden, sondern er konnte sich dadurch auch auf ein Spiel mit den Leseerwartungen des zeitgenössischen Lesers“ (Weiß 1992: S.209) bei der Lektüre dieser Romangattung einlassen. Seit dem 16. Jahrhundert gab es in England geradezu eine Flut von
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Reiseliteratur und Entdeckungsberichten, und sowohl Swift als auch sein Zeitgenosse Daniel Defoe in seinem Hauptwerk 5RELQVRQ &UXVRH wurden von diesen so
populären Literaturgattungen in ihrem Schreiben maßgeblich geprägt und inspiriert. Die Reiseliteratur bestand zum einen aus Memoiren, Tagebüchern oder Berichten, zum anderen aber auch aus Fabelreisen. Daneben gab es aber auch gefälschte Reiseerzählungen, welche ihren Anspruch auf Echtheit durch Übernahme aus authentischen Reiseberichten vorzuspiegeln versuchten. Ähnlich wie im Roman 5RELQVRQ &UXVRH ist auch in *XOOLYHU¶V 7UDYHOV die Zentralfigur der Erzähler, ein
unheroischer Jedermann, der ähnlich wie in einer Autobiographie oder einem Tagebuch detailgenau Rechenschaft über seine Erlebnisse ablegt und dessen Werte und Verhaltensweisen von einer breiten Leserschicht nachvollzogen werden konnten. Man sollte jedoch die Zentralfigur Gulliver nicht vorschnell als Alter ego des Autors oder als SHUVRQD ansehen, denn damit würde man das komplizierte satirische Spiel,
zu dem Swift den Leser einlädt, gründlich verfehlen. Bereits durch die Namensgebung distanziert sich Swift klar von seiner Romanfigur, denn der Name Gulliver kann entweder als ‚gull i(n) ver(o)’, also als ein wahrhafter Tölpel oder als wahrlich Getäuschter gedeutet werden, oder man leitet den Namen vom Adjektiv ‚gullible’, auf Deutsch ‚leichtgläubig’ ab. Gulliver ist ein homme moyen (Real 1992: S. 101), ein Jedermann. Der Leser ist ganz auf den Erzähler Gulliver angewiesen; nur durch ihn werden ihm die fremden Länder, Sitten und Gebräuche vermittelt und beglaubigt, und diese werden ihm auch nur aus der Perspektive und in der Bewertung Gullivers vorgestellt. Nun muß natürlich die Frage der Glaubwürdigkeit des Erzählers gestellt werden. Dieser wird dem Leser bereits in den einleitenden Nebentexten, im fiktiven Selbstporträt Gullivers, das in der Ausgabe von 1735 mit der Unterschrift &$37 /(08(/ *8//,9(5 6SOHQGLGH 0HQGD[ (großartiger Lügner) versehen wurde (Weiß 1992: S.213), mit übertriebenen
und deshalb verdächtigen Beteuerung von dessen Wahrheitsliebe (in „ The Publisher to the Reader“ ) und anderen zahlreichen Hinweisen in Frage gestellt. Somit wird der Leser aufgefordert, sich stets kritisch mit dem Erzähler auseinander zu setzen. In dem zuletzt angesprochenen „ Brief des Herausgeber an den Leser“ wird diese Intention Swifts besonders deutlich, denn hier sind zwei verschiedene Leseweisen möglich und nötig. Oberflächlich finden sich in diesem vermeintlichen Gütesiegel Plausibilisierungsstrategien, die dem Leser suggerieren, es hierbei mit einer exakt und ungefiltert aufgeschriebenen, authentischen Beschreibung der Erlebnisse einer
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verifizierten Person zu tun zu haben. Der Herausgeber beschreibt Gulliver als „ Inkarnation der Wahrhaftigkeit“ . Gleichzeitig finden sich in diesem Brief aber auch Sensibilisierungsstrategien, die beim Leser die soeben vorgenommene Etablierung als literarisch generierte Faktizitätsfiktion entlarven. Der sensibilisierte Leser muß sich die Frage stellen, ob die Tatsache, daß es sich hier um eine verifizierte Person handelt, wirklich auch garantiert, daß diese stets die Wahrheit erzählt, oder aber ob diese Authentizität des Erzählers nicht völlig marginal für die Erzählung ist. Durch verschiedene Sensibilisierungsstrategien wird permanent unterschwellig eine Verbindung zwischen dem Herausgeber und dem Leser erzeugt, die auf die Erkenntnis abzielt, daß man es bei dieser Erzählung nur mit dem Anschein der Wirklichkeit zu tun hat, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Figur Gulliver und dem Text verlangen.
Einerseits wird bei der Lektüre des Romans Swifts Lust am Herbeierzählen, Kreieren und Beschreiben von fremden, fantastischen Welten spürbar, die sehr stark märchenhafte Züge tragen und für sich genommen keine satirischen Inhalte transportieren. Diese Lust an der Beschreibung des Monströsen, Unvertrauten, Überwältigenden und das Spielen mit den Proportionsunterschieden und den Gefühlen der Entfremdung, wie sie in Gullivers Erlebnissen mit den winzigen Wesen in Lilliput thematisiert werden, sind in dem Roman allgegenwärtig spürbar. Die für den heutigen Leser befremdend wirkenden, entworfenen Bilder von seltsamen, unbekannten Wesen und Welten waren dem zeitgenössischen Leser aus der damals etablierten Reiseliteratur wohl bekannt. Jonathan Swift erschafft in seinem Roman *XOOLYHU¶V 7UDYHOV eine mit einem sehr hohen Eigenwert ausgestattete, unsatirische
Rahmenerzählung im Stil eines typischen Reiseromans, um immer wieder in bestimmten Textpassagen satirische Inhalte zum Leser zu transportieren. Swift mußte verhindern, daß der Bericht von vornherein als Fabel gelesen wurde, weil dies die satirische Intention weitestgehend ausgeschaltet hätte, andererseits durfte er aber auch nicht zu nah an die dokumentarische Reiseliteratur herangerückt werden, weil die Leser ihn sonst nur auf ihren Informationsgehalt über fremde Länder gelesen hätten. Der Bericht mußte also von Swift so angelegt werden, daß der Leser angeleitet wurde, durch die Beschreibung fremder Länder sich wertend mit der Situation in der eigenen Gesellschaft auseinander zu setzen. Zu diesem Zweck zeichnet der Autor sehr weiche Übergänge zwischen den unsatirischen Erzählpassagen und den Textteilen, die eine satirische Doppeldeutigkeit beinhalten.
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Swifts Lust am Verwerten und Ausschlachten der fremden Welten für seine Satire und das Anbieten von Inhalten, die uneingeschränkt auf die englische Gesellschaft zur Entsehungszeit des Romans übertragbar sind, wird in vielzähligen Textpassagen sehr deutlich.
Für die Leser, die *XOOLYHU¶V 7UDYHOV als reinen Reisebericht verstehen und nicht
bereit sind, sich auf das satirische Spiel einzulassen, bleibt die Erzählung ein Lügenmärchen oder die Parodie eines Reiseberichts. Der erzählerische Rahmen kann problemlos ohne die satirischen Elemente weiterbestehen; schließlich ist nur so der große Erfolg des Romans als Kinder- und Jugendbuch zu erklären, bei dem dann nur noch die märchenhafte Rahmenerzählung betrachtet wird. Für diejenigen Leser jedoch, die den Roman als Satire entschlüsseln, wird der Detailreichtum der Erzählung zur Herausforderung, die große Vielfalt, den Witz und die Präzision der Satire aufzudecken und zu genießen.
Diese Arbeit beschäftigt sich nach diesem soeben gelieferten allgemeinen Teil zum Roman *XOOLYHU¶V 7UDYHOV zunächst mit einer inhaltlichen Zusammenfassung des
vierten Buches. Anschließend wird dann gezielt mit einer Interpretation des vierten Buches des Romans begonnen. Dabei wird zu Beginn auf traditionelle Interpretationsschulen eingegangen, die verschiedenen Interpretationsansätze der ‚hard’ und ‚soft schools’ of interpretation (vgl. grundlegend Clifford 1974: S.33-49) werden beschrieben. Eine Interpretation der Rolle und Funktion von Yahoos und Houyhnhnms wird angeboten. Ein weiterer Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der philosophischen Grundlage des vierten Buches und der Frage danach, ob der Menschenhaß Gullivers auf einem ähnlichen Menschenhaß des Autors begründet ist.
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Nach 5 Monaten in der Heimat verläßt Lemuel Gulliver, nun bereits 49 Jahre alt, im August 1710 zum letzten mal seine Frau und seine Kinder, um als Kapitän der ‚Adventure’ die Weltmeere zu besegeln, mit den Indern im Südatlantik Handel zu betreiben und einige Entdeckungen zu machen. Auf der Fahrt sterben einige Mitglieder seiner Besatzung und Gulliver muß notgedrungen auf Barbados und den Leeward - Inseln neue Seeleute anheuern. Das bereut er sehr schnell, denn es stellt sich heraus, daß die neuen Besatzungsmitglieder Seeräuber sind, die das
Arbeit zitieren:
Torben Schmidt, 2001, The message behind the fourth book: Eine Interpretation des vierten Buches von Jonathan Swifts utopisch satirischem Reiseroman, München, GRIN Verlag GmbH
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