0. Einführung
Das I Ging gilt von seinen Ursprüngen her als eines der ältesten Bücher der Menschheit. Es ist schwierig bzw. unmöglich, seiner Vielschichtigkeit mit sprachlichen Erläuterungsversuchen beizukommen, insofern kann hier nur ein grober theoretischer Überblick und erster Anstoß zur eingehenderen Beschäftigung gegeben werden. Das I Ging besteht aus 64 Hexagrammen oder „Bildern“, in denen sich ein intuitives Weltverständnis aufbaut, dessen zentraler Begriff die Wandlung ist. Man kann das I Ging als ein Buch der Weisheit lesen, seine eigentliche Faszination liegt aber sicherlich in seinem Gebrauch als Orakelbuch, das jedoch nicht im Sinne einer Voraussage einer fest determinierten Zukunft mißverstanden werden darf. Es zeigt vielmehr dem Fragenden verschlüsselt die Entwicklungstendenz (s)einer Situation auf, also eine mögliche Richtung der Wandlung. Insofern ist es eher ein Ratgeber als ein Orakelbuch, es empfiehlt Handlungsweisen und Haltungen. Man kann folglich drei Hauptaspekte/-thematiken des I Ging unterscheiden, die in dieser Einführung behandelt werden sollen : Das I Ging als Buch der Weisheit / philosophisches System, das I Ging als Orakelbuch und das I Ging als psychologischer Führer. Es gibt nicht eine Ebene, die das I Ging ausmacht, erst die Gesamtheit von Wissen, Weisheit und Orakel macht es zu einem eigentümlichen und besonderen Buch.
1. Aufbau des I Ging
Das I Ging (in seiner eigentlichen Substanz) besteht aus 64 Hexagrammen, die aus
einer kombinierten Linienfolge von sechs Yin - - bzw. Yang Linien aufgebaut
sind. Man gelangt zu diesen 64 Linienabfolgen folgendermaßen : Zunächst gibt es vier Kombinationsmöglichkeiten von Yin - - und Yang — , wonach sich vier Diagramme ergeben : — - -— -— - -- -—
Durch Hinzufügen eines weiteren Strichelements ergeben sich die acht Linienkombinationen der sogenannten Trigramme, welche die Urzeichen darstellen. Sie werden als Bilder dessen aufgefaßt, was im Himmel und auf der Erde (Makro-und Mikrokosmos) vor sich geht. Sie sind in ständiger Wandlung begriffen, daher bilden sie die Dinge nicht in ihrem Sein, sondern in ihrer Bewegungstendenz ab.
Nachfolgend eine Übersicht über die acht Urzeichen des I Ging und den entsprechenden Eigenschaften, Bildern und analogen Familienpositionen :
Name Eigenschaft Bild Familie — — Kien, das Schöpferische stark Himmel Vater — -- - Kun, das Empfangende hingebend Erde Mutter --- - Dschen, das Erregende bewegend Donner 1. Sohn — -— Kan, das Abründige gefährlich Wasser 2. Sohn -— - - Gen, das Stillehalten ruhend Berg 3. Sohn -— — Sun, das Sanfte eindringend Wind,Holz 1. Tochter -— - - Li, das Haftende leuchtend Feuer 2. Tochter — -— Dui, das Heitere fröhlich See 3. Tochter —
Aus Kombination der 8 Grundtrigramme untereinander entstehen die 64 Hexagramme.
Beispiel : 35. Hexagramm Dsin / der Fortschritt
6
5 - -
4
3 - -
2 - -1 - -
Das Hexagramm unterteilt sich in ein unteres (Pos. 1,2,3) und ein oberes (Pos. 4,5,6) Trigramm, in diesem Falle also Li, das Haftende (oben) und Kun, das Empfangende (unten). Man kann in dem obigen Beispiel nochmals zwei Kernzeichen oder -trigramme ausmachen, also das Kernzeichen, das sich aus den Positionen 2,3,4 bzw. 3,4,5 ergibt.
Die Deutung der Hexagramme ist ohne den Textzusatz äußerst schwierig.
Nachfolgend seien nur einige Deutungsregeln angedeutet : Eine Yang Linie ist
„korrekt“ auf den Positionen 1,3,5, eine Yin - - Linie auf den Positionen 2,4,6 (Übereinstimmung mit den männlichen bzw. weiblichen Linienpositionen). Eine „korrekte“ Lage muß allerdings nicht immer für die Deutung von Vorteil sein. Die Positionen 2 und 5 sind auf das Trigramm bezogen jeweils zentral, ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu, wobei die Position 5 dem Herrscher entspricht und die Position 2 dem Beamten. Die 1.,3.,5. Linie werden der 2.,4.,6. Linie als übergeordnet betrachtet, ebenso gilt das Himmels- dem Erdtrigramm übergeordnet, wobei desweiteren die Beziehung der Trigramme zueinander beachtet werden muß. Das Lesen des Hexagrammes von unten nach oben wird in der Regel als (zeitlicher) Fortschritt einer Situation gelesen.
Durch die beigefügten Urteile bekommen die Bilder und Symbole gleichsam Worte, sie dienen dazu, die Bilder zumindest auf sprachlicher Ebene besser zu verstehen. Allerdings sollte man sich in diesem Zusammenhang die Worte Wang Pi’s (226-249) in Erinnerung rufen : << Sobald man aber die Symbole erfaßt hat, können die Worte vergessen werden, und sobald man die Ideen erfaßt hat, können die Symbole vergessen werden. Wer sich hingegen an die Worte klammert, wird nie die Symbole erfassen, und wer sich an die Symbole klammert, wird nie die Ideen erfassen. >> In den beigefügten Kommentaren zum I Ging werden grundlegende Erläuterungen gegeben zum besseren Verständnis des I Ging. Die Zeichen werden besprochen, der Begriff der Wandlung, der tiefere Sinn des I Ging, kulturgeschichtliche Zusammenhänge, das I Ging als Orakel etc.
Zusammenfassend haben wir also folgende wesentliche Elemente des I Ging :
- Die Zeichen : Tri-/Hexagramme - Die Bilder der Hexagramme : z.B. Brunnen, Tiegel etc. - Die Bildattribute der 8 Grundtrigramme (Eigenschaften, Wesen, Charakter) - Die Urteile : erläuterndes, oftmals geschichtliches Material (Lieder, Bauernregeln etc.) - Die Kommentare („10 Flügel“)
2. Zur Geschichte des I Ging
Das I Ging ist wie oben erwähnt (in Teilen) das älteste Buch Chinas. Seine Entstehungsgeschichte erstreckt sich über ca. tausend Jahre und ist in ihrer Heterogenität nur schwer und lückenhaft nachzuvollziehen. Immerhin reicht sie von vor-rationaler Kultur zur reifsten Epoche der chinesischen Philosophie. Es wird dem legendären Kulturheros Fu Hsi zugeschrieben, die ersten Linienkomplexe entworfen zu haben. König Wen, der Begründer der Dschou-Dynastie, soll diese dann ausgearbeitet haben. Man spricht von der doppelten Geburt des I Ging : Der „natursichtig-archaischen“ (Fu Hsi) und der „visonärwesenschauenden“ (Wen-Wang). Die sogenannten „Zehn Flügel“ (Hauptkommentare zum I Ging) sind in den letzten zwei Jahrhunderten v. Chr. entstanden, zur Zeit der Han-Dynastie, als eine Welle kosmologischer Spekulationen über das Land ging. Sie gelten als Produkt des Konfuzius bzw. seiner Schule, der sich eingehend mit dem I Ging beschäftigt hat. Zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert wurde das I Ging durch den Vormarsch des Buddhismus in China in den Hintergrund gedrängt und nur noch als ein mögliches System angesehen. Ab dem 10. Jahrhundert erfuhr das I Ging eine (neo-)konfuzianisch-moralisierende Interpretation, wodurch der ethische Bezug des I Ging in den Vordergrund gerückt wurde. Ab dem 18./19. Jahrhundert wurde das I Ging für Orakelzwecke neubewertet, dessen Funktion es ja auch ursprünglich war. Die Rezeption im Westen begann im frühen 18. Jahrhundert vorwiegend durch Jesuitenmissionare und Geistliche, die um die hohe Stellung und Bedeutung des I Ging für die chinesische Kultur wußten und ihm für ihre Zwecke den Stempel des Monotheismus aufdrücken wollten, was bei genauer Interpretation aber nicht haltbar war. Der entscheidende Impuls für die Rezeption im Westen war sicherlich die Übersetzung des I Ging von Richard Wilhelm, sowie die Ausführungen C.G Jungs zum I Ging, der mit Wilhelm in langjähriger freundschaftlicher Verbindung stand. Durch den Mawangdui-Grabfund eines Originalmanuskriptes aus dem dem Jahre 1973 mußten die herkömmlichen Vorstellungen zum I Ging neu überdacht und eingeordnet werden. In jüngerer Zeit ist der Versuch unternommen worden, Parallelitäten zwischen dem I Ging und dem genetischen Code aufzuzeigen. Die 64 Hexagramme werden den 64 DNS-Mustern zugeordnet und als gleiche semantische Symbolsysteme aufgefasst, die binäre und analoge Funktionen vermischen/integrieren.
3. Philosophischer Hintergrund
Das I Ging stellt die älteste chinesische Philosophie dar, deren Urgrund die Wechselwirkungen der beiden polaren Grundkräfte Yin und Yang sind. Sie werden charakterisiert durch eine durchgezogene Linie (Yang) und eine unterbrochene Linie (Yin). Das I Ging will die Welt nicht starr in ihrer Totalität erfassen, sondern in ihrer („atmenden“) Bewegung; Mensch und Natur, Subjekt und Objekt verfliessen in vorwissenschaftlichem Denken ineinander. Das I Ging offenbart eine multi- funktionale Grundformel des Wissens, es ist ein bildhaftes System des Lebens, das
auf ein weit gestecktes Feld unterschiedlicher Einzelbereiche wie menschliche Bedürfnisse, Charakterdeutung, Gemeinschaftsleben und Überpersönliches anwendbar ist. In diesem Sinne ist es ein komprimiertes und umfassendes philosophisches Werk, das weite Bereiche der westlichen Philosophie auf die ihm eigene Art und Weise abdeckt : Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik, Metaphysik. Das Denken des I Ging ist nicht wie das westlichen Denken linear-kausalistisch, sondern analog-strukturalistisch. Die ursprüngliche und auf die Wesenskraft der Dinge bezogene Symbolik, die sich in den Bildern des I Ging ausdrückt, ist wie die Dinge, aber nicht die Dinge selbst. Es stellt sich hier ein ähnliches philosophisches Grundthema wie beispielsweise bei Platons Entwurf von Abbild und Urbild. Ein weiteres philosophisches Thema des I Ging ist das Verhältnis von Freiheit und Schicksal und damit auch die Frage nach der menschlichen Verantwortung. Das Weltbild des I Ging ist nicht deterministisch, der Einzelne hat die freie Wahl, dem „I“ (dem natürlichen Gesetz der Wandlung) zu folgen oder auch nicht, er unterliegt folglich nicht einem übergeordneten Schicksal. Im Rahmen der Wandlung ist er Meister seines eigenen Schicksals, er kann also in Konformität mit der Wandlung Einfluß auf das Geschehen nehmen und übernimmt damit Verantwortung. Im Strom des „I“ zu stehen ist natürliche Gegebenheit, diesen zu erkennen und ihm zu folgen ist wiederum freie Wahl. Schicksal im I Ging bedeutet den Verlauf der Ereignisse, wie er aus Elementen unserer Haltung resultiert. Wenn wir in Übereinstimmung mit dem kosmischen Willen (der letztlich das natürliche Gesetz ist) handeln, so ist es für uns segensreich. Es geht also nicht um die Unterwerfung unter ein göttliches Gesetz oder den göttlichen Willen, sondern es geht darum, dem natürlichen Gesetz pragmatisch zu folgen. Als naive Analogie könnte man sagen, daß man im Winter ja auch nicht seinen Garten bepflanzen würde.
Das „I“ / Der Begriff der Wandlung
Das „I“ ist das zentrale philosophische Thema des I Ging. Der Begriff „I“, der gemeinhin mit Wandlung übersetzt wird, ist damit in seinem Bedeutungsgehalt bei weitem nicht erschöpft. Man kann zunächst noch zwei weitere grobe Bedeutungen ausdifferenzieren, nämlich „I“ als das Leichte (das Einfache, Natürliche) und „I“ als das Stetige. Das Leichte ist der Charakter des „I“, was leicht ist, ist leicht zu erkennen und zu befolgen, ist klar. Das Leichte ist ohne Mühe und Sorge, es ist ursprünglich, die Wandlung ist seine Kraft. Das „I“ ist stetig, es ist die ursprüngliche Kraft und Ordnung. Unser westliches Denken wäre geneigt, Wandlung und Stetigkeit als Oppositionen aufzufassen, dem I Ging zufolge ist jedoch gerade das Wandelbare das Unwandelbare. Diese Stetigkeit der Wandlung macht erst sinnvolles Handeln möglich. Ebenso ist der Gegensatz von Wandlung nicht Ruhe oder Stillstand, sondern jene sind Ausdrucksformen der Wandlung. Die Stillstand ist also ein Zustand der Wandlung : seine Umkehrung und nicht seine Aufhebung. Die Wandlung ist die tiefste und unverstellte Kraft des Seins, sie ist die Erzeugung des Erzeugens. Wir können drei Arten der Wandlung unterscheiden : Die Nicht-Wandlung (als feste Größe), die zyklische Wandlung (im organisch-physischen Sinne) und die lineare Wandlung (ewig fortlaufend und nicht zurückkehrend). Jede Wandlung trägt einen Keim als Ansatz der Wandlung zur Entfaltung in sich. Von daher ist es ungemein wichtig, sein Handeln auf den Keim einer Wandlung auszurichten, weil durch ihn alles Folgende bestimmt bzw. in eine Richtung gelenkt
wird. Je näher man an der „Keimung“ ist, desto einfacher ist es, Einfluß auf den Lauf der Dinge zu nehmen.
4. Das I Ging als Weissage-/Orakelbuch
Das besondere am I Ging als Orakel ist, daß kein personales Medium befragt wird, sondern ein textuelles. Das I Ging selbst stellt also den Weisen, den Lehrmeister dar, der zwischen Hilfe und Selbstüberlassung dem Ratsuchenden gegenüber in der richtigen Dosierung changiert. Man darf das I Ging nicht undifferenziert mit Wahrsagung, Prophetie oder Sehen vermischen, im Sinne einer Voraus-sagung/Vorausschau einer determinerten Zukunft. Das I Ging schafft eine Situationsdeutung, deren Tendenz in die Zukunft weist, sie aber nicht darlegt. Das I Ging wird mittels der Schafgarbenmethode oder durch Münzwurf befragt. Die Schafgarbe ist der Stengel eines an heiliger Stätte gewachsenen Krauts, das auch als Heilmittel benutzt wird. Der Stengel ist außen hart und innen hohl und weich, was ein harmonisches Zusammenwirken von Yin und Yang darstellt. Somit eignet sich die Schafgarbe gut als Instrument des Orakellegens. Die Technik des Auszählens ist allerdings ungleich schwieriger als die Hexagrammermittlung mittels Münzwurfs. Bei beiden Methoden werden Zahlen zwischen 6 und 9 ermittelt, denen jeweils Yin - - und Yang — Linien entsprechen, wobei die 6 und die 9 sich wandelnde Linien anzeigen, woraus für die Befragung ein zweites Hexagramm folgt, das als „Wandlungshexagramm“ beachtet werden muß.
Grundlegend für den Gebrauch des I Ging als Orakel ist die Annahme des Prinzips der Synchronizität, also daß beim Ermitteln des Hexagramms mittels Schafgarben oder Münzwurfs eine sinnhafte Koinzidenz besteht zwischen dem „zufällig“ ermittelten Hexagrammm und der momentanen Situation des
Fragenden/Ratsuchenden. Psychologisch betrachtet stehen Synchronizitäten mit Phasen der Wandlung oder Umbruchphasen in Beziehung, in denen starke psychische Energien freigesetzt werden, die sich in der Außenwelt „zufällig“ (symbolisch) manifestieren. Methodisch haben wir es mit den Elementen „Zufall“, Systematik (der Hexagramme) und Interpretation zu tun. Die Deutung der Hexagramme vollzieht sich in vier grundlegenden Schritten, wobei zwei Interpretationsebenen zu unterscheiden sind, nämlich die symbolische und die textuelle. Auf symbolischer Ebene wird erstens die Position des Hexagramms innerhalb der 64 Hexagramme, zweitens die Trigramme an sich und ihre Plazierung und drittens die Symbolik der Linienpositionen interpretiert. Viertens kommt die Textdeutung hinzu, die in die Hexagrammtexte, welche die allgemeine Situation darstellen und die Linientexte, welche die unterschiedlichen Aspekte der Situation aufzeigen, unterteilt wird. Die Hexagramme repräsentieren die formale Struktur einer Situation und die Texte vermitteln ihren Sinn, sie sind somit komplementär. Zudem sollten für das Gesamt- bzw. Hintergrundverständnis die Kommentare („10 Flügel“) herangezogen werden. Es ist wichtig, bei der Befragung wahrhaftig zu sein und die Frage sollte ernst und wichtig sein und sich möglichst auf innere Aspekte beziehen. Zudem sollte die Frage offen gestellt werden und nicht auf eine Ja/Nein-Antwort angelegt sein, da, wie bereits gesagt, das I Ging strukturalistisch und analog antwortet. Eventuelle Riten bei der Befragung sind nicht wirklich notwendig, vielmehr sollte man in einer freien, offenen und ruhigen Geistesverfassung sein.
5. Psychologische Perpektiven
Das I Ging bietet zwei wesentliche Möglichkeiten psychologischer Betrachtungsweisen. Zum einen kann man das I Ging als psychologisch-spirituellen Wegweiser benutzen, der einen möglichen Weg zur Selbstentfaltung aufzeigt. Zum anderen kann man das I Ging im tiefenpsychologischen Sinne lesen und deuten, als Formel archaisch-unbewußten Wissens. Diese Leseart ist insbesondere durch C.G. Jung populär geworden.
Das I Ging für die Arbeit am eigenen Selbst zu benutzen, kann bedeuten, mittels des I Ging (als Weisheitsbuch gelesen oder als täglich befragtes „Orakel“) die höheren und niederen Seiten unseres Selbst zu ordnen und an Aspekte unseres Inneren zu gelangen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Mithilfe des I Ging können schlechte Denkgewohnheiten korrigiert werden und Situationen, die „in Schieflage“ sind, noch gerettet werden. Die zwei psycholgischen Grundcharaktere im I Ging sind der „Edle“ und der „Gemeine“, als Prozeß der Weg des Gemeinen bzw. der Weg des Edlen. Der edle Weg führt zu Heil, der gemeine zu Unheil. Der Gemeine will durch den Intellekt sein Leben programmieren. Das I Ging rät jedoch, den Intellekt in den Dienst der Intuition zu stellen. Von daher ist auch von einer rein intellektuellen Annäherung und Beschäftigung mit I Ging abzuraten, weil sie „scheitern“ muß. Es gilt also vorrangig, das I Ging zu erfahren und nicht, es zu verstehen. Das Gemeine, das sind Selbstzweifel, Selbstbetrug, Minderwertigekeit, Ich-Sucht und die Isolation als Tendenz, das Ich vor das wahre Selbst zu stellen. Grundlegend ist es, die Dinge zur Vollendung zu bringen durch Fertigkeit, Beständigkeit und Geradlinigkeit. Die Zeit ist das Instrument des Fortschritts, nur langsamer Fortschritt ist dauerhafter Fortschritt. Handeln nach dem I Ging bedeutet zu entscheiden, zu unterlassen (zu warten) oder zu tun (gegen die Gemeinen). Das I Ging spricht oft von Einigung von Menschen auf universaler Grundlage, von Gemeinschaft, Friede, Einigkeit, Zusammenhalten. Das universale Ziel besteht darin, daß der Mensch mit sich und seiner wahren Natur eins ist. Wenn wir uns rechtfertigen müssen, sind unsere Handlungen sehr wahrscheinlich unkorrekt. Wir sollten eine natürliche Moral anstreben, die unparteiisch ist, so wie ein Kind beispielsweise offen und natürlich auf Verletzung reagiert und somit dem Verletzenden einen Spiegel vorhält und ihn auf seine Tat in natürliche Weise zurückwirft. Ferner rät das I Ging zu Bescheidenheit, das bedeutet, daß wir wahrnehmen und annehmen, daß etwas höher steht als wir selbst. C.G. Jung hat in den Bildsymbolen der Tri- und Hexagramme Archetypen gesehen, bzw. Projektionen der Archetypen, die in ein System gebracht worden sind. Archetypen sind gewissermaßen „Urmuster“ des kollektiven Unbewußten, die zwar formal, jedoch nicht inhaltlich vorbestimmt sind. Archetypen tauchen in mythologischem oder symbolischen Gewand auf, sie haben eine hohe Energieladung und gehören dem primitiven, dunklen Teil der Psyche an. Sie sind bewußtseintranszendent und in ihrer symbolischen Bildersprache müssen Erklärungsversuche letztlich sprachliche Gleichnisse bleiben. Aufgrund ihrer
Vieldeutigkeit können sie deshalb oft nur gleichnishaft umschrieben (nicht
beschrieben) werden. Man könnte das I Ging in dieser Hinsicht als „symbolische
Psychologie“ auffassen, welche tief an die Wurzeln des Unbewußten heranreicht. Seine Weisheit geht somit weit über rationale Weisheit hinaus, die im Bewußtseinsspektrum fixiert ist. Das Unbewußte bietet ein Meer an verborgenem, intuitivem Wissen; dadurch, daß das I Ging an dieses Wissen heranreicht, kommt es dem Fragesteller oftmals so vor, als ob er die Antwort „irgendwie“ schon gewußt hat. 6. Literatur
- Anthony, Carol K.: Handbuch zum klassischen I Ging. München, Diederichs, 1. Auflage 1989.
- Diederichs, Ulf (Hrsg.): Erfahrungen mit dem I Ging. Vom kreativen Umgang mit dem Buch der Wandlungen. Köln, Diederichs, 1. Auflage 1984. - Engler, Friedrich K.: Die Grundlagen des I-Ching. Leben, Lebensgesetze, Lebensordnung. Freiburg im Breisgau, Aurum Verlag, 1987. - Hertzer, Dominique : Das alte und das neue Yijing. Die Wandlungen des Buches der Wandlungen. München, Diederichs, 1996.
- Hook, Diana ffarington : I Ging für Fortgeschrittene. Strukturen, Kräfte, Kombinationen. Köln, Diederichs, 1. Auflage 1983.
- I Ging: Text und Materialien / aus dem Chinesischen übersetzt von Richard Wilhelm. - 21. Auflage. - München : Diederichs, 1996. - Moog, Hanna (Hrsg.) : Leben mit dem I Ging. Erfahrungen aus Kunst, Therapie, Beruf und Alltag. München, Diederichs, 1996.
- Walter, Katya :Chaosforschung, I Ging und genetischer Code. München, Diederichs, 1992.
- Wilhelm, Hellmut : Die Wandlung. Acht Essays zum I Ging. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 1985.
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Dirk Buesken, 1999, I Ging `Buch der Wandlungen`, München, GRIN Verlag GmbH
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