und Atomkriege erschien Christa Wolf die antike Seherin Kassandra, deren Voraussagen niemand Glauben schenken wollte, in einem neuen Licht.
Den (historischen) Hintergrund der Erzählung stellt der Trojanische Krieg dar, wie er aus der griechischen Mythologie überliefert ist: Nach zehnjähriger Belagerung gelingt es den Griechen schließlich mit einer List, Troja zu besiegen. In den Vordergrund treten die Figuren und deren Bezie- hungen zueinander, die durch die Ich-Erzählerin Kassandra charakterisiert werden. Dabei werden bewusst Veränderungen vorgenommen, um die zent- ralen Themen deutlich herauszustellen. Es geht Christa Wolf um die Rolle der Frau in einer von Männern beherrschten Gesellschaft und um das ent- sprechende Bild des Mannes. Sie äußert auch Überlegungen zur Notwen- digkeit von Kriegen. Und nicht zuletzt spricht sie mit der Erzählung die Ge- fahr an, sich der Realität zu verschließen.
Die Figur der Kassandra macht eine Entwicklung mit, die den Wandel der treuen Königstochter zur kritischen, selbständigen Frau darstellt. Sie ver- lässt die Scheinwelt des Palastes, erlebt die Veränderung der Menschen um sie herum während des Krieges und lernt gleichzeitig ein anderes, das wahre Leben kennen. Bei den Frauen, die außerhalb der Stadt am Fluss Skamander und am Berg Ida leben, erfährt sie neben Mitmenschlichkeit und Solidarität vor allem die Erkenntnis, „zwischen Töten und Sterben ist ein Drittes: L e- ben.“ Von den Männern wird Kassandra nicht ernst genommen. Ihre Vor- aussagen werden nicht gehört, sie wird vergewaltigt, zur Heirat gezwungen und zum Objekt der Männerwelt gemacht. Lediglich Aineias, der sich von den übrigen Männern abhebt, kann ihre Liebe gewinnen.
Im Gegensatz zu Kassandra spielt ihre hübsche Schwester Polyxena die Rolle der Verführerin. Sie macht sich bewusst zum Objekt männlicher B e- gierde um Beachtung und Macht zu erlangen, zerbricht aber daran und ver- fällt dem Wahnsinn. Ihre Gegenspielerin ist Penthesilea, die ihre Weiblich- keit leugnet und die Rolle des Mannes annimmt. Sie kämpft gegen die Män- ner, besiegt sie und fällt ihnen letztendlich doch zum Opfer.
Anders als die historische Überlieferung kennt Christa Wolf in ihrer Erzäh- lung keine Helden. Von Herrschaftssucht und Machtbegierde besessen s e- hen die ichbezogenen Männer der Antike ihren einzigen Sinn in der Kunst der Kriegsführung. Zwei, die sich an diesem Treiben nicht beteiligen, sind Aineias und dessen weiser Vater Anchises. Sie bleiben die einzigen durch- weg positiv dargestellten männlichen Figuren der Erzählung und verkörpern mit Aineias, dem Geliebten Kassandras, den krassen Gegensatz zu „Achill, dem Griechenheld“, der sich durch seine „Heldentaten“ den Beinamen „das Vieh“ verdient hat.
In der Erzählung Kassandra wird der Irrsinn des (Trojanischen) Krieges darin deutlich, dass er lediglich um ein Phantom geführt wird. Der angebli- che Raub der schönen Helena, Frau des Spartaner-Königs Menelaos und Schönheitsideal der Antike, d urch Paris, einen Bruder Kassandras, gilt als Auslöser der Auseinandersetzung. Und obwohl selbst die Führer Trojas wis- sen, dass sich Helena nicht in der Stadt befindet, wollen sie nicht einsehen, „dass ein Krieg, der um ein Phantom geführt wird, nur verloren werden kann“.
Dies alles sieht und sagt Kassandra voraus. Im Palast lässt sie der eigene Vater, König Priamos, wegen ihrer fatalen Vorhersagen einsperren. Man will Kassandra nicht hören, will der bitteren Realität nicht begegnen müssen und erklärt sie kurzum für verrückt.
Kassandra findet kein Gehör in der von Männern dominierten Gesellschaft, sie kann keinen Einfluss auf ihre Umgebung nehmen. Die Sehergabe, die sie sich stets wünschte, stellt den Versuch dar, sich der Gesellschaft als Objekt zu entziehen. Für sie bedeutet Sehen gleichzeitig auch, sich ein Bewusstsein der Dinge zu bewahren, die Realität so zu erleben, wie sie tatsächlich ist. Diese Gabe verteidigt Kassandra bis zum Schluss und nimmt sie mit in den Tod.
Christa Wolf bereitet dem Leser mit ihrem besonderen Schreibstil zunächst einige Schwierigkeiten. In Kassandra wechseln die Erzählperspektiven e-
benso wie die Erzählzeiten. Die Titelfigur führt einen inneren Monolog, der den Leser die gesamte Handlung erfahren lässt. Ein auktorialer Erzähler leitet diesen Monolog ein und beendet ihn auch. Innerhalb der Ich- Erzählung bewegt sich Kassandra ständig zwischen Gegenwart und Ver- gangenheit – nicht selten innerhalb eines Satzes. Unvermittelt werden ihre Gedanken, Gefühle und Berichte durch Voraussagen über die Zukunft u n- terbrochen. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft lassen sich kaum noch auseinander halten, sie verschmelzen miteinander.
Die aus der griechischen Mythologie überlieferte Realität liest sich heute unter dem Einfluss persönlicher Erfahrungen neu. Für den Leser ergeben sich Parallelen zur heutigen Frauen- und Friedensbewegung, die von Christa Wolf durchaus erwünscht sind und die Absicht der Erzählung deutlich m a- chen. Indem Kassandra ihr Leben rekapituliert, wird die Problematik der Frauengestalt aufgezeigt. Sie ist hilflos und hoffnungslos dem logischen Denken der Männergesellschaft ausgesetzt, aus dem die Konflikte Mann und Frau, Krieg und Frieden oder Leben und Tod entstehen. Kassandra ent- zieht sich diesem Denken auf ihre Art. Sie entsagt der Liebe zu Aineias und entscheidet sich schließlich für den Tod, der ihr zumindest erspart, ihre E r- fahrungen mit dieser Gesellschaft noch einmal machen zu müssen.
Trotz oder gerade wegen ihrer Hilflosigkeit hat sich Kassandra stets die Kraft bewahrt, d ie Verhältnisse zu analysieren. Daraus entsteht auch ihre Kultur- und Gesellschaftskritik. Das Heldentum ist für sie keines. Die Hel- den sind nichts weiter als Mörder. Und sie kritisiert die Notwendigkeit eines Feindbildes, ohne das sich ein Krieg überhaupt nicht führen lässt.
Die Erzählung Kassandra von Christa Wolf bringt auf den ersten Blick einige Schwierigkeiten mit sich, die vor allem in der Erzählperspekti- ve und im Schreibstil liegen. Weiterhin kann die große Distanz zur griechi- schen Geschichte einige Probleme hinsichtlich historischer Fakten bereiten. Das Werk bietet aber gleichzeitig auch die Möglichkeit der Identifikation mit der Titelfigur. Die Entwicklung der Kassandra und die Art der Darstel-
lung als innerer Monolog lassen eine spontane Identifikation der Leserin ebenso wie des Lesers zu. Die notwendige Distanz zur eigenen Identität bleibt dabei gerade durch die Behandlung eines mythologischen Themas gewahrt. Die Parallelen zwischen antiker Mythologie und Gegenwart sind bei näherer Betrachtung verblüffend und machen das Buch auch deshalb so lesenswert.
Arbeit zitieren:
Norbert Lindemann, 2000, Christa Wolf - Kassandra, München, GRIN Verlag GmbH
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