Neue Aspekte durch Hypertext
Durch die Hypertext-Verlinkung ergibt sich eine neue Dimension der Organisation und Rezeption von Nachrichten. Es wird problemlos möglich die auf Millionen von Rechnern gelagerten Datenbestände bequem zugänglich zu machen. Der Einfluß von Hypertext auf bisherige Text- und Erzählstrukturen kann an vier Merkmalen festgemacht werden:
· Synästhetisierung
Es handelt sich hierbei um die Vermischung verschiedener Wahrnehmungsmodi. In diesem Falle handelt es sich um die multimediale Kombination von Text, Grafik und Ton. · Delinearisierung
Der determinierte Charakter immer gleicher Wortfolgen wird Zugunsten einer immer wieder neu kombinierbaren Struktur von Informationen aufgelöst. · Individualisierung
Jedes Individuum kann die Abfolge der Informationen selbst bestimmen. · Interaktivität
Die Informationsvermittlung erfolgt nicht mehr einseitig wie bei klassischen Massenmedien. Vielmehr erhält der Nutzer selbst weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten.
Neue Anforderungen an den Journalisten
In den klassischen Medien sind Zeit und Platz wichtige Determinanten der journalistischen Arbeit. Diese Faktoren spielen jetzt aber nur noch eine untergeordnete Rolle, da die publizierten Inhalte jederzeit neu eingespeist werden können und Themen durch Verlinkung theoretisch unendlich vertieft werden können.
Der Journalist muß lernen, sich in neuen Denkkategorien zurechtzufinden - er muß multimedial denken. War die Tätigkeit bisher primär auf Schreiben, Redigieren und Layout beschränkt, so muß er nun den Anforderungen von Ton- und Videosequenzen gerecht werden. Er muß ein Gespür dafür entwickeln können, welche Kombination von Gestaltungselementen eine optimale Informationsvermittlung ermöglichen.
Es findet mehr und mehr eine Verwischung der Grenzen zwischen redaktioneller und technischer Arbeit statt. Im Rahmen dieser neuen Anforderungen muß der Journalist in der Lage sein, den Konsumenten seiner Produkte im übertragenen Sinne an der Hand zu nehmen und ihn durch den multimedialen Informationsdschungel zu führen.
Durch den interaktiven Charakter des Mediums ist ein schnelles und direktes Feedback seitens des Konsumenten möglich. Dieses Feedback ist dabei nicht unbedingt direkt an den Produzenten gerichtet, sondern bei Einrichtung entsprechender Foren auch einem breiten Publikum zugänglich. Die klassische einseitige Aussagevermittlung eines Massenmediums wird hier ebenfalls aufgebrochen.
Die Untersuchung
Die vorliegende Untersuchung wurde im Jahre 1996 durchgeführt. MSNBC Interactive wurde als Anschauungsobjekt ausgewählt, da es sich hier um einen der Pioniere in Sachen Nachrichtenproduktion im Internet handelt. Daß es sich hierbei um einen US-amerikanisches Unternehmen handelt, spielt eher eine untergeordnete Rolle. Die Erfahrung zeigt, daß das WWW aufgrund seiner dezentralen Struktur zunehmend nationale Grenzen verschwimmen läßt und eine eigene Dynamik entwickelt. Möchte man einen nationalen Horizont dennoch nicht missen, so bleribt anzumerken, daß MSNBC eine Kooperation mit dem ZDF unterhält (eigens Nachrichtenangebot für Deutschland, Rückgriff auf das Korrespondentennetz des ZDF und NBC).
Arbeitsbereiche Newsroom
Der Newsroom ist das Herzstück des Unternehmens. Hier werden die Nachrichten ausgewählt, Bild-, Audio- und Videomaterial bestellt, empfangen und bearbeitet, Texte geschrieben, Nachrichtenkonferenzen abgehalten sowie das fertige Produkt ins WWW gestellt. Es gibt sechs redaktionelle Einheiten, aufgeteilt nach Ressorts. Diese sind: Daily News, Sports, Commerce, SciTech, Life und Special Projects.
Der sogenannte News Desk ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit NBC News und MSNBC Cable, mit denen ein reger Informationsaustausch betrieben wird. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um die Übermittlung von O-Ton- und Videosequenzen. Das Multimedia Editing sichtet, bearbeitet und digitalisiert eingehendes Bild- und Tonmaterial. Die Production sammelt fertige Beiträge in Dateiform in der Datenbank, die in regelmäßigen Abständen ins WWW geschickt wird. Bei diesem Vorgang handelt es sich um
das sogenannte "Propagation". Der Links Desk verwaltet die Link-Datenbank, die zur Ergänzung und Vertiefung der Nachrichten herangezogen wird. Der Copy Desk redigiert die Beiträge in formaler Hinsicht und versieht sie mit Überschriften. Im Multimedia Production Room erfolgt die Herstellung aufwendigerer Inhalte mit längeren Produktionszeiten, wie beispielsweise Features und Reportagen.
Community Team
Das Community Team bildet die Schnittstelle des Unternehmens nach Außen zum Konsumenten. Hier werden Foren für MSNBC-Nutzer kreiert, Fragen beantwortet, Lesermeinungen kanalisiert und Umfragen durchgeführt. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Organisation von Live Chats. Diese werden zu aktuellen Themen angeboten, wobei es dem Community Team obliegt, passende Experten des jeweiligen Themengebietes für den Chat zu gewinnen.
Hier zeigt sich wieder der interaktive Charakter des Mediums, die Möglichkeit des Konsumenten direktes Feedback zu geben. In der Praxis hat dieses Sytem jedoch einen deutlichen Schwachpunkt:: tatsächlich kommen die meisten Journalisten mit dem Publikumsfeedback so gut wie nicht in Berührung. Die Meinung des Publikums spielt auch in den Redaktionssitzungen keine Rolle und hat somit auch keinen Einfluß auf die Nachrichtenauswahl. Ebenso finden Klick-Statistiken keine Beachtung.
Technology Team
Das Technology Team ist verantwortlich für die Einrichtung und Auswertung interaktiver Elemente. Typisch hierfür sind Serviceangebote für den Nutzer. Plant beispielsweise die Regierung die Einführung neuer Steuerregelungen, so kann ein Servicetool eine Modellrechnung nach Eingabe des individuellen Gehalts des Nutzers durchführen.
Die technische Bearbeitung der Nachrichten
Über eine digitale Nachrichtenverteilanlage haben alle Redakteure auf ihrem Terminal Zugriff auf die Wortdienste von AP, Reuters und UPI. Texte können im Wortlaut markiert und direkt in das Desktop-Publishing-Programm (DTP) übertragen werden. Eine Zwischenspeicherung oder Neueingabe ist nicht mehr nötig, wodurch eine nicht unerhebliche Zeitersparnis erreicht wird. Dank eines eigens entwickelten Anwendungsprogramms ist es ebenfalls möglich alle anderen Textarten, Bild-, Grafik,- Video- und Tondokumente direkt in das HTML-Format zu übertragen. Der Journalist kann sich somit auf seine redaktionelle Arbeit konzentrieren und HTML-Programmierer werden eingespart.
Die Stand-Bebilderung erfolgt hauptsächlich über die Bilderdienste von Reuters, UPI, AP und AFP. Video- und Audiodokumente werden primär von NBC, NBC News und MSNBC Cable bezogen.
Der Ablauf der Nachrichtenproduktion
1. Die Producer wählen aus dem Nachrichtenangebot der Agenturen und des NBC-Network Meldungen für ihr Ressort aus. Kurzmeldungen übernehmen die Producer meist selbst, indem sie die Agenturmeldungen meist schlicht kopieren und zur Propagation geben. Eventuell werden diese Kurzmeldungen noch um weiterführende Links ergänzt. Umfangreichere Themen werden an die Textredakteure (Editor) weitergegeben. In diesem Falle erfolgt eine aufwendigere Bearbeitung der Meldung mit eigener Recherchearbeit und Ergänzung durch Bild- und Audioelemente. In diesem Arbeitsschritt ist der Producer nur seinem direkten Vorgesetzten, dem Executive Producer Rechenschaft pflichtig.
2. Der Editor vergleicht die Meldungen aller Agenturen zu dem ihm zugeordneten Thema und durchforstet im folgenden das WWW nach zusätzlichen Informationen, Gesprächspartnern und Telefonnummern. Je nachdem, wieviel Zeit bis zur nächsten Propagation bleibt, werden tatsächlich Interviews geführt und veröffentlicht. Sollte es sich um einen zentralen Themenkomplex handeln, werden über den ganzen Tag hinweg verschiedene Teilbereiche thematisch aufgegriffen, aufbereitet und gegenseitig verlinkt.
3. Der News Desk organisiert währenddessen den Informationsaustausch mit der Zentrale in New Jersey und informiert den bearbeitenden Editor, wenn es aus dem NBC-Network neues
Bild- oder Tonmaterial gibt.
4. Anschließend sichtet der Multimedia Editor das gelieferte Bild- und Tonmaterial, sleketiert, digitalisiert und schneidet es.
5. Nun kombiniert der Editor seinen Text mit den anderen Elementen, fügt eine Überschrift und Links ein. Er stellt den fertigen Bericht dem Copy Editor zur sprachlichen Korrektur zur Verfügung. In der Regel wird dieser Bericht von dem Producer nicht mehr gegengelesen.
6. Sofern der Bericht die Kontrolle passiert hat, stellt die Production alle Berichte für die Veröffentlichung (Propagation) in geordneter Reihenfolge zusammen. Diese werden abschließend ins WWW gestellt.
Fazit
Für die eigentliche Auswahl der Nachrichten sind die Wortdienste der abonnierten Agenturen tonangebend. Dem Producer obliegt die Rolle des Gatekeepers. Er wählt die Meldungen aus, die von den Editoren entweder schlicht kopiert oder nachrecherchiert werden. Diese Recherche erfolgt aus Zeitmangel häufig nur im WWW. Gleichzeitig wird auf diese Quellen auch verlinkt. Dadurch ergibt sich die Gefahr, daß die Informationen nur noch um sich selbst kreisen. Qualifizierte journalistische Arbeit findet so gut wie nicht mehr statt. Andererseits bietet die Verlinkung die Möglichkeit quasi unendlich viele Facetten eines Aspektes abzubilden. Desweiteren kann der Nutzer seinem persönlichen Informationsbedürfnis die Nachrichten zusammenstellen und entzieht sich somit teilweise der professionellen Perspektive des Journalisten.
Quelle:
"Produktion von Nachrichten im Internet - Eine Untersuchung am Beispiel von MSNBC Interactive" von Christiane Schmitt
in: Jürgen Wilke (Hrsg.): "Nachrichtenproduktion im Mediensystem: von den Sport- und Bilderdiensten bis zum Internet" - Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 1998 ISBN 3-412-12397-8 Hamburg im Juli 2000
Arbeit zitieren:
Dagmar Staudt, 2000, Die Nachrichtenproduktion bei MSNBC Interactive, München, GRIN Verlag GmbH
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