1 Einleitung
Alternative Schulformen ist der Titel dieser Arbeit, einen kurzen Überblick über drei dieser Formen zu geben ihre Aufgabe. Diese Einschränkung ist keine zufällige, warum soll weiter unten geklärt werden.
Hauptmerkmal aller alternativer Schulformen ist ihre andersartige Konzeption gegenüber dem Regelschulbereich. Folgende Richtungen dürften wahrscheinlich die Bekanntesten sein:
¬ Jenaplan
¬ Daltonplan
¬ Freinet - Pädagogik
¬ Montessori - Pädagogik
¬ Waldorf - Pädagogik
In der österreichischen Schulwirklichkeit finden sich die ersten beiden Konzepte noch nicht wieder, den Sprung von Universitäten und Lehrerbildungsseminaren in den Schulalltag zu machen war ihnen noch nicht vergönnt. Aus diesem Grunde schaffen sie es auch nicht in dieser Arbeit weiter erwähnt zu werden. Würde man sich auf die Suche nach den in Österreich vertretenen reformpädagogischen Modellen machen, fände man relativ schnell heraus, dass auch diese nur sporadisch anzutreffen sind, ein paar Waldorfschulen, einige Montessoriklassen und ganz wenige Freinetklassen.
2 Freinet - Pädagogik
2.1 Eine knappe Biographie Freinets
Eine Biographie des Initiators einer modernen Alternativpädagogik ermöglicht es das Konzept der jeweiligen Pädagogik leichter zu verstehen, auch nach vielen versuchten und tatsächlichen Umwälzungen und Weiterentwicklungen seitens der Nachfolger und Nachahmer sind es immer noch die Ideen des eigentlichen Gründers, die das Konzept am stärksten zu tragen haben. Knapp soll diese biographische Darstellung deswegen sein, da die Person unser
Interesse nicht zu sehr vom eigentlichen Thema ablenken sollte, die Kenntnis der folgenden Daten dürfte zum besseren Verständnis beitragen und sich dennoch im Rahmen dieser Arbeit bewegen.
Celestin Freinet lebte von 1896 bis 1966. Im Alter von zwanzig Jahren erlitt er im Zuge des ersten Weltkrieges einen Lungensteckschuss, dieser hatte vier Jahre in Lazaretten und Sanatorien zur Folge. Die aus seiner 100%igen Kriegsbeschädigung resultierende Schwäche wird sich auf seine Pädagogik sichtbar auswirken.
,,Als ich 1920 aus dem ersten Weltkrieg zurückkam, war ich nur ein
,verwundeter Held` mit Lungenschuss geschwächt, außer Atem und nicht in der Lage, mehr als ein paar Minuten in der Klasse zu sprechen. [...] Wie ein Ertrinkender, der nicht untergehen will, musste ich ein Mittel finden, um mich über Wasser zu halten." 1
Ein weiterer Fixpunkt im Leben Freinets ist sein Eintritt in die kommunistische Partei 1925, 1948 trat er übrigens wieder aus. Grund für seinen Austritt waren Versuche seitens der Kommunisten seine Pädagogikgewerkschaft in die Gewerkschaft ihrer Partei einzugliedern. Wie anscheinend viele andere Volksschullehrer seiner Zeit hatte auch Freinet einen gewissen Hang zum Anarchismus. Zu betonen wäre an dieser Stelle Anarchisten nicht mit Bombenlegern oder randalierenden Punks zu verwechseln, Anarchisten vom Schlage Freinets lehnen lediglich jede Form der Herrschaft ab. In der Literatur zu Freinet findet sich häufig der Übersetzungsvorschlag ,,Selbstverwaltung" 2 , eine eindeutig positive Formulierung. Die Selbstverwaltung ist dann auch ein Grundprinzip der Pädagogik Freinets.
Ziel Freinets ist es eine Pädagogik für das breite Volk zu schaffen die sich auch ohne große Mühen im Regelschulbereich umsetzen ließe.
2.2 Konzepte
Das schulische Lernen zeigt sich in Freinetklassen in hohen Maßen handlungsorientiert, immer wieder betont Freinet ,,den hohen positiven Wert der zielgerichteten und planvollen Arbeit an konkreten Problemen für jeden Menschen, so auch für Kinder." 3 Indem er sinnvolle, schöpferische Arbeit zum zentralen Inhalt der Schule erklärt hilft er dem Kind seine in ihm schlummernden Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen.
Da er davon ausgeht, dass jedes Kind die wichtigen Erfahrungen in seinem Leben selbst machen muss und er jedem Kind das grundsätzliche Recht zugesteht, Wahrheiten selbst zu entdecken, ist es nur logisch, wenn er fordert das Leben in die Schule und die Schule in das Leben zu bringen.
Für die Umsetzung einer Pädagogik dieser Art erwiesen sich die herkömmlichen Klassenräume als unzureichend, eine Umgestaltung dieser war von Nöten. Das Ergebnis waren werkstattähnliche Lernräume die in keinster Weise mehr an die peinliche Ordnung normaler Klassenräume erinnern.
Nicht der Lehrer steht als Wissensguru im Mittelpunkt des Geschehens, viel mehr wird er durch das als wichtig erachtete Erlernen der Selbstaneignung von Wissen in eine begleitende Rolle gedrängt, in der er sich aber durchaus wohlfühlen darf. So wird auch der Unterricht nicht vom Lehrer alleine gestaltet, er wird in gemeinsamer Arbeit mit den Schülern konzipiert.
Folgende Grundsätze fassen die Freinet - Pädagogik schön zusammen:
1. Die Schüler haben das Recht auf ihren eigenen Lernprozess, ihre eigene Entwicklung und
ihre Individualität. Dies gilt besonders auch für ausländische Kinder und Kinder anderer Muttersprachen.
2. Die Verschiedenheit der Lernenden ist eine Bereicherung - ihre ,,Gleichschaltung" ist
verderblich.
3. Die Lernenden haben das Recht auf ihren eigenen Lernrhythmus.
4. Das Lernen soll Freude machen und in Erfolgserlebnissen münden.
5. Selektion aufgrund von Konkurrenz und Misserfolg soll so weit wie möglich abgebaut
werden.
6. Nicht Übernahme ,,fertiger" Ergebnisse, sondern eigenes Experimentieren und ,,tastendes
Versuchen" sind Ziele des Lernprozesses.
7. Nicht Indoktrination durch vorgegebene ,,Schulbuch - Weisheiten", sondern eigene
kritische Untersuchungen der Wirklichkeit sollen das Denken der SchülerInnen bestimmen.
8. Die SchülerInnen sind InitiatoInnen und OrganisatorInnen ihres eigene Lernprozesses.
9. Das Lernen der Klassengruppe soll in gemeinsamer Verantwortung kooperativ organisiert
werden.
10. Die Selbstregulierung von Konflikten erfolgt im Klassenrat. 4
2.3 Unterrichtselemente
Ein zentrales Element des Unterrichtes in einer Freinetklasse ist der Klassenrat. Hier erfolgen Unterrichtsplanung, Überlegungen zur Klassengestaltung, die gemeinsame Erstellung des Wochenplans und andere Bereiche der Selbstverwaltung. Diese klasseninterne Institution soll den Kindern beim Erlernen demokratischer und sozialer Umgangsformen behilflich sein. Austragungsort des Rates ist der tägliche Morgenkreis. Im Morgenkreis findet neben den Tagungen des Klassenrates auch ein freies Gespräch unter der Leitung eines Kindes statt. Durch diese ist es dem Lehrer möglich Auskunft über die Interessen und Erfahrungen der Kinder zu erhalten, die Kinder selbst erhalten eine gute Möglichkeit die Entfaltung ihres freien mündlichen Ausdrucks zu fördern.
Der freie Ausdruck ist eine wesentliches Unterrichtselement der Freinetpädagogik überhaupt. Indem alle Tätigkeiten, sei es Malen, Schreiben, Dichten, Mathematik oder sonst etwas, immer unter dem Prinzip des Ausdrucks des Kindes stehen lernt das Kind seinen Ausdruck als Ausdruck seiner Kultur anzunehmen, die umgebene Kultur zu verstehen und vielleicht sogar künstlerisch zu verändern.
Dieser freie Ausdruck führt auch zu Impulsen für Arbeitsvorhaben und Untersuchungen. Nicht das Wissen ist es, das im Vordergrund steht, vielmehr werden dem Entdecken und dem Forschen entscheidende Bedeutung für die Entwicklung des Kindes zuerkannt.
Als das Symbol schlechthin steht die Druckerpresse stolz im Wappen der Freinet - Bewegung. Obwohl in den höheren Schulstufen zumindest teilweise auch durch Schreibcomputer ersetzt, ist die Druckerei den Kindern vor allem Kommunikations-mittel und dient nebenbei auch der Festigung der Orthographie.
Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Rolle der maßgeblichen erwachsenen Komponenten dieses Systems. Der Part des Lehrers ist konsequenterweise ein anderer als jener eines Regelschullehrers. Ins Ressort des Lehrers fallen Aufgaben wie die Sorge für eine vorbereitete und entspannte Umgebung zu tragen, Anregungen zu geben, zu organisieren, zu koordinieren und erwünschte Hilfestellungen zu geben. Auch die Rolle der Eltern ist eine
andere. Ein hohes Maß an Identifikation mit dem schulischen Geschehen scheint von äußerster Wichtigkeit zu sein, Elternhaus und Schule dürfen für die Kinder nicht im pädagogischen Widerspruch stehen. 5
Damit erkläre ich diesen Teil, seine Aufgabe war es eine kurze Darstellung der Freinetpädagogik zu ermöglichen, für beendet. Als abschließende Feststellung möchte ich darauf hinweisen, dass sich von allen reformpädagogischen Konzepten dieses wahrscheinlich am leichtesten und am besten im Regelschulbereich einsetzen ließe. Eine 100%ige Umsetzung wird nicht möglich sein, einige Ideen dürfte sich ein ,,normaler" Lehrer für seinen Unterricht aber sicherlich borgen können.
3 Montessori - Pädagogik
3.1 Zur Person
Maria Montessori hat im Jahre 1870 in der Nähe von Ancona das Licht der Welt erblickt. Als erste Frau Italiens promovierte sie im Fach Medizin, wenngleich sie auch erst nach harten Kämpfen Aufnahme an der Universität fand. Bei der Betreuung geistig behinderter Kinder an der römischen Universitätsklinik stieß sie auf die Arbeiten des französischen Arztes Séguin, der ein Erziehungssystem konzipiert hatte, das, vornehmlich basierend auf zur Sinnesarbeit gedachten didaktischen Materialien, solchen Kindern als Entwicklungshilfe dienen sollte. An diese seine Vorarbeiten knüpfte Montessori an. Ihre Erfolge erregten einiges Aufsehen, die von ihr geförderten Kinder waren sogar normalen Elementarschülern in Orthographie und Schrift ebenbürtig. Statt aber ihre Arbeit mit behinderten Kinder fortzusetzen hatte die engagierte Psychiaterin anderes im Sinn.
,,Während alle die Fortschritte meiner Idioten bewunderten, machte ich mir Gedanken über die Gründe, aus denen glückliche und gesunde Kinder in den gewöhnlichen Schulen auf so niedrigen Niveau gehalten wurden [...]" 6
Sie eröffnete ein ein Kinderhaus in einem römischen Arbeiterviertel, ihre Erfahrungen für die Bildung und Erziehung normaler Kinder fanden dort ihren ersten Ausdruck. An ihre Entwicklung einer Methode der Vorschulerziehung anschließend baute sie bald darauf ihre pädagogische Praxis auch für das Grundschulalter aus. Ab diesem Zeitpunkt wird das künftige
Leben der Maria Montessori durch völlige Hingabe an ihre pädagogische Arbeit bestimmt sein.
Nach ihren eigenen Angaben lag der wichtigste Anstoß zu ihrem Werk in dem Erlebnis der Polarisation der Aufmerksamkeit, dazu weiter unten etwas mehr.
Nach der erfolgreichen Erprobung des von ihr initiierten Systems entstanden bald Ausbildungsprogramme außerhalb jeglicher nationaler Begrenzungen. In unermüdlicher Arbeit reiste Montessori durch die verschiedensten Staaten des Globus um durch die Einrichtung von Kinderhäusern und Schulen sowie durch Ausbildungskurse für Erzieher und Lehrer den Kindern zu helfen. Erst mit ihrem Tod 1952 findet ihre Tätigkeit verständlicherweise ein Ende. 7
3.2 Polarisation der Aufmerksamkeit
Wie bereits weiter oben erwähnt handelt es sich bei diesem Phänomen laut immer wiederholten Aussagen Montessoris um den wichtigsten Anstoß zu ihrem Werk. Jegliche Arbeit der Kinder wird in der Montessori - Pädagogik auf diesem Stützpunkt aufgebaut. Entdeckt hat Montessori dieses ,,Schlüsselphänomen" 8 bei der Beobachtung eines dreijährigen Kindes.
,,Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zählen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber als ich dann sah, dass sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das Stühlchen, auf dem sie saß, und stellte Stühlchen und Mädchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf, stellte den Holzblock auf die Armlehnen des kleinen Sessels, legte sich die Zylinder in den Schoß und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das Mädchen fuhr unbeirrt fort, seine Übung zu wiederholen, auch nachdem das kurze Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezählt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhängig von den Anreizen der Umgebung, die es hätten stören können; und das Mädchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf." 9 Ausgehend von diesem ,,Schlüssel der ganzen Pädagogik" 10 suchte sie nun Übungsgegenstände die eine derartige Konzentration ermöglichen sollten.
3.3 Grundlegende Konzepte
Eines der markantesten Prinzipien dieses reformpädagogischen Zweiges ist das Bereitstellen einer Unmenge an sogenannten Entwicklungsmaterialien. Indem die Kinder lernen mit diesen Materialien selbstständig zu arbeiten entwickeln sie ihre intellektuellen, ihre psychischen und ihre motorischen Fähigkeiten. Vor allem innerhalb der sensiblen Perioden gelingt dies besonders gut. 11
Um das Material auf die richtige Art und Weise einsetzen zu können bedarf es einer sogenannten vorbereiteten Umgebung. Diese zu gestalten fällt in den Aufgabenbereich der Lehrperson. Ziel ist es eine vollkommen auf das Kind abgestimmte Umgebung zu schaffen um Kreativität nicht nur zu ermöglichen sondern sie gar zu fördern.
Neben der Beschäftigung mit diesem Sinnesmaterial stehen als zweite Aktivitäts-möglichkeit die ,,Übungen des täglichen Lebens" auf der Beschäftigungsliste der Montessori - Pädagogik.
,,Die Übungen des täglichen Lebens umfassen alle Tätigkeiten, die Kinder fast von Anbeginn ihres Lebens erfahren und beobachten und die zur Selbsterhaltung und Pflege der Person und ihrer Umgebung innerhalb und außerhalb ihres Wohnbereiches notwendig sind. Dabei steht nicht [...] das zu erreichende Ziel im Vordergrund, sondern es geht zuerst um das reine Tun, das Wie der Bewegung und der Handhabung." 12
Die Übungen reichen vom Zopfflechten über das Händewaschen und Blumen gießen bis zum Nase putzen. Die eigentliche Handlung ist dabei sekundär, vielmehr geht es darum, sie in den Dienst der inneren Entwicklung des Kindes zu stellen.
Entscheidend dafür wann ein Kind was tut ist jenes Phänomen, das Montessori als sensible Phasen bezeichnete. Montessori faßt die Entdeckungen in folgender Definition zusammen:
,,Es handelt sich um besondere Empfänglichkeiten, die in der Entwicklung, das heißt im Kindesalter des Lebewesens, auftreten. Sie sind von vorübergehender Dauer und dienen nur dazu, dem Wesen den Erwerb einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. Sobald dies geschehen ist, klingt die betreffende Empfänglichkeit wieder ab." 13
Der Prozess des Lernens findet durch den sogenannten ,,absorbierenden Geist" statt. Es handelt sich dabei um eine frühkindlichen Fähigkeit einer intuitiv ganzheitlichen Auffassung von Umwelteindrücken.
Ort all dessen ist die Freiarbeit. Sie besteht darin, dass es den Kindern obliegt ihre Arbeit selbstständig zu wählen, natürlich innerhalb eines äußeren Organisations-rahmens.
4 Waldorf - Pädagogik
4.1 Zur Person Rudolf Steiners
Rudolf Steiner, am 27. Februar 1861 in Kraljevic (an der Grenzlinie zwischen Mittel- und Osteuropa) geboren, war als Kroate der Habsburger - Monarchie zugehörig. Zwei Jahre nach seiner Geburt übersiedelte er ins heutige Österreich. Nachdem er die Schule ,,mit Auszeichnung" abgeschlossen hat, macht er sich auf, um an der Technischen Hochschule in Wien zu immatrikulieren. Neben den belegten naturwissenschaftlichen Fächern hat es ihm vor allem die Philosophie, im besonderen der deutsche Idealismus mit der ,,ICH" - Philosophie Fichtes, angetan.
Während seiner Studienzeit sammelte er auch seine ersten pädagogischen Erfahrungen, er unterrichtete als Hauslehrer. Einem an Hydrocephalie leidenden und kaum bildungsfähigen Knaben ermöglichte er durch geregeltes Lernen den Schulbesuch, er wird später Arzt werden.
Ein weiterer wichtiger Abschnitt seines Lebensweges war die Beschäftigung mit den Schriften Goethes, insbesondere die naturwissenschaftlichen Charakters. Auch der anthroposophische Forschungsansatz wird später der goetheschen Methode in weiten Bereichen folgen. 1889 erfährt Steiner eine Berufung an das Zentrum der Goetheforschung, nach Weimar. 1891 promoviert Steiner über Fichte in Rostock, 1894 erscheint bereits sein grundlegendes Werk, die ,,Philosophie der Freiheit". Drei Jahre später kommt Steiner nach Berlin, intensiver als je zuvor wendet er sich wieder geistigen Strömungen und Persönlichkeiten zu.
Im Oktober 1902 hält er einen mit ,,Monismus und Theosophie" betitelten Vortrag. Dieser beinhaltet die Forderung nach einer gleichwertigen Anerkennung der materiellen und der geistigen Welt, die dadurch ausgelöste Ablehnung ist offensichtlich. Steiner wendet sich nun
der Theosophie zu. Die nächsten Jahre sind geprägt von seinen Vortragsreisen durch ganz Europa, grundlegende Bücher werden in dieser Zeit von ihm zu Papier gebracht. 1913, von der Theosophischen Gesellschaft bereits getrennt, gründet er die Anthroposophische Gesellschaft. Während des Baus des Goetheanum in Dornach (Schweiz) nach Steiners Plänen arbeitet er selbst an einer Weiterführung seiner pädagogischen Menschenkunde, sein Buch ,,Von Seelenrätseln" resultiert daraus. In den darauffolgenden zwölf Jahren prägt er sein Leben durch immense Arbeitsintensität, wieder begibt er sich auf ausgedehnte Vortragsreisen durch ganz Europa, betätigt sich nebenher als Architekt, Künstler und Wissenschaftler. In dieser Phase seines Lebens entsteht die für uns interessante Schulbewegung. Schließlich segnet er am 30. März 1925 das Zeitliche 14 . Seine Ideen leben bis heute weiter, eine Vielzahl von Büchern und Vortragsmitschriften finden immer wieder neue Auflagen, die Anthroposophische Gesellschaft, von Anfang an international orientiert, erfährt auch heute noch eine rege Zuwachsrate.
Zu guter Letzt will ich noch kurz darauf eingehen, warum diese Biographie länger als die der beiden anderen Alternativpädagogen wurde. Nun, meiner Meinung nach zeigen sich alle drei Pädagogikkonzepte beeinflusst von ihrem Creator, die Waldorfpädagogik aber im besonderen. Der Grund hierfür scheint mir die stete Enge zur steinerschen Philosophie, der Anthroposophie, zu sein 15 . Begannen in den anderen beiden Richtungen die Erzieher das
jeweilige Konzept weiter zu entwickeln, leicht zu modifizieren oder einfach nur den gegebenen Umständen anzupassen, so stützen sich die heutigen Waldorfpädagogen noch immer stark, um nicht zu sagen beinahe dogmatisch, auf die Schriften ihres großen Gründers. Vielleicht hebt sich die Waldorfpädagogik gerade aus diesem Grunde so eindeutig von anderen Schulformen ab und gibt sich wenig impulsgebend für Veränderungen im Regelschulenbereich.
4.2 Grundlegende Elemente
,,Das Wirkliche soll nicht zum Ausdrucksmittel
herabsinken: nein, es soll in seiner vollen Selbstständigkeit bestehen bleiben; nur soll es eine neue Gestalt bekommen, eine Gestalt, in der es uns befriedigt. Indem wir irgendein Einzelwesen aus dem Kreise seiner Umgebung herausheben und es in dieser gesonderten
Stellung vor unser Auge stellen, wird uns daran sogleich vieles unbegreiflich erscheinen. Wir können es mit dem Begriffe, mit der Idee, die wir ihm notwendig zugrundelegen müssen, nicht in Einklang bringen. Seine Bildung in der Wirklichkeit ist eben nicht nur die Folge seiner eigenen Gesetzlichkeit, sondern es ist die angrenzende Wirklichkeit unmittelbar mitbestimmend. Hätte das Ding sich unabhängig und frei, unbeeinflusst von anderen Dingen entwickeln können, dann nur lebte es seine eigene Idee dar. Diese dem Ding zugrunde liegende, aber in Wirklichkeit in freier Entfaltung gestörte Idee muss der Künstler ergreifen und sie zur Entwicklung bringen. Er muss in dem Objekte den Punkt finden, aus dem sich ein Gegenstand in seiner vollkommensten Gestalt entwickeln lässt, in der er sich aber in der Natur selbst nicht entwickeln kann." 16
Der Ansatz der anthroposophischen Erziehungskunst ist in keimhafter Allgemeinheit damit bereits bezeichnet. Es geht nicht darum, irgendwelche spekulativ oder empirisch gewonnene Erziehungsgrundsätze in die Tat umzusetzen, vielmehr werden die Erzieher angehalten, aus dem lebendigen Miteinander mit ihren Zöglingen mit schöpferischer Beobachtungsgabe die entstehenden Situationen pädagogisch zu gestalten. 17
Wichtigstes Prinzip für den Unterricht aller Altersgruppen ist das Lernen durch Nachahmung. Schwierige Aufgabe für den Erzieher ist es, sich dieser Nachahmung durch das Kind immer bewusst zu sein, vor allem auch deswegen, da die Formen der Nachahmung sich mit der Entwicklung des Kindes naturgemäß verändern. Zum Tragen kommt hier die interessante Konzeption des steinerschen Modells der Entwicklungspsychologie.
4.3 Die Theorie von den Jahrsiebten
Schon der Terminus Jahrsiebt weist uns in die Richtung jeweils sieben Jahren dauernden Zyklen. Die anthroposophische Terminologie benutzt den Begriff ,,Geburten" 18 , spricht sie
von dem eben angesprochenen Phänomen. Bei jeder dieser Geburten, im Rhythmus von jeweils sieben Jahren erfolgend, erblickt ein neuer Organismus das Licht der Welt. ,,So komme ich [...] dazu, sagen zu können, dass so, wie bei der Geburt der
räumliche Organismus geboren wird, mit 7 Jahren der zeitliche, mit 14 Jahren der seelische Organismus zur Geburt kommen und mit 21 Jahren das Ich." 19
Als Ausgangspunkt dieser Feststellung dient die anthroposophische Lehre von den verschiedenen Körpern des Menschen. Wenn ich es recht verstehe, meinte Steiner nicht wirklich drei Körper für einen Menschen, er verwendete diese Gliederung um den physischen Körper von Emotionen und Gedanken besser unterschieden zu können. Davon ausgehend formulierte er das ,,Gesetz der Wesensglieder-wirkungen" 20 .
,,Jedes Wesensglied des Kindes wird vom nächsthöheren Wesensglied des
Erziehers erzogen." 21
Wie wirkt sich diese Erkenntnis nun konkret im Unterricht aus? Die Formulierung Steiners lässt das bereits erwähnte Prinzip der Nachahmung besser verstehen und hebt seine Wichtigkeit noch deutlicher hervor. Der Lehrer als Vorbild, als Orientierungshilfe für die heranwachsenden Schüler. Eines der wenigen Konzepte der Waldorfpädagogik, das sich ohne weiteres im Regelschulbereich umsetzen lassen würde. Zurück zu den Jahrsiebten ihres Einflusses auf den Unterricht.
Das sich im ersten Jahrsiebt befindliche Kind wird von seinen Erzieher noch in keiner Weise über irgendetwas belehrt. Einzige Aufgabe ist es dem Kind in seiner ,,naturhaften Religiosität" 22 , gemeint ist die selbstverständliche Offenheit und Zutraulichkeit kleiner Kinder ihrer Umwelt gegenüber, durch eine gewisse Form der Selbsterziehung entgegen zukommen. Durch das Spiel mit den Kindern lernen diese wichtige Fähigkeiten zu entwickeln und so ihr Großhirn zu strukturieren. 23 Großer Wert wird dabei auf die Beachtung des Zu- Früh oder Zu-Spät gelegt. Keines der Kinder soll über- oder unterfordert werden. Anders als in der Didaktik Montessoris verwenden die Waldorfpädagogen nur Spielsachen natürlicher Herkunft, beispielsweise eine Kartoffelpuppe. 24
Mit dem Beginn des zweiten Jahrsiebt tritt die Schulreife ein, keinesfalls zu verwechseln mit der für das wertfreie wissenschaftliche Denken notwendigen Reife. Ein liebender Lehrer soll ihm kraft seiner Persönlichkeit durch das eigene Empfinden die Welt erschließen 25
Erst nach der dritten Geburt, die Pubertät zeigt sich zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend abgeschlossen, findet die Entwicklung eines selbstständigen Urteilens und des Abstraktionsvermögen ihrem Platz.
,,Um reif zum Denken zu sein, muss man sich die Achtung vor dem angeeignet haben was andere gedacht haben." 26
Ab diesem Zeitpunkt erfährt die Rolle des Lehrers eine entscheidende Veränderung, aus dem Erzieher entwickelt sich der eigentliche Lehrer wie er im Buche steht, der fachspezifisch wissenschaftlich geschulte didaktisch klug agierende Pädagoge. Das von ihm zu erfüllende Pensum soll die Schüler unmittelbar an die Realität heranführen. Mit dem Eintreten des vierten Jahrsiebts sollte sich die letzte große und entscheidende Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsenen vollziehen, die Geburt des Ich. Die verschiedenen Formen der Erziehung sollten idealerweise übergehen in die Selbsterziehung. 27
An dieser Stelle scheint es günstig zu sein die Minimaleinführung in die Waldorfpädagogik zu beenden. Alles weitere wäre im Rahmen dieser Arbeit zu viel.
5 Zusammenfassung
Abschießend seien hier noch gemeinsame Merkmale aller reformpädagogischen Modelle aufgelistet:
· Gestaltung einer anregenden Lernlandschaft
· Fächerübergreifender Unterricht
· Mitbestimmungsmöglichkeit des Kindes
· Selbstbildungsmittel
· Persönliche Leistungsbewertung und Leistungsbeurteilung
· Heterogene Leistungsgruppen
· Betonung der Eigenkreativität
Als oberstes Merkmal könnte man noch die Kindorientierung besonders hervorheben, nicht die Schule und ihre Ansprüche sondern die optimale Entwicklung des Kindes steht im Mittelpunkt des pädagogischen Denkens.
Als zukünftiger AHS - Lehrer stellt man sich nun vielleicht die Frage, was die Kenntnis dieser Modelle denn nun für die Praxis bringen kann. Nun, meiner Meinung nach bieten sie eine Fülle an guten Ideen und Anregungen, die nach einem gewissen Modifizierungsgrad durchaus auch im Regelschulbereich ihre Anwendung finden können. Am wichtigsten scheint mir jedoch zu sein, dass alle drei Gründer die Liebe zu den Kindern für das entscheidende Moment des Unterrichts hielten. Rudolf Steiner drückte dies in einem wunderschönen Satz aus der die Arbeit an dieser Stelle beenden soll:
,,Es gibt drei wirksame Erziehungsprinzipien: Angst, Dressur und Liebe, auf die ersten beiden wollen wir [...] verzichten."
6 Literaturverzeichnis
Ingried Dietrich (Hg.), Handbuch Freinet - Pädagogik. Eine praxisbezogene Einführung. Weinheim und Basel 1995 Harald Eichelberger, Handbuch zur Montessori - Didaktik. Innsbruck, Wien 1997 Elisabeth Furch und Susanne Pirstinger (Hg.), Lebendige Reformpädagogik. Wien 1995 Achim Hellmich, Peter Teigeler (Hg.), Montessori- Freinet- Waldorfpädagogik. Konzeption und aktuelle Praxis. Weinheim und Basel 1999 Hans Jörg (Hg.), Praxis der Freinet - Pädagogik. Paderborn 1981 Johannes Kiersch, Die Waldorfpädagogik. Eine Einführung in die Pädagogik Rudolf Steiners. Stuttgart 1997 Maria Montessori, Schule des Kindes. Freiburg 1976 Dies., Das Kind in der Familie. Stuttgart 1954 Dies., Kinder sind anders. Stuttgart 1967 Rudolf Steiner, Kunst und Kunsterkenntnis. Dornach 1985 Ders., Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens. Dornach 1986
1 Hans Jörg (Hg.), Praxis der Freinet - Pädagogik. Paderborn 1981. S. 19
2 Peter Teigler, Celestin Freinet. S. 47. In: Achim Hellmich, Peter Teigeler (Hg.), Montessori-
Freinet- Waldorfpädagogik. Konzeption und aktuelle Praxis. Weinheim und Basel 1999. S. 38
- 47
3 Harald Eichelberger, Reformpädagogik - vier Modelle. S. 27. In: Elisabeth Furch und
Susanne Pirstinger (Hg.), Lebendige Reformpädagogik. Wien 1995. S. 7 - 74
4 Ingried Dietrich, Freinet - Pädagogik heute. S. 27. In. Ingried Dietrich (Hg.), Handbuch
Freinet - Pädagogik. Eine praxisbezogene Einführung. Weinheim und Basel 1995. S. 13 - 30
5 vgl. Eichelberger S. 35 - 39. Vgl. auch: Hans Jörg, Meine Begegnung mit Freinet und der
Freinet - Pädagogik. S. 98 - 109. In: Hellmich. S. 93 - 113.
6 Maria Montessori, Die Erziehung des Kindes. Freiburg 1987. S. 32f.
7 für eine detailliertere Biographie s. Günter Schulz-Benesch, Maria Montessori. In:
Hellmich. S. 33 - 37
8 Harald Eichelberger, Handbuch zur Montessori - Didaktik. Innsbruck, Wien 1997. S. 34
9 Maria Montessori, Schule des Kindes. Freiburg 1976. S. 70
10 Dies., Das Kind in der Familie. Stuttgart 1954. S. 59
11 vgl. Eichelberger, Handbuch zur Montessori - Didaktik. S.33
12 ebd. S. 39
13 Maria Montessori, Kinder sind anders. Stuttgart 1967. S. 61
14 Für eine ausführlichere Biographie s. Achim Hellmich, Rudolf Steiner. In: Achim
Hellmich, Peter Teigeler (Hg.), Montessori- Freinet- Waldorfpädagogik. Konzeption und aktuelle Praxis. Weinheim und Basel 1999. S. 50 - 57
15 S Johannes Kiersch, Die Waldorfpädagogik. Eine Einführung in die Pädagogik Rudolf
Steiners. Stuttgart 1997. S. 11-19
16 Rudolf Steiner, Kunst und Kunsterkenntnis. Dornach 1985. S. 29f.
17 vgl. Kiersch, S. 20
18 Hans-Gerhard Wyneken, Die Entwicklung des Kindes und ihre Berücksichtigung in der
Waldorf-Pädagogik. S. 179. In: Achim Hellmich, Peter Teigeler (Hg.), Montessori- Freinet- Waldorfpädagogik. Konzeption und aktuelle Praxis. Weinheim und Basel 1999. S. 173 - 197
19 ebd.
20 Kiersch, S. 23
21 ebd.
22 Rudolf Steiner, Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens.
Dornach 1986. S. 30
23 vgl. Wyneken, S. 182
24 vgl. Kiersch, S. 25
25 ebd., S 27
26 Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.
Dornach 1992. S. 23
27 vgl. Wyneke, S. 183
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Christoph Elbl, 2000, Alternative Schulformen - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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