Autor: Patrick Thamm
Die personenzentrierte Theorie
Diese Persönlichkeitstheorie von Carl Rogers ist das Ergebnis seiner jahrzehntelangen therapeutischen Arbeit mit Menschen. Aus einer Therapiemethode und einer Lehre vom Prozess der Veränderung des menschlichen Verhaltens hat Rogers eine umfassende Theorie der Persönlichkeit entwickelt.
Nach Rogers wird der Organismus des Menschen nicht durch Triebe, sondern von einer einzigen zentralen Energie, der angeborenen Tendenz zur Selbstaktualisierung, Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, gesteuert. Damit ist die Selbstaktualisierung das grundlegende Motiv für das Tätigwerden des Menschen, um Autonomie und Selbstständigkeit zu erlangen. Dabei entwickelt der Mensch die zunehmende Bereitschaft, sich für jede Art von Erfahrung zu öffnen und sich und andere so anzunehmen, wie sie sind.
Beispiel: Das Kleinkind lernt unter großen Anstrengungen den aufrechten Gang, obwohl es für es leichter ist zu krabbeln. Dadurch wird es von seiner Umwelt unabhängiger und erlangt somit einen kleinen Teil Autonomie.
Rogers meint weiterhin, das der Mensch die Erfahrungen, die er macht, in Beziehung zu dem grundlegenden Streben nach Selbsterhaltung und Selbstaktualisierung setzt. Das heißt, das Erfahrungen, die die Selbstaktualisierung ermöglichen als positiv bewertet und deshalb weiterhin angestrebt werden, wohingegen Erfahrungen, die diese verhindern oder gar bedrohen negativ bewertet und vermieden werden (organismischer Bewertungsprozess).
Rogers sieht den Menschen als bewusst handelndes Wesen, das von seinen Erfahrungen geleitet wird. All die individuellen Erfahrungen, die ein Mensch in seinem bisherigen Leben gemacht hat, verdichten sich zu einem für jede Person charakteristischen Wahrnehmungsfeld, seiner einzigartigen Realität. Entsprechend dieser Wahrnehmungen werden andere Personen, Dinge oder Ereignisse von einzelnen Personen unterschiedlich bewertet.
Beispiel: Für einen Hardrock-Fan ist laute Rock-Musik ein Genuss, wohin gegen diese für einen Liebhaber klassischer Musik nur lautes Gedröhne ist, von dem er Kopfschmerzen bekommt.
Ein Teil dieses Wahrnehmungsfeldes entwickelt sich nach und nach zum Selbst oder Selbstkonzept der Person. Das Selbstkonzept ist also eine durch Erfahrungen gebildete und sich verändernde Struktur von Wahrnehmungen, Empfindungen und Werthaltungen, die diese Person bezogen auf sich selbst hat.
Beispiel: Hat eine Person mehrfach die Erfahrung gemacht, dass ihr der Umgang mit fremden Menschen leicht fällt, dann wird sie sich als kontaktfreudig und aufgeschlossen betrachten. Sie wird gerne auf andere Menschen zugehen und gemeinsame Unternehmungen planen.
Man unterscheidet beim Selbstkonzept einer Person zwischen dem Real-Selbst und dem Ideal-Selbst:

Stimmen Real-Selbst und Ideal-Selbst weitestgehend überein, so ist derjenige glücklich und ausgeglichen - er akzeptiert seine Schwächen und nutzt seine Stärken. Innere Spannungen, Ängste und Depressionen entstehen allerdings dann, wenn das Real-Selbst und das Ideal-Selbst zu sehr auseinander klaffen oder das Real-Selbst aufgrund der Ideale nicht akzeptiert wird.

Das Selbstkonzept wirkt nach dem Prinzip der ,,self fulfilling prophecy". Das soll heißen, dass ein positives Selbstkonzept oft auch zu positiven Erfahrungen führt und sich somit selbst bestätigt. Misserfolge bei einem negativen Selbstkonzept bestätigen dieses genauso.
Das Bewusstsein über sich selbst, über individuelle Fähigkeiten und Eigenschaften, Stärken und Schwächen erwirbt der Mensch schon in seiner Kindheit durch Beziehungsbotschaften von Eltern, Lehrern und Erziehern. Schon bevor ein Kind die Sprache versteht, erfährt es durch die Art, wie die Eltern mit ihm umgehen Botschaften wie, ob es erwünscht oder unerwünscht ist. Diese Beziehungsbotschaften prägen das Selbstkonzept des Kindes grundlegend. Später werden diese Botschaften durch konkrete Aussagen (siehe links) verdichtet. Die Entwicklung der Persönlichkeit wird also durch bedingungslose Wertschätzung und Annahme der Person gefördert. Diese Person vertraut auf ihre Gefühle und lässt ihr Handeln auch davon leiten. Sie strebt nach Selbstaktualisierung und Selbstverwirklichung. Werden Wertschätzung und die Annahme einer Person allerdings von einer Bedingung abhängig gemacht, so wird die Entwicklung der Persönlichkeit gehemmt. Diese Person hat wenig bzw. kein Vertrauen in das eigene Erleben und orientiert ihr Verhalten an den Bewertungsbedingungen. Sie sucht ständig die Bestätigung und Anerkennung durch andere.
Jeder Mensch wird immer wieder mit neuen Selbsterfahrungen konfrontiert, die bisweilen sehr stark vom bestehenden Selbstkonzept abweichen können. Rogers meinte dazu, dass der Mensch immer versucht, diese Diskrepanz möglichst klein zu halten. Dabei sei die Qualität des Selbstkonzepts (positiv oder negativ) dafür verantwortlich, wie mit diesen Selbsterfahrungen umgegangen wird: ob sie angenommen oder ignoriert werden.
Eine Person ist dann kongruent, wenn ihr aktuelles Verhalten und Erleben mit dem bestehenden Selbstkonzept weitgehend übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, so spricht man von Inkongruenz.
Beispiel: Eine Mutter ist verärgert und wütend über ihren Sohn. Zeigt sie ihre Gefühle in angemessener Weise, so stimmt ihr Verhalten mit ihrem aktuellen Selbstkonzept ,,Meine Gefühle sind mir wichtig" überein. Sie verhält sich kongruent. Hat sie dagegen das Selbstkonzept ,,Eine gute Mutter darf keine negativen Gefühle haben", dann passen Ärger und Wut natürlich nicht in ihr Selbstkonzept. Sie unterdrückt diese Gefühle oder nimmt sie vielleicht gar nicht wahr. Ihr Erleben ist dann inkongruent.
Ein positives Selbstkonzept ist flexibel genug, neue Erfahrungen anzunehmen und sich ihnen anzupassen, wodurch es wieder zu einer weitgehenden Übereinstimmung zwischen dem Selbstkonzept und den gemachten Erfahrungen kommt, was wiederum dazu führt, dass die Person ausgeglichen und zufrieden ist.
Vor allem Menschen mit einem negativen Selbstkonzept und geringer Selbstachtung versuchen, ihre verletzbare Selbststruktur rigide zu verteidigen und zu schützen. Jede Erfahrung, die ihr Selbstkonzept gefährdet und noch mehr in Frage stellt, wird als bedrohlich wahrgenommen. Um die bestehende Selbststruktur zu schützen, werden diese Erfahrungen abgewehrt. Zwei wesentliche Abwehrmechanismen sind hierbei die Verleugnung und Verzerrung. Bei der Verleugnung wird die Existenz einer Erfahrung völlig verneint. Bei der Verzerrung tritt die Erfahrung zwar ins Bewusstsein, ihre Bedeutung ist aber so verändert und entstellt worden, dass sie wieder mit dem aktuellen Selbstkonzept in übereinstimmt.
Beispiel: Die liebevolle Mutter (siehe oben) kann ihre negativen Gefühle völlig verneinen und ignorieren. Sie kann sie auch als momentanes Unwohlsein entstellen und damit ihre wahre Bedeutung verschleiern.
Beide Abwehrreaktionen bewahren den Menschen davor, dass ihr beschädigtes Selbstkonzept weiter verletzt wird und ihre Selbstachtung noch mehr verloren geht. So lässt sich für kurze Zeit ein gewisser Grad an Übereinstimmung zwischen dem Selbstkonzept und den aktuellen Erfahrungen herstellen, eine Auseinandersetzung mit der Realität und die daraus resultierende Veränderung des Selbstkonzepts findet aber nicht statt. Wenn die aktuellen Erfahrungen einer Person ganz offensichtlich von ihrem Selbstkonzept abweichen, dann wird eine Abwehrreaktion immer schwieriger. ,,Angst ist dann die Antwort des Organismus auf die unterschwellige Wahrnehmung; eine solche Diskrepanz könnte gewahr werden und würde in der Folge eine Veränderung des Selbstkonzeptes erzwingen." (Carl Rogers, 1989)
Beispiel: Eine Person, deren Selbstkonzept es ist, niemals zu hassen, wird Angst erleben, wenn die verleugneten Hassgefühle ganz offensichtlich in ihrer Phantasie oder in ihrem nonverbalen Verhalten auftreten.
Gelingt die Abwehr der bedrohlichen Erfahrungen nicht mehr und drängen diese immer heftiger in das Bewusstsein, dann zerbricht schließlich die Selbststruktur und ein sehr widersprüchliches, psychisch fehlangepasstes Verhalten kann die Folge sein.
Beispiel: So können verleugnete Hassgefühle ganz unvermittelt hervorbrechen, indem die Person andere anschreit. Kurze Zeit später entschuldigt sie sich für ihr unbeherrschtes Verhalten und verspricht, dass es nie wieder vorkommt.
Inkongruenz führt längerfristig zu seelischen Störungen. Solche Personen brauchen dann therapeutische Hilfe, um die nicht gelöste Diskrepanz zwischen dem Selbstkonzept und der Erfahrung aufzuheben und ihr Selbstkonzept zu verändern.
Arbeit zitieren:
Patrick Thamm, 2000, Die personenzentrierte Theorie von Rogers, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Vergleichende Betrachtung des Mädchenbildes in Emmy von Rhodens "...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hauptseminararbeit, 17 Seiten
Die realistische Wende in der Erwachsenenbildung: Wissenschaftliche St...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 16 Seiten
Heilungszeremonien der Temiar in Malaysia, im Fokus von Schamanismus- ...
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hauptseminararbeit, 28 Seiten
Arbeitstherapie in der Psychiatrie
Behandlungsbericht über einen ...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 17 Seiten
Zum Stellenwert der frühen Eltern-Kind-Interaktion in der kindlichen P...
Seminararbeit, 13 Seiten
Schwarze Pädagogik - Eine Betrachtung moderner und historischer Erzieh...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hauptseminararbeit, 22 Seiten
Betriebskosten in Kindertagesstätten - Effizienzanalyse zur öffentlich...
Diplomarbeit, 107 Seiten
Welche Zwischenräume erlaubt die Backfischliteratur für junge Mädchen?...
Fasse die Aufsätze von Dagmar ...
Essay, 6 Seiten
Die berufliche Sozialisation von Frauen und der geschlechtsspezifisch ...
BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik
Hausarbeit, 22 Seiten
Erlebnispädagogik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
Inwiefern lassen sich erlebnis...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Examensarbeit, 71 Seiten
Einführung in die Biographieforschung mit geschichtlichem Rückblick
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit, 11 Seiten
Das Spiel des verhaltensgestörten Kindes
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Sensorische Integration und ihre Auswirkung auf Lernen und Verhalt...
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Hausarbeit, 16 Seiten
Betriebliche Gesundheitsförderung
Antonovskys Theorie der Saluto...
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Hausarbeit, 27 Seiten
Interkulturelles Lernen zwischen Migration und Integration
Hausarbeit, 16 Seiten
Sozialgeschichtliche Hintergründe der Stellung von Frau und Mutter im ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Ausarbeitung, 9 Seiten
Patrick Thamm hat den Text Die personenzentrierte Theorie von Rogers veröffentlicht
Patrick Thamm hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare