technische Fortschritt führte zu einer Verdreifachung der Arbeitsproduktivität. Der technische Fortschritt läßt sich aus drei Teilen zusammensetzen: neue Produktionstechniken, organisatorischer Fortschritt und Ausbildungsfortschritt. Auch die Entwicklung der durchschnittlichen Realeinkommen läßt sich am Nettosozialprodukt erkennen, wobei die Einkommensverteilung jedoch sehr unterschiedlich war. Während das Arbeitseinkommen, von dem sich meist mehrere Personen ernähren mußten, starken Schwankungen und Einbrüchen ausgeliefert war, konnten das Grundrenteneinkommen und das Kapitaleinkommen trotz Schwankungen insgesamt vermehrt werden. Da die meisten Menschen nur vom Arbeitseinkommen lebten, stieg der Anteil der vermögensschwachen Bevölkerung schnell an, wodurch es zu sozialen Spannungen kam.
Ebenfalls mit der Industrialisierung verbunden ist die Urbanisierung, denn die Konzentration der Menschen in den Industriezentren wurde durch das Eisenbahnnetz erst ermöglicht, und durch Großbetriebe begünstigt. Gleichzeitig verringerte sich der Anteil der Bevölkerung mit Bodennutzung, wodurch die Menschen gezwungen waren, ihr ohnehin knappes Einkommen für Lebensmittel auszugeben, da sie sich nicht mehr selbstversorgen konnten. Diese Entwicklungen, aber auch durch die zunehmende Zahl der Arbeiter (,,Proletarisierung") ließen die soziale Frage entstehen: Die Probleme der Proletarier waren vor allem ihr niedriges Einkommen, die Abhängigkeit vom Arbeitsverhältnis, das Überangebot an Arbeitskräften, und die Lösung von Familie, Freunden und Gemeinde.
Die innenpolitische Situation war gleichfalls von Auseinandersetzungen geprägt, denn obwohl die absolutistische Monarchie mehr und mehr zurückgedrängt wurde fand, kein Durchbruch zum Parlamentarismus statt. Die wichtigsten politischen Kräfte dieser Zeit waren die Konservativen, die Liberalen, die Sozialisten (SPD), und die Interessenvertretung der Katholiken (Zentrum).
1. Kapitel: Der Aufbruch zur Industrialisierung (1780/1800 bis 1835)
Dieses Kapitel beschäftigt sich größtenteils mit den Veränderungen und Entwicklungen in Deutschland, die wichtige Grundlagen für den Industrialisierungsprozess bildeten, oder diesen zumindest erleichterten. Die treibenden Kräfte der Industrialisierung in Deutschland, und auch in anderen Ländern, waren die Weiterentwicklung der Poduktionsverhältnisse (gesellschaftlicher Faktor), und die Bevölkerungsexplosion (natürlicher Faktor), die sich beide gegenseitig stark beeinflussten. Eine mögliche Entwicklungsrichtung entsprang den liberalen Ideen: Der Mensch sollte zum freien und unabhängigen Staatsbürger werden, und der Staat sollte sich vollkommen aus der Wirtschaft heraushalten. Dieses liberale Gedankengut wurde
durch die Französische Revolution und Napoleons Gewaltherrschaft in Mitteleuropa schneller verbreitet und die alten Herrschaftsstrukturen dadurch geschwächt. Die wichtigste Veränderung im landwirtschaftlichen Sektor war zu dieser Zeit die Agrarverfassung (,,Bauernbefreiung"). Sie bewirkte, dass die Abhängigkeit der Bauern vom Lehnsherren, die durch das Feudalsystem entstanden war, aufgehoben wurde. Ebenfalls aufgehoben wurden dadurch die Beeinträchtigungen in der gesellschaftlichen und beruflichen Mobilität, die durch die rechtlichen Abhängigkeiten und wirtschaftlichen Verpflichtungen entstanden waren. Die treibenden Kräfte der Bauernbefreiung waren die veraltete Agrarverfassung (die die notwendige Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion verhinderte) der Wechsel von Fronarbeit zu Lohnarbeit (da diese billiger und qualitativ besser war) und liberale Ideen. Letztendlich war es auch der Staat, der sich selbst Vorteile durch eine Reform versprach: er erhoffte sich eine zusätzliche Einnahmequelle durch die Ablösezahlungen, um die Schulden, die in den Napoleonischen Kriegen entstanden waren, zurückzahlen zu können, eine Zunahme der Staatseinkommen durch die Anhebung des allgemeinen Volkswohlstandes, und eine Verringerung der Macht des Adels.
Die Reformen, die zwischen der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert begannen und sich bis ins 20. Jahrhundert zogen, wurden in folgenden Schritten durchgeführt: Die persönlichen Bindungen wurden aufgehoben, die Dienste und Naturalleistungen wurden in Geldleistungen umgewandelt, Gebäude, Boden und Inventar wurden bei Zahlung der Ablösungen Eigentum der Bauern, Auflösung und Beseitigung der Gemeinheiten (z.B. Dorfanger) und Gemengelage; Zuletzt kam die Aufhebung der ständischen Patrimonialgerichtsbarkeit und der Polizeigewalt. Daraus ergaben sich weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen: Durch die individuelle Nutzung der ehemaligen Gemeinheitsländereien und Brachen wurden die Ackerflächen verdoppelt, die Veränderungen der Produktionsmethoden (Wechselwirtschaft, verbesserte Fruchtfolgen) führten zu einer Erhöhung der Produktivität. Die Produktivität in der Viehwirtschaft wurde durch Sommerstallhaltung erhöht. Die Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktivität resultierten aber vor allem aus den sich wandelnden Produktionsmethoden und der steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln, sie wurden aber auch von Entwicklungen in der englischen und niederländischen Landwirtschaftlichen Verhältnissen angeregt. Obwohl keine genauen Zahlen vorliegen, kann man aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl und der sich quantitativ kaum ändernden Ernährungssituation davon ausgehen, dass die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland anstieg. Ausschlaggebend dafür war, dass die als Ackerland genutzte Fläche um etwa 20% zunahm, dass die Getreideerträge je Flächeneinheit wegen der sorgfältigeren Bebauung des Bodens,
die günstige Vorfruchtwirkung und die bessere Versorgung mit Dung gleichzeitig um ca. 10% anstiegen, und dass die Ausdehnung des Blattfruchtanbaus erhöhte Nährwerterträge pro Flächeneinheit brachte. Jedoch ist zweifelhaft, ob die Ernährungssituation sich verbesserte, da viele Lohnarbeiter so einkommensschwach waren, dass sie sich hauptsächlich von Kartoffeln und Kohl ernährten, da diese mehr Kalorien und damit einen höheren Sättigungsfaktor als Getreide haben. Allerdings war ein Rückgang im Verzehr von tierischen Produkten zu verzeichnen, da die Verluste in der Viehwirtschaft in der Napoleonischen Zeit nur langsam ausgeglichen werden konnten, und weil Kleinbauern aufgrund der Gemeinheitsteilungen die Viehhaltung nicht mehr möglich war. Zusätzlich wurden viele Kleinbauern durch die Aufhebung des Bauernschutzes und die hohen Ablösezahlungen zur Aufgabe ihres Hofes gezwungen. Die landlosen und landarmen Gruppen wurden verstärkt, was zusammen mit der Bevölkerungsexplosion zur Freisetzung einer großen Masse an Arbeitskräften führte. Für die Ertragslage der Landwirtschaft und das Einkommen der ländlichen Bevölkerung waren die Entwicklung der naturalen Erträge, die der Erlöse, die Anzahl der von der Landwirtschaft lebenden Menschen, die Verteilung der Einkommen auf die ländliche Bevölkerung und die Belastungen von Bedeutung.
Die Landwirtschaft mußte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zwei Krisen überwinden: Obwohl die Agrareinkommen um 1800 herum gestiegen waren, verschlechterte sich die Lage während der Napoleonischen Kriege (1802-1815) durch Produktionsausfälle und Kontributionen. Erst nach dem Krieg stiegen die Preise langsam wieder, sie fielen jedoch 1818 wegen guter Ernten und englischer Einfuhrzölle auf weniger als 1/3 der Vorjahrspreise. Da in dieser Zeit außerdem die ersten größeren Ablösungen zu bezahlen waren, mußten viele Bauern ihre Höfe aufgeben. Erst ab 1827/1830 waren die Preise wieder soweit gestiegen, dass sie die anfallenden Kosten decken konnten. Während die Napoleonischen Kriege und ihre Auswirkungen alle ländlichen Gruppen trafen, profitierten von den hohen Agrarpreisen in den ersten Nachkriegsjahren vor allem die großen Betriebe, und auch die Steigerung der Erträge brachte ihnen langfristig gesehen mehr Vorteile. Auch mußten auf den Gutshöfen nur die Personen mitversorgt werden, die auch dort arbeiteten, während Kleinbauern auch die Mitglieder der Familie miternähren mußten, die auf dem Hof nicht voll beschäftigt wurden und die sonst keine andere Arbeit fanden. Von den Ablösungsverpflichtungen hatten Gutshofbesitzer als Ablösungsberechtigte einige Vorteile: Die Zahlungen glichen die niedrigen Agrarpreise aus, und sie konnten bei einer Zwangsversteigerung die Höfe als Hauptgläubiger billiger oder sogar kostenlos erwerben. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe hatten damals noch eine Fläche von weniger als 5 ha und der größte Teil der
landwirtschaftlich genutzten Fläche war auf Betriebe mit 5 bis 50 ha verteilt. Deshalb hatte der größte Teil der Landbevölkerung wohl ein nur sehr niedriges Einkommen, die der Familie gehörenden Fläche zu klein war, hohe Ablösungen bezahlt werden mußten, und die Agrarpreise sehr niedrig waren.
Die Hauptkennzeichen des sekundären Sektors im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, waren die vorindustrielle Produktionsweise und das Überangebot an Arbeitskräften. Die Einführung der Gewerbefreiheit war hier genauso entscheidend wie die Agrarverfassung für die Landwirtschaft. Von der rechtlichen Seite gesehen bedeutet Gewerbefreiheit , dass jedermann (auch Frauen) in jedem Umfang jeden Produktionszweig mit jeder Produktionstechnik eröffnen und betreiben konnte, wobei wirtschaftliche Probleme oder Beschränkungen (z.B. Kapital) hierbei außer Acht gelassen werden. Die Gewerbefreiheit hob damit ständische, Vorbildungs-, Zunft-, Kapazitäts-, und die Produktionsweise betreffende Beschränkungen auf, wobei einige Berufe allerdings weiterhin gewissen Beschränkungen unterlagen. So war eine berufliche Vorbildung noch bei Ärzten, Apothekern, Bauunternehmern und Schiffern Pflicht; Schlosser, Schausteller, Schank- und Gastwirte benötigten polizeiliche Konzessionen. Die Gewerbefreiheit, die mit der Abschaffung der Zünfte und der Qualitätsgarantien sowie der Einführung de Konkurrenzprinzips verbunden war, schien unumgänglich zu sein, da die gewerbliche Produktion in den vorhandenen Grenzen nicht mehr entwicklungsfähig war. Als Anfang der Gewerbefreiheit gilt der Reichsschluss von 1731, in dem die Zulassung zum Gewerbe erleichtert, und die nicht von Zunftangehörigen produzierte Ware vor Diskriminierung geschützt werden sollte. Das Gesetz hatte jedoch kaum Erfolg, da die Zünfte nicht angetastet werden sollten. Ausserdem mußte es um wirksam zu werden, erst in die Gesetzgebung der einzelnen Territorien aufgenommen werden, was aber in den meisten deutschen Staaten erst im 19. Jahrhundert geschah.
Auch in anderen europäischen Ländern (England, Frankreich, Österreich) gab es im 18. Jahrhundert Bemühungen um die Einführung der Gewerbefreiheit, wobei diese sich in vielen Ländern sehr lange hinzogen, da es überall viele unterschiedliche Meinungen und Kräfte gab (z.B. die Kameralisten, das Handwerkerparlament). Die einzige Ausnahme bildet Rußland, denn dort hatte es immer schon Gewerbefreiheit gegeben.
Die Auswirkungen der Gewerbefreiheit sind in verschiedenen Quellen sehr unterschiedlich dargestellt. Das liegt daran, dass es nur wenige statistische Quellen aus der Zeit vor 1861 gibt, es Ungenauigkeiten bei der Einordnung von Mischbetrieben gab, und dass sich einige Dinge nicht nach ihrer Abhängigkeit von der Gewerbefreiheit beurteilen lassen. Es läßt sich jedoch feststellen, dass die Zahl der Meister bei abnehmender Gesellenzahl zunahm, und dass sich
die Anzahl der Handwerker in städtischen Gebieten verringerte, während sie auf dem Land zunahm. Im Verlags- und Manufakturwesen wurden mehr (weil billigere) Frauen und Kinder beschäftigt, es wurde mehr zu fortschrittlichen Produktionsmethoden übergegangen (Maschine statt Handgerät), und es wurden bereits jetzt viele Arbeitskräfte freigesetzt, die zukünftigen Lohnarbeiter. Letzteres wäre allerdings auch allein durch die wachsende Bevölkerung zustande gekommen.
Allgemein traten wenige Verzögerungen der industriellen Entwicklung ein, nämlich nur dort wo eine Zunft ein Veto gegen eine neue Fabrik einlegen konnte, oder wo Konzessionen nicht freizügig verteilt wurden. Allerdings war beides selten der Fall. Die wichtigste Bedeutung der Gewerbefreiheit ist darin zu sehen, dass sie dem Handwerk die Möglichkeit zur Umstrukturierung gab. So hatten sie die Chance, eine an die Industrie verlorene Produktionsrichtung durch eine andere zu ersetzen, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben.
Die Produktionszweige waren von zwei Faktoren abhängig: Einerseits von der Art der Nachfrage (Grundbedarf, gehobener- und Luxusbedarf, Staatsbedarf, wobei zwischen diesen Gebieten erhebliche Überschneidungen existieren), andererseits von den Besonderheiten der regionalen Produktionssphäre (Rohstoffe, Arbeitskräfte, Unternehmer, Absatzmöglichkeiten). Unter Grundbedarf versteht man Kleidung, Nahrung und Wohnung, so dass man Handwerker, die in diesen Bereichen tätig sind (z.B. Bäcker, Schneider, Maurer, Schmiede), und Handwerker, die die benötigten Halbfabrikate herstellen (z.B. Weber, Gerber, Eisenwarenhersteller) in allen bewohnten Gebieten Mitteleuropas antreffen konnte. Jedoch sind je nach Landschaft Differenzen aufgrund unterschiedlicher Rohstoffvorkommen und Kostenvorteilen zu finden. Etwa 80% aller im Gewerbe Beschäftigten arbeiteten in diesem Bereich. Zum gehobenen- oder Luxusbedarf zählen Artikel, die über den Grundbedarf hinausgehen. Die Handwerker dieses Bereiches sind zum Beispiel Seidenwirker, Goldschmiede, Zinngießer, Konditoren, oder Bildhauer, und sind vor allem in größeren Städten oder Residenzstädten zu finden. Zum Staatsbedarf zählen militärische Ausrüstung (Uniformen, Lederzeug, Waffen), Hofbedarf (Schlösser, Möbel, Schmuck) und staatliche Verwaltung (Papier, Schreibzeug).
Viele Gewerbezweige wurden direkt dort angesiedelt, wo der von ihnen benötigte Rohstoff zu finden war. So gab es Eisenverarbeitungen zum Beispiel am Rhein, in Oberschlesien und in Böhmen, Silber wurde in Sachsen und Böhmen gefunden und geschmolzen, während Kupfer wertvoll genug war, dass es auch an anderen Orten als am Fundort verarbeitet wurde. Die wichtigsten Brennstoffe waren Holz und Holzkohle, Steinkohle wurde erst mit der
Erhöhung des Produktionsvolumens Ende des 18. Jahrhunderts wichtig. Arbeitskräfte erhielt man durch die Weiterentwicklung der gewerblichen Produktion, die Aufnahme vorher in anderen Bereichen (Landwirtschaft) Beschäftigter, und durch die Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte (z.B. französische Religionsflüchtlinge). Die vorindustrielle gewerbliche Produktion war in Handwerk, Verlag und Manufaktur unterteilt, wobei Handwerk und Verlag den größten Teil darstellten. Das Handwerk deckte vor allem den individuellen Bedarf vor Ort ab, während Verlag und Manufaktur einheitliche Waren für den Fernhandel produzierten. Produktionstechnisch bestanden jedoch zwischen den einzelnen Formen kaum Unterschiede, abgesehen von speziellen zur Herstellung einer Ware benötigten Geräten oder Einrichtungen.
Von der Industrialisierung waren zuerst die Metallherstellung und -verarbeitung, das Textil-und Bekleidungsgewerbe und der Bergbau betroffen, wobei andere Wirtschaftszweige eher mit bereits erprobten Maschinen und Techniken arbeiteten. Im Textil- und Bekleidungsgewerbe wurden die Garnherstellung durch die Spinnmaschine (,,Spinning Jenny"), und die Gewebeherstellung mittels mechanischer Webstühle mechanisiert. Im Bergbau wurde die Produktion durch die Dampfmaschine erheblich erleichtert, die Kohle wurde dadurch billiger und konkurrenzfähig zu anderen Brennstoffen wie Holz und Holzkohle. Daraus profitierte wiederum die Metallherstellung und -verarbeitung, da sie Kohle und Kokse benötigte und gleichzeitig im Bergbau einen Absatzmarkt für die von ihr hergestellte Dampfmaschine fand.
Die Entwicklung der gewerblichen Wirtschaft war von einer Erhöhung des Produktionsvolumens gekennzeichnet. In der Zeit der Napoleonischen Kriege hatte vor allem die auf den Export ausgerichtete Wirtschaft schwere Rückschläge erlitten, während Armeelieferungen die Verluste z.B. im Wollgewerbe ausglichen, und linksrheinische Betriebe wegen der Einbeziehung ins Kaiserreich unter anderem ein einheitliches Zollgebiet genossen. Erst Mitte der zwanziger Jahre stieg die Produktion wertmäßig stärker als die Bevölkerung. Es trat jedoch noch kein erheblicher Produktivitätsfortschritt ein, und ebenfalls keine merklich Steigerung der Produktionsvolumina.
Da die Reallöhne in dieser Zeitspanne stark von den Agrarpreisen abhängig waren, waren sie ebenfalls sehr starken Schwankungen ausgesetzt. Das Einkommensniveau war auch sehr niedrig, da die Löhne außerdem noch von der Zahl der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten gedrückt wurden.
Die bedeutendsten Bereiche des Dienstleistungssektors waren das Verkehrswesen, der Handel und das Geld- und Bankwesen. Transportwege waren Straßen und Wege (Landtransport),
sowie Flüsse, Kanäle und das Meer (Schiffahrt), wobei der billige Massentransport ein Problem darstellte. Für den Landtransport wurden seit 1780 verstärkt Chausseen (befestigte Straßen) angelegt. Bis 1835 war das Netz von 2000 auf 25000 km angewachsen, wobei die Dichte des Straßennetzes in städtischen Gebieten wesentlich höher war als in ländlichen. Gegen den Bau sprachen die erhöhte Belastung der noch im Feudalwesen verpflichteten Bauern (sie mußten die Straßen unterhalten), die erwarteten Verluste im Fahrzeug-, Pferdeausrüstungs- und Übernachtungsgewerbe, und dass der Vormarsch feindlicher Truppen durch ein gut ausgebautes Strassennetz begünstigt werden könnte. Befürworter hingegen waren Handel und produzierende Wirtschaft (verbesserte Absatzmöglichkeiten), Territorialherren, die erhöhte Zolleinnahmen erhofften, und erobernde Militärs (Napoleon). Ende des 18. Jahrhunderts waren folgende Aspekte bedeutend: Durch den Straßenbau wurden der Massentransport im Nahverkehr erleichtert, die einzelnen Teile des Staates wurden verknüpft, und die wirtschaftliche Situation wurde durch den Transitverkehr verbessert. Während der Napoleonischen Zeit die Hauptaufgabe des Strassenbaus allerdings in der Erleichterung der Truppenbewegungen. Erst nach 1815 überwogen wieder die wirtschaftlichen Aspekte.
Obwohl die Auswirkungen des Strassenbaus nicht überschätzt werden dürfen, wurden die Transportkosten durch erhöhte Transportkapazitäten und -geschwindigkeiten stark vermindert.
Der Bau von Kanälen sowie die Regulierung von Flüssen, um sie für die Binnenschiffahrt nutzbar zu machen, begann schon weit in der vorindustriellen Zeit. Durch sie wurden die Fundorte von Eisenerz und Steinkohle verbunden, und größere Städte mit Nahrungsmitteln, Rohstoffen und gewerblichen Produkten versorgt. Letztendlich verdankte ihnen der Kohlebergbau seinen schnellen Aufschwung. Da der Bau von Kanälen sehr teuer und kompliziert war, versuchte man vor allem bereits existierende Wasserläufe durch Stromregulierung oder den Ausbau von Leinpfaden schiffbar zu machen. Von 1786 bis 1836 wuchs das Binnenschifffahrtsnetz von 8250km auf 9000km, davon waren je 6000km schiffbare Flüsse.
In der Seeschifffahrt stieg die Zahl der beförderten Tonnage von ca 190000NRT (1780) auf 280000 NRT (1834), wobei die Zahl der Schiffe und ihrer Besatzung kaum zunahm, und auch kein technischer Fortschritt einsetzte. Dass die Frachtraten teilweise hingegen um fast 20 % zurückgingen, läßt sich durch die höhere Durchschnittstonnage pro Schiff, die höhere Ausnutzung durch bessere Organisation, und den Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt durch die ungleichmäßige Steigung von Transportkapazität und Außenhandel erklären. Die am
stärksten befahrenen Routen außer den innereuropäischen waren die nach Nord- und Südamerika. Den größten Teil des Warentransports beherrschte Großbritannien, während Deutschland nur eine unbedeutende Rolle spielte.
Im Handel gab es bis 1834 drei verschiedene Perioden: den auslaufenden Merkantilismus, die Kontinentalsperre durch Napoleon, und die beginnende nationale und internationale Zollpolitik.
Im Merkantilismus gab es Schutzzölle, um die heimischen Gewerbe vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Da dies für kleine Länder oder für Länder mit großem Transithandel enorme Nachteile erbrachte, setzten erste Überlegungen zum Freihandel schon vor 1805 in Preußen ein. Mit dem Inkrafttreten der Kontinentalsperre (1.11.1806) wurde der Überseehandel fast ganz unterbunden, und französische Unternehmen wurden gegenüber deutschen (östlich des Rheins) durch unterschiedliche Zölle bevorzugt. Ebenso erhielten die Länder des Rheinbundes und Sachsen Vorteile. Ansonsten verlangte Frankreich sehr hohe Zölle, konnte für französische Waren aber niedrige Einfuhrabgaben durchsetzen. Nach 1815 war die nationale und internationale Zollpolitik durch Probleme, wie veränderte Zollgrenzen, innerdeutsche Staaten, die groß genug für einen eigene Zollregelung waren, den Versuchen einzelner Mächte, die Vorkriegsmärkte zurück zu erlangen, dem Schutz der inländischen Wirtschaft vor Störungen bei der Überwindung von Kriegseinflüssen, und den Maßnahmen einiger, von Adam Smiths Freihandelslehre beeinflussten Gruppen, gekennzeichnet. Diese Probleme wurden von Land zu Land anders behandelt, wobei aber zum Beispiel England, Frankreich, Österreich und Rußland versuchten, sich durch Schutzzölle abzusichern. Nur Preußen ging einen anderen Weg, indem es zum 1.1.1819 alle inneren Abgabeverpflichtungen aufhob, und nur noch an den Grenzen zum Ausland Zölle erhob. In dem zugrunde liegendem Gesetz waren auch die Bereitschaft zur Gründung eines Zollverbunds mit anderen deutschen Staaten und gegenseitige Handelsverträge mit ausländischen Staaten verankert. Diese Regelung wurde jedoch, obwohl vom Handel begrüßt, von den meisten Gewerbetreibenden (mit Unterstützung von Friedrich List) bekämpft. Sie wollten, dass die deutschen Nationalstaaten ein einheitliches Zollgebiet mit hohen Schutzzöllen nach Außen bildeten. Als die im seit 1815 bestehenden Deutschen Bund festgelegte einheitliche Regelung von Handel und Verkehr nicht zustande kam, entwickelte Preußen die vor 1806 begonnenen Bestrebungen zum Handels- und Zollgesetz von 1818 weiter, jedoch zeigte sich auch hier keine Weiterentwicklung. Daraufhin gründeten Kaufleute unter dem Einfluß von Friedrich List 1819 den Deutschen Handels- und Gewerbsverein, um die wirtschaftspolitischen Schranken innerhalb Deutschlands aufheben zu lassen. Außer Österreich schlossen sich bis
1834 alle Staaten des Deutschen Bundes der preußischen Zollvereinigung an. Jedoch gab es bei der Bildung des Deutschen Zollvereins Schwierigkeiten, denn kleinere Nachbarstaaten waren zunächst vollständig von der preußischen Macht abhängig, und mittlere Staaten versuchten sich durch Zusammenschlüsse zu entziehen. Bis 1888 waren aber schließlich alle deutschen Staaten bis auf Österreich in den Zollverein eingetreten. Durch den Zusammenschluss fand in den westlichen Industriegebieten ein Aufschwung statt. Der Import ausländischer Waren wurde aufgrund der nicht mehr zu befriedigenden Binnennachfrage erhöht, der Export nahm durch die zunehmende Konkurrenzfähigkeit ebenfalls zu. Insgesamt stieg die inländische Produktion und die Palette der angebotenen Güter. Jedoch wäre diese Entwicklung wahrscheinlich auch ohne den Zollverein eingetreten. Nach Aufhebung der Kontinentalsperre versuchte man durch Gründung von Handelsgesellschaften den Export von Fertigwaren wieder in Gang zu bringen. Diese Versuche wurden von England behindert, da es fürchtete, seine Vormachtstellung zu verlieren. Dennoch stieg der Außenhandel stetig an. Bei näherer Betrachtung der Importe und Exporte wird deutlich, dass Deutschland ein rohstoffverarbeitendes und fertigwarenproduzierendes Land war, die einzige Ausnahme bildete der Wollexport. Im Vergleich zu heutigen Entwicklungsländern lassen sich Unterschiede feststellen: Beim Export dominierten Fertigwaren, während ihr Anteil am Import nur sehr gering war. Deutschland stand auch dem am weitesten entwickelten Land (England) nicht weit nach. Deshalb wäre es nach heutigen Maßstäben kein Entwicklungsland gewesen.
Hier nicht berücksichtigt ist der über den Messeort Leipzig laufende Transithandel, der nicht quantitativ messbar ist, aber wohl mehr als ein Drittel des deutschen Außenhandels ausmachte.
Der Binnenhandel war in Mitteleuropa noch nicht weit entwickelt, denn Nahrungsmittel beanspruchten den größten Teil des Einkommens, und das Handwerk befriedigte den Grundbedarf an gewerblichen Produkten. Der Handel zwischen Produzenten und Verbraucher war die Regel. Daher gab es nur für überregional produzierte und gehandelte Produkte wie Eisenwaren, Waren für den gehobenen Bedarf, und Kolonialwaren einen speziellen Binnenhandel, der sehr gering war.
Das Geldwesen, das in das Talergebiet im Norden und das Guldengebiet im Süden Deutschlands und in Österreich aufgeteilt war, war keineswegs geregelt: Der Staat gab mehr Geld aus als er sich durch Münzneuprägungen verschaffen konnte, weshalb Papiergeld, papiergeldähnliche Staatsscheine und Staats- und Tresorscheine ausgegeben wurden. Geschah dies in Grenzen, wurde die Wirtschaft dadurch zahlungsfähiger, jedoch bestand die Gefahr,
dass sich der Staat durch übermäßige Herausgabe von Papiergeld ohne wirklichen Gegenwert den eigenen Geldbedarf befriedigte. Auch die Banken beeinflussten den Geldmarkt, wobei sich ihre Aktivitäten hauptsächlich auf Wechselgeschäfte, Giroverkehr, Aufnahme von Depositengeldern, Notenausgabe, Darlehensauszahlung und Vermittlung von Staatskrediten beschränkten und weniger zur Sammlung von Kapital für die Wirtschaft dienten. An Banken gab es die vom Staat abhängigen Notenbanken, die sich aber nicht so stark durchsetzen konnten wie in England oder Frankreich, kommunale Sparkassen, die als Hilfskassen für Notfälle fungierten, Privatbanken, die meist aus Handelsgeschäften oder Gewerbebetrieben entstanden und vor allem in großen Städten zu finden waren, und Kreditanstalten. Die wichtigsten Bankenstädte in Deutschland waren Frankfurt, Hamburg, Köln und Berlin. Da der finanzielle Bedarf in der Napoleonischen Zeit so groß war, dass er mit den normalen Einnahmen, die durch Domänen, Forsten, staatliche Gewerbeanstalten, Steuern und Abgaben entstanden, nicht mehr gedeckt werden konnte, wuchs die Staatsverschuldung in den meisten deutschen Staaten rapide an. Die Art der Staatseinnahmen änderte sich bis 1835 kaum, die kommunalen Einnahmen, die hauptsächlich aus Steuern, Abgaben, und Gebühren bestanden, waren wie das gesamte Finanzwesen stark durch das Ansichziehen aller Aufgaben durch den absolutistischen Staat geprägt.
Die Staatsausgaben bestanden vor allem aus Militärausgaben, die in der Napoleonischen Zeit noch durch weitere Kriegsausgaben erhöht wurden, aus Hofausgaben, Zivilausgaben, die mit dem Chausseenbau und der Vorfinanzierung der Bauernbefreiung anwuchsen, und dem Schuldendienst, dessen Anteil bis 1820 ebenfalls anstieg, wobei diese Ausgaben je nach Staatsgröße unterschiedlich hoch ausfielen. Die Ausgaben der Gemeinden, deren Mittel ohnehin sehr begrenzt waren, bestanden größtenteils aus der Finanzierung des Lebensunterhalts der Stadtarmen, der Rest wurde für den Strassen- und Schulbau verwendet. Die soziale Lage der Menschen wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Einkommenslage, die Arbeitsbedingungen und die Lebensbedingungen bestimmt. Bis 1820 herrschte vor allem bei Lohnarbeitern und Arbeitslosen, aber auch bei Arbeitenden große Not, da die Nahrungsmittel- und Agrarpreise sehr hoch lagen, während die Reallöhne sanken. Danach sanken die Agrarpreise wieder, die Not beschränkte sich daher auf Arbeitslose und die landwirtschaftliche Bevölkerung. Nach 1827 geriet dann auch die arbeitende Bevölkerung durch steigende Agrarpreise bei zusätzlich noch durch Frauen- und Kinderarbeit gedrückten Löhnen in Not. Die Arbeitslosigkeit stieg auch an, weil die Wirtschaftsstruktur und der Binnenmarkt unterentwickelt waren, weil der Markt für Industrieprodukte nur Konsum- und kaum Investitionsgüter aufwies und weil erstmals auch
landwirtschaftliche und gewerbliche Krisen zusammentrafen.
Die zunehmende Verstädterung (ca 1840) verschärfte die Not, die erst ab etwa 1855 durch zunehmende Schaffung industrieller Arbeitsplätze beseitigt wurde. Aus dem Pauperismus entwickelte sich jedoch eine Armutssituation der Industriegesellschaft, die ,,soziale Frage". Die Arbeitsbedingungen (Arbeitsplatz, Arbeitszeit, Verpflegungsmöglichkeiten) konnten von Arbeitgebern völlig frei bestimmt werden. Da diese aber nur darauf aus waren möglichst billig zu produzieren, betrug die Arbeitszeit meist zwischen 13 und 18 Stunden am Tag, und Kinder wurden bei ähnlichen Tätigkeiten für die selbe Arbeitszeit sehr viel schlechter bezahlt als Erwachsene.
Die niedrigen Realeinkommen hatten schlechte Wohnverhältnisse und sich am Rande des Existenzminimums bewegende Ernährungsverhältnisse zur Folge. Auch fehlte der Schutz vor Witterung und einkommensmindernden Unglücksfällen. Und der Anteil der von Lohneinkommen Abhängigen nahm durch den Bevölkerungszuwachs, den Übergang von der Fron- zur Lohnarbeit, und die Landverluste der Kleinbauern weiter zu. Da diese Probleme nicht auf Deutschland beschränkt waren, konnten die Betroffenen nur bei Auswanderungen nach Osteuropa oder Amerika bessere Verhältnisse antreffen. Die Auswanderer kamen größtenteils aus der von Lohn lebenden Bevölkerung ohne oder mit nur geringer Landnutzung.
Weitere Unterstützung als die durch die Gemeinden erhielten die Armen von Kirchen und privaten Organisationen, deren Hilfe aber begrenzt war. Der Staat hielt Regelungen noch nicht für nötig.
2. Kapitel: Die erste Industrialisierungsphase (1835 bis 1873)
Ähnlich aufgebaut wie das vorherige beschäftigt sich dieses Kapitel mit der Entwicklung der Wirtschaft und deren Folgen auf die im ersten Kapitel beschriebenen Zustände. Da die Begriffe Industrie und Industrialisierung je nach Autor einen anderen Inhalt haben, geht diesem Kapitel eine für dieses Buch geltende Definition voraus: Industrie ist hier als maschinenorientierte Arbeit im gewerblichen Bereich zu verstehen, mit Industrialisierung ist der Übergang von der handarbeitsorientierten zur maschinenorientierten Arbeit gemeint, deren wichtigste Kennzeichen mechanischer statt biologischer Antrieb, das Ersetzen von Handgeräten durch Maschinen, und neue Massentransportmittel wie Eisenbahn, Dampf- und Eisenschiff waren. Dieser Prozeß wird als Industrielle Revolution bezeichnet, wenn er stürmisch (innerhalb weniger Jahre) verläuft. Da es sich in Deutschland aber um einen langwierigen Prozeß handelte, weil lange Zeit beide Produktionsformen nebeneinander
existierten, variiert die zeitliche Fixierung in der Literatur: So ist zum Beispiel Rostow der Meinung, dass das ,,industrielle take-off" in Deutschland um 1850 stattfand, er begründet dies mit wirtschaftlichen Faktoren. Eine andere Meinung, die auch in diesem Buch vertreten wird, geht aufgrund von Wandlungen in praktisch allen Bereichen davon aus, dass der Beginn der Industrialisierung um 1835 angesiedelt werden muß.
Der Kern der Industrialisierung sind die technischen Neuerungen und Erfindungen, die meist das Ergebnis einer langwierigen Erprobung waren, und deren Entwicklung oft durch Patentrechte behindert wurde (England seit 1623, Deutschland erst seit 1887). So gab es zum Beispiel die Dampfmaschine (oder ihren Vorgänger) schon seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, sie wurde aber erst im 19. Jahrhundert als Antriebsaggregat und für Eisenbahn und Dampfschiff verbreitet genutzt. Auch im Textilgewerbe sind einzelne Ansätze, die Herstellung durch Maschinen zu beschleunigen schon im 15. und 16. Jahrhundert zu finden, die wichtigsten Erfindungen (Spinning Jenny, Cartwright- und Jaquardwebstuhl, Nähmaschine) wurden aber in der Mitte des 18. Jahrhunderts bis etwa 1850 gemacht, wobei sie sich ebenfalls nur sehr schwerfällig durchsetzten. In der Metallherstellung und Verarbeitung führte das verstärkte Einsetzen von Maschinen, wie zum Beispiel der Dampfmaschine und dem Hochofen, zu erheblichen Produktivitätssteigerun-gen. Technische Neuerungen im Maschinenbau führten ebenfalls zur maschinellen Übernahme von fast allen vorhandenen Produktionszweigen. Im 19. Jahrhundert wurden ebenfalls sehr viele Erfindungen gemacht, die auch noch heute von Bedeutung sind, zum Beispiel das Fahrrad, künstlicher Zement, die Schiffsschraube und die Druckluftbremse. Ebenfalls stark beeinflußt wurde die Entwicklung durch die interessierten Leute, die eine der zahlreichen neugegründeten technischen Fach- oder Hochschulen besuchten.
Für die industrielle Entwicklung notwendig waren ausgebildete Arbeiter, genug Kapital, fortschrittliche Produktionsmethoden und Arbeitgeber, die fähig und willig waren, einen neuen Produktionsprozess zu starten. Der Absatz erforderte die Erschließung neuer Märkte, den Aufbau einer Absatzorganisation und Kapital zur Finanzierung. Wenn man bei Erfüllung möglichst vieler dieser Voraussetzungen vom Beginn der industriellen Produktion ausgeht, kann man verschiedene Ansatzpunkte erkennen, von denen fast alle in Deutschland wirksam wurden . Es muss eine vorindustrielle gewerbliche Produktion, die alle ihre Möglichkeiten ausnutzt, vorhanden sein. Der langsame Übergang von einer Manufaktur oder einem Verlag stellte eine risikoarme aber wirksame Methode dar, um die Industrialisierung in einem Betrieb zu starten. Die richtige Standortwahl richtet sich vor allem bei der rohstoffverarbeitenden Industrie nach Wert und Gewichtsverlust bei der Verarbeitung des Rohstoffes. Eine günstige
Verkehrslage besonders an der Küste oder an Binnenschifffahrtswegen verminderte die Kosten der Beschaffung der nötigen Materialien. Die Nähe zum Absatzort verminderte ebenfalls die Kosten, förderte aber auch die schnelle Reaktion auf eine veränderte Nachfrage. Da Staat und Gemeinden im allgemeinen liberalen Ideen anhingen, beeinflussten sie den Industrialisierungsprozess nur wenig: in einigen Fällen investierte der Staat in in die Ingangsetzung einer neuen Produktion, jedoch geschah nichts um das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Ost (Agrar) und West (Industrie) aufzuheben. Als besonders wichtige Ansatzpunkte sind die vorhandenen gewerblichen Gebiete und die Standorte der Rohstoffgewinnung zu nennen. Darin ist auch ein wichtiger Unterschied zwischen heutigen und damaligen Entwicklungsländern zu sehen, denn heute fehlen häufig die Anknüpfungsmöglichkeiten an vorindustrielles Gewerbe, und der Sprung zur industriellen Produktion ist heute größer und damit schwieriger als damals. Die Grundsätzlichen Änderungen im sekundären Sektor in der Zeit der ersten Industrialisierungsphase sind die teilweise Verdrängung des Handwerks durch Industrie (z.B. Tapeten-, Knopf- und Schirmproduktion), während Nahrungs-, Bau- und persönliche Gewerbe am wenigsten industrialisiert wurden, das Erscheinen neuer Aufgaben (Kleinhandel, Reparatur) im Handwerk, die Ausdehnung des gewerblichen Sektors, die zur Verstärkung des Güteraustausches und zum Rückgang der Selbstversorgung führte, der Übergang zur industriellen Produktionsweise in Manufakturen und Verlagen, und die in Wechselwirkung zur Industrialisierung entstehenden neuen Produktionszweige (z.B. Maschinenbau). Da der Übergang einen sehr langen Zeitraum in Anspruch nahm, ging es im sozialen Bereich eher um ein Generationenproblem, da die älteren Arbeiter noch die veralteten Handwerkzeuge benutzten, und die jüngeren schon an neuen Maschinen angelernt wurden. Während von 1835 bis 1850 das Verlagswesen bereits stagnierte, expandierten Manufaktur, Industrie und Bergbau durch die aufkommende Eisen- und Baumwollindustrie und ergänzten damit die vorindustrielle Produktion. Industrie und Bergbau wuchsen auch von 1850 bis 1873 weiterhin stark an, die Verlagsproduktion ging um etwa ein Viertel zurück, bis sie bis 1900 aus fast allen industrialisierbaren Bereichen verdrängt worden war. Die Zahl der Handwerker veränderte sich gemessen an der Bevölkerungszahl nur sehr geringfügig und lag bis zum ersten Weltkrieg bei etwa 5-6%. In der Art der Handwerke ist eine Wandlung zu erkennen, denn während einige immer weniger wurden (z.B. Schuhmacher) nahm die Zahl anderer zu (z.B. Friseure, Schmiede, Baugewerbe).
Den größten Teil des Kapitalzuwachses der deutschen Volkswirtschaft von 1800 bis 1914 verzeichneten der Wohnungsbau und das Gewerbe, vor allem die Industrie. Den relativ
stärksten Anstieg hatte die Eisenbahn, da sie im Gegensatz zu den anderen Wirtschaftsbereichen bei Null begann. In Zahlen ausgedrückt war ihre Kapitalzunahme mit 7 bis 9 Mrd. Mark in laufenden Preisen genauso hoch wie in der Landwirtschaft, im Gewerbe und im Wohnungsbau. Während der wirtschaftliche Aufschwung zwischen 1835 und 1875 hauptsächlich durch die Eisenbahn und die Nachfrage der langsam wachsenden Industrie getragen wurde, bestimmte bis 1914 die Industrie selbst das Wachstum. Allgemein stieg die Zahl der Beschäftigten mit Zunahme der Realeinkommen ab 1883 kumulativ an, und auch die Möglichkeiten des Außenhandels wuchsen. Die abweichende Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft ist auch in der Entwicklung des pro Kopf Kapitals sichtbar: beide entwickelten sich bis ca 1880 fast parallel, anschließend gab es aber einen heftigen Anstieg im Gewerbe während sich der Kapitalstock der in der Landwirtschaft beschäftigten nur wenig anstieg.
Durch die Investitionsfinanzierung über den Preis wurde die Polarisierung der Vermögensaufteilung aufgrund der Kapitalkummulation in den Händen der Arbeitgeber immer stärker. Die Nettoinvestitionen hätten auch ohne überhöhte Gewinne aus den Zinsen aus dem Kapitaleinkommen finanziert werden können. Andere Finanzierungsquellen wie Arbeitseinkommen, landwirtschaftliche Grundrenteneinkommen und ausländisches Kapital waren eher unerheblich.
Die Struktur des Gewerbes hat sich bis 1875 stark gewandelt, und wurde dann fast unverändert bis zum Ersten Weltkrieg beibehalten. In der eigentlich prägenden Zeit (1835 bis 1875) ging der Anteil der Beschäftigten im Sektor Textil, der die höchste Beschäftigtenzahl hatte, aufgrund der überproportionalen Zunahme des Metallgewerbes relativ zurück, blieb aber bis zum Ersten Weltkrieg an erster Stelle. Das Metallgewerbe verzeichnete, weil die Industrialisierung einen wesentlichen Teil davon ausmachte, die größten Zuwächse, so dass es bis 1914 an zweitwichtigster Stelle stand. Obwohl der Bausektor und Holz-, Papier- und Druckgewerbe die nächstwichtigen Teile waren, erlebten sie erst nach 1875 einen Zuwachs. Während in Deutschland das Textilgewerbe der wichtigste vorindustrielle und nicht landwirtschaftliche Produktionszweig war, wurde die englische Industrialisierung von ihm getragen. Obwohl Deutschland wegen des späteren Einsetzens der Industrialisierung auf englische Produktionstechniken zurückgreifen konnte, zog sich die Entwicklung sehr lange hin. In der Baumwollverarbeitung hatten schon am Ende des 18. Jahrhunderts Spinnmaschinen die Handspinnerei völlig verdrängt. Der erste ungehinderte Aufschwung fand erst in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts statt (und damit erreichte Englands Niveau des Jahres 1788), als sich die Garnproduktion fast verzwanzigfachte, und das deutsche Garn
anders als das englische einer Qualitätsverbesserung unterzogen wurde. Die Industrialisierung der Weberei in Deutschland hatte bis 1873 aber kaum stattgefunden, dabei gab es mechanische Webstühle schon seit Ende des 18. Jahrhunderts.
Auch in der Wollverarbeitung war die Garnherstellung eher mechanisiert worden als die Stoffherstellung. Nachdem nach 1815 die ersten Wollspinnmaschinen auf dem europäischen Kontinent aufgestellt worden waren, war bis zur Jahrhundertmitte etwa die Hälfte der Produktion in Deutschland industrialisiert, und innerhalb der nächsten 10 Jahre griff die Mechanisierung auf fast die komplette übrige Produktion über. Die Zahl der verarbeiteten Wollmenge vervierfachte sich bei einem Produktivitätszuwachs von ca 500%. In gleicher Weise nahm auch die Produktion von Wollstoffen zu, bis Mitte des Jahrhunderts wurden aber erst 6% des Gewebes auf mechanischen Webstühlen hergestellt, und auch 1875 wurden noch mehr als die Hälfte der Webstühle von Hand betrieben.
Da Flachs sich sehr schwer maschinell verarbeiten ließ, und da es sich im Gegensatz zu Wolle und Baumwolle auch von vielen hausindustriellen Garnproduzenten herstellen ließ, brachte erst die Konkurrenz des englischen, billigeren Garns den Anstoß zur Mechanisierung (ca 1825 bis 1843). 1850 wurden etwa 5%, 1861 10% des Garns maschinell hergestellt. In der Weberei waren bis 1875 nur etwa 15% der Produktion maschinell erzeugt. Die in der Leinenweberei Beschäftigten arbeiteten also hauptsächlich noch unter vorindustriellen Bedingungen, teilweise noch im Hausgewerbe oder nebenberuflich.
Die Industrialisierung in der Seidengarnherstellung war ebenfalls bis Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgt, der Übergang zur Maschinenweberei hatte bis 1875 zu etwa einem Viertel stattgefunden.
Fasst man alle vier Zweige des Textilsektors zusammen, erkennt man, dass die Industrialisierung dieses Bereiches ein sehr langwieriger Prozess war (hier ist weder von einem take-off noch von einem führenden Sektor zu sprechen), der meist mit der Mechanisierung des von Garn zu Garn verschiedenen Spinnvorgangs begann, und dass die Industrialisierung des Textilsektors nicht als einheitlicher Vorgang bezeichnet werden kann. Wegen der häufig auftretenden Überproduktion mit starkem Preisverfall kehrten Krisen (z.B. der ,,Weberaufstand" 1844) für Handspinner und -weber, die nicht in die Industrie abwandern konnten, immer wieder. Sie sahen sich nicht nur durch die Maschinen bedrängt, sondern auch durch das Überangebot an Arbeitskräften und die dadurch entstandenen niedrigen Löhne. Gleichzeitig mit dem Übergang zu neuen Produktionstechniken erfuhr die Textilindustrie eine gewaltige Ausdehnung. In der Zeit von 1800 bis 1913 stieg das Produktionsvolumen um 1300%, die Beschäftigtenzahl um 130%, und die Produktivität um 598%. Diese Steigerungen
waren nicht gleichmäßig auf Garn- und Gewebeherstellung verteilt. Den Textilarbeitern entstanden nur dann durch die Verdrängung durch Industrie Probleme, wenn sie nicht in die Industrie oder einen anderen Wirtschaftszweig wechseln konnten, oder wenn der Übergang ihr Einkommen stark minderte. Durch die weite Verbreitung des ländlichen Verlagswesens war eine große Zahl der Arbeiter nicht zum Übergang in die Industrielle Textilproduktion möglich, weil sich diese hauptsächlich in Städten befand. Durch die Produktivitätssteigerung hätte es zum Rückgang der Preise oder zur Erhöhung der Löhne kommen müssen. Während die Reallöhne nach einem geringfügigen Rückgang ab 1883 um 130% stiegen, blieben die Preise trotz Schwankungen stabil. Gleichzeitig sanken die Textilrohstoffpreise, sodass die Unternehmer dieses Gewerbes hohe Gewinne erzielten. Die Handspinner und -weber, die von den Verlegern abhängig waren und deren Löhne trotz des Kaufkraftverlustes kaum stiegen, konnten sich nicht mehr halten. Obwohl in der Herstellung von Kleidung maschinenorientierte Produktion bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts nicht zu finden war, stellte sich Mitte der 40er Jahre ein Übergang vom schneiderlichen Kleinbetrieb zur Großproduktion in einem neuentwickelten Verlagssystem um. Einzelne Arbeitsgänge wurden an Heimarbeiter verteilt. Die Nähmaschine als fußbetriebenes Kleingerät begünstigte diese Entwicklung. Die Schuhproduktion entwickelte sich ähnlich.
Eine größere Bedeutung für die deutsche Industrialisierung als der Texilsektor hatte die Metallherstellung und -verarbeitung. Die enorm hohe Nachfrage des aufkommenden Maschinen- und Eisenbahnbaus verursachte von 1835 bis 1873 den ersten Aufschwung. Dieser wurde bis 1853 fast vollständig vom Eisenbahnbau getragen, anschließend bestimmte jedoch der Maschinenbau und der allgemeine Anstieg des Eisenbedarf in der Wirtschaft die weitere Entwicklung. Hierin ist ein wichtiger Unterschied zu England zu sehen, denn dort bestimmte erst der Maschinenbau, und dann ab 1825 auch die Eisenbahn die Eisenerzeugung. Die meisten der 51354 Arbeitskräfte, die 1861 in der deutschen Maschinenbauindustrie beschäftigt waren, arbeiteten für Landwirtschafts- und Bergbaumaschinen, Motoren, Schiffe und Apparate zur Bearbeitung von Rohstoffen. Etwa 10% waren für die Herstellung von Bahn- und anderen Wagen zuständig und nur 4% versorgten das Textil- und Bekleidungsgewerbe als größten Gewerbezweig mit Textilmaschinen. Die Standorte des Maschinenbaus knüpften entweder an vorindustrielle Metallverarbeitungen (z.B. im Rheinland, Sachsen), oder an andere gewerbliche Produktion (z.B. Brandenburg, Hannover) an.
Anhand der Roheisenproduktion lässt sich die Intensität der Industrialisierung in einzelnen
Ländern nachweisen. Am besten industriell entwickelt war England, dessen Metallverarbeitung den Aufschwung vor allem dem Maschinenbau, der Waffenindustrie und der Entwicklung der Textilindustrie (führender Sektor), später auch dem Eisenbahnbau, zu verdanken hatte. Neben England waren die USA und Belgien am weitesten fortgeschritten, die amerikanische pro-Kopf Verbrauch stagnierte aber zwischen 1850 und 1860 im Gegensatz zum belgischen wegen hoher Einwandererzahlen . Frankreich und Österreich- Ungarn entwickelten sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts parallel, Österreich machte jedoch die Aufwärtsbewegung von 1857 bis 1866 wegen ungünstigen Verhältnissen in der Wirtschaftspolitik, im Bergbau und in der Nachfrage nicht mit und blieb so auch im Eisenbahnbau hinter Frankreich und Deutschland zurück. Zwischen 1847 und 1870 entwickelte die deutsche Eisenproduktion für den späteren, alle anderen überrundenden Aufschwung.
Auch wenn der Bergbau im ganzen 19. Jahrhundert einer der kleineren Produktionszweige (>10% der Beschäftigten) im sekundären Sektor war, hatte er doch einen erheblichen Einfluss auf die Industrialisierung. Der Energie- und Erzbedarf der Wirtschaft stieg rapide an, der Bergbau selbst verursachte wiederum eine hohe Nachfrage nach Industrieleistungen und dem Ausbau der Transportsysteme. Dies führte in der Zeit von 1800 bis 1913 zur starken Zunahme der Beschäftigtenzahl, der Produktion und der Produktivität. Den größten Aufschwung konnte der Bergbau in der Periode von 1835 bis 1873 verzeichnen, so stiegen in dieser Zeit die Beschäftigten Zahlen um 260%, die Produktion um 500% und die Produktivität um 67%. In der Mechanisierung waren Unterschiede zwischen den einzelnen Bergbauarten zu verzeichnen: Der Untertage betriebene Steinkohlenbergbau, konnte in der Fördertechnik (Förderwagen), aber nur schwer im Abbau mechanisiert werden. Im Tagebau konnte durch das Einsetzen von Maschinen zum Abbau der Braunkohle oder des Erzes sehr stark gesteigert werden.
Ab 1851/1860 beeinflußte der preußische Staat, der die meiste deutsche Kohle produzierte, den Kohleabbau nicht mehr und überließ ihn ganz den Grubeneigentümern, was den schnelleren Anstieg der Kohleförderung begünstigte.
Auch die Steinkohleproduktion spiegelt annähernd die Industrialisierung einzelner Länder wieder. England war hier ebenfalls weit voraus, gefolgt von Deutschland. In Deutschland spielte jedoch auch die Braunkohle im Gegensatz zu anderen Ländern eine große Rolle und bildete eine wichtige Ergänzung zur Steinkohle.
Mit der wirtschaftlichen Entwicklung fand eine sprunghafte Aufwärtsentwicklung des Verkehrssektors durch den verstärkten Austausch des Produktionszuwachses und den
Verbesserungen der Absatzchancen für die Industrie statt. Der Güteraustausch fand dabei hauptsächlich durch die Eisenbahn statt, im internationalen Handel aber auch durch die Schifffahrt.
Nach jahrhundertelangen Forschungen wurde am 27. 9. 1825 der erste öffentliche Eisenbahnbetrieb zwischen Darlington und Stockton eröffnet. Bis 1840 wurden dann weitere meist kurze Strecken für den Kohlen- aber auch für den Personentransport in fast allen europäischen Ländern und den USA eröffnet. In Deutschland musste man sich gegen sehr viele Gegner durchsetzen, unter ihnen die Fuhrleute, die Straßenverwaltungen, Gewerbetreibende und die Post, die um ihre Existenz oder ihr Einkommen bangten. Andererseits wurde der Eisenbahnbau von vielen Kaufleuten und Unternehmern befürwortet, unter ihnen Friedrich List, Fritz Harkort, J. von Baader und J. Scharrer. Um eine Eisenbahnstrecke bauen zu dürfen, musste eine Konzession beim Staat eingeholt werden, ebenso wie für die Gründung einer Aktiengesellschaft, durch die die meisten Bahnstrecken finanziert wurden. Der Staat musste außerdem entscheiden, ob er sich am Eisenbahnbau beteiligen oder ihn ganz als staatliches Unternehmen betreiben sollte. Bis etwa 1878 hielten sich Privat- und Staatseisenbahnen die Waage, danach begann der Staat systematisch alle Privatbahnen aufzukaufen.
Der Eisenbahnbau in Deutschland lässt sich nach Sombart in vier Stufen einteilen. Während der Vorstufe (1835- 1845) wurden vor allem benachbarte Orte verbunden (2130 km), bis 1860 wurden in der Skelettbauphase die wichtigsten Städte des Landes mit durchgehenden Linien verknüpft (11600 km). Bis 1880 wurde das Netz ausgebaut (33800 km), danach begann der Bau von Kleinbahnen an Strecken, wo normale Bahnen unrentabel gewesen wären. Bis 1914 gab es in Deutschland 61000 km Normalspurbahnen und 2700 km Schmalspurbahnen. Fast jeder Ort lag somit in erreichbarer Nähe eines Bahnhofes. Dies minderte die Probleme der Verstädterung, weil nicht jeder Arbeiter in der Stadt leben musste in der er arbeitete, und die Standortwahl für Unternehmen war nicht mehr allzu begrenzt. Weitere Vorteile waren die enorm gesenkten Transportkosten, die erheblich erhöhte Geschwindigkeit, und die Regelmäßigkeit (Pünktlichkeit). Insgesamt wurden von 1835 bis 1913 19,3 Mrd. Mark, das waren ca 9% des volkswirtschaftlichen Gesamtkapitals, in den Eisenbahnbau investiert. Finanziert wurde der Bau der Privatbahnen durch die Ausgabe von Aktien und durch die Eisenbahngewinne (Dividenden). Da die Verzinsung meist über 4% lag, vermittelte die Eisenbahn bis zum Ersten Weltkrieg mehr Einkommen aus Kapitaleigentum, als Kapital insgesamt aufgebracht wurde. Der Staat, der ebenfalls an der Finanzierung der Bahnen beteiligt gewesen war, hatte bis zum
Ersten Weltkrieg den größten Teil der Privatbahnen aufgekauft. Er musste fast den ganzen bis 1913 vorhandenen Kapitalbestand aufbringen, was meist durch Anleihen oder durch die Finanzierung aus Eisenbahngewinnen geschah.
Das Netz befestigter Straßen wuchs trotz der gewaltigen Ausdehnung der Eisenbahn von ca 25000 km 1835 auf 115000 km 1873. Während die Straßen als Fernverbindungen immer mehr durch die Eisenbahn entlastet wurden, erhielten sie als Zubringer der Eisenbahn eine neue Bedeutung. Die in Straßen investierte Summe erreichte 1873 mit 1700 Mill. Mark das 4,5 fache von 1835.
Das Binnenschifffahrtsnetz wurde im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auf etwa 1500km ausgeweitet, so dass sich die Leistung der Binnenschifffahrt in Tonnenkilometern 1873 gegenüber dem Wert von 1835 verdreifacht hatte, und nun bei etwa 2,2 Mrd. Tonnenkilometern lag. Der Binnenverkehr wuchs weiter an, dabei wurde er Mitte der 50er Jahre von der Eisenbahn überholt, der Massentransport auf den Binnenschiffen war jedoch immer noch günstiger war als mit der Eisenbahn.
Mit den vergrößerten Handelsbeziehungen (erste Erwähnung der ,,Weltwirtschaft") nahm die Tonnage der gesamten Schiffsflotte zu, und erhöhte sich auch pro Schiff um fast das Doppelte auf 220 NRT. Die Dampfmaschine als Schiffsantrieb führte zu einer Leistungserhöhung: 1873 wurden erst 6% (250 Schiffe) der Flotte mit Dampfmaschinen betrieben, sie stellten aber 20% der Kapazität dar. Gleichzeitig ging man vom Holz als Schiffbaumaterial zu Eisen über, was wiederum die Eisennachfrage erhöhte. Jedoch war der Eisenverbrauch im deutschen Schiffbau mit 10000t im Vergleich zum englischen (80000t) unbedeutend. Dies alles führte zu einer starken Verbesserung der Produktivität, die Frachtraten sanken daraufhin allerdings nicht so stark wie erwartet, und nahmen später noch ein wenig zu. In der Schifffahrt zeichnete sich, wie in der Industrie, das Zurückbleiben der ostelbischen Gebiete hinter der Gesamtentwicklung ab, obwohl von dort die mit der Ostseeflotte verschifften umfangreichen Getreideexporte stammten. Die Gründung der Hamburg-Amerika- Linie und der Norddeutschen Lloyd, die später bedeutendsten Reedereien Deutschlands, fand daher an Nordseehäfen statt.
Auch die Schifffahrt finanzierte sich teilweise wie die Eisenbahnen durch den Verkauf von Aktien.
Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, das vom Kapitalismus geprägt war, entwickelte sich der Außenhandel sprunghaft zum Welthandel weiter, und der Binnenhandel musste wegen den zunehmenden Menschenansammlungen in den Industriezentren neu organisiert werden. Obwohl durch die Gründung des deutschen Zollverein ein großes einheitliches Zollgebiet
geschaffen hatte, kam es aufgrund der Ordnung der Zölle zu Konflikten zwischen Nord- und Süddeutschland. Die in Süddeutschland aufkommende Baumwollindustrie, sowie die rheinische Baumwoll- und Eisenindustrie fühlten sich durch die englische Konkurrenz bedrängt und forderten die Einführung von Schutzzöllen, Preußen und Sachsen strebten jedoch die Liberalisierung des Handels an. Es kam nur zu einer leichten Erhöhung der Einfuhrzölle, was die Auseinandersetzungen der Generalkonferenz des Zollvereins noch verschärfte. Österreichs Bemühungen dem Zollverein beizutreten wurden durch das rivalisierende Preußen vereitelt, die Auseinandersetzung endete 1853 mit einem Handelsvertrag zwischen Preußen und Österreich, der nur bis 1865 gültig war. Durch die vermehrte Senkung und Abschaffung der Steuern zwischen einzelnen europäischen Ländern, und die Schließung verschiedener Handelsverträge, wurde nicht nur ein wesentlicher Teil der Handelsschranken abgeschafft oder stark gesenkt, sondern der Übergang zur freihändlerischen Politik in Gang gesetzt. Die USA schlossen sich als einziges der damals industrialisierten Länder nicht dieser Entwicklung an. Zwar wurden die Zölle gesenkt, sie betrugen aber immer noch 20% des Wertes der Einfuhrgüter, und wurden nach 1857, als der Staat höhere Einnahmen benötigte, wieder stark angehoben. Diese Schutzzollpolitik verfolgen die USA noch heute.
In der Zeit von 1835 bis 1873 verzeichnete der Außenhandel mit 420% den stärksten Zuwachs, wobei der höchste Anstieg in den 60er Jahren lag. Diese Entwicklung, die offenbar nicht durch die Kriege behindert wurde, ist durch die Senkung der Handelsschranken erklärbar. Wenn auch langfristig gesehen alle Waren die Erweiterung des Außenhandels mitmachten, blieben kurzfristig bei der Einfuhr Kolonialwaren, beim Im- und Export Fertigwaren zurück. Fertigwaren machten jedoch das ganze 19. Jahrhundert den größten Teil des Exportes, der die Voraussetzung zur schnellen Entwicklung von Unternehmen war, aus. Hierin ist wiederum ein Unterschied zu heutigen Entwicklungsländern zu erkennen. Innerhalb der Fertigwaren wurde der abnehmende Anteil an Textilwaren durch die Zunahme der Metallindustrie, die nur sehr selten Schwankungen ausgesetzt war, ausgeglichen. Beim Import lagen Rohstoffe an erster Stelle, seit den 40er Jahren nahmen aber auch die Fertigwaren einen immer wichtigeren Anteil ein.
Wird dies mit heutigen Überlegungen zum Einfluss der Entwicklung eins Landes auf den Außenhandel verglichen, ist zu erkennen, dass Importsubstitutionen (Baumwolle, Produkte der Metallindustrie) eintraten, da es ein weiter entwickeltes Land gab, dass Rohstoff- und Nahrungsmittelexport nur begrenzt vorhanden waren, und dass Deutschland nicht so stark vom Ausland abhängig war wie heutige einseitig entwickelte Länder.
Der englische Außenhandel war vor allem von industriellen Fertig- und Halbwaren bestimmt, und war damit typisch für einen von der Industrialisierung beeinflußten Export. Frankreichs Außenhandelsstruktur war der deutschen sehr ähnlich, fiel in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wegen der langsameren industriellen Entwicklung zurück. Rußland mangelte es nicht nur an einem gut ausgebauten vorindustriellen Gewerbe, das Land war auch für seine Größe viel zu dünn besiedelt, so dass die aufkommende russische Industrie nicht einmal den Binnenmarkt befriedigen konnte. Den größten Anteil an der Ausfuhr machten Nahrungsmittel aus, während die Einfuhr von Halbfabrikaten bestimmt wurde. Der deutsche Binnenhandel, der die Versorgung der Bevölkerung und die der Wirtschaft beinhaltete, wuchs teilweise noch stärker als der Außenhandel. Die Bevölkerung, von der der nichtlandwirtschaftliche, immer größer werdende Teil völlig vom Markt abhängig war, musste mit Konsumgütern versorgt werden. Die Zahl der Händler nahm daher stark zu, und die ersten Konsumvereine und -genossenschaften wurden gegründet. Wirtschaftsprodukte wurden hauptsächlich über den Großhandel vertrieben, und durch den Ausbau des Lieferungsnetzes machte einen Teil der bisherigen Messen für den Binnenhandel überflüssig. Die ersten Interessenvertreter kamen auf, die die Unternehmer bei an die Regierung gerichteten Anliegen unterstützten.
Durch die Gründung des süddeutschen Münzvereins und den Dresdener Münzvertrag zwischen den Staaten des Zollvereins gab es seit Ende der 30er Jahre in Deutschland eine Silberwährung. Auf internationaler Ebene gab es ebenfalls die Tendenz zu Zusammenschlüssen zu einheitlichen Münzgebieten (z.B. ,,lateinischer Münzbund"), und das Problem, dass sich Staaten zu verschiedenen Währungen (Goldwährung, Doppelwährung) entschlossen, die im allgemeinen stabil blieben. Eine dauerhafte Regelung gab es erst in den 70er Jahren.
Während viele Noten- und Privatbanken gegründet wurden, war das Bankwesen zwischen 1850 und 1857 durch zwei Entwicklungen geprägt: Kleinere Notenbanken überschwemmten das Land mit ungedeckten Noten, was das Bankwesen in eine Krise stürzte, die erst 1870 mit entsprechenden Gesetzen behoben werden konnte. Da die Gründung von Privatbanken ohne Notenausgabe als Aktiengesellschaft vom preußischen Staat verhindert wurde, wurden viele Privatbanken, durch die der größte Teil des Wirtschaftsbedarfes an Bankleistungen befriedigt wurde, als Kommanditgesellschaften gegründet.
Die Börse, die vor allem durch Eisenbahnaktien bestimmt wurde, erlebte im Juni 1844 die erste, und im Herbst 1873 die letzte große Krise, die von Wertpapieren der Eisenbahn ausging.
Der Beginn des genossenschaftlichen Kreditwesens liegt ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Während sich das Versicherungswesen bis Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich auf Feuer- und Schifftransportversicherungen beschränkte, wurden Anfang des 19. Jahrhunderts viele Versicherungs- ideen aus dem Ausland übernommen. Zu den beiden wichtigsten Versicherungen entwickelten sich die Lebensversicherung und die Rückversicherug. Die Lebensversicherung basierte auf einer Geburts- und Sterbestatistik aus dem 18. Jahrhundert, und sollte zusammen mit der Feuer- und der Viehversicherung gezielt die nationale Versicherungswirtschaft fördern. Rückversicherungen sollten bei Großschäden die Risiken auf mehrere Versicherungsunternehmer verteilen. Mit der Gründung nationaler Versicherungen sollte nicht zuletzt das Abfliessen der Prämien ins weiterentwickelte Ausland verhindert werden.
Während die Staatseinnahmen 1835 zum größten Teil aus indirekten Abgaben (32%) und direkten Steuern (31%) bestanden, nahm der Anteil der indirekten Abgaben (mit Zöllen) bis 1875 auf 42% zu, die Einnahmen aus den direkten Steuern und aus den Domänen wurden unbedeutender. Die pro-Kopf Einnahmen erhöhten sich von 12 Mark (1800) auf 32 Mark (1872). Die Eisenbahn konnte den Rückgang der Einnahmen aus Domänen und Forsten noch nicht ausgleichen. Aus dem Rückgang der direkten Abgaben ergab sich bei einer Zunahme des Produktivkapitals und der arbeitslosen Einkommen eine Senkung der Steuerlastquote der Kapitaleigner. Durch den steigenden Anteil an indirekten Abgaben an den Staatseinnahmen hatten die Verbraucher einen wachsenden Teil der Staatslast zu tragen. Die Einnahmequellen der Städte und Gemeinden waren sehr uneinheitlich, und beinhalteten meist Grundsteuern und Abgaben auf den Warenverkehr.
Die Staatsausgaben bestanden 1835 hauptsächlich aus Militärausgaben (40%), gefolgt von Zivilausgaben (25%), Hofausgaben (20%), und Schuldendienst (15%). 1873 beanspruchten die Zivilausgaben 52% der Gesamtausgaben, wobei die Finanzierung der Eisenbahn ein wichtiger Posten war.
Die Ausgaben der Gemeinden bestanden unverändert hauptsächlich aus der Finanzierung des Armenwesens und dem Ausbau der Infrastruktur.
Die Entwicklung der Landwirtschaft in Deutschland war von 1835 bis 1873 durch ständig steigende Agrarpreise, eine Ausdehnung des Produktionsvolumens, die starke Verschuldung und der nur langsam wechselnden Produktionstechnik gekennzeichnet. Die Aufwärtsentwicklung der Produktion, deren Anfänge in der Bauernbefreiung lagen, setzte sich weiter fort. So war die Zahl der jährlich bebauten Äcker durch die Gemeinheitsteilungen,
die Kultivierung von Ödland, und die Bebauung der Brache bis 1860 um etwa 45% gestiegen. Gleichzeitig wurde die Produktivität um weitere 50% gesteigert. Der verstärkte Anbau von Blattfrüchten kam sowohl der Ernährung der Menschen als auch der Tierhaltung zugute. Dadurch, und auch durch die erhöhte Zahl der gehaltenen Tiere wurden die Erträge gesteigert. Da die erst in Ansätzen vorhandene Tier- und Pflanzenzüchtung und die künstliche Düngung kaum eine Rolle spielten, kann die verstärkte Nutzung der natürlichen und innerlandwirtschaftlichen Möglichkeiten als Auslöser der Produktivitätssteigerungen angesehen werden. Durch sie wurde auch die Ernährung der wachsenden Bevölkerung ermöglicht, ohne das Agrarimporte nötig gewesen wären.
Eine weitere Folge der Produktivitätserhöhung und der Agrarpreise war die Zunahme der Agrareinkommen, die sich von 1835 bis 1878 verdoppelten. Da die Zahl der in der Landwirtschaft Tätigen ebenfalls zunahm, erhöhte sich auch die Pro-Kopf Wertschöpfung. Dennoch trat eine immer stärkere Verschuldung der Landwirtschaft ein, deren Ursache die Investitionen (die Produktion und Einkommenslage jedoch positiv beeinflussten), die Belastung durch die Ablösezahlungen (in den 70ern durch hohe Agrarpreise vermindert), ,,Besitzschulden" (Hypotheken, meist auf Rittergütern), und Schuldaufnahmen durch eine im Verhältnis zum Hof überdimensionale Lebenshaltung waren. Die Verschuldung lag in Ostelbien nicht zuletzt wegen der dort vorkommenden Rittergüter um etliches höher als in Westelbien. Im Prinzip setzte sich die bereits im Mittelalter begonnene Entwicklung, die Landwirtschaft samt Bevölkerung als Statussymbol und den Boden als Ware zu betrachten, und sich auf Gewinnung einer Rente zu beschränken, fort.
Obwohl eine Fülle an technischen Neuerungen vorhanden war, blieb die Anwendung dieser Möglichkeiten in den Anfängen stecken. Für fast jede Tätigkeit gab es ein arbeitssparendes Gerät oder eine Maschine auf dem Markt. Nur die Antriebskraft war noch problematisch, da die Dampfmaschine eher eine stationäre Kraftquelle war, so dass weiterhin Tiere als Zugkräfte eingesetzt werden mussten. Dies, die hohen Agrarpreise, und die niedrigen Löhne behinderten eine Weiterentwicklung und führten dazu, dass die Landwirtschaft weitgehend den vorindustriellen Methoden verhaftet blieb.
Die sozialen Verhältnisse dieser Zeit wurden von der Einkommenentwicklung, der Beschäftigungslage, den Arbeitsbedingungen und Hilfsmöglichkeiten im Notfall bestimmt. Die rechtliche und wirtschaftliche Einengung und die unvollständigen Hilfmaßnahmen von Staat, Gemeinden und Kirchen veranlassten die Arbeitnehmer zu Zusammenschlüssen, um ihre Position zu verbessern.
Gegenüber den 20er Jahren war zwar eine Verschlechterung der Einkommenslage eingetreten,
das Reallohnniveau lag aber noch über dem an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die Einkommenslage der Bevölkerung war trotzdem schlecht. Immer mehr Menschen waren auf den Nahrungsmittelmarkt angewiesen. Die Arbeitsbedingungen waren auch weiterhinmangelhaft und zudem oftmals gesundheitsschädigend, wodurch hohe Regenerationskosten der Arbeitskraft entstanden.
Von 1830 bis 1855 deuteten Frauen- und Kinderarbeit, geringe Einkommenschancen und niedrige Löhne ebenso wie die steigenden Ausgaben für das Armenwesen und die hohen Auswandererzahlen auf eine hohe Arbeitslosigkeit hin. Von 1855 bis 1875 war aufgrund der erhöhten Aufnahme von Arbeitskräften in der Metallindustrie und des Eisenbahnbaus eine Verbesserung der Beschäftigungslage ein.
Die durchschnittliche Arbeitszeit lag in den 40er Jahren mit 90 Wochenstunden am höchsten, und nicht wenige Arbeiter (und Kinder) arbeiteten mehr als das. Weil auch das Nahverkehrssystem noch unterentwickelt war, waren oft lange Anmarschwege zurückzulegen, und da der Sonntag keineswegs arbeitsfrei war, blieb nur sehr wenig Zeit um sich auszuruhen oder zum Schlafen.
Die Arbeitsplatzbedingungen sowie die Frauen- und Kinderarbeit wurden verbessert. 1839 erließ Preußen ein Gesetz, das Kinder unter 9 Jahren die Fabrikarbeit verbot und die Arbeitszeit für Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr auf 10 Stunden beschränkte und sie von der Nachtarbeit befreite. Diese Einschränkungen waren jedoch zu gering, zu schwer kontrollierbar, und die Strafen bei Nichteinhaltung lagen viel zu niedrig. Auch andere Staaten begannen um 1840 mit dem Kinderschutz.
1848 wurde das Trucksystem, bei dem Arbeiter mit von ihenen produzierten Waren entlohnt wurden, verboten. 1853 wurde die fakultative Fabrikeninspektion eingeführt, die erst 1878 in allen deutschen Staaten obligatorisch wurde. Der Frauenschutz beschränkte sich auf das Verbot der Tätigkeit an Arbeitsplätzen mit schwersten Arbeitsbedingungen (z.B. Bergwerk). Durch die geringe Einkommensmenge und die durch die Arbeit stark beanspruchte Gesundheit, waren die meisten Lohnarbeiter für Krankheiten sehr anfällig, und Arbeitsunfälle kamen oft vor. Die Arbeiter waren nicht in der Lage, solche Situationen aus eigener Kraft zu überstehen. Wer dauerhaft arbeitsunfähig war, verurteilte sich und seine Familie zu den schlechtesten Arbeitsbedingungen. Hilfe konnte man in Notfällen von den Gemeinden, von den wenigen von Arbeitern gegründeten Hilfseinrichtungen, oder von den von Betrieben geschaffenen sozialen Einrichtungen erwarten. Trotz eines sehr umfangreichen Angebotes an Absicherungen waren diese oft lückenhaft und erbrachten teilweise nicht ausreichende Leistungen.
Arbeitervereinigeungen gab es als politische Gruppierungen, die sich nicht nur mit Arbeiterfragen beschäftigten (vergleichbar mit heutigen Parteien), Vereinigungen, die sich auf die eigentlichen Arbeiterprobleme konzentrierten (vergleichbar mit heutigen Gewerkschaften), und Zusammenschlüsse, die sich mit außerhalb der beiden genannten Bereiche liegenden Dingen beschäftigten (Bildungsvereine, Gesangsvereine). Diese Richtungen waren oft nicht klar voneinander getrennt und unterschieden sich eher in der Tätigkeitsrichtung als in der Art der Zusammenschlüsse, zumal bei Verboten der beiden ersten Beriche oft auf den dritten ausgewichen wurde. Zeitlich begannen die ersten Gründungen von Arbeitervereinen in den 30er und 40er Jahren, die meisten hatten für die Interessen der Arbeiter kaum eine Bedeutung. In den 60ern kam es dann zur Gründung verschiedener, teilweise marxistischer, Arbeitervereinigungen und zur Gründung von Gewerkschaften. Sie alle erlebten schon in den 70er Jahre ihren ersten Tiefpunkt. 3. Kapitel: Der Ausbau der Industrie (1873 bis 1914)
Im Zeitabschnitt von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg wurden die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse entscheidend durch die Entwicklung zum Industriestaat beeinflußt. Die größten Probleme dieser Zeit waren die Gründerkriese, der Rückgang der Weltmarktpreise, die Etablierung verschiedener Interessengruppen, und die zunehmende Urbanisierung und Proletarisierung, woraus sich die soziale Frage als zentrales Problem entwickelte.
Die ersten Jahre nach der Reichsgründung wurden durch die Gründerkrise und ihre Folgen geprägt, bei der das Überangebot und die Preissenkungen nicht nur in Deutschland das wirtschaftliche Wachstum verlangsamten. Da auf dem Weltmarkt ebenfalls ein starkes Überangebot mit entsprechend niedrigen Preisen herrschte, konnte auch der Export den inländischen Nachfrageausfall nicht ausgleichen, die inlänidischen Absatzmöglichkeiten wurden sogar noch durch den Import verringert. Anhand der Entwicklung des Nettosozialproduktes ist zu erkennen, dass die Krise im Oktober 1873 keinesfalls der Scheitelpunkt der vorherigen Aufwärts- und der folgenden Abwärtsentwicklung war. Der Anstieg des Nettosozialproduktes zwischen 1870 bis 1874 ist durch einen Anstieg der Investitionen und einer übersteigerten Nachfrage (z.B. an Kriegsmaterial) entstanden. Trotz der Krise 1873 wurden noch bis 1874 Investitionen (z.B. in die Eisenbahn) vorgenommen. Das Geld für die Finanzierungen stammte aus französischen Reparationsleistungen (von 1871 bis 1873; etwa 5 Mrd. Francs = 4455 Mrd. Mark) , von denen aber nur etwa die Hälfte den Kapitalmarkt bis 1873 unmittelbar beeinflußte, was aber auch schon zur Entstehung eines
Ungleichgewichts bei Börsen und Banken reichte.
Auf internationaler Ebene kam es zwischen Mai und Oktober 1873 zur Zahlungsunfähigkeit an verschiedenen Börsenplätzen (z.B. Budapest, Wien), bis sich die Krise auf Berlin konzentrierte, was oft auf die französischen Reparationsleistungen zurückgeführt wurde, in Wirklichkeit aber verschiedene Gründe hatte. So hatte die Spekulation mit Wertpapieren an der Börse immer weiter um sich gegriffen, die Zahl der Gründung der Aktiengesellschaften hatte sprunghaft zugenommen, und die internationale Ausdehnung der Produktionsmöglichkeiten verminderte die Möglickeit, die eigene Überproduktion durch Export ins Ausland abzusetzen. Bei der Gründerkrise handelte es sich also um eine internationale Krise, die in Deutschland durch die französischen Transferleistungen verstärkt wurde.
Die starken Einschnitte fanden mehr im Kapital- und Börsenbereich statt als in der Produktionstechnik. Besonders deutlich wurde die Überspekulation an den Kursverlusten der Aktien von durchschnittlich 46%. Diesen Verlusten standen zwar die hohen Gewinne der vergangenen Jahre gegenüber, so dass die tatsächlichen Werte der Aktiengesellschaften ausgeglichen wurden, Gewinner und Verlierer waren jedoch selten identisch. Auch die Durchschnitte der Zunahme der Beschäftigtenzahl und des Volkseinkommens weisen in den 70er und 80er Jahren keine krisenhaften Besonderheiten wie Stagnation oder Depression auf. Die Ertragslage war im Gegensatz zu den Jahren vor 1875 erheblich eingeengt. Das Produktionsvolumen stagnierte, wobei auch hier lediglich die zuvor überhöhten Wachstumsraten ausgeglichen wurden, und die Preise für gewerbliche Produkte gingen stark zurück, womit den langfristigen Trend einer Preisverringerung wieder aufnahmen, der durch die Überhöhung für kurze Zeit unterbrochen worden war, und sich bis zum Zweiten Weltkrieg fortsetzte. Nicht die Verschlechterung der Ertragslage, sondern die im Verhältnis zu den erzielbaren Erträgen zu starke Ausdehnung der Kapazität brachten die Wirtschaft in Bedrängnis. Eine noch stärkere Preisreduzierung wäre bei voller Anwendung des bekannten technischen Fortschritts zustande gekommen.
Da sich vor allem die durch den Rückgang der Preise Betroffenen durch die freie Einfuhr von Waren bedroht fühlten, forderten sie mit Erfolg eine Erschwerung des Imports. Die 1873 abgeschafften Einfuhrzölle auf Roheisen und Eisenwaren wurden wenige Jahre später wieder eingeführt. Diese Wirtschaftspolitik wird oft als Neomerkantilismus bezeichnet, da die Schutzzölle ein wichtiger Besandteil des Merkantilismus waren, andererseits kam es nicht zu einer Unterstützung des Gewerbes und der Betriebe durch den Staat, da dieser der Wirtschaft völlige Freiheit ließ. Diese Periode lässt sich also nur deshalb als Neomerkantilismus
bezeichnen, weil eine genaue Begriffsdefinition fehlt. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Position wurden von Unternehmern Kartelle (Preisvereinbarungen, Festlegung des Produktionvolumens, Absprachen über Absatzprobleme), Arbeitgeberverbände (als Gegenpol zu den Arbeitergewerkschaften), und Verbänden (Interessenvertretung bei der Regierung) gegründet.
Trotz der Gründerkrise hielt das langfristige Wachstum an und war in fast allen Branchen bemerkbar, es nahm im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Perioden sogar noch stärker (114%) zu. Die Beschäftigtenzahl erhöhte sich vor allem im Metall- und Baugewerbe und im Bergbau um mehr als 200%, und auch die Bereiche Chemie, Steine, Erden und Feinmechanik, Optik, Elektro, die noch am sehr Anfang ihrer Entwicklung standen, hatten mit etwa 160% ein überdurchschnittliches Wachstum. Die Beschäftigtenzahl bei Holz, Druck, Papier und im Nahrungsgewerbe lag mit 111-120% im Durchschnitt, während der Gewerbezweig Textil, Bekleidung, Leder mit nur 32% deutlich darunter lag.
Bei der gewerbliche Produktion, die von der Beschäftigtenzahl und der Entwicklung der Arbeitsproduktion abhängig war, läßt sich insgesamt eine Produktivitätssteigerung von 90 bis 100% feststellen. Im einzelnen führte die Metallindustrie mit einem Zuwachs von 270%, das Baugewerbe bildete mit einer Steigerung von 20% den Schluss. An der jeweiligen Produktivitätssteigerung eines Gewerbezweiges lässt sich der Industrialisierungsgrad erkennen. Dadurch, dass das Baugewerbe nur wenig für die Industrialisierung zugänglich war, half es mit, die verbreitete Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung abzubauen, jedoch zog es den Gesamtdurchschnitt der gewerblichen Produktion erheblich nach unten und verminderte durch die hohen Kosten den Realeinkommenszunahme erheblich. Getragen wurde die Industrialisierung weiterhin vom Metallgewerbe und von der Textilbranche, wobei diese in der Produktivitätssteigerung um einiges von der Metallindustrie übertroffen wurde. Nach der Gesammtproduktion besaß Deutschland die stärkste Eisen- und Eisenwarenindustrie. Gemessen an den Einwohnern führte jedoch England, dass auch weiterhin einen Vorsprung in der technischen Entwicklung beibehielt.
Durch das langfristige Absinken der Agrarpreise wurde die Zollfreiheit für landwirtschaftliche Produkte abgeschafft und durch eine Schutzzollpolitik ersetzt, die die deutschen Preise über dem Weltmarktniveau hielt. Die Preise für tierische Produkte sanken nicht. Größere Betriebe, die meist einen höheren Anteil an Getreide hatten, zogen aus den hohen Getreidepreisen einen größeren Vorteil als kleinere Höfe. Betriebe mit Nutzflächen zwischen 20 und 50 ha waren durch die hohen Getreidepreise zwar auch bevorteilt, sie mussten aber noch Futtergetreide dazukaufen. Die Illiqidität vieler Höfe wurde
wahrscheinlich weniger durch die Preissenkungen verursacht als durch die hohe Verschuldung. Ohne sie hätten die meisten Höfe den Rückgang der Agrarpreise auch ohne, oder mit wesentlich niedrigeren Schutzzöllen überstanden. Da sich die Produktivität der Landwirtschaft im Gegensatz zu der der Industrie langsamer entwickelte, geriet sie in eine schlechtere Gewinnsituation.
Als Ursachen der Preissenkungen gilt meist die starke Ausdehnung der Getreideproduktion in Übersee bei kostengünstigeren Produktionsmöglichkeiten. Da sich in den USA die jährlich mit Weizen bebaute Fläche von 1869 bis 1879 verdoppelte, stiegen dadurch die Weizenernten bei absinkenden Hektarerträgen (geringe Kultivierung des neuen Bodens). Die Weizenausfuhren der USA nahmen durch eine neue Siedlungswelle, durch die das Ackerland erweitert wurde, den Anstieg der Bevölkerung und der Pro- Kopf- Weizenerzeugung stark zu. Das Entscheidendste war allerdings die enorme Ausdehnung der Viehhaltung, so dass mehr Weizen für den Export frei wurde. Außer den USA erzeugeten Rußland, Rumänien und Argentinien das meiste überschüssige Getreide und Mehl. Die wichtigsten Einfuhrländer waren die europäischen Industrieländer (Großbritannien, Deutschland, Belgien, Niederlande, Frankreich).
Außer der Ausdehnung der Agrarproduktion und dem vermehrten Angebot auf dem Weltmarkt waren auch die sehr geringen Transportkosten und die billigere Produktion auschlaggebend für die niedrigen Getreidepreise.
Neben vielen anderen Möglichkeiten auf den Preisabfall auf dem Weltmarkt zu reagieren, entschied sich Deutschland für die Schutzzollpolitik, da das Reich in den Zollnahmen eine ergiebige Einnahmequelle sah, da es den Interessen der Landwirtschaft entsprach, und da auch andere Wirtschaftszweige, die ebenfalls unter dem Überangebot auf dem Weltmarkt litten, dies unterstützten. Somit wurden die Agrarzölle ein Teil der Schutzzollpolitik. Durch den deutschen Zollverein waren nur noch geringe Zölle übrig, die Einfuhr von Getreide war seit 1865 zollfrei. Die 1880 eingeführten Zölle für Weizen und Roggen lagen bei 10 Mark/t, stiegen jedoch bis 1913 auf 75 bzw. 70 Mark/t. Zur gleichen Zeit wurde auch die seit 1870 bestehende Zollfreiheit für Vieh abgeschafft, und es wurden Einfuhrzölle für Tiere und tierische Produkte erhoben. Damit waren die beiden wichtigsten Zweige der Landwirtschaft durch die Zollbestimmungen begünstigt.
Die landwirtschaftliche Produktion, einschließlich Forstwirtschaft und Fischerei wuchs bis 1913 von 5,9 auf 11,3 Mrd. Mark, die größte Zunahme war bei den tierischen Produkten zu verzeichnen. Daraus wird ersichtlich, dass die Landwirtschaft stärker zur Veredelungstechnik überging, und dass sich die Menschen mehr von tierischen Produkten ernährten, was
allgemein als Zeichen für wachsende Realeinkommen gilt. Die Schafhaltung, die hauptsächlich zur Wollgewinnung diente, wurde aufgrund der Entwicklung des Weltmarktes unrentabel und nahm somit immer mehr ab. In gleichem Maße nahm die Schweinemast zu, so dass die Schweinefleischversorgung der Bevölkerung sich mehr als verdoppelte.
Die Agrarproduktion stieg durch das Bemühen die Einkommenausfälle zu kompensieren, das Einsetzen künstlicher Düngemittel, tier- und pflanzenzüchterische Verbesserungen, die Einfuhr von tierischen Futter- mitteln, und die Verbesserungen der Ertragschancen durch den technischen Fortschritt (arbeitssparende und ertragssteigernde Maßnahmen) an. Der Produktionswert pro Arbeitskraft stieg von 1873 bis 1913 um 65%. Durch den Anstieg der Löhne wurden arbeitssparende Maßnahmen interessant, die erhöhten Arbeitskosten reizten zum Einsatz von Maschinen an, und auch die Arbeitskräfte auf dem Land wurden knapper, da die Löhne der Landwirtschaft niedriger lagen als in anderen Wirtschaftsbereichen. Der primäre Sektor blieb trotz einer starken Produktivitätszunahme nicht nur in der Entwicklung, sondern auch in den Einkommen gegenüber den anderen Sektoren zurück. Die Betriebsgrößenstruktur änderte sich ab 1873 kaum. Während 70% der Nutzfläche von Betrieben zwischen 2 und 100 ha Größe bewirtschaftet wurde, war die Mehrzahl (71%) der über 100 ha großen Höfe in den östlichen Provinzen Preußens zu finden. Betriebe mit weniger als 2 ha waren entweder Sonderkulturen oder dienten zum Nebenerwerb. Die Agrarpolitik stand hinsichtlich der Betriebsgrößen vor einem Problem, denn einerseits wurde die Begünstigung bäuerlicher Betriebe gefordert, andererseits konnten Großbetriebe leichter zur technisch fortschrittlichen Landwirtschaft übergehen, und damit Lebensmittel verbilligen und die Einkommen erhöhen.
Die 70er Jahre waren für die drei wichtigsten Bereiche des Dienstleistungssektors (Verkehr, Handel, Geld- und Bankwesen) mit vielen Veränderungen verbunden. Obwohl das Straßennetz bis 1873 schon weit entwickelt war, wurde sein Ausbau weiter fortgesetzt. Diese Erweiterung war von Bedeutung, da jetzt alle Dörfer an den Verkehr angeschlossen waren, so dass nicht mehr nur der Transport industrieller, sondern auch der landwirtschaftlicher Güter billiger und leichter war. Später profitierte auch die Entwicklung des Autoverkehr davon. Insgesamt wurden bis 1913 etwa 6 bis 7 Mrd Mark in Überlandstraßen investiert. Neben der Verdreifachung des Eisenbahnnetztes bis 1913 wurde nach 1873 das Staatsbahnsystem in Deutschland eingeführt. Bis in die 70er Jahre hatte es ein gemischtes System aus Privat- und Staatsbahnen gegeben, wodurch die Entstehung eines sich verästelnden Netzes behindert wurde, und er Übergang von einer Linie zur anderen, genau
wie die Vielzahl der Tarife (meist aufgrund des unmöglichen Wettbewerbs überhöht) den Transport erschwerten. Der Staat, dem meist nur die unrentablen Strecken überlassen wurden, erhoffte sich durch den Besitz rentabler Strecken eine Verbesserung seiner Finanzen. Da sich aber außer Hessen kein Land zur Gründung einer Reichseisenbahn entschließen konnte, besaß jedes Land seine lokale Staatsbahn, bis nach dem Ersten Weltkrieg die ,,Reichsbahn" gegründet wurde. Von 1876 bis 1914 konnten die Staatsbahnen ihr Streckennetz um 340% auf 60300 km erhöhen, davon entstanden 250% durch die Errichtung neuer Strecken. Dadurch ergaben sich für die staatliche Finanzwirschaft hohe Gewinne, denn etwa 10% der Staatseinnahnem kamen aus Eisenbahnüberschüssen.
Der Nahverkehr, der nicht durch Chausseen und Eisenbahnen gedeckt werden konnte, verbesserte sich mit dem Ausbau des innerstädtischen Straßennetzes, der Einführung und Verbreitung des Fahrrades, der Einführung von Pferdebahnen und -omnibussen (manchmal auch mit Dampfmaschinenantrieb), die bald durch die elektrische Straßenbahn verdrängt wurden, die wiederum durch S- und U- Bahnen ergänzt wurde. Die Leistungen der Post wurden durch Telegraphie und Telefon erweitert. In der Seeschifffahrt trat durch den wachsenden Transportbedarf und die Ausnutzung der durch die Industrialisierung gegebenen Möglichkeiten (wetterunabhängige Antriebskraft, höhere Transportlast durch Stahlschiffe, erhöhte Tonnage) eine weitere Verbesserung ein. Obwohl die durchschnittliche Größe von Dampfschiffen zwischen 1850 und 1914 anstieg, ist in den 70er Jahren eine Verminderung festzustellen, bei der nicht klar ist, was sie verursachte. Sie könnte eine Folge der Stagnation des Außenhandels, des Übergangs zum Eisen- und Stahlschiff, oder des Ausbaus der Küstenschifffahrt sein, vielleicht ist es auch nur eine Abweichung aufgrund unterschiedlicher statistischer Methoden. Im 19. Jahrhundert sind drei Perioden in der Verteilung der Standorte der deutschen Schifffahrt zu erkennen. Bis 1935 waren zwei Drittel der Schifftonnage in Ostseehäfen beheimatet, als Folge der preußischen Handelsmacht, und des Getreidetransportes als wichtigster Massengutverkehr. Von 1835 bis 1873 stieg der Nordseehandel stärker als der Ostseehandel, wobei die Nordseeschifffahrt von der zunehmenden Industrialisierung des Hinterlandes profitierte. Ab 1880 konzentrierte sich der Zuwachs der Schiffstonnage völlig auf die Nordseehäfen, was an der geringen industriellen Entwicklung der ostelbischen Gebiete lag.
Die Binnenschifffahrt, die Industrie mit Rohstoffen und die Stadtbevölkerung mit Waren und Nahrungsmitteln versorgen und die Wettbewerbslage der landwirtcshaftlichen Produktionzentren verbessern musste, wurde trotz heftiger Prosteste der
konkurrenzfürchtenden ostdeutschen Landwirtschaft und Industrie und der Eisenbahn ausgebaut, so dass das Schifffahrtsnetz auf 13400 km anwuchs.
Nach einer kurzen Phase relativer Stagnation in den 70er Jahren, erlebte der Außenhandel erneut einen starken Aufschwung. In den 70ern trat außerdem eine Wandlung der Außenhandelsstruktur ein. So mussten mehr Nahrungsmittel eingeführt werden, als exportiert wurden, der Rohstoffexport sank von 21-26% auf 15- 16%, da ein größerer Teil der Rohstoffe im Inland verarbeitet werden konnte. Der inländische Bedarf an Flachs und Wolle wurde jetzt auf dem Weltmarkt gedeckt. Da Deutschland ein Industriestaat geworden war, stieg der Anteil der Halb- und Fertigwaren beim Export auf 74%, während er beim Import auf 24% zurücksank. In den 60ern, den 90ern und im neuen Jahrhundert stieg der Außenhandel durch die kräftige Nachfrage aus dem Ausland stark an. In den 70er und 80er Jahren stieg der Export langsamer, aufgrund der sinkenden Preise erscheint diese Phase als Stagnation. Die Bevölkerung, die sich zunehmend aus der Selbstversorgung löste, wurde durch Wochenmärkte, der gestiegenen Zahl der Einzelhändler und Konsumvereine, die Einrichtung betrieblicher Konsumanstalten, und ie Entstehung von Kaufhäusern versorgt. Durch die Gründung der Reichsbank 1875 begann die Vereinheitlichung des Banknotenwesens. Das Notenausgaberecht der 32 übrigen Notenbanken wurde vorerst belassen. Die von ihnen ausgegebenen Noten mussten jedoch bei der Reichsbank gedeckt sein, eine über das Kontingent hinausgehende Banknotenemission wurde mit 5% versteuert. Nach und nach verzichteten aber viele Banken zugunsten der Reichsbank auf ihr Notenausgaberecht, so dass es 1914 nur noch 5 Notenbanken gab. Die Privatbanken gingen nach der Abschaffung der Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften 1870 immer mehr zu Aktienbanken über. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts brachten einen schnellen Aufschwung des Bankwesens, und ließen sie zu einem wichtigen Bestandteil der industriellen Wirtschaft werden. So stieg die Zahl der Beschäftigten, die der anvertrauten Gelder, die der Hypothekenbanken und ihr Geschäftsvolumen stark an.
In den 70er Jahren ging man in Deutschland, genau wie in anderen auf den Welthandel ausgerichteten Ländern, von der Silberwährung zur Goldwährung über, die mit 1/3 Gold und mit 2/3 Handelswechel dedeckt sein mussten. Eine preisstabilisierende Wirkung trat aber nur in begrenztem Maße ein.
Mit der Weiterentwicklung der Wirtschaft entstanden weitere Möglichkeiten für neue Versicherungszweige, und die vorhandenen Zweige dehnten sich aus. Die Zahl der Versicherten stieg rapide an, und das Versicherungswesen erlebte nicht zuletzt durch die Einführung des Reichshaftpflichtgesetzes und des Bürgerlichen Gesetzbuches einen
Aufschwung.
In enger Verbindung mit dem Außenhandel und dem Kapitalmarkt stand der Wirtschaftsimperialismus, also die Bemühungen ein anderes Land so abhängig zu machen, dass dessen wirtschaftliches Potential zu eigenen Gunsten ausgenutzt werden konnte. Dies war entweder durch den Erwerb von Kolonien oder durch das Abhängigmachen von Investitionen und das Besetzen von finanziellen Schlüsselpositionen erreichbar. Seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Schaffung eines deutschen Kolonialreiches motiviert, um Handelsstandorte zu konsolidieren, um Kolonien als Statussymbol für seine Großmacht zu haben, um innere soziale Spannungen durch Ablenkung von Außen zu mindern, um den umfangreichen Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen leichter decken zu können, um einen weiteren Absatzmarkt zu finden und um den Auswandererstrom in eigene Gebiete lenken zu können. Die deutschen Kolonien waren jedoch im Verhältnis zum Mutterland relativ bescheiden, und auch für den deutschen Außenhandel und die Wirtschaft blieben sie eher unbedeutend, das gleiche gilt für ihre Rolle als Siedlungskolonien. Die Konfliktmöglichkeiten zu England und Frankreich wurden durch das Geltendmachen von Ansprüchen auf weitere Kolonien verstärtkt. Die inneren sozialen Spannungen wurden eher durch die Periode der Hochkonjunktur als durch die koloniale Expansion entschärft. Neben der militärischen Machtausübung war das wirtschaftliche Durchdringen eines Landes das wichtigste Mittel ein Land in Abhängigkeit zu versetzen, wobei sich vor allem das Eisenbahnwesen und Staatsanleihen für die Einflussnahme eigneten. Deutschland nahm vor allem über den Außenhandel (Österreich- Ungarn, Balkan) und über Finanzierungen Einfluss, wodurch eher kleinere, unterentwickelte Länder abhängig wurden. Die Finanzwirtschaft wurde ab den 70ern durch das Fehlen einer selbstständigen Reichsfinanzverfassung, die zunehmenden Ausgaben für das Militär und den Finanzbedarf der wachsenden Städte beeinflußt. Das Reich war auf die Zolleinahmen, Verbrauchssteuern und Matrikularbeiträge der Länder als Finanzquellen angewiesen. Da die Zölle und Steuern im allgemeinen knapp waren, führten immer wiederkehrende Auseinandersetzungen über die Höhe der Matrikularbeiträge zur Erhöhung der Reichsschulden. Die Einnahmen der Länder stammten immer mehr aus Erwerbseinkünften, vor allem aus den Betriebsüberschüssen der Eisenbahn. Der steigende Finanzbedarf der Gemeinden wurde durch die Miquelsche Finanzreform gedeckt, da diese nun statt den Ländern die Realsteuern erhielten. Sowohl Länder als auch Gemeinden bezogen den wichtigsten Teil ihrer Einnahmen aus Steuern, und hatten genau wie das Reich einen Zuwachs von 30% zu verzeichnen. Der größte Teil der Ausgaben (85%) entstand, genau wie in anderen Ländern, durch die Finanzierung von Heer,
Marine und anderen Militärposten, und die daraus entstandenen Schuldendienste, die zusammen in keinen Land weniger als 53% ausmachten. Die pro Kopf Einnahmen lagen in Deutschland 1912/13 mit 62,95 Mark am höchsten.
Langfristig stiegen die realen Einkommen dieser Phase durch den Rückgang der Preise für Getreide und gewerbliche Produkte, die erst wieder kurz vor dem Ersten Weltkrieg stiegen, stetig an, und führten damit zu einer Stabilisierung und Vermehrung der Bevölkerung. Neben diesem Geburtenüberschuss bewirkten die gestiegenen Einkommen eine Abnahme der Zahl der Auswanderer bei gleichzeitig wachsenden Einwandererzahlen. Die zunehmende Urbanisierung kam durch den schnell wachsenden Bedarf an Arbeitskräften für die Industrie, und die Bildung von ,,Pensionärs-Städten" mit hohem kulturellen Angebot und dadurch großer Anziehungskraft, zustande. Meist waren die Wohnviertel der Arbeiter von denen der einkommensstärkeren Schichten getrennt. Die einkommensschwachen Gruppen konnten sich keine hohen Mieten leisten, und die ständig steigenden Wohnungskosten beanspruchten immer größere Teile der Einkommen, was zur Entstehung von Hinterhofvierteln und Fabrikwohnheimen führte. Da noch weitere unvermeidbare Ausgaben (Heizung, Kanalisation, Nahrung, etc.) dazukamen, war das eigentlich steigende Einkommen stark vermindert.
Bereits vor 1878 bestand eine Fülle von, wenn auch lückenhaften, sozialen Einrichtungen. Die sozialistischen Gruppen wurden vom Staat als Bedrohung empfunden, der entgegengewirkt werden musste. Mit dem Sozialistengesetz wurden viele Vereinigungen und ihre Literatur verboten, teilweise wurden ihre Anhänger ausgewiesen oder inhaftiert. Kurze Zeit später wurde die Sozialgesetzgebung eingeführt, die eine Krankenversicherung und eine Unfallversicherung für sämtliche Arbeiter und die meisten Angestellten beinhaltete. 1889 wurde dann die Alters- und Invalidenrentenversicherung eingeführt. Alle Beiträge zu den drei Versicherungen wurden von den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgeteilt. 1911 wurde auch die Angestelltenversicherung erlassen, im gleichen Jahr wurden alle Vorschriften der gesetzlichen Versicherungen in der Reichsversicherungsordnung zusammengefasst. Nur die Schaffung einer einheitlichen Arbeitslosenversicherung war gescheitert. Politisch aktiv waren die Arbeiter entweder in Parteien (SPD) oder in Gewerkschaften. Sowohl die SPD, die bis zum Ersten Weltkrieg die Partei mit der höchsten Stimmenzahl war, als auch die Gewerkschaften hatten einen enormen Aufschwung zu verzeichnen, so dass bis 1914 26% aller im Gewerbe Tätigen einer Gewerkschaft angehörten. Die Aktivität der keinesfalls einheitlchen Gewerkschaften (pragmatisch vs. dogmatisch) war durch zahlreiche Streiks gekennzeichnet, ein Beweis dafür, dass die Sozialgesetzgebung die Verhältnisse
allenfalls gemildert hatte.
Da die sozialistische Bewegung in den 60er Jahren in vielen Ländern aktiv, und zur internationalen Zusammenarbeit bereit war, entstand 1864 die ,,Internationale", die das Ziel hatte, mit Hilfe der Arbeiter der verschiedenen Länder die politische Macht zu erobern. Dieser Bund zerfiel jedoch schon in den 70er Jahren wieder. In der folgenden Zeit entwickelten sich in fast allen Ländern sozialistische Parteien.1889 wurde die ,,neue Internationale" gegründet, die im Gegensatz zur ersten mehr praxisbezogen aufgebaut war. Schluss: Die konjunkturellen Schwankungen
Mit der zunehmenden Industrialisierung wurde die Wirtschaft immer mehr durch die Wechselwirkungen zwischen Produktion und Nachfrage beeinflusst. In der vorindustriellen Zeit wurden kurzfristige konjunkturelle Schwankungen durch den jährlichen Ernterhythmus und Ernteschwankungen (Mißernten) hervorgerufen. Langfristig entstand daraus ein säkulärer Trend. Mit der zunehmenden Industriaisierung lösten kurzfristige Konjunkturzyklen den landwirtschaftlichen Konjunkturverlauf ab. Diese Wanderung der Wirtschaft von Krise zu Krise war der der Ansatzpunkt von Karl Marx These, dass im Kapitalismus, genau wie in der Sklavenhaltergesellscheft und im Feudalismus vorher, eine Krise auf die nächste folgt, bis die Gesellschaftsform des Sozialismus erreicht ist. Persönliche Stellungnahme
Meiner Meinung nach ist das Buch gut zu lesen und zu verstehen. Die gewählte Form der stichpunktartigen Darstellung der wesentlichen Fakten und auch die vielen Schaubilder und Tabellen verhindern das Überlesen wichtiger Tatsachen und veranschaulichen die Entwicklungen. Das gleiche gilt für die Beispiele, obwohl ich diese an einigen Stellen zu ausführlich fand, wie zum Beispiel die Auflistung der Bankgründungen auf Seite 180/181. Auch war mir an einigen Stellen nicht ganz klar, wieso der Autor erst sehr genau auf ein Thema eingeht, um am Ende des Abschnitts zu sagen, dass das eben erläuterte eigentlich unwesentlich für die Entwicklung war (z.B. S.89- 91 über die Entwicklung des deutschen Zollvereins und seine Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung). Ansonsten fand ich das Buch sehr ausführlich und informativ, da es auf alle Bereiche einging, und gleichzeitig auch abweichende Meinungen anderer Historiker zur geschichtlichen Entwicklung der Industrialisierung darstellte.
Arbeit zitieren:
Kathi Bondzio, 1998, F.-W. Henning - Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Verfall und Verfeinerung in Thomas Manns "Buddenbrooks": Ein...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Steven Spielbergs "Schindlers Liste" und die Darstellung des...
Seminararbeit, 24 Seiten
Der Blasphemievorwurf im religionswissenschaftlichen Vergleich
Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft
Seminararbeit, 28 Seiten
Im Fremden: Darstellung des Bösen im Film ALIEN (1979)
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Bob Marley und die Entwicklung der populären Musik Jamaikas
Kulturwissenschaften - Karibik
Seminararbeit, 27 Seiten
Länderstudie des Beitrittslandes Malta
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hausarbeit, 13 Seiten
Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Ferdinand Tönnies und Hegel - eine vergleichend Anschauung
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 12 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Facharbeit (Schule), 12 Seiten
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 16 Seiten
Räuberinnen im 18. Jahrhundert
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 13 Seiten
Die sogenannte Zweite Industrielle Revolution in Deutschland
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Seminararbeit, 17 Seiten
Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Banlieues - Die Vorstädte von Paris
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Soziale Begleiterscheinungen und Folgen der frühen Industrialisierung ...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Hausarbeit, 22 Seiten
Kathi Bondzio hat den Text F.-W. Henning - Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914 veröffentlicht
Kathi Bondzio hat einen neuen Text hochgeladen
Alexa Knackstedt hat den Text F.-W. Henning - Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914 kommentiert
Alexa Knackstedt
Wirklich interessant ;-).
Sehr informativ zusammengefasst...leider keine näheren Angeben(...naja...gar keine Angaben!!!) über den Autor!!! Schade, denn ich finde tatsächlich nirgendwo im "WWW" eine Biographie von dem lieben Herrn "Friedrich Wilhlem Henning"!!! Zu dumm, denn ich muß leider in nächster Zeit die Infos haben und keiner hat eine Ahnung, wo man was über diesen "Kerl" erfahren könnte! Habe wirklich schon fast alles versucht! Bisher leider ohne Erfolg! Vielleicht hat hier ja jemand noch einen guten Vorschlag??? Naja, nichts für ungut!
Die Arbeit hier hat ihre Benotung wirklich verdient! " Hut ab"!!!
Gruß, Alexa!
am Thursday, December 06, 2001-