Frank Rosenbauer
Semesterarbeit in der Veranstaltung:
„Sexuelle Störungen“ (Seminar im Sommersemester 1997)
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
2 BEZEICHNUNGEN UND DEFINITIONEN 2
2.1 ALLGEMEINSPRACHLICH 2
2.2 FACHSPRACHLICH 3
3 ART DER KONTAKTE 7
3.1 KONSTELLATIONEN 7
3.2 TIERE 7
3.3 PRAKTIKEN 9
3.3.1 ONANIE UND FELLATIO 10
3.3.2 KOITUS 10
3.3.3 PRAKTIKEN BEI TRIOLISTISCHEN VERHÄLTNISSEN 11
3.3.4 SPEZIELL PARAPHILE PRAKTIKEN 12
4 ZUGANG 13
5 VERBREITUNG UND HÄUFIGKEIT 15
5.1.1 PERSONEN 15
5.1.2 NICHT PATHOLOGISCHE KONTAKTE 16
5.1.3 PATHOLOGISCHE KONTAKTE 18
6 GESELLSCHAFTLICHE REZEPTION 19
7 DIAGNOSTISCHE KRITERIEN 23
8 URSACHEN 26
8.1 LATENZ UND ZUFÄLLIGES ERLEBNIS 27
8.2 FREIE WAHL DES SEXUALPARTNERS TIER 27
8.3 BEDÜRFNIS NACH LIEBE, KÖRPERLICHER NÄHE UND WÄRME 28
8.4 DAS TIER IN DER VERMITTLERROLLE 29
8.5 INSTRUMENTALISIERTE SELBSTBEFRIEDIGUNG 29
8.6 ERSATZ FÜR EINEN HUMANEN SEXUALPARTNER 30
8.7 INFANTILE VERWIRRUNG 31
8.8 TIERE ALS ERSATZ FÜR PARAPHILE 31
8.9 TIERBEZOGENE PARAPHILIEN 32
9 FOLGEN 34
10 ZUSAMMENFASSUNG UND STELLUNGNAHME 36
11 ANHANG 37
11.1 LITERATURLISTE 37
11.2 SONSTIGE QUELLEN 39
1 Einleitung
Das Thema „Sexueller Kontakt mit Tieren“ ist interessant, weil es so wenig erklärlich scheint. Denn wohl jede andere Art sexuellen Verhaltens, mag es auch noch so entfremdet sein, nimmt noch Bezug auf menschliche Geschlechtspartner.
Außerdem wird keine Art sexuellen Verhaltens durch die Standardsprache derart stigmatisiert wie der Tierkontakt - kraft der Bezeichnung „Sodomie“, die an DEN christlichabendländischen Ort der Sünde erinnert. Und obwohl das Bereden und Zeigen paraphiler Praktiken zum TV-Alltag geworden ist, ist der sexuelle Tierkontakt kaum ein öffentliches Thema.
Josef Massen, der 1994 das im deutschen Sprachraum umfangreichste Werk über sexuellen Kontakt mit Tieren veröffentlichte, schreibt: „Ja, man kann sagen, daß es das letzte Tabu in Sachen Sexualität ist.“
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2 Bezeichnungen und Definitionen
2.1 Allgemeinsprachlich
Die standardsprachliche deutsche Bezeichnung für „Geschlechtsverkehr von Menschen mit Tieren“ lautet „Sodomie“ (DROSDOWSKI, Rechtschreibung, 665) und ist eine gelehrte Entlehnung des 16. Jahrhunderts aus dem gleichbedeutenden lateinischen Wort „sodomia“. Bereits seit dem 15. Jahrhundert existiert das Wort „Sodomit“ im deutschen Sprachgebrauch als Bezeichnung für „jemanden, der Sodomie treibt“, zurückgehend auf das spätlateinische Wort „Sodomita“, ursprünglich die Bezeichnung für einen Einwohner der Stadt Sodom. (DROSDOWSKI, Etymologie, 679) (Laut dem Duden-Band „Rechtschreibung“ hat das Wort „sodomia“ neulateinischen Ursprung, laut dem Duden-Band „Etymologie“ hat es spätlateinischen Ursprung.)
Zugrunde liegt den Wörtern der Name der biblischen Stadt Sodom, die berüchtigt war für das lasterhafte und ausschweifende Leben ihrer Einwohner (DROSDOWSKI, Etymologie, 679) und laut des Alten Testaments von Gott mit Schwefel und Feuer vernichtet wurde: „Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Go-morra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.“ (1. Mose [Genesis] 18, 20) (BIBEL, 19); „(...) er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, und auch alle Einwohner der Städte ...“ (1. Mose [Genesis] 19, 24) (BIBEL, 20)
Ursprünglich wurde „Sodomie“ allgemein im Sinne von „widernatürliche Unzucht“ gebraucht. (DROSDOWSKI, Etymologie, 679). Die Kirche hat alle Sexualpraktiken als Sodomie bezeichnet, die nicht der Zeugung dienten; sogar den Verkehr mit Nichtchristen. (MASSEN, 7) Die Bibel erklärt nicht eindeutig, welche Sünden die Einwohner begangen hatten. (BORNEMANN, 788)
Es gibt jedoch Hinweise, daß das biblische Wort ursprünglich ausschließlich Homosexualität bezeichnet hat: „Die Moraltheologen (...) haben immer richtig, d. h. im Sinne der Genesis, un-
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terschieden zwischen: Sodomia, i. e. concubitus cum persona ejusdem sexus, und Bestialitas, i. e. concubitus cum bestia.“ (KRAFFT-EBING, 421) Im englischen Sprachgebrauch steht Sodomie („sodomy“) heute noch auch für homosexuelle Praktiken (HORNBY, 1214); in der französischen Standardsprache bedeutet es gar ausschließlich „Analverkehr“. Trennschärfer im Französischen ist „Bestialité“ (ALBIN, 586); im Angloamerikanischen wird „Bestiality“ als Bezeichnung für Sexualität von Menschen mit Tieren gebraucht. (HORNBY, 102)
Das populäre Wörterbuch „Die neue Rechtschreibung“ des Bertelsmann-Verlags übersetzt noch in seiner neuesten Auflage „Sodomie“ als „Unzucht mit Tieren“ und definiert „Unzucht“ als „unsittliche geschlechtliche Handlung“. (BERTELSMANN) Praktizierende „Sodomiten“ möchten sich als „Zoophile“ bezeichnen lassen, ihre Praktiken als „Zoophilie“. Sie nennen Zoophilie eine partnerschaftlich betonte Sexualität mit dem Tier (FAQ, 2.2) und verwenden auch die Bezeichnung „Zoosadismus“, um zwischen „liebevollen Handlungen und Gewalttätigkeiten“ unterscheiden zu können. (FAQ, 2.1.) Das Wort „Zoophilie“ stammt von dem griechischen „zoion“ (Lebewesen, Tier) und „philos“ (liebend, Freund). (DROSDOWSKI, Etymologie, 834 u. a.)
2.2 Fachsprachlich
Sexuelle Kontakte zwischen Mensch und Tier werden grundsätzlich als vom Menschen ausgehend definiert. Bornemann nennt dies ein Mißverständnis. Im Altertum habe man die sexuelle Liebe zwischen Mensch und Tier gar völlig konträr verstanden: als die Liebe eines Tieres zu einem Menschen oder eines Gottes in Tier-form zu einem menschlichen Wesen. (BORNEMANN, 880)
Für sexuellen Kontakt von Menschen mit Tieren werden hauptsächlich zwei Bezeichnungen verwandt: „Sodomie“ und „Zoophilie“. Die Definitionen schwanken allerdings zwischen „sexueller Beziehung mit Tieren“ (z. B. ARNOLD, 2096) und „Vollführen des Sexualverkehrs mit Tieren“ (z. B. PETERS, 489). Quantitativ besetzt werden diese Bezeichnungen meist mit dem umfangreichsten
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empirischen Material zum sexuellen Kontakt mit Tieren, den Untersuchungsergebnissen des Kinsey-Instituts. Oft übersehen wird dabei, daß die Bezeichnung der Kinsey-Forscher („Tierkontakte“) sehr weit definiert ist und keineswegs auf den Geschlechtsverkehr beschränkt ist. Aufgrund dessen werden die Kinsey-Ergebnisse häufig unzulässig uminterpretiert. So wird beispielsweise aus dem sexuellen Erlebnis eines Jungen, der sich an einem Tierkörper reibt und dabei keinen Orgasmus erlebt, ein vollzogener Geschlechtsverkehr. Zudem werden die Kinsey-Daten auf pathologische Definitionen von sexuellen Tierkontakten übertragen (vgl. Abschnitt 5.1.3, Absatz 2).
Bemerkenswert ist, daß bereits vor mehr als hundert Jahren ein bedeutender Sexualforscher eine trennscharfe Terminologie einführte: Freiherr Richard von Krafft-Ebing. Ihm wird (z. B. von ARNOLD, 2594) die Einführung der Bezeichnung „Zoophilie“ zugeschrieben. Krafft-Ebing brachte den Terminus mit seinem 1886 erschienenen Werk „Psychopathia sexualis“ ein, mit dem „erstmals damit begonnen wurde, all das an Abarten zu sammeln, was in der Sexualität überhaupt vorkommt“ (SCHORSCH, Liebe, 2). Somit stammt die Bezeichnung immerhin aus „dem Geburtsjahr der Sexualwissenschaft im engeren Sinne“ (SCHORSCH, Liebe, 2). Als „Zoophilie“ bezeichnete Krafft-Ebing indes nicht den Geschlechtsverkehr mit Tieren, sondern ausschließlich menschliche Tierkontakte wie Streicheln oder Schlagen, die bei der betreffenden Person eine sexuelle Erregung hervorrufen. (ARNOLD, 2594) Krafft-Ebing benutzte die Bezeichnung „Zoophilia erotica“. Er benannte damit Fälle einer Art von Fetischismus, „in welchen Tiere auf Menschen aphrodisisch wirken“. (KRAFFT-EBING, 222) Geschlechtsverkehr mit Tieren bezeichnete er allgemein als „Tierschändung“, im pathologischen Sinne als „Zooerasterie“ und im nicht pathologischen Sinne als „Bestialität“. (KRAFFT-EBING, 423)
„Wir glauben indes, auf diese Unterscheidung verzichten zu können“, schreibt der Mediziner Alexander Hartwich 1965 in seiner freien Bearbeitung der „Psychopathia Sexualis“. (HARTWICH, 63)
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Die ursprüngliche Differenzierung ist verschwunden. Generell wird heute Zooerasterie als Zoophilie bezeichnet. Oder als „Sodomie“, wogegen ebenfalls stichhaltige Argumente bestehen, wenigstens etymologische (vgl. Abschnitt 2.1).
Vergleichsweise trennscharfe Bezeichnungen existieren für Praktiken mit bestimmten Tieren (zum Beispiel „Kynophilie“ für Sexualität mit Hunden), für Tierkontakte spezieller paraphiler Natur (zum Beispiel „Zoonekrophilie“, „Tierfetischismus“) oder für psychische Phänomene, die mit Tieren in Zusammenhang stehen. Das ist etwa die „Mixoscopia Bestialis“ (die Lust, den Beischlaf zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier zu sehen), die „Zooanthropie“ (Identifizierung mit einem Tier) oder die sexuelle Perversion der Tiernachahmung, die „Zoomimik“ (der Betroffene verlangt, beim Geschlechtsverkehr wie ein Tier be-handelt zu werden und ahmt dieses Tier beim Koitus nach). (nach BORNEMANN)
Manche Sexualforscher benutzen nach wie vor die Bezeichnung „Bestialität“ für Geschlechtsverkehr mit Tieren (BORNEMANN, 78). Die Bezeichnung „bestialisch“ bedeutet im deutschen Sprachgebrauch „unmenschlich“, „grausam“. (DROSDOWSKI, Rechtschreibung, 156) Die selbe Konnotation schwingt in einer anderen gängigen Benennung mit: „Zoostuprum“ - griechisch „Tierschändung“. (BORNEMANN, 882) Beide Bezeichnungen signalisieren die Vorstellung, bei jedem zoophilen Akt müsse Zwang auf das Tier ausgeübt werden. So erkennt man bei allen zoophilen Akten einen sadistischen Hintergrund. (wie z. B. HARTWICH, 66) Wir werden noch weiter darlegen, daß diese Annahme nicht richtig ist. Weil sexuelles Stimulieren durch Menschen offenbar von Tieren auch als positiv und erregend erlebt werden kann, wollen wir diese Bezeichnungen nicht generell für sexuellen Kontakt mit Tieren verwenden. Ebenso nicht die Benennung „Sodomie“, weil sie zu stark moralisch besetzt ist und, wohl aufgrund ihrer umstrittenen Etymologie, lediglich im deutschen Sprachraum eindeutig belegt ist. Wir schlagen folgende Terminologie vor:
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Arbeit zitieren:
Frank Rosenbauer, 1997, Sexueller Kontakt mit Tieren, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Italienische Dialekte, Diatopische Varietäten
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 17 Seiten
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