1. Einleitung
Novalis bedeutet ,,der Neuland bestellende" und diente dem Dichter Georg Philipp Friedrich von Hardenberg als Pseudonym, unter dem er ab dem Jahre 1798 publizierte. Novalis - unter diesem Namen ist der Dichter als Synonym für die romantische Dichtkunst in die Literaturgeschichte eingegangen.
Das Verständnis der Novalis-Dichtung setzt jedoch biographische Kenntnisse über ihn voraus. Sein Schaffen und sein Leben waren darüber hinaus intensiv durch bestimmte Personen beeinflußt, die im Kontext eines nun folgenden biographischen Abrisses spezifiziert werden. Den Mittelpunkt soll jedoch Novalis Beziehung zu Sophie von Kühn bilden. Im Rahmen dieser Untersuchung soll heraus gearbeitet werden, wer Sophie von Kühn war, welche Rolle sie im Leben des Dichters gespielt und inwieweit sie seine literarische Arbeit beeinflußt hat. Letzteres erfolgt exemplarisch an den schon angeführten ,,Hymnen an die Nacht", hier liegt das besondere Interesse auf der 3. Hymne. 2. Elternhaus und Lebensentwurf
Friedrich von Hardenberg entstammte einem alten niedersächsischen Adelsgeschlecht. Er wurde am 02. Mai 1772 in Oberwiederstedt geboren. Sein Vater, Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg, war ein sehr religiös erzogener Mann, dessen Handlungs- und Denkweise als sehr ernst und streng interpretiert werden konnte. Nach dem Tod seiner ersten Frau, im Jahre 1769, trat er der Herrnhuter Brüdergemeinde bei. Der Einfluß sowohl seiner Religion als auch der Eindrücke der Brüdergemeinde machte sich sehr stark in der Erziehung seiner eigenen Kinder bemerkbar, wie beispielsweise an dieser Episode, die einer Abhandlung Rudolf Köpkes über Tiecks erste Bekanntschaft mit Novalis entnommen ist: ,,Einst hörte Tieck den alten Herrn im Nebenzimmer in nicht eben glimpflicher Weise schelten und zürnen. ,Was ist vorgefallen?` fragte er besorgt einen eintretenden Bedienten. ,Nichts`, erwiderte dieser trocken.` ,Der Herr hält Religionsstunde`. Der alte Hardenberg pflegte Andachtsübungen zu leiten, und auch die jüngeren Kinder in Dingen des Glaubens zu prüfen, wobei es mitunter stürmisch herging." 1 Novalis´ Verhältnis zu seinem Vater war demnach auch durch Härte, Strenge und Ehrfurcht geprägt.
Dagegen hatte der Dichter eine sehr innige, liebevolle und intensive Beziehung zu seiner Mutter, Auguste Bernhardine, geb. Bölzig, die stets den Ausgleichs- und Ruhepol in der Familie darstellte. Sie war eine sehr kluge, empfindsame und verständnisvolle Frau, die
jedoch aufgrund ihrer ärmlichen Herkunft sehr devot und eingeschüchtert gegenüber ihrem Ehemann erschien. Das waren jedoch genau die Eigenschaften, die die intensive Zuneigung des Dichters zu seiner Mutter begründeten. In dieser Zuneigung waren sehr stark Liebe und Mitleid vereint. Diese Gefühlsmischung findet sich auch in seiner extremsten Form in der Liebesbeziehung zu Sophie von Kühn wieder, auf die in dieser Arbeit noch ausführlich eingegangen wird. In einem Brief Novalis´ an seine Mutter, geschrieben im Sommer 1791, wird seine Zuneigung zu ihr besonders deutlich: ,,Ich weiß, daß Du es so gern siehst, wenn ich an Dich schreibe, ob ich Dich gleich versichre, daß auch gewiß sonst die Erinnerung an Dich mir die glücklichsten meiner Stunden macht, wenn meine Fantasie schwelgt und Dein Bild lebendig mir vorschwebt. ... Du trugst beinah alles zur Entwicklung meiner Kräfte bey, und alles ... ist Dein Werk und der schönste Dank, den ich Dir bringen kann." 2 Novalis war von Geburt an sehr zart und kränkelnd, jedoch litt er nicht an eigentlichen Krankheiten. Dieser Umstand machte ihn zum besonderen Sorgenkind der Familie. ,,Im neunten Jahr überfiel ihn eine gefährliche Ruhr, die eine völlige Atonie des Magens zur Folge hatte, welche nur durch eine langwierige Kur und die schmerzhaftesten Reizmittel gehoben werden konnte. Nun schien sein Geist wie aus einem Schlafe zu erwachen, und er zeigte sich plötzlich als ein muntres, tätiges und geistreiches Kind." 3 Der Vater zeigte immer mehr
Interesse an seinem Sohn, je weiter dieser sich geistig entwickelte; Novalis durfte ihn später auch bei seinen Reisen begleiten. Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg unterstützte die literarischen und philosophischen Neigungen seines Sohnes. In einem Brief an den Geh. Finanzrat von Oppel vom Januar 1800 erläutert Novalis einen Grundsatz seines Vaters in Bezug auf Erziehung so: Er ,,... brachte uns durch Beyspiel und Reden eine Verachtung des äußren Glanzes bey. Er ermahnte uns zum Fleis und zur Genügsamkeit und äußerte seyne Freude, wenn wir unserm Herzen folgten ohne Rücksicht auf die Meynung der Welt zu nehmen. ... und bat uns oft nie aus Rücksichten des Interesse, und der Ambition zu handeln und zu wählen." 4 Mit dieser Denkweise stand er in einem Gegensatz zu seinem älterem
Bruder, Gottlob Friedrich von Hardenberg, welcher eher ein rationaler Mensch war, der nur nach Ansehen und Glanz strebte und dem Novalis jegliche Phantasie absprach. Er schilderte diesen Unterschied zwischen den Brüdern so: ,,Mein Onkel hing an den Vorzügen des Standes und der Geburt, und mein Vater lächelte über beides. 5
Die beiden Brüder waren durch eine intensive Freundschaft verbunden, die Novalis ,,... aber immer mehr [als] die Verhältnisse eines Sohns zum Vater..." 6 beschrieb. Durch diese enge Beziehung zwischen den Brüdern konnte der Onkel zu einer einflußreichen Bezugsperson für
Novalis werden. Mehr diesem zuliebe als sich selbst begann er 1790 mit dem Jurastudium an den Universitäten in Jena, Leipzig und Wittenberg. In Jena traf der junge Dichter auf den Universitätsprofessor Friedrich Schiller, der einen starken Eindruck auf ihn machte, wie man in den Briefen Novalis´ aus dieser Zeit lesen kann: ,,Ach! Wenn ich nur Schillern nenne, welches Heer von Empfindungen lebt in mir auf; wie mannichfaltige und reiche Züge versammeln sich zu dem einzigen, entzückenden Bilde Schillers und wetteifern, wie zaubernde Geister an der Vollendung des blendendsten Gemähldes ..." 7 Schiller hielt Vorlesungen in Deutscher Geschichte, welche Novalis auch besuchte. In Jena begann Novalis auch, sich mit der Philosophie, insbesondere mit Hemsterhuis, zu beschäftigen. Diese heute in der Forschung als Hemsterhuis-Studien bezeichnete Beschäftigung mit der Philosophie war nur durch die großzügige Finanzierung durch den Vater möglich. Das Jurastudium rückte für diese Zeit in den Hintergrund. An der Universität in Leipzig lernt er Friedrich Schlegel kennen, der ihm ein sehr enger und literarisch wichtiger Freund wird. Es findet ein reger und poetisch wechselseitig bestimmender Gedankenaustausch statt.
Trotz aller inneren Widerstände beendet Novalis sein Jurastudium im Jahre 1794 mit der Ablegung des juristischen Staatsexamens in Wittenberg. Er beschreibt diese ihm so wichtige Zeit der Wende in seinem Leben in einem Brief 8 an seinen Freund, Friedrich Schlegel vom 1. August 1794, so: ,,Ich habe in Wittenberg fast total meine Lieblingsbeschäftigungen verlassen. Studium chursächsischer Gesetze nahm alle meine Zeit weg." Dann folgt ein Abschnitt in diesem Brief, der wie eine Rechtfertigung dafür klingt, daß sich Novalis nicht mehr nur ausschließlich der Dichtkunst widmet, sondern eine bürgerliche Anstellung sucht. ,,... doch wisse, daß ich gewiß Deiner würdig bleibe und werden. Wir können doch eine Bahn gehn ... In einem Monat muß viel für mich entschieden sein - in der Wahl des Weges blos. Du erfährst alles ..." 9 Novalis stand bei dieser Entscheidung unter dem Einfluß seiner Familie,
insbesondere seines Onkels und seines Vaters. Letzterer bewies zwar mit der Finanzierung der oben schon erwähnten Hemsterhuis-Studien einmal mehr, wie sehr ihm die geistige Entwicklung seines Sohnes am Herzen lag, jedoch drängte er ihn nun hauptberuflich in eine feste bürgerliche Anstellung in den Salinen. Nur durch sie sei es Novalis möglich, eine Ehe eingehen und eine Familie ernähren zu können.
Genau dieser Umstand war es, der Novalis von der Notwendigkeit einer bürgerlichen Anstellung überzeugen konnte, denn ,,Es sind die Tage des Brautstandes - noch frei und
ungebunden und doch schon bestimmt aus freier Wahl - Ich sehne mich ungeduldig nach Brautnacht, Ehe und Nachkommenschaft." 10 (aus demselben Brief an Friedrich Schlegel)
Diese drei Schlüsselworte - Brautnacht, Ehe und Nachkommenschaft - reflektieren die von Novalis erreichte innerliche Reife und den Wunsch nach selbst bestimmter Zukunft mit einem weiblichen Gegenüber. Der Brief spricht von der neu gefundenen Erkenntnis Novalis´, daß es für ihn möglich ist, jeweils sich widersprechende Reflexionen des eigenen Ich´s zu vereinen. Das bedeutete für den Dichter, sich einerseits ganz seinen Neigungen - die Philosophie, Literatur und Naturwissenschaft vereinend - zu widmen und andererseits aus rationalsozialökonomischen Notwendigkeiten heraus mit einer festen Anstellung den Grundstock für eine Familiengründung zu legen. Es ist für ihn nun sowohl Beruf und Berufung als auch Pflicht und Neigung vereinbar. 11 Daß dieser Widerspruch schon sehr lange Zeit Novalis´
Denken bestimmte, bisher jedoch noch nicht aufgelöst werden konnte, zeigt sich an einem Brief an Friedrich Schiller vom 22. September 1791, also noch 3 Jahre vorher: ,,Ihnen größestheils werde ich es zuschreiben, ... die gefährlichste Klippe ... zu einem künftigen, bestimmten Beruf glücklich zu übersteigen ... und gaben mir damit den lezten, entscheidenden Stoß, der wenigstens meinen Willen sogleich festbestimmte und meiner herumirrenden Thätigkeit eine zu allen meinen Verhältnissen leichtbezogne und passende Richtung gab. Ich kann Ihnen zwar nicht verheelen, daß ich fest glaube, daß meine Neigung zu den süßen Künsten der Musen nie erlöschen und meine liebe, freyndliche Begleiterinn durchs Leben seyn wird. ... aber demohngeachtet hoffe ich auch meinem gefaßten Vorsatz und dem mir am fernen Ziel winkenden Genius der höhern Pflicht treu zu bleiben und dem Rufe des Schicksals gehorsam zu seyn, das aus meinen Verhältnissen unverkennbar deutlich zu mir spricht" 12 . Wie schon erläutert, wähnt sich Novalis hier noch in einer schier unlösbaren Konfliktsituation, die er jetzt, 3 Jahre später, an einem Wendepunkt in seinem Leben angekommen, aufheben wird. Fankhauser führt weiterhin an, daß in dem Brief an Friedrich Schlegel ein Vorgriff auf seine spätere Beziehung zu Sophie von Kühn vorgenommen wird. Diese Auffassung kann im Kontext dieser Arbeit nachvollzogen werden. Sophie von Kühn wird jedoch von der Autorin als ein ,,...äußerst gewöhnlicher Mensch..." 13 bezeichnet. Sie begründet ihre These jedoch mit
einem unkorrekt zitierten Ausschnitt aus dem Brief Novalis´ an Friedrich Schlegel, nach dem den Dichter ,,nun ,zehnfach jeder gewöhnliche Mensch` interessiere" 14 . Diese Behauptung kann mit dem korrekt wiedergegebenen Zitat von Novalis widerlegt werden, und zwar schreibt der Dichter ,,Mich interessiert jetzt zehnfach jeder übergewöhnliche Mensch..." 15 . Ist denn Sophie für Novalis ein gewöhnlicher Mensch? Nach dem angeführten Zitat und der Analogie Fankhausers wäre Sophie ein übergewöhnlicher Mensch. Fest steht, daß Novalis
Sophie kurz nach dem Brief an Schlegel kennen gelernt hat und sie sofort zu seinem ,,Erfüllungsobjekt" macht. Es kann jedoch ebenso wenig davon ausgegangen werden, daß Sophie das erste weibliche Wesen war, auf das Novalis in seiner neuen Umgebung stieß. Er selbst schreibt in einem Brief an seinen Bruder Erasmus im November 1794, also kurz nach seiner Ankunft in Tennstedt, daß mit ,,...vier recht hübschen Mädchen..." die er ,,...alle aus dem Fenster sehn und mit drey reden kann." zusammenwohne. 16 Also muß doch zwingend
angenommen werden, daß die Wahl Sophie´ s ganz bewußt unter bestimmten Kriterien von Novalis vollzogen wurde und nicht in der Willkürlichkeit sowie der Gewöhnlichkeit der Sophie von Kühn begründet war, wie in den Ausführungen Fankhausers zum Ausdruck kommt. Dieser Umstand wird noch einmal im Abschnitt 3. Das erste Treffen auf Sophie konkret erläutert.
Ab dem 8. November 1794 trat Novalis nun seinen Dienst als Aktuarius beim Kreisamt Tennstedt an, welches von dem Amtmann Coelestin August Just geleitet wurde, bei dem er auch wohnte. ,,Mein Amtmann ist ein brauchbarer, geübter und humaner Mann. Er geht äußerst freundschaftlich mit mir um. Ich bin sehr fleißig ... Ich spiele hier eine große Rolle und bin wie es scheint in großem Credit." 17 Zwischen den beiden Männern entstand eine sehr innige Freundschaft, wie auch aus den Briefwechseln und der von Just nach dem Tod Novalis´ niedergeschriebenen Biographie erkennbar ist. In der Biographie schreibt er: ,,Dies Denkmal setzt der ehrwürdige Kreisamtmann Just in Tennstädt ... der seltenen Freundschaft, die ihn mit dem unvergeßlichen Novalis verband." 18 Auch bezeichnet Just Novalis als ,,hohen Genius". 3. Das erste Treffen auf Sophie
Im Rahmen seiner Arbeit in Tennstedt hatte Novalis führte ihn ein Auftrag Mitte November 1794 in das nicht weit entfernte Grüningen, zu der Familie des Hauptmanns Rockenthiens und seiner Frau, Sophie Wilhelmine von Kühn. Hier trifft er auf die zwölfjährige Sophie, die zweitjüngste Tochter der Familie. Das Treffen ist folgenreich.
In einem leider nicht erhaltenen Brief an seinen Bruder Erasmus erläutert er ihm scheinbar seine Empfindungen bei diesem ersten Treffen. Jedoch antwortet Erasmus umgehend und sein Brief an den überstürzten Bruder ist sehr aufschlußreich. Erasmus führt dem Bruder Gründe auf, dies Mädchen nicht zu heiraten, schon gar nicht, nachdem dieser Entschluß scheinbar nach einer Viertelstunde getroffen worden sei. ,,Du schreibst mir, eine Viertelstunde hätte Dich bestimmt; wie kannst Du in einer Viertelstunde ein Mädchen durchschauen? ... Wenn
Du mir ,ein Vierteljahr` geschrieben hättest, so hätte ich noch Deine Talente in der Kenntnis des weiblichen Herzens bewundert, aber eine Viertelstunde, denke nur selbst an, eine Viertelstunde, das klingt gar zu wunderbar..." 19
Das Novalis zu diesem frühen Zeitpunkt schon von Heirat sprach, kann jedoch seine Begründung in der immer stärker werdenden Sehnsucht des Dichters nach Brautnacht, Ehe und Nachkommenschaft finden. Erasmus interpretiert den Brief seines Bruders als ungewöhnlich kalt und entschlossen und rät in seiner Antwort Novalis, von dieser überstürzt geplanten Heirat abzusehen. Er zitiert ihn wörtlich: ,Mit der zarten Blüte meiner Neigung ist es vorbei, sobald ich gemeine Gunstbezeugungen erhalte`. Kann denn Novalis ausschließen, daß es bei Sophie anders sein wird, daß er nicht auch schnell das Interesse an ihr verlieren wird? Eine Erläuterung dieser Frage soll im nächsten Abschnitt erfolgen. 3.1 Die Charakterisierung der Beziehung zwischen Sophie und Novalis Das erste Treffen auf Sophie deutete Novalis als den lang ersehnten Wendepunkt in seinem Leben. Doch was bedeutete die Beziehung zu Novalis Sophie? Wenn man die Briefe an den Geliebten betrachtet, fällt insbesondere auf, daß diese nie von Sophie alleine geschrieben wurden, sie stellt sich selbst fast ausschließlich als Mitglied einer schreibenden Gruppe dar und ihre eigenen Briefe sind sehr knapp gehalten. Auffällig ist auch, daß Sophie nie von ihren individuellen Gefühlen spricht, stets ist die Rede von alltäglichen Geschehnissen, außerordentlichen Banalitäten. Sophie vermittelt in ihren Briefen einzig das Gefühl eines Zeitvertreibs, einerseits in Bezug auf das Schreiben selbst und andererseits in Bezug auf den Erhalt der Briefe von Novalis. In einem Brief an Hardenberg schreibt sie folgendes: ,,Lieber Hardenberg, Erstlich dank ich Ihnen recht sehr für Ihren Brief zweidens für Ihre Hare und dritens für das niedliche Etwie welges mir sehr fihlen Spas gemacht hatt. Sie fragen mich ob Sie an mich schreiben dürfen? Sie können versichert sein daß es mir allemahl sehr angenehm ist von Ihnen einen Brief zu lessen. ..." 20 . Das ist nicht ein Brief einer liebenden, sehnsüchtigen Frau an ihren Geliebten, vielmehr ein Brief an einen angenehmen und guten Freund, der die Langeweile vertreiben soll. Selbst in ihrem Tagebuch, daß sie sehr sporadisch führte, beschreibt sie nicht einmal wahre Gefühle, beispielsweise heißt es am 14. März 1795, ein Tag vor der Verlobung mit Novalis, wie folgt: ,,Heute war Hartenber. noch da er grichte einen Briev von seinen Bruder." 21 Sophie gibt sich in ihrer Beziehung zu Novalis ganz den gesellschaftlichen Spielregeln hin, dagegen sind ihr spezifisches Verlangen und eigenes Empfinden irrelevant. Sie fügt sich so mit einer angelernten Rolle in das zeitgenössische
Deutungs- und Darstellungsmuster einer verlobten Frau. Sophies Rolle in der Beziehung ist rein konventionell und determiniert durch die Gesellschaft, insbesondere durch ihr direktes Umfeld. Auch Novalis bemerkt ihre unbewußte Gefühlskälte, er sieht sie zunehmends als Theater- und Künstlerfigur. Er bekommt auch Zweifel darüber, ob Sophie sein Bedürfnis nach Brautnacht, Ehe und Nachkommenschaft stillen kann. In diese Zeit fällt die Erkrankung Sophies im November 1795. In den Briefen im Zeitraum von November 1795 bis Juni 1796 von Novalis fällt auf, daß die Krankheit eben noch nicht die entscheidende Rolle gespielt hat. Es wird hier noch immer von einer baldigen Genesung der Kranken gesprochen. Der erste Brief, in dem von Angst in Bezug auf Sophies Krankheit die Rede ist, schreibt Novalis am 18. Juli 1796 an Wilhelmine von Thümmel, eine Stiefschwester von Sophie von Kühn: ,,Meine Sophie erklärt Mein ... ohne Ahndung, daß Ihre Krankheit noch etwas zu bedeuten habe..." und ,, ... aber Starke 22 selbst sprach mir nicht uneingeschränkt, unbedingt Muth zu ... ich
hoffe..." 23 . Trotz oder gerade wegen (?) seiner Sorge um die geliebte Sophie denkt Novalis
viel über die Beziehung zu ihr nach. In einem Tagebuchblatt vom August oder September 1796 beschreibt er Sophies Charakter in analytischer Weise. Es wird deutlich, wie sehr Sophie die oben schon beschriebene Künstlerrolle einnimmt und welche Gefühlskälte von ihr ausgegangen sein muß: ,,Ihr Betragen gegen mich. Ihr Schreck für die Ehe. ... Sie will haben, daß ich überall gefalle. ... Meine Liebe drückt sie oft. Sie ist kalt durchgehends. /Ungeheure Verstellungsgabe, Verbergungsgabe der Weiber überhaupt. Ihr feiner Bemerkungsgeist. Ihr richtiger Takt./ ...
Ihre Natur scheint unsre Kunst - unsere Natur ihre Kunst zu seyn. Sie sind geborne Künstlerinnen.// Sie individualisiren, wir universalisiren./..." 24 . An diesen Eintragungen wird deutlich, in welchem Verhältnis der Dichter zu Sophie stand. Es könnte davon ausgegangen werden, daß Novalis, so wie es sein Bruder Erasmus in seinem Brief vermutete, langsam sein Interesse an Sophie verlor. Vielleicht spürte er, daß sie doch nicht die Frau sein konnte, die es vermochte, seine Sehnsüchte zu erfüllen. Man könnte spekulieren, daß er die Verlobung zu Sophie aufgelöst hätte, wäre sie nicht sterbenskrank geworden. Das Bild der schwerkranken und hilfsbedürftigen Sophie übte auf Novalis eine scheinbar enorme Anziehungskraft aus. Erste Ansätze dazu zeigten sich schon in der Beziehung zu seiner Mutter, die auch stark durch Mitleid und Beschützerrolle geprägt war. Erst mit der Krankheit begann eine Idealisierung seiner Braut und eine innerliche Vergöttlichung als die Unfehlbare. Novalis pendelt nun regelmäßig zwischen Grüningen und Tennstedt, eine Zeit geprägt von der Angst um die Geliebte und letztendlich der traurigen
Vorahnung von ihrem Tod. Keiner der zahlreichen Briefe von und an Novalis, der nicht von der Sorge um Sophie handelt, keiner, in dem nicht von Fortschritten und Rückfällen der bedauernswerten Patientin die Rede ist. 3.2 ,,Ein Schlüssel zu allem" - Der Tod Sophies
,,Heute Vormittags um 9 Uhr entschlief allhier an den Folgen einer Lungensucht sanft und selig, mit der kindlichsten Ergebung in den göttlichen Willen unsre innigst geliebte Tochter und resp. Schwester, Fräulein Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn, da sie eben zwey Tage vorher ein Alter von 15 Jahren erreicht hatte. Wir machen diesen für uns so schmerzlichen Verlust allen unsern auswärtigen Verwandten und Freunden hierdurch bekannt, und verbitten, von Ihrer aufrichtigen Theilnahme versichert, alle schriftlichen Beyleidsbezeugungen. Grüningen, den 19 März 1797
Das ist die Todesanzeige Sophies, von ihrer Familie in der Leipziger Zeitung, vom Sonnabend, den 25. März 1797.
Schon am 14. März 1797 schreibt Novalis in einem Brief an Friedrich Schlegel folgendes: ,,Ich bin aus Thüringen mit der fast apodiktischen Gewisheit zurückgekommen, daß Sofie nur noch wenige Tage zu leben hat. Wenn ich nur immer weinen könnte, aber so bin ich in einer schlaffen, ängstlichen Gleichgültigkeit, die mir jede Faser lähmt. Es ist eine Verzweiflung in mir, deren Ende ich nicht absehe." 25 Der erste Brief, den er nach Sophies Tod schreibt, ist an Karl Ludwig Woltmann 26 in Jena. Es ist sehr ungewöhnlich, einen doch eher entfernteren Bekannten (sowohl von Sophie als auch von Novalis) von ihrem Tod zu unterrichten. ,,Acht Tage vor ihrem Tode verließ ich sie, mit der festesten Ueberzeugung, sie nicht wiederzusehen - Es war über meine Kräfte, die entsetzlichen Kämpfe der unterliegenden blühenden Jugend, die fürchterlichen Beängstigungen des himmlischen Geschöpfs ohnmächtig mit anzusehen. ... Meine Trauer ist gränzenlos, wie meine Liebe.
Drei Jahre ist sie mein stündlicher Gedanke gewesen. Sie allein hat mich an das Leben, an das Land, an meine Beschäftigungen gefesselt." 27
Nach Sophies Tod ist Novalis wie versteinert. Er ist auch nicht fähig, an ihrer Beerdigung teilzunehmen. In einem Brief an Caroline Just, der zweite Brief nach Sophies Tod, setzt sich Novalis mit seinen Gefühlen auseinander. Der Dichter reflektiert intensiv seinen Umgang mit
dem Tod und kann auch als eine Art zweiter ,,Lebensentwurf" gesehen werden, denn, wenn auch erst ansatzweise, wird der Wunsch geäußert, seiner Sophie in geraumer Zeit nachzusterben. ,,Wie glücklich wär ich, wenn ich heute wüßte - heute übers Jahr bist du bey ihr." 28 Aus diesem Brief geht weiterhin hervor, daß Novalis versucht, noch weiter an der
irdischen Sophie festzuhalten, indem er sich Dinge, die Sophie besaß, zuschicken ließ. Sei es einmal ein Tuch oder eine Haarlocke von ihr und ein anderes Mal ,,... ihre kleinen Schreibereyen im Taschenbuch oder sonst ...". So leistet Novalis seine eigene Trauerarbeit, in die er keine andere Person einbezieht. Er hat den Wunsch, Sophie für sich selbst zu vergegenwärtigen und genau hier beginnt der Vorgang der Idealisierung und Vergöttlichung Sophies. In einem Brief vom 13. April 1797 an Wilhelmine von Thümmel nahm seine Todessehnsucht schon konkretere Formen an: ,,Sie umgibt mich unaufhörlich ... - Sie war der Anfang - sie wird das Ende meines Lebens seyn." 29 Jedoch steht dagegen ein Brief vom
selben Tag an Friedrich Schlegel. Hier beschreibt er die Läuterung, die sich in ihm durch Sophies Tod vollzog, er fühle sich kräftiger, reifer und die Liebe zu Sophie sei ihm jetzt erst richtig bewußt geworden. In diesem Zusammenhang sei er zu der Erkenntnis gekommen, daß Sophies Tod Schicksal gewesen sei: ,,... daß es mir ganz klar schon ist, welcher himmlischer Zufall ihr Tod gewesen ist - ein Schlüssel zu allem - Ein wunderbar schicklicher Schritt." 30 Auch die darauf folgenden Briefe des Dichters zeugen von einer inneren Stärkung und Festigung seines Ichs. Doch die Annahme, daß Novalis nun auch neuen Lebensmut gefaßt habe, ist falsch. Er träumt noch immer davon, seiner Geliebten nachzusterben. Es ist anzunehmen, daß er seinen eigenen Tod als Notwendigkeit ansah, um den Vorgang der inneren Läuterung zu vervollkommnen. Seine Ausführungen zu seinem eigenen Tod klingen wohlüberlegt und logisch, gerade so, als hätte Novalis sich Sophie in dergestalt vergegenwärtigt, als daß er ihr geistiges Abbild ständig vor Augen. ,,Wie entzückt werde ich ihr erzählen, wenn ich nun aufwache, und mich in der alten, längst bekannten Urwelt finde, und sie vor mir steht - Ich träumte von dir: ich hätte dich auf der Erde geliebt ... - du starbst -und da währte es noch ein ängstliches Weilchen, da folgte ich dir nach." 31 Eindeutiger sind jedoch zu Novalis Trauerarbeit seine schriftlichen Abhandlungen, in der er unter anderem die oben beschriebene Vergegenwärtigung Sophies festhält. Das tagebuchartige Journal setzt am 18. April 1797 ein, fast einen Monat nach Sophies Tod. An jedem Tag wird analytisch festgehalten, was er getan und gegessen und wie oft und intensiv er an Sophie gedacht hat. Das Journal ist stark geprägt von einer Konventionalität und Sachlichkeit, die in einem starken Kontrast zu den Briefen dieser Zeit stehen. ,,Abends einen lebhaften Eindruck ihres Todes." oder ,,Bis Abends sehr munter - Ein Gedicht auf den
Gartenkauf. Sonst recht gut. ... Herzliche Errinnerungen zuweilen." 32 Novalis will akribisch
genau und rein von verfälschenden Gefühlen seine Selbstbeobachtungen niederschreiben. Er strebt scheinbar eine Darstellungsform der Verinnerlichung Sophies und der Veränderung seines eigenen Selbst durch die Todeserfahrung an.
Die Schrift stellt für ihn eine zweite Ebene der Vergegenwärtigung dar, in der er Sophie unsterblich machen will. 33
Das wohl eindeutigste Indiz dieser geistigen Rekonstruktion Sophies stellt die berühmte und viel zitierte Journal-Eintragung vom 13. Mai 1797 dar: ,,Abends gieng ich zu Sophieen. Dort war ich unbeschreiblich freudig - aufblitzende Enthusiasmus Momente - Das Grab blies ich wie Staub, vor mir hin - Jahrhunderte waren wie Momente - ihre Nähe war fühlbar - ich glaubte sie solle immer vortreten - ..." 34 Es wird hier von Novalis eine unabdingbare, greif-und fühlbare Präsenz seiner Geliebten nachempfunden, die er auch zum Thema in einem seiner bekanntesten Werke, den ,,Hymnen an die Nacht" emporhebt. Wie dieses ,,Sophien-Erlebnis" jedoch zu deuten ist und ob es eine Rolle in diesem Werk spielt, wird im nächsten Kapitel eingehend erörtert. 4. ,,Die Hymnen an die Nacht"
Die ,,Hymnen an die Nacht" präsentieren sich als einzig größeres literarisches Werk, welches auch vollendet und publiziert wurde. Die Publikation fand im August 1800 im 6. Heft des ,,Athenaeum" statt. Keine andere Dichtung Novalis´ hat das Bild des todessehnsüchtigen Jünglings so geprägt, wie diese. Novalis selbst betitelte die 6. Hymne mit seinem scheinbaren Lebensgefühl, der ,,Sehnsucht nach dem Tode". Es soll im Rahmen dieses Abschnitts jedoch keine Interpretation der einzelnen Hymnen vorgenommen werden. Es wird hier eine Konzentration auf die themenrelevanteste Hymne stattfinden.
Dieses Werk präsentiert sich 6-teilig, jeder Teil stellt eine Hymne dar. Die einzelnen Abschnitte sind durch einen mythischen Ton miteinander verbunden, wobei allerdings die 6. Hymne ausgenommen werden muß. Ritter rechnet sie aufgrund der völlig ernüchternden Sprache nicht der eigentlichen Komposition zu. Dies ist laut Uerlings jedoch unhaltbar, da Ritter vergesse, daß Novalis die Dichtung in der vorliegenden Form zur Publikation freigegeben habe. 35 Die ersten drei Hymnen sind prosaisch verfaßt, die vierte wird mit einem Gedicht beendet, die fünfte ist ebenfalls in Prosa geschrieben, wird jedoch lyrisch unterbrochen und endet ebenfalls in Gedichtform und die sechste wird als 10-strophiges Gedicht dargestellt.
Die Hymnen beginnen mit einer Beschreibung des Lichts, welches allein ,,... die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt ..." offenbart. Die Nacht als Gegensatz wurde bisher jedoch nur als Dunkelheit erschienen und als unangenehm und abstoßend empfunden. Als jedoch die Nacht dem Trennungs- und Todesschmerz fühlenden Dichter seine verstorbene Geliebte als mystische Traumvision wiederbringt, hebt er die Bedeutung und Schönheit der Nacht für sich empor: ,,... und erst seitdem fühl ich weigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte." Die Nacht gibt den Blick frei auf die Schönheiten, die das Licht des Tages zu bieten hat. ,,Ich lebe bei Tage ... und sterbe die Nächte...". Dabei verarbeitet Novalis in den ersten 4 Hymnen eigenes Erleben und stellt Sophie als Vermittlerin zwischen ihm und der Erkenntnis höheren Daseins im Glauben an Gott. Dagegen fällt die 5. Hymne ins Allgemeine ab, die Stellung Sophies übernimmt Christus, der anstelle des Dichters die gesamte Menschheit zu dieser höheren Daseinsform hinführt. In der 6. Hymne wird die Antithetik zwischen persönlicher Empfindung im ersten Teil und menschheitsgeschichtlicher Empfindung im zweiten Teil aufgelöst und in eins gefaßt. Das ist im allgemeinen die Grundintention der ,,Hymnen an die Nacht." 36 Um die Entstehungszeit, die Motivation und die Deutung der ,,Hymnen an die Nacht" gibt es so verschiedene Forschungsmeinungen wie zu keinem anderen Werk Novalis´. Die bis heute vorliegenden, schriftlichen Zeitzeugnisse liefern keinerlei konkrete Anhaltspunkte, um eine einzige, sichere Theorie aufstellen zu können. In den folgenden Abschnitten sollen konträre Forschungsstandpunkte zu dieser Thematik diskutiert werden. 37 4.1 Forschungskontroversen zur Entstehungsgeschichte
Bei der Entstehung der ,,Hymnen an die Nacht" wird von einer sogenannten Urhymne ausgegangen, die eine Vorstufe zur 3. Hymne darstellen soll. Nach Johann Wilhelm Ritter sei diese Hymne im Herbst 1797 von Novalis niedergeschrieben worden. Ritter beruft sich hier auf ein Zitat aus der von Karl von Hardenberg im Jahre 1802 erschienenen ,,Biographie seines Bruders Novalis": ,,In diese Zeit doch mehr im Herbst 97 fallen mehre seiner Fragmente und die Hymne an die Nacht" 38 .
Balmes ist, wie auch Uerlings , der Auffassung, daß dem Ansatz Ritters, eine Urhymne als Vorstufe der 3. Hymne geschrieben worden sei, ,,... eine sichere Textbasis [fehle], so daß sie bloß den Rang hypothetischer Konjekturen besitzt..." 39 Die Ausführung Karls von Hardenberg würde zwar noch einmal verstärkt durch die Wiederholung derselben in der Biographie Ludwig Tiecks 40 aus dem Jahre 1815, jedoch wird im Vorwort der Ausgabe Ewald Wasmuths
aus dem Jahre 1954 bemerkt, daß die Novalis-Biographie Tiecks hauptsächlich auf den Biographie Karls von Hardenberg und Coelestin Justs fußt. Somit ist also weiterhin eine Erhöhung der Quantität der Zeugnisse bezüglich der Datierung der Hymnen ausgeschlossen. Einen zweiten Anhaltspunkt für Ritter bietet ein Brief Novalis´ selbst an Friedrich Schlegel vom 26.12.1797: ,,Zu einem Tractat vom Lichte, ist vieles fertig. Das Licht wird nur der Mittelpunct, von dem aus ich mich in mancherley Richtungen zerstreue." Hier schlußfolgert Ritter, daß es sich um die Hymnen 1,2,4 und den Anfang der 5. Hymne handeln müßte. Da jedoch keine schriftlichen Überlieferung zu diesem Tractat vorhanden sind, erweist sich Ritters Rückschluß dieser von Novalis angeführten Dichtung auf die spätere Druckfassung als nicht beweisbar und bleibt somit rein spekulativ.
Laut Ritter sei dann im Dezember 1799 und Januar 1800 eine vollständige Niederschrift der Hymnen erfolgt. Diese Datierung ist in der Forschung unumstritten. Weiterhin geht Ritter davon aus, daß die endgültige Druckfassung Anfang Februar 1800 entstanden sei. In der modernen Novalis-Forschung wird demnach davon ausgegangen, daß der Zeitraum zwischen Vorschrift und Druckfassung weitaus kürzer ist, nämlich sei beides um die Jahrhundertwende 1800 verfaßt worden.
4.2 Die Diskussion um die Deutung der 3. Hymne - Die Mystik Sophies Die Datierung stellt eine sehr wichtige Grundlage für die Rezeption und Interpretation der ,,Hymnen an die Nacht" dar. Im Jahr 1797 mußte Novalis, wie schon in den vorangegangenen Abschnitten intensiv erörtert wurde, Todeserfahrungen machen, die ihn nachweislich stark beeinflußten. Sollten die Hymnen in diesem Jahr geschrieben worden sein, läge es nahe, eine direkte Verarbeitung der Erlebnisse aus seinen damaligen Gefühlen heraus zu vermuten. Einen sehr wichtigen Anhaltspunkt hierfür liefert die 3. Hymne. Hier findet sich die schon zitierte Textstelle aus dem Journal Novalis´ vom 13.05.1797: ,,Abends gieng ich zu Sophieen. Dort war ich unbeschreiblich freudig - aufblitzende Enthusiasmus Momente - Das Grab blies ich wie Staub, vor mir hin - Jahrhunderte waren wie Momente - ihre Nähe war fühlbar - ich glaubte sie solle immer vortreten - ..." Diese findet sich sinngleich und teilweise wortgleich in der besagten 3. Hymne:
,,... über der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel - durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. ... Es war der erste, einzige Traum ..."41
Das bedeutet also, daß hier ein direkter Rückgriff auf biographische Bezüge stattgefunden haben könnte; eine Annahme, die sich in der heutigen Forschung als erwiesen darstellt. Das würde auch die These der Mystifikation Ritters unterstützen. Doch ist gerade das spezielle Zitat einzig kontextuell zulässig, denn so verliert es diese Mystifikation. Im Journal heißt es nämlich weiter: ,,- Wie ich nach Hause kam - hatte ich einige Rührungen im Gespräch mit Machere. Sonst war ich den ganzen Tag sehr vergnügt. Niebekker war Nachmittags da. Abends hatte ich noch einige gute Ideen. Shakespeare gab mir viel zu dencken." Diese weiteren Beschreibungen klingen nicht nach einem - durch geheimnisvolle und unerklärliche Erscheinungen inspirierten - enthusiastischen Dichter. Die Motivation Novalis´ zu dieser Tagebucheintragung könnte auch in der Shakespeare-Lektüre begründet sein. Friedrich Schlegel schickte ihm am 7. Mai 1797 ein Exemplar des Buches ,,Romeo und Julia". Als Novalis Schlegel das Buch am 25. Mai 1797 zurück schickte, schreibt er im Brief, welch starken, positiven Eindruck ,,Romeo und Julia" auf ihn gemacht habe und daß er es merkwürdig finde, das Buch genau zu diesem Zeitpunkt von seinem Freund erhalten zu haben. Diese Bemerkung legt die Vermutung nahe, daß Novalis sich viele Gemeinsamkeiten mit der Figur des Romeo zuspricht. Da er auch an diesem besagten 13. Mai 1797 im Shakespeare gelesen hat, kann es durchaus möglich sein, daß ihn diese traurige Todesthematik beflügelte.
Somit gäbe es einen weiteren Anhaltspunkt gegen die Datierung der Hymnen auf das Jahr 1797, denn diese Textstelle klingt wie aus einer längst durch zeitlichen Abstand verarbeitete, schmerzliche Erfahrung. Ein weiteres Indiz für die Entstehung in 1799/1800. Das würde natürlich voraussetzen, daß Novalis den Tod Sophies 1799 bewältigt hätte, somit auch die Todessehnsucht zwar als Motiv in seine Dichtung, jedoch nicht mehr in seinen Lebensentwurf, integrierte. Für diese These der verarbeiteten Erfahrung spräche auch seine Verlobung mit Julie von Charpentier im Dezember 1798, die sich für Max Kommerell als noch nicht nachvollziehbar darstellt: ,, ... nein, das Rätsel ist, wie dieser sich selbst dem Tode Weihende, ohne seinen Entschluß aufzugeben, sich noch einmal im Leben bürgerlich einrichtet, sich verlobt, seine Existenz erweitert und fundiert." 42 Novalis ist sich dieses Widerspruchs bewußt und löst ihn in der 4. Hymne auf, indem er sich dem Tag und dem
Leben aus der Nacht heraus zuwendet: 43 ,,... Ich lebe bei Tage/Voll Glauben und Mut/Und
sterbe die Nächte/In heiliger Glut." 44
Mit der Auflösung dieses Widerspruchs von Novalis selbst ist auch die Gültigkeit der 2. These bewiesen. Es ist sind zwar noch 2 kontroverse Lebensentwürfe, nach denen Novalis lebt, jedoch sind sie für ihn durchaus vereinbar. Der Tag und das Licht könnten demzufolge für ihn das derzeitige Leben mit Julie von Charpentier und das Arbeiten an einer bürgerlichen Existenz, die ihm mit Sophie verwehrt wurde, bedeutet haben, die Nachtmetaphorik dagegen die Aufrechterhaltung des Andenkens an Sophie aus dem Licht heraus. Jedoch blieb Novalis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Zeit, sich ein bürgerliches Dasein zu schaffen. Die letzten erhaltenen, privaten Briefe Novalis an Ludwig Tieck und Coelestin Just handeln von seiner eigenen, schon lang währenden Krankheit und am 27. März 1801 mußte Friedrich Schlegel seinem Bruder August Wilhelm folgendes schreiben: ,,Gestern kam ich von Weißenfels zurück, wo ich vorgestern Mittag den 25ten, Hardenberg sterben sah ... Es ist gewiß, daß er keine Ahndung von seinem Tode hatte, und überhaupt sollte man es kaum möglich glauben so sanft und schön zu sterben. Er war ... von einer unbeschreiblichen Heiterkeit ...". 45 Für die Deutung der Heiterkeit bei seinem Tod soll eine Stelle aus dem schon
einmal zitierten Brief an Karl Ludwig Woltmann vom 14. April 1797 herangezogen werden: ,,... Krank will ich nicht zu ihr kommen - im vollen Gefühl der Freiheit - glücklich, wie ein Zugvogel seyn." 46
Novalis war in seiner Todesstunde dem Mythos des Leidens und der Erlösung durch den Tod sowie der Treue zu Sophie so nahe, wie noch nie in seinem Leben und daß muß es gewesen sein, was ihn in dieser letzten Minute so glücklich gemacht hat. Er schied so aus dem Leben, wie er es sich seit dem Tode Sophies immer gewünscht hatte. __________________________________________
5. Literaturverzeichnis Primärliteratur:
Novalis: Schriften. Bd. 4. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. In: Die Werke Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von P. Kluckhohn und R. Samuel. Stuttgart 1975 Novalis: Briefe und Dokumente. 4. Bd. hrsg. von Ewald Wasmuth. Heidelberg 1954 Novalis: Werke in einem Band. 2. Auflage. Berlin und Weimar 1984 Sekundärliteratur:
Balmes, H.-J.: Novalis. Bd. 3. Kommentar. In: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von H.-J. Mähl und Richard Samuel. Wien 1987 Fankhauser, R.: Des Dichters Sophia. Weiblichkeitsentwürfe im Werk von Novalis. In: Literatur-Kultur-Geschlecht: Große Reihe. Bd. 9. Zürich 1997
Novalis: Beitrag zu Werk und Persönlichkeit Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von Gerhard Schulz. 2., erweiterte Auflage, Darmstadt 1986 Schulz, G.: Novalis. Hamburg 1969
Uerlings, H.: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis: Werk und Forschung. Stuttgart 1991
1 Köpke, R.: Ludwig Tiecks Bekanntschaft mit Novalis. 1855. In: Novalis: Schriften. Bd. 4. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. In: Die Werke Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von P. Kluckhohn und R. Samuel. Stuttgart 1975 2 Novalis: Schriften. Bd. 4. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. In: Die Werke Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von P. Kluckhohn und R. Samuel. Stuttgart 1975. S. 86 - 87
3 Tieck, L.: Novalis´ Lebensumstände. 1815. S. 10. In: Novalis. Briefe und Dokumente. 4. Bd. hrsg. von Ewald Wasmuth. Heidelberg 1954
4 Novalis: Schriften. S. 309 5 Novalis: Schriften. S. 309 6 Novalis: Schriften. S. 308 7 Novalis: Schriften. S. 93
8 Für Fankhauser ein sehr entscheidender Brief, sie nennt ihn den ,,Lebensentwurf" des Novalis. 9 Novalis: Schriften. S. 140 10 Novalis: Schriften. S. 140
11 nach Fankhauser, R.: Des Dichters Sophia. Weiblichkeitsentwürfe im Werk von Novalis. In: Literatur-Kultur-Geschlecht: Große Reihe. Bd. 9. Zürich 1997. S. 21 ff. 12 Novalis: Schriften. S. 90 - 91 13 nach Fankhauser, R.: S. 22 ff. 14 ebenda 15 Novalis. Schriften. S. 141 16 Novalis. Schriften. S. 144 17 Novalis. Schriften. S. 144 18 Novalis. Schriften. S. 536 19 Novalis. Schriften. S. 367 20 Novalis. Schriften. S. 408 21 Novalis. Schriften. S. 587
22 Johann Christian Stark: Professor der Medizin in Jena. Er war Hausarzt von Schiller und behandelte Sophie in Jena.
23 Novalis. Schriften. S. 189 24 Novalis. Schriften. S. 25 25 Novalis. Schriften. S. 204 26 Seit 1795 war er Professor der Geschichte in Jena. 27 Novalis. Schriften. S. 206 28 Novalis. Schriften. S. 210 29 Novalis. Schriften. S. 218 30 Novalis. Schriften. S. 220 31 Novalis. Schriften. S. 222 32 Novalis. Schriften. S. 29 ff. 33 nach Fankhauser, R.: S. 44 ff. 34 Novalis. Schriften. S. 35 - 36
35 vgl. Uerlings, H.: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis: Werk und Forschung. Stuttgart 1991. S. 288 ff. 36 vgl. teils Schulz, G.: S. 135 - 137 37 vgl. Uerlings, H.: S. 278 ff. 38 Novalis. Schriften. S. 533
39 Balmes, H.-J.: Novalis. Bd. 3. Kommentar. In: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. hrsg. von H.-J. Mähl und Richard Samuel. Wien 1987. S. 67 40 Novalis. Briefe und Dokumente. 4. Bd. hrsg. von Ewald Wasmuth. Heidelberg 1954, S. 8
41 Novalis: Werke in einem Band. 2. Auflage. Berlin und Weimar 1984, S. 5 42 Kommerell, M.: Novalis: Hymnen an die Nacht. 1942 In: Novalis. Beiträge zu Werk und Persönlichkeit Friedrich von Hardenbergs. Hrsg. von G. Schulz. 2., erweiterte Auflage. Darmstadt 1986. S. 185 43 Balmes, H.-J.: Novalis. S. 70 44 Novalis: Werke in einem Band. S. 7 45 Novalis. Schriften. S. 680 46 Novalis. Schriften. S. 222
Arbeit zitieren:
Kerstin Gruihn, 2000, Novalis und Sophie von Kühn, München, GRIN Verlag GmbH
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Mimi Minder
SUPER!.
Liebe Kerstin!
Vielen allerherzlichsten Dank für deinen Vortrag zu Novalis und Sophie von Kühn, den ich nach langer Sucherei im Netz gefundne habe. Ich finde es ganz toll, wie du es schaffst, ein differenziertes Bild von Novalis zu schaffen. Ebenfalls sehr beeindruckt bin ich von deiner Interpretation der Hymnen an die Nacht. Du ermöglichst es mir, dass ich trotz Vortrags-Stress ein bisschen Freizeit beibehalten kann und nicht stunden, stundenlang über die Bücher muss (weil du das ja getan hast)! =)
Ja, liebe Kerstin, ich danke dir von Herzen für deinen tollen Beitrag. Da mein Literaturkundelehrer auch Geschichte studiert hat, wird ihm mein Vortrag, der auf deinem Skript basieren wird (danke, danke, danke) bestimmt gefallen.
Herzliche Sommergrüsse aus Bern, Schweiz
Mimi Minder
Bern, 22. Mai 2002/mi
am Wednesday, May 22, 2002-
Kerstin
Danke für das Lob!.
|Hallo Mimi,
ich freue mich sehr über Deine positive Einschätzung. Ich wußte gar nicht, daß es diese Option hier gibt. Ich gucke ab und an mal auf die Seite, um zu sehen, ob Kommentare eingegangen sind. Deiner war der erste (veröffentlicht habe ich die Arbeit ja schon vor ca. 2 Jahren). Es hat aber auch wirklich viel Spaß gemacht, in den Tagebüchern und Aufzeichnungen des Herrn v. Hardenberg (stunden- o. tagelang :-))nachzustöbern.
Na dann hoffe ich, daß Dein Referat auch gut gelaufen ist.
Herzliche Grüße aus Berlin
Kerstin
|Mimi Minder schrieb:
||Liebe Kerstin!
|
|Vielen allerherzlichsten Dank für deinen Vortrag zu Novalis und Sophie von Kühn, den ich nach langer Sucherei im Netz gefundne habe. Ich finde es ganz toll, wie du es schaffst, ein differenziertes Bild von Novalis zu schaffen. Ebenfalls sehr beeindruckt bin ich von deiner Interpretation der Hymnen an die Nacht. Du ermöglichst es mir, dass ich trotz Vortrags-Stress ein bisschen Freizeit beibehalten kann und nicht stunden, stundenlang über die Bücher muss (weil du das ja getan hast)! =)
|Ja, liebe Kerstin, ich danke dir von Herzen für deinen tollen Beitrag. Da mein Literaturkundelehrer auch Geschichte studiert hat, wird ihm mein Vortrag, der auf deinem Skript basieren wird (danke, danke, danke) bestimmt gefallen.
|Herzliche Sommergrüsse aus Bern, Schweiz
|Mimi Minder
|Bern, 22. Mai 2002/mi
am Friday, June 21, 2002-