Inhaltsangabe
1. Einleitung Seite 2
2. Der historische Hintergrund Seite 3
2.1 Die familiäre Basis Seite 3
2.2 1821-1825 (Dr. Weitershausens Lehranstalt) Seite 3
2.3 1825-1831 Seite 4
2.4 Der Beginn einer literarischen Legende Seite 5
3. Woyzeck - ein erster Überblick Seite 6
3.1 Der Protagonist einer imitatio christi Seite 6
3.2 Der Verlauf einer imitatio christi Seite 7
3.3 Rechtfertigung einer Mordtat Seite 8
4. Religiöse Details im Woyzeck Seite 9
4.1 Die Verführung zur Sünde Seite 9
4.2 Der Sündenfall Seite 13
4.3 Der Weg in den Tod Seite 15
4.4 Ein letztes Märchen Seite 15
4.5 Der Mord Seite 16
4.6 Abschließende Bemerkungen Seite 17
5. Zusammenfassung Seite 18
6. Bibliographie Seite 19
1. Einleitung
Bevor man sich mit den diversen religiösen Anspielungen im Woyzeck befasst, ist es unumgänglich, sich darüber klar zu werden, wie Büchners Position zum Christentum war und warum er aus der Bibel zitierte.
Deshalb holt diese Arbeit etwas weiter aus und nähert sich erst im späteren Verlauf dem Drama Woyzeck. Zunächst soll gezeigt werden, dass Georg Büchner nicht nur stark in christliche Denkweisen involviert war, sondern diese auch in seinen Werken einbaute und umsetzte. Zum besseren Verständnis seiner Anklage der sozialen Ungerechtigkeit, Kernpunkt seines Lebens, erkannte er bereits früh die Sprache der Bibel als vermittelndes Medium zu nutzen.
Danach soll ein eher allgemein gehaltener Teil einen ersten Überblick über die Thematik des Woyzeck unter dem Gesichtspunkt des gesetzten Thema bieten, ehe das Werk im Detail durchleuchtet wird. Grundlage hierfür ist die von Werner R. Lehman erarbeitete Lesefassung.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Woyzeck ausschließlich im Hinblick auf seine Religiosität zu behandeln, daher werden andere Deutungsansätze wie beispielsweise die offensichtliche soziale Ungleichheit oder die Unterdrückung des Individuums von Seiten der oberen Gesellschaftsschicht nicht weiter beachtet.
Der historische Hintergrund 1 2.
2.1 Die familiäre Basis
Georg Büchner (1813-1837) war seit seiner Geburt stark in christliche Denkstrukturen involviert. Sein Vater, Ernst Büchner (1786-1861), von Beruf Arzt, wird als strenger Naturwissenschaftler beschrieben, der Religion im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen eher skeptisch, distanziert und gleichgültig gegenüberstand. Caroline Büchner, geborene Reuß (1791-1858), war von Natur sehr gütevoll, freundlich und charmant. Besonders wichtig ist jedoch, dass Georg Büchners Mutter eine gläubige Christin war, weder dogmatisch noch fanatisch, sondern einfach und unangefochten in ihrem Glauben. Ihr ältester Sohn hing an ihr mit einer grenzenlosen Hingebung und wurde von frühester Kindheit an durch ihre Persönlichkeit geprägt. Büchners Mutter machte ihn bereits als kleines Kind mit deutscher Literatur und Dichtung vertraut, und lehrte ihn gemäß ihres eigenen Glaubens u.a. Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Seine Familie führte ein ruhiges Leben des gebildeten deutschen Mittelstandes, ein idealer Nährboden für das Gedeihen christlichen Gedankenguts. Interessant ist die Tatsache, dass der Pelikan, in frühchristlicher Symbolik Sinnbild aufopfernder Liebe und Ideal für jede Form christlicher Nächstenliebe, der Familie Büchner als Wappentier dient (vgl. auch Shakespeare Hamlet IV,5: Laertes „(...) and like the kind liferendering pelican, repast them with my blood“).
2.2 1821-1825 (Dr. Weitershausens Lehranstalt)
Im Alter von acht Jahren trat Georg Büchner im Herbst 1821 in die private Lehranstalt für Jungen des Theologen Carl Weitershausen (1790-1837) ein. Die Elementarschule war eine der angesehensten und fortschrittlichsten Institutionen in der damaligen Zeit und setzte die christliche Lehre, die vermutlich von der Mutter einleitend unterrichtet und vorgelebt worden war, kontinuierlich fort. So ist es zwar nicht verwunderlich, dennoch von größter Bedeutung, dass der Religionsunterricht einen Großteil der schulischen Ausbildung einnahm. Auf christlichprotestantischer Basis war Religion das einzige Fach, dass kontinuie rlich mit fast derselben Stundenzahl von der ersten bis zur fünften Klasse unterrichtet wurde. Im Gegensatz zu einer ständigen Fluktuation der Wochenstundenzahlen anderer Fächer blieb dieses Fach konstant. Gerade diese Kontinuität ist von besonderem Interesse, da sie zum Einen über lange Zeit eine solide Grundlage aufbaute und zum Anderen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert einnahm.
1 vgl. Wendy Wagner, Georg Büchners Religionsunterricht, 1821-1831, New York: Peter Lang
Publishing, 2000, S. 71
Bereits in dieser frühen Zeit lernte Büchner den Dualismus von Tugend und Laster, die jeweiligen Merkmale und die typischen Vertreter kennen: für das Laster waren die Reichen, also Könige, Herrscher, Despoten oder Wucherer angeführt. 2
Als Sohn einer gut situierten Arztfamilie kam er über die Patienten des Vaters sowohl mit den Reichen, als auch mit den Ärmsten der Armen in Kontakt. Reiche Privatpatienten und soziale Randgruppen wie Prostituierte oder Verbrecher hinterließen wohl einen bleibenden Eindruck beim jungen Büchner. Die in der Schule gelehrte sozial-religiöse Gesinnung bezüglich der Gegenüberstellung von Arm und Reich manifestierte sich mit zunehmendem Alter in seiner Bewusstseinsentwicklung und führte zu einer engagierten sozio-politischen Handlungsweise in der gesellschaftlichen Realität.
Indem die gesellschaftlichen Fronten bereits in seiner Kindheit abgesteckt wurden, bildete sich der Bodensatz für einen Konflikt. Dieser basierte auf der Diskrepanz zwischen religiöser Gesinnung und politischer Realität und stiftete zunehmend Verwirrung. Der Abgrund zwischen einem Sich-Aufbäumen-Wollen und dem Sich-Nicht-Aufbäumen-Dürfen wurde verstärkt durch das gelehrte tiefe christliche Bedürfnis zur Unterstützung der sozial Schwachen und dem ebenso tiefen Unbehagen gegenüber den wenigen, jedoch einflussreichen Mächtigen in Büchners Umfeld. Dieser Fatalismus steuerte einen Kollisionskurs an und führte zu einem explosionsartigen Ausbruch nach Beendigung der Schulzeit.
Das stete Memorieren, Rezitieren und Diskutieren der Lehren der Weisheit und Tugend (Haupt-, Lehr- und Lesebuch in Weitershausens Institut) 3 bezog dieses Denken in das Leben der jungen Schüler mit ein und legte möglicherweise den Grundstein für Büchners späteren Hass gegen die Reichen und seine tiefe Anteilnahme an der sozialen Not der Armen. Das dadurch entstandene Bewusstsein wurde durch die christlich-protestantischen Lehren und der politischen Situation im Großherzogtum Hessen in starke Spannung versetzt.
2.3 1825-1831
Im Alter von elf Jahren trat Georg Büchner am 26. März 1825 in das Darmstädter Gymnasium, das Pädagog, ein und beendete seine Schulzeit am 30. März 1831 mit 17 Jahren mit dem Abitur. Das eher rückständige pädagogisch-ideologisch geprägte Pädagog führte die religiöse Ausbildung fort. Grossen Einfluss hatte der im Frühjahr 1827 als Lehrer angestellte Heinrich Palmer (1803-1862). Der Religionslehrer begeisterte Büchner, welcher sogar eine achtseitige Sofortmitschrift ( Definitionen zur Sittenlehre) einer Predigt notierte, die zeitlich 1827/28
2 Ebd. S. 60
3 Jan-Christoph Hauschild, Schiffbruch oder Lebensplan. Büchners Vaterbeziehung im Prozeß der
Literatisierung, Büchner-Studien, 6, Frankfurt a.M.: Hain, 1990, S. 70
eingeordnet werden kann. 4 Palmer lehrte seinen Schülern: „das Christentum sei nicht eine Lehre, sondern ein Leben“. 5
Im letzten Semester an der Schule vollzog sich binnen weniger Monate eine plötzliche und radikale Veränderung im Entwicklungsprozess Büchners, die einer Revolution auf dem Gebiet der Politik, Religion und Ästhetik glich. Durch seine fortwährende intensive Beschäftigung mit religiösen Fragen erkannte er möglicherweise die engste realpolitische Verknüpfung von religiösen Einflüssen und sozialer Veränderung. Eine solche Veränderung der Gesellschaft konnte nur durch Aufklärung der Bevölkerung erreicht werden und zwar in erster Linie über die ihr vertraute Sprache der Bibel, durch die einfachen aber eindringlichen Worte des Glaubens. Die Gesellschaft sollte auf der Basis und mit den Mitteln ihrer eigenen christlichen Erziehung belehrt werden - nach dem Beispiel des großen Reformators Martin Luther. Auf dieser Basis konnte eine gesellschafts-politische Veränderung und damit eine Besserung der wirtschaftlichen Situation des Volkes bewirkt werden.
Georg Büchners aufs empfindlichste sensibilisierte soziale Bewusstsein führte zu reformatorisch-politischen Agitationen auf der Basis seiner fest verwurzelten protestantischen Schulbildung und die gesellschaftlichen Gegenpole von arm und reich lieferten den Impetus für sein soziales Engagement, den Kernpunkt seines Lebens.
2.4 Der Beginn einer literarischen Legende
Das 1825 entstandene Fragment einer Erzählung, dem Vater zugedacht beinhaltete das im Gymnasium beliebte Wasser-, Meer- und Schiffbruchmotiv, das später als Symbol des an der Gesellschaft gescheiterten Individuums und der gescheiterten Gesellschaft als solche im Woyzeck wiederholt wurde. Die sechseinhalb Jahre am Pädagog verbanden die christlichen Lehren mit dem Heroismus der Reformation. Angesichts dieser Ausbildung ist davon auszugehen, dass Büchner nicht nur eine solide, sondern eine ausgezeichnete Kenntnis der Bibel gehabt haben muss. Parallel dazu ist eine persönliche Entwicklung zu beobachten, die sich zunehmend von der Verbindung der Kirche mit der Machtpolitik distanziert. Büchner erkannte, „dass alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist“ 6 : fortan suchte er den Heroismus im Volk, also in der Masse. Im Januar 1834 erschien Der Hessische Landbote, in dem er seine konkret gewordene Überzeugung von der Notwendigkeit einer auf der Religiosität des Volkes gegründeten gesellschaftlichen Reformation darstellte und zur sozialrevolutionären Agitation aufrief. Büchner bediente sich hier vorwiegend Stellen aus dem Alten Testament, da dieses im Gegensatz zum Neuen Testament noch eine archaischere und einfachere Sprache aufweist und somit mehr dem Bildungstand der hessischen Landbevölkerung entsprach.
4 W. Wagner, Georg Büchners Religionsunterricht, S. 105 ff.
5 Ebd. S. 87
6 MA, S. 280, Brief Nr. 12
Arbeit zitieren:
Christopher Golz, 2002, Religiöse Motive und ihre Funktion in Georg Büchners Woyzeck, München, GRIN Verlag GmbH
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