Krieg führen kann, wenn der Krieg als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert und passiv oder aktiv unterstützt wird. Die Beschäftigung mit der Erziehung im Deutschen Kaiserreich zwischen den Jahren 1890 bis zum Ausbruch des Krieges 1914, die Frage, wie eine derart hohe Akzeptanz des Krieges in der deutschen Gesellschaft entstehen konnte, die in der Kriegsbegeisterung vom August 1914 zum Ausdruck kam, ist deswegen so brisant, weil Erziehung und Schule damals sowie heute noch in erster Linie der Strukturierung einer vorgeblich egalitären, in Wirklichkeit aber hierarchisch aufgebauten Gesellschaft dienen. Das Interesse der politisch Herrschenden an der Erhaltung des bestehenden staatlich-gesellschaftlichen Systems entscheidet dabei vornehmlich über die Gestaltung des Schulunterrichtes.
Dem herkömmlichen Geschichtsunterricht im Besonderen kommt dabei die Aufgabe zu, eine staatlich- nationale Identität, sowie eine mehr oder minder kritische Identifikation mit der eigenen Geschichte herzustellen. Der Geschichtsunterricht wird so in den Dienst nationaler Interessen gestellt.4 Angesichts der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, und wenn man bedenkt, welche Manipulationsmöglichkeiten in Form der Massenmedien heute bestehen, gewinnen historische Überlegungen zu den Bedingungen, die zum ersten totalen Weltkrieg geführt haben, in diesem Zusammenhang an ungewöhnlicher Aktualität. Sozialisation lässt sich nicht genau lokalisieren. Viele verschiedene Faktoren bedingen die Entwicklung vom Kleinkind zum Erwachsenen.
Erziehung findet das ganze Leben lang in der Familie, auf der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Armee, im Betrieb statt. Die Liste muss in diesem Rahmen unvollständig bleiben, Teilaspekte werden angedeutet. Der vorliegende Aufsatz versucht deutlich zu machen, wie der direkte Zugriff auf die Schule durch den Staat im Deutschen Kaiserreich mit dem Ziel der Erziehung zum Krieg erfolgte und welche geistigen Grundlagen dies ermöglichten.5
In einer Ansprache an das Kunstpersonal der Königlichen Schauspiele am 16.6.1888 bezeichnete Wilhelm II. Schule und Theater als seine "Waffen".6 Besonders dieses Verständnis Wilhelms II. von Schule als Waffe, lohnt es sich zu untersuchen. Es scheint, als hätte er schon früh nach seinem Regierungsantritt verstanden, dass nur eine langfristige Strategie, welche die Möglichkeiten von Unterricht und Bildung
ausschöpft, eine gute Chance bot, die kommende Generation so zu "programmieren", dass sie für die Zwecke nationaler und zunehmend imperialer Ziele ebenso zur Verfügung stand wie zur Abwehr politischer Umwälzung im Bereich der Innenpolitik.7
"Schon längere Zeit hat mich der Gedanke beschäftigt, die Schule in ihren einzelnen Abstufungen nutzbar zu machen, um der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken. In erster Linie wird die Schule durch Pflege der Gottesfurcht und der Liebe zum Vaterlande die Grundlage für eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu legen haben".8
Die Vorgeschichte
1906 beschreibt der Historiker Otto Hinze das Preußen des 18. Jahrhunderts als "das klassische Musterbeispiel des Militarismus".9 "Der ganze Staat, das ganze Sozialsystem" hätten durch Friedrich Wilhelm I. und Friedrich Wilhelm II. einen "militärischen Zuschnitt" bekommen. Im gesellschaftlichen und politischen Alltagsleben gewannen militärische Wertvorstellungen und Denkstrukturen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer größeren Einfluss. Führungspositionen in der Zivilverwaltung wurden vornehmlich an Reserveoffiziere vergeben. Der Titel des königlich-preußischen Reserveoffiziers war seit den 60er Jahren zur alles entscheidenden Eintrittskarte für die gute Gesellschaft geworden.10 Mit den militärischen Siegen von 1864, 1866, und vor allem 1870/71 hatte das Militär die Spitze der gesellschaftlichen Prestigeskala erreicht. Dabei sah sich das Militär, und hier besonders das Offizierskorps, welches überwiegend vom Adel gestellt wurde, eindeutig in der Rolle des Herrschaftsbewahrers nach innen und außen. Da die Aufteilung der Welt in Macht-, Ausbeutungs- und Einflussregionen zum überwiegenden Teil erfolgt war, entstand das Bewusstsein, als "Verspätete Nation" in die Weltgeschichte eingetreten zu sein. "Diese Tatsache wurde besonders in Bezug auf England, Frankreich und Russland als ungerecht angesehen, wenn man deutschen Fleiß, deutsche Tüchtigkeit, Wirtschaftskraft, Technik und Kulturbedeutung als Maßstab nahm."11 Zahlreiche Kriegervereine, der Kyffhäuser-Bund, Wehrvereine,
Kolonialvereine, der Alldeutsche Verband trugen ebenfalls dazu bei, militärische Überzeugungen und Verhaltensweisen im zivilen Leben zu sichern, welches so in einen längeren Prozess nachhaltiger Nationalisierung und Militarisierung durch militärische Umgangsformen wie schneidiges Auftreten, äußere und innere Härte und Komandosprache geprägt wurde.
In Erziehungshandbüchern lässt sich nachlesen, wie die oberste Erziehungsmaxime der Zeit lautete: "Der Wille des Kindes muss gebrochen werden, das heißt es muss lernen, nicht sich selbst, sondern einem anderen zu folgen."12 Das Kind sollte zur "Artigkeit" erzogen werden. Die gewünschten Tugenden waren: Fleiß, Korrektheit, Pflichterfüllung, Zufriedenheit ("Sei treu im Kleinen / arbeite gern / liebe die deinen / und Gott, deinen Herrn."); Gehorsam, Widerspruchslosigkeit ("Ein gutes Kind gehorcht geschwindt."); Bescheidenheit, Dankbarkeit (" Sei die Gabe noch so klein, dankbar musst du immer sein."); Demut ("Wo ich bin, und was ich tu, sieht mir Gott, mein Vater, zu."); Ordnungsliebe, Ökonomie der Zeiteinteilung ( "Halte Ordnung, liebe sie; sie erspart dir Zeit und Müh.").13 Die absolute Anerkennung der Autorität, ohne eigene Einsicht wurde gefordert:
"Zu den Ausgeburten einer übel verstandenen Philanthropie gehört auch die Meinung, zur Freudigkeit des Gehorsams bedürfe es der Einsicht in die Gründe des Befehls, und jeder blinde Gehorsam widerstreite der Menschenwürde. [...] Werden Gründe mitgeteilt, so weiß ich überhaupt nicht, wie wir noch von Gehorsam sprechen können. Wir wollen durch solche die Überzeugung herbeiführen, und das Kind, welches endlich diese gewonnen hat, gehorcht nicht uns, sondern eben nur jenen Gründen; an die Stelle der Ehrfurcht gegen eine höhere Intelligenz tritt die selbstgefällige Unterordnung unter die eigene Einsicht."14 "Das Kind soll und darf nur bittend auftreten. [...] Wo die Mutter über ihr Ja! oder Nein! (angesichts der Kinderbitten) zweifelhaft ist, da rate sie dem Kind: Geh und bitte erst den Vater, oder: Wir wollen Vater fragen."15
Die Ergebenheit unter den Willen des übermächtigen, despotischen Vaters, konnte religiöse Züge annehmen:
"Was dein Vater tut, muss uns recht sein, hab ich immer von der Mutter gehört, und vom Pfarrer: Was der liebe Gott tut, muss uns recht sein. Ob der Vater dreingeschlagen hat oder der Blitz, etwas anderes als: Duck dich! Ist mir zuletzt dabei nicht mehr eingefallen."16 Der Vater trat schlagend auf, war distanziert, Gefühle oder gar sexuelle Themen waren tabu. Kindliche Verzweiflung, die Sehnsucht nach Verständnis belegen unzählige literarische und autobiografische Beispiele: "'Vater' ist doch ein seltsames Wort, ich scheine es nicht zu verstehen. Es muss jemand bezeichnen, den man lieben kann und liebt, so recht von Herzen. Wie gern hätte ich eine solche Person!"17
Vor der Erziehung zum Krieg, steht die Erziehung zum Untertan.18 In der Familie wurden die notwendigen Tugenden für eine autoritäre Gesellschaft ausgebildet, in der Schule wurden diese verfestigt, die Schule wurde zur "Untertanenfabrik".19 Militärischer Drill und Kommandoton machten auch vor dem Schultor nicht halt. Der Unterricht erfolgte nach der Devise: "Lerne vom Militär!" "Das Hauptordnungskommando lautet 'Ordnung', dem militärischen Stillgestanden vergleichbar. "Gerade sitzen! Ruhe! Mund halten! Griffel hoch! Hände hoch! Hefte zeigt! Und nach beendigter Revision: 'Ab!'." "Die Ausführung der Kommandos muss eingeübt werden, damit dem Lehrer das Kommandieren, dem Schüler die pünktliche Befolgung zur zweiten Natur werde."20
1841 hatte Adolf Spiess (1810 - 1858) im 2. Band seiner "Lehre der Turnkunst" bereits wichtige Ziele der Kriegserziehung formuliert: Es solle "das Turnen zugleich eine Vorbereitung auf den Krieg sein."[...] "Wird auf diese Weise für die Erziehung der Jugend gesorgt, so erwächst dem Staate ein wackerer, immer sich erneuernder Kern geschickter, ordnungsstarker Untertanen für den Frieden, ein anstelliger, ausdauernder und tatenmutiger Männerschlag für den Krieg."21 Die industrielle und ökonomische Entwicklung des Reiches in den 80'er Jahren, die zunehmende Verstädterung, der wachsende Einfluss der Sozialdemokratie schufen Fakten, denen sich auch das konservative Militär nicht entziehen konnte. Einerseits war die Zahl der diensttauglichen Rekruten auf Grund der schlechten gesundheitlichen Bedingungen gesunken, andererseits gab es nach dem gescheiterten Sozialistengesetz keine Möglichkeit, die Armee vor dem Einfluss der Sozialdemokratie freizuhalten.22 Die
imperialistischen Vorstellungen waren aber nur durch ein noch stärkeres Militär durchzusetzen.
Die Berliner Schulkonferenz vom Dezember 1890 über Fragen des höheren Unterrichts und die Folgen
Vom Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten wurden vom 4. bis zum 17. Dezember 1890 Teilnehmer aus verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bereichen zu "Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts" nach Berlin eingeladen.
In Reaktion auf die Ordre Wilhelms II. vom 1.5.1889, in der dieser das Staatsministerium auffordert, "bestimmte Vorschläge zu machen", erörterten 43 Personen den neuen politischen Kurs. Dazu gehörten 7 Professoren und Oberlehrer, 13 Gymnasialdirektoren, Ministerialkomissare, Offiziere des Kriegsministeriums, der Hofprediger, der Abt zu Loccum, Pastor v. Bodelschwingh und Fabrikbesitzer. In seiner Rede zur Eröffnung der Konferenz ließ Kaiser Wilhelm II. keinen Zweifel darüber aufkommen, worum es gehe, nämlich um: "Maßnahmen, die wir zu ergreifen haben, um unsere heranwachsende Jugend den jetzigen Anforderungen, der Weltstellung unseres Vaterlandes [...] entsprechend heranzubilden."23 Für Wilhelm II. waren die bisherigen Leistungen der Schule ungenügend gewesen, das politische Ziel war verfehlt worden:
"Wenn die Schule das getan hätte, was von ihr verlangt ist, [...] so hätte sie von selber das Gefecht gegen die Sozialdemokratie übernehmen müssen. Die Lehrerkollegien hätten alle miteinander die Sache fest ergreifen und die heranwachsende Generation so instruieren müssen, dass diejenigen jungen Leute, die Mir etwa gleichaltrig sind, also von etwa 30 Jahren, von selbst das Material bilden würden, mit dem Ich im Staate arbeiten könnte, um der Bewegung schneller Herr zu werden. Dies ist aber nicht der Fall gewesen."24 Die Vorstellung des Kaisers von "jungen Leuten" als "Material" bleibt festzuhalten. Im folgenden Zitat wird noch deutlicher, was für Menschen gebraucht werden: "Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landesverteidigung erwächst. Ich suche nach Soldaten, wir wollen eine
Arbeit zitieren:
Berno Lilge, 1997, Erziehung zum Krieg im Deutschen Kaiserreich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Frauensprache - Männersprache Unterschiedliche Stilelemente im Gespräc...
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Judenverfolgung und Flüchtlingsproblematik im Dritten Reich - Darg...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Das Internet: Chancen und Risiken bezüglich neuer Informations- und Pa...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 18 Seiten
Unterrichtseinheit: Was ist ein Vulkan?
Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie
Unterrichtsentwurf, 14 Seiten
Das Ende der Verschwendung - Zur materiellen Lage der Menschheit
Hausarbeit, 13 Seiten
Preisgekrönte Kinder- und Jugendliteratur von Judith Kerr - Als Hitler...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 19 Seiten
Strategische Personalentwicklung: Förderung organisationalen Lernens
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 23 Seiten
Leistungsbewertung im Sportunterricht
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Internationaler Geschichtsbuchvergleich (Deutschland - Südafrika)
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Die Liberalen zwischen Verfassungskonflikt und "liberaler Ära&quo...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Evaluation in der Personalentwicklung
Qualitätsmanagement
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 16 Seiten
Methodische Entscheidungen bei der Unterrichtsplanung
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Seminararbeit, 30 Seiten
Hugo von Hofmannsthals Bearbeitung von Sophokles' "Elektra&qu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Berno Lilge's Text Erziehung zum Krieg im Deutschen Kaiserreich ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Berno Lilge hat den Text Erziehung zum Krieg im Deutschen Kaiserreich veröffentlicht
Berno Lilge hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare