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von Martin Stepanek
Vorwort............................................................................................................................................................ 1 1. Das gefährliche Erwachen............................................................................................................................ 2 2. Der wache Protagonist oder ......................................................................................................................... 7 Die Konfrontation mit den Lindner’schen Vorstellungen ................................................................................ 7 3. Bibliographie ............................................................................................................................................. 13
9RUZRUW
Über Kafka ist vermutlich schon alles gesagt und geschrieben worden. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht nehmen lassen, auch einen Interpretationsversuch zu wagen. In den Mittelpunkt dieser Arbeit habe ich hierbei das Thema ‘Schlaf’ gestellt, da Kafkas Konzeption von Schlaf, Traum- und Wachzustand in den meisten seiner Werke einen äußerst interessanten und nicht zu vernachlässigenden Aspekt darstellt. Im ersten Teil der Arbeit soll das Wechselspiel von Tag und Nacht, und ganz besonders deren Übergang anhand der 9HUZDQGOXQJdes 6FKORVVHVund des 3UR]HVVHVgenauer analysiert werden. Die
Reaktionen der verschiedenen Charaktere während dieses Übergangs vom Schlaf- zum Wachzustand sind hierbei von größtem Interesse. Gibt es in den drei Werken ein sich wiederholendes ähnliches Verhaltensmuster? Wie reagieren die Charaktere bei einer plötzlichen Schlafunterbrechung und gibt es eine Erklärung für ihr Verhalten? Teil zwei geht mehr von den direkten Textzitaten weg und versucht, dem Einfluß der Lindner’schen Theorie auf Kafka gerecht zu werden. Auch hierbei steht der Zustand des Schlafenden, sein Erwachen und schließlich aber auch sein Wachsein im Mittelpunkt. Anhand der Lindner’schen Konzeption von Seele, bzw. dessen Beschreibung der inneren Zuständen der Seele als Vorstellungen, soll die eigene Analyse und Interpretation des ersten Teils gestützt und weitere Einblicke in die Psyche der kafka’schen Helden geboten werden.
1
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Sowohl 'HU 3UR]H, 'LH 9HUZDQGOXQJ als auch 'DV 6FKOR beginnen mit dem Aufwachen
des Protagonisten. Gregor Samsa wird sich in seinem Bett der Tatsache seiner Verwand- lungbewußt, Josef K. wartet am Morgen im Bett auf Frau Grubach, um unmittelbar danach verhaftet zu werden und auch K.’ s Unannehmlichkeiten im 6FKORbeginnen, als er auf ei-
nem Strohsack liegend, aufgeweckt wird.
Bei diesen drei Geschichten bildet das Motiv des mehr oder minder aus dem Schlaf gerissenen eine wichtige Rolle. Kafka’ s Hauptpersonen leben bis zu diesem Zeitpunkt, soweit das durch den Handlungsablauf rekonstruierbar ist, ein mehr oder minder geordnetes, bürgerliches Leben. Gregor Samsa sorgt mit den Einkünften aus seiner Arbeit für die ganze Familie, es ist von geschäftlichen Reisen die Rede, davon, daß der Prokurist als Vorgesetzter Gregor überaus kritisch beaufsichtigt und daß Samsa aber trotz einigem Mißmut über seine Arbeitsbedingungen sehr pflichtbewußt und arbeitsam agiert. Josef K. im 3UR]H ist µDOVHUVWHU3URNXULVW¶ in ‘HLQHUJURHQ %DQN’ 1 tätiggeht also einer
Arbeit in relativ angesehener Position nach. Über Josef K.’ s Familie ist nicht viel in Erfahrung zu bringen. Neben der fürsorglichen Kusine Erna und einer von Josef vernachlässigten Mutter, spielt der um das Ansehen der Familie besorgte Onkel eine große Rolle, der Josef K. mit seinen Beziehungen zu einem Advokaten zu helfen versucht. Die Aussagen des Onkels scheinen die Annahme, daß K. ein gutbürgerliches Leben führt, zu bestätigen: µ-R VHIOLHEHU-RVHIGHQNHDQ'LFKDQ'HLQH9HUZDQGWHQDQXQVHUHQJXWHQ1DPHQ'XZDUVW ELVKHUXQVHUH(KUH'XGDUIVWQLFKWXQVHUH6FKDQGHZHUGHQ’ 2
Über K.’ s familiäres Umfeld im 6FKOR und seine berufliche Tätigkeit finden sich nur spärliche Hinweise. K. ist jedenfalls µGHU/DQGYHUPHVVHUGHQGHU*UDIKDWNRPPHQODVVHQ’ 3 . Er hat einen weiten Weg und µ)UDXXQG.LQG’ 4 hinter sich gelassen und hofft nun um an
diesem, ihm fremden Ort, Geld verdienen zu können.Ihm unterstehen zwei Gehilfen, die mit seinen Apparaten nachkommen sollen. Daß seine Berufung ans Schloß sich als Irrtum herausstellen wird bzw. auch die Gehilfen ausgetauscht wurden, kann K. zum Zeitpunkt seiner Ankunft ja noch nicht wissen.
1 Kafka, Franz. Der Proceß. Frankfurt am Main: Fischer 1994 (=Fischer Taschenbuch 12443) S.50. 2 ebd. S.98.
3 Kafka, Franz. Das Schloß. Frankfurt am Main: Fischer 1994 (=Fischer Taschenbuch 12444) S.11. 4 ebd. S.14.
2
Alle drei Charaktere leben also auf jeden Fall ein mehr oder weniger geordnetes Leben, welches mit dem Aufwachen eines Morgens jedoch jäh aus der Bahn geworfen wird. Die Protagonisten werden vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung plötzlich mit ihnen gänzlich unverständlich erscheinenden Begebenheiten und Vorstellungen konfrontiert, die ihr seelisches Gleichgewicht durch und durch aus dem Gleichgewicht bringen. Interessant ist hierbei, daß Kafka in einer im ‘Prozeß’ gestrichenen Stelle davon spricht, daß µGHU$X JHQEOLFNGHV(UZDFKHQVGHUULVNDQWHVWH$XJHQEOLFNLP7DJ¶sei’ 5
Neben den bereits erwähnten Anfangssequenzen finden wir noch einige ähnliche Passagen, in denen diese von Kafka getätigte Äußerung bestätigt wird. Im 6FKOR begegnet uns das
‘riskante Erwachen’ als K., Frieda und die Gehilfen ihre erste Nacht in der Schule verbringen und völlig unvorbereitet von der Lehrerin, bzw. den ankommenden Schülern geweckt werden. Die sprichwörtliche ‘Morgenstund’ gestaltet sich zum peinlichen und demütigenden Moment: K. und Frieda versuchen sich vor den Blicken der neugierigen Kinder zu schützen und müssen miterleben, wie ihre spärliche Raumausstattung von der aufgebrachten Lehrerin förmlich vernichtet wird.
Josef K.’ s Maler, den K. im Zuge seiner Beschäftigung mit dem Prozeß kennenlernt, berichtet ihm von den furchtbar unangenehmen morgendlichen ‘Überfällen’ eines Richters, der den Maler immer früh am Morgen aus dem Schlaf reißt, weil er gemalt werden will. µ6LHZUGHQMHGH(KUIXUFKWYRUGHQ5LFKWHUQYHUOLHUHQZHQQ6LHGLH)OFKHK|UHQZUGHQ PLWGHQHQLFKLKQHPSIDQJHZHQQIUKHUEHUPHLQ%HWWVWHLJW’ 6
Nicht nur der Maler scheint durch dieses abrupte Gewecktwerden seine Haltung zu verlieren, auch Sekretär Bürgel, der im weiteren Verlauf des Gespräches mit K. in seinem Schlaf-Arbeitszimmer einen durchaus ausgeglichenen und gefestigten Eindruck macht, gerät zunächst völlig aus der Fassung als K., nachdem er leise geklopft hat, äußerst vorsichtig die Tür öffnet und diesen im Schlaf überrascht. µ$EHUQXQHPSILQJLKQHLQOHLFKWHU6FKUHL GHU 0DQQ LP %HWW ]RJ HLQ ZHQLJ GLH 'HFNH YRP *HVLFKWDEHUlQJVWOLFKEHUHLWVLFK
Weitere Schreckmomente durch ein plötzliches Aufwachen erfahren zum einen K. selbst, nämlich in der bereits erwähnten Nacht in der Schule, als er mitten in der Nacht erwacht und bemerkt, daß der eine Gehilfe anstelle Friedas neben ihm liegt; µ(VZDUGDVGHU JU|WH6FKUHFNHQGHQHUELVKHULP'RUIHUOHEWKDWWH0LWHLQHP6FKUHLHUKREHUVLFKKDOE
5 Kafka, Franz. Die Verwandlung. Erläuterungen und Dokumente. Hg. von Peter Beicken. Stuttgart: Reclam 1987 (=UB 8155[2]) S.6. 6 Proceß: S.164. 7 ebd. S.310.
3
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Auch die Frau des Gerichtsdieners, die im Sitzungssaal im 3UR]Hmit ihrem Mann wohnt,
erzählt Josef K. von einem unliebsamen Erlebnis mit dem Untersuchungsrichter, der sie mitten in der Nacht im Schlaf überraschte. µ,FKZDUVRHUVFKURFNHQGDLFKIDVWJHVFKULHQ KlWWH’ 9 Zu guter letzt begegnet uns das Motiv der ‘aus dem Schlaf Gerissenen’ auch noch am Ende der 9HUZDQGOXQJ nämlich als Gregor Samsas Eltern am Morgen seines Todes durch das ungestüme Auftreten der Bedienerin geweckt werden. µ'DV(KHSDDU6DPVD VDLP(KHEHWWDXIUHFKWGDXQGKDWWH]XWXQGHQ6FKUHFNHQEHUGLH%HGLHQHULQ]XYHUZLQ GHQHKHHVGD]XNDPLKUH0HOGXQJDXI]XIDVVHQ’ 10
Die wiederholte Verwendung dieses Motivs wirft einige Fragen auf. Warum regieren die unterschiedlichsten Personen in den verschiedenen Geschichten alle so empfindlich auf die abrupte Störung ihres eigenen Schlafes. So gefährlich und unangenehm der Moment des Erwachens erscheint, so angenehm und beruhigend muß den Charakteren wohl der Zustand des Schlafes an sich sein. Es scheint, als ob die mit Problemen und ihnen unverständlich erscheinenden Vorkommnissen und Begebenheiten konfrontierten Protagonisten nur in den wenigen Augenblicken des Schlafes zur Ruhe kommen. Im Gegensatz zum hektischen und an den Kräften zehrenden Stunden des Alltags, hat die Schlafphase eine beruhigende Wirkung auf ihre aufgewühlten Gemütszustände und äußert sich in einer vorübergehenden Regeneration der geistigen und physischen Kräfte. Gregor Samsa z. Bsp. fühlt sich nach seinem neuerlichen Erwachen am 1. Tag der vollzogenen Verwandlung µJHQJHQGDXVJHUXKW XQG DXVJHVFKODIHQ’ 11 Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Sehnsucht nach Schlaf im 6FKOR: K. verbringt den ganzen dritten Tag und die darauffolgende Nacht im Bett, um sich von den ersten Strapazen zu erholen und genießt es, µDPQlFKVWHQ0RUJHQVHKUHUIULVFKW’ 12
aufzustehen. Gegen Ende des Fragments begegnet uns diese Sehnsucht ein zweites Mal, nämlich als K. todmüde beim Sekretär Bürgel weilt und das Erreichen des Schlafzustandes feiert:
µ:RUWIU:RUWVFKOXJDQVHLQ2KUDEHUGDVOlVWLJH%HZXWVHLQZDUJHVFKZXQ GHQ HU IKOWH VLFK IUHL QLFKW %UJHO KLHOW LKQ PHKU QXU HU WDVWHWH QRFK PDQFKPDO QDFK%UJHOKLQHUZDUQRFKQLFKWLQGHU7LHIHGHV6FKODIVDEHUHLQJHWDXFKWLQLKQ
8 Schloß: S.157.
9 Proceß: S.66.
10 Kafka, Franz. Die Verwandlung. In: Sämtliche Erzählungen. Hg. von Paul Raabe. Frankfurt am Main und Hamburg: Fischer 1970 (=Fischer Taschenbuch 1078) S. 96. 11 ebd. S.70. 12 Schloß: S.57.
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Martin Stepanek, 1998, Kafka: Das Schloss, Die Verwandlung, Der Prozess. Über die Gefährlichkeit des Erwachens und Wachseins, München, GRIN Verlag GmbH
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