- 2 -
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Situation Hegels 4
3. Die Kritik im einzelnen 4
3.1 Die Dialektik 5
3.2 Das Erkennen und der Widerspruch 7
3.3 Das Sein 8
3.4 Gott 10
4. Zusammenfassung 12
5. Literaturverzeichnis 13
- 3 - 1.Einleitung
Die Aufgabe der Philosophie ist die Erlangung des "methodisch gesicherten, systematisch durchgeführten, gedanklich geklärten" 1 Wissens um das Wirkliche. Als die Universalwissenschaft geht es der philo-sophia 2 nicht um beliebige (Tatsachen-)Wahrheiten, sondern um die wesentlichen Wahrheiten, d.h. es geht um begründete Wesenserkenntnis. Sie behandelt - im Gegensatz zu allen anderen Einzelwissenschaften - nicht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, sondern alles. Dieses zusammenhängende, begründete Wissen dringt dabei bis zu den letzten Gründen vor und findet, wie sich noch zeigen wird, seine Krönung in dem letzten bzw. ersten und absoluten Grund. So sehr es der Mutter aller Wissenschaften aber um Überzeitliches geht, sie ist nichtsdestotrotz, sofern sie vom Menschen betrieben w ird, nicht völlig von dessen Zeitlichkeit zu trennen. Dementsprechend ist die Philosophiegeschichte ein wichtiger und interessanter Teil der Philosophie, der jedoch stets der Frage nach der Wahrheit untergeordnet bleiben muß.
Es gibt in der Philosophie, wie in jeder Wissenschaft, einen erkennbaren Fortschritt, auch wenn die Fragen, im Gegensatz zu den meisten anderen Wissenschaften, stets die gleichen geblieben sind. Man darf sich nicht von den oft widersprüchlichen Lösungsvorschlägen der Vergangenheit blenden und verwirren lassen. Vieles wiederholt sich und erscheint im neuen Gewand der neuen Begriffe, ohne wirkliche neue Erkenntnis zu bringen und lange nicht jeder Philosoph hat die Philosophie "nach vorne" gebracht. Doch stehen wir in der glücklichen Position dessen, der prüfend auf viele Jahrhunderte des harten Ringens um die Wahrheit zurückschauen darf. Wir sind zwar selbst Zwerge, aber auf dem Rücken von Riesen. Das ist der nicht hoch genug einzuschätzende Wert der Tradition. Darauf beruht die gesamte philosophia perennis, die immerwährende Philosophie, die von den Zufälligkeiten des einzelnen Philosophen absehend das Wesentliche weitergibt und sich getragen weiß von dem Wissen, daß es nur eine Philosophie gibt, so wie und weil es nur eine Wahrheit gibt. 3 Die entscheidende Frage für den Leser ist nun: Welche Philosophen oder allgemeiner welche Aussagen lassen sich in die Kette der philosophia perennis einreihen und was bedeutet dies für den Erkenntniszuwachs? 4 Diese Hausarbeit will im Sinne einer Fundamentalkritik die genannte Frage in Bezug auf Hegel beantworten.
1 W. Brugger: Philosophisches Wörterbuch, S. 295
2 griech.: Liebe zur Weisheit
3 Der Satz "Es gibt mehrere Wahrheiten" setzt selbst die eine übergeordnete Wahrheit voraus.
4 Genauso interessant, aber aus Platzgründen hier nicht behandelt, ist die Frage, was aus den phil. Aussagen für
das persönliche Handeln folgt, schließlich ist der Mensch nicht nur sein Erkenntnisvermögen.
- 4 - 2.Die Situation Hegels
Die Situation in der sich Hegel im Umkreis der letzten Jahrhundertwende befand trug nachweislich zur Bildung "seiner" Philosophie wesentlich bei 5 . Im Hinblick auf diese sehr kurze inhaltliche Auseinandersetzung mit Hegel soll darauf jedoch nicht näher eingegangen werden. Angemerkt sei nur folgendes: Der deutsche Idealismus (1781-1821) zeichnet sich unter anderem durch einen ungeheuren Schöpfungswillen aus. Ihm liegt besonders an der Vermittlung, wenn nicht Synthese der extremen philosophischen Positionen und damit der Extrema selbst. Hegel denkt die seit Kant aufkommenden Ansätze am weitesten und sein System gilt deshalb zurecht als der Endpunkt des deutschen Idealismus 6 .
3. Die Kritik im einzelnen
Die Kritik der Hegelschen Philosophie stellt sich als ein so umfangreiches Unternehmen dar, daß es nicht leicht fällt, sich auf einzelne Begriffe und Sachverhalte zu begrenzen. Da dies aber doch geschehen muß, habe ich mich auf die folgenden vier Punkte konzentriert: Erstens die Dialektik, da sie das ganze Werk Hegels maßgeblich und in bisher ungekannter Weise bestimmt und beschreibt. Zweitens die Erkenntnistheorie und hier besonders die Stellung und das Verständnis des Widerspruches, wo sich besonders deutliche Kritikmöglichkeiten bieten. Drittens einen der wesentlichsten Begriffe der Philosophie seit jeher, den des Seins. In dessen Umfeld wird dann naturgemäß auch vom "Nichts" zu reden sein. Und schließlich viertens den Kronbegriff überhaupt, nämlich Gott oder wie Hegel sagen würde den absoluten Geist. Erwartungsgemäß hängen die genannten Begriffe so eng miteinander zusammen, daß eine völlige Trennung trotz der folgenden vier Unterkapitel nicht möglich ist. Ausgelassen werden unter anderem Geschichtsphilosophie, Naturphilosophie, Anthropologie sowie Ästhetik, deren allgemeine Relevanz dadurch nicht gemindert werden soll. Weiter beschränke ich mich auf die Hauptwerke Phänomenologie des Geistes, die Wissenschaft der Logik und sehr vereinzelt auf die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften.
Nun also direkt ins Herz des Hegelschen Systems, der Dialektik.
5 Vgl. z.B. R. Kroner: Von Kant bis Hegel oder N. Hartmann: Die Philosophie des deutschen Idealismus
6 Zur Frage, inwieweit der deutsche Idealismus überhaupt ein Idealismus ist siehe O. Willmann: Geschichte des
Idealismus
- 5 - 3.1Die Dialektik
Der Begriff der Dialektik 7 ist, wie kaum ein anderer, einem beträchtlichen Bedeutungswandel unterworfen worden. Verstand Platon darunter noch die aus der dialogischen Diskussion gegenteiliger Meinungen entspringende Wissenschaft, ist sie für Hegel die "absolute Methode". Sie läßt sich deshalb nicht mit dem formalistischen Schema These - Antithese - Synthese zusammenfassen, wenngleich diese drei Begriffe für sie wesentlich sind.
Wie will Hegel nun also "seine" Dialektik verstanden wissen? Ausgangspunkt ist die alte Frage, wie es Endliches und Unendliches, Allgemeines und individuell Konkretes oder etwa Notwendigkeit und Freiheit geben kann. Angestoßen von Kants Antinomienlehre bietet Hegel folgende Lösung an: Ein jedes sei dadurch bestimmt, daß es nicht ein anderes sei. Die Bestimmung sei also wesentlich Negation, Hegel nennt sie deshalb "bestimmte Negation" 8 . Die ursprüngliche These bzw. der ursprüngliche Begriff wird also durch die bestimmte Negation zur Antithese. Das besondere dieser Negation ist, daß sie einen ebensosehr positiven wie negativen Charakter haben soll. Das Resultat der Bestimmung führt dann aber zum Widerstreit bzw. Widerspruch der beiden Thesen, bei dem der Verstand nicht stehen bleiben kann. In der Synthese, der sogenannten "Negation der Negation" ist dann der Widerspruch im dreifachen Sinne "aufgehoben" 9 . Sie trägt als Keim jedoch erneut den Widerspruch in sich, so daß auch hier kein Abschluß möglich ist. Durch die vielzitierte "ungeheure Macht des Negativen" 10 bewegt sich die Erkenntnis alsbald weiter, um mit einer neuen Bestimmung wiederum einen Widerspruch zu finden usw. Hegel spricht sogar von einer Selbstbewegung, wenn es heißt: "Das, wodurch sich der Begriff selbst weiterleitet, ist das vorhin angegebene Negative, das er in sich selbst hat; dies macht das wahrhaft Dialektische aus." 11
Damit liegt der Kern der Dialektik vor uns: die "Bewegung der Begriffe" 12 . Dieser Begriffsdialektik liegt aber nach Hegel die Bewegung des Seins selbst zugrunde, wie sich bei der Behandlung der Realdialektik im Kapitel 3.3 noch zeigen wird.
Bereits hier kann jedoch die Kritik ansetzen. Wenn - wie schon Heraklid behauptet hat - alles im Fluß ist, müßte gelten: Nichts steht fest. Das wiederum ist unmöglich, da mindestens dieser Satz feststehen muß. Also ist diese insich durch und durch widersprüchliche Auffassung unhaltbar. Sehr angreifbar ist auch die Rolle der bestimmten Negation. 13 Soll die Negation nicht bloß ein unergiebiges Ausschließen des zu Negierenden aus der gesamten Wirklichkeit sein, müßten
7 von griech. dialektos "Unterredung, Gespräch"; aus dia "auseinander" und legein "sagen, sprechen, reden"
also auseinandersetzen
8 Phänomenologie S. 62; Logik I S. 36
9 im Sinne von beseitigt, erhöht und geborgen
10 z.B. Phänomenologie S. 26
11 Logik I S. 37
12 Vgl. hierzu und zum folgenden z.B. Logik II S. 214
- 6 -apriorische außerdialektische Erkenntnisse über die Wirklichkeit einfließen. Außerdem soll Minus mal Minus irgendwie nicht Plus sein. Die doppelte Negation Hegels zaubert aus der ursprünglichen Größe etwas heraus, was vorher noch nicht war.Dies führt auch auf die Rolle der Synthese. Obwohl sie dialektisch erst "am Ende" auftaucht, ist sie logisch früher. Die Synthese ist nämlich genaugenommen Finalursache der Antithese und bestimmt somit die Richtung der Negation. Ferner muß sich Hegel fragen lassen, ob die Dialektik selbst nicht auch der Bewegung unterliegt und so über die "Anti-Dialektik" zu einer Syn-Dialektik" wird usw. usf. Diese Dialektik der Dialektik führt aber zu einem "regressus in infinitum" und bietet daher keinerlei wirkliche Erkenntnis, um die es der Philosophie ja geht. Für die im doppelten Sinne haltlose Kette der dialektischen Dreierschritte findet sich aber auch in Bezug auf alle anderen Aussagen und Entitäten innerhalb des dialektischen Systems kein "Ende" 14 . Im Kapitel 3.4 wird das bei der Selbstfindung Gottes noch deutlicher werden.
Bevor auf die ontische Grundlage der Dialektik detaillierter eingegangen wird, soll im nächsten Kapitel die Rolle des Widerspruchs kritisch beleuchtet werden.
13 Vgl. für das folgende C. Hötschel S. 46ff
14 Zur Aporie des Anfangs siehe C. Hötschel S. 90 und B. Lakebrink S. 60
- 7 - 3.2Das Erkennen und der Widerspruch
Die treibende, ja schöpferische Kraft der dialektischen Bewegung sollte nach Hegel wie gesagt die "Macht des Negativen" bzw. der Widerspruch (der Thesen) sein. Dabei unterscheidet Hegel bezeichnenderweise nicht klar genug zwischen den verschiedenen Arten des Widerspruchs. Der Widerspruch, hinter dem letztlich alle anderen zurückstehen, ist der kontradiktorische 15 . Er besteht, wie das nächste Kapitel weiter ausführen wird, zwischen dem Sein und dem sog. "Nichts" und läßt keinerlei Vermittlung zu; er ist die uneingeschränkte Ausschließung. Der konträre Widerspruch (weiß-schwarz), der privative (sehend-blind) sowie der relative (Vater-Sohn) und polare (Mann-Frau) sind dagegen nur abgeschwächte Verwirklichungen des kontradiktorischen. Sie sind jeweils nur auf der Grundlage der gemeinsamen Gattungen bzw. allgemeiner des Seins möglich und weisen so immer etwas Gemeinsames auf. Diese kategorialen Gegensätze sind zwar als solche gleichzeitig und in Bezug auf dasselbe nicht zu vermitteln, gleichwohl kann, zumindest beim konträren Widerspruch, zwischen ihnen eine "Mitte" existieren.
"Kein Zweifel, daß die Dialektik die(se) Gesetzlichkeit des bloß teilnehmenden relativen Gegensatzes, die Wechselseitigkeit ihres Setzens und Aufhebens, in das Herz der Kontradiktion selbst übertrug." 16
In Hegels Dialektik sind die Negationen bis auf ihren Grund negativ und so letztlich identisch. Er spricht deshalb von der Identität der Nicht-Identitäten bzw. der Identität der Widersprüche oder der Identität von Identität und Nicht-Identität. Die Analektik 17 hingegen ist die wahre Mitte zwischen dem Hegelschen Widerspruchs- und dem rationalistischen Identitäsdenken, die jeweils einseitig sind. Es lockert die dialektische Identität des Nichtidentischen zur similis dissimilitudo. "Diese Formel ist so wenig dialektisch, daß die Unähnlichkeit die Ähnlichkeit gerade nicht aufhebt, weil beide nicht in ein und derselben Beziehung gemeint sind." 18
Was wesensmäßig "Nichts" ist, genauer gesagt nicht ist, kann unmöglich in einem Verhältnis stehen, auch nicht in einem negativen. Weder in einem logischen noch viel weniger in einem ontologischen. Die Logik gründet eben in der Ontologie. Dazu mehr im nächsten Kapitel. Zum Zusammenfall der Gegensätze (in Gott), der gern zitierten "coincidentia oppositorum" siehe Kapitel 3.4.
15 Vgl. für das folgende B. Lakebrink S. 136ff
16 B. Lakebrink S. 138; Klammer nicht im Original
17 So nennt B. Lakebrink glücklich die auf der Analogie aufbauenden Erkenntnisse und Verfahren der Scholastik.
Vgl. für das folgende besonders S. 80f
18 B. Lakebrink S. 80 und zum Veigleich Thomas v. Aquin: Summe der Theologie I.4.3.1
- 8 - 3.3Das Sein
"Sein und Nichtsein ist dasselbe" 19 lautet das Fazit Hegels und zwar aus der Überlegung, daß sowohl das reine Sein wie auch das reine Nichtsein inhalts- und bestimmungslos seien 20 . Für beide gelte weiter, daß sie nicht im Zustand des an-sich verbleiben, sondern im Setzen der Negation ihres anderen außer-sich geraten, um letztlich ineinander übergehen und "an und für sich" zu sein. Außerdem gelte: "Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend, und zwar in dem Sinne, daß dieser Satz ... die Wahrheit und das Wesen der Dinge ausdrücke." 21 Im Hegelschen System herrscht durchgehend der Primat des Negativen. Der Widerspruch und das Nichts werden zum Wesen der Dinge gemacht, insbesondere zu dem des Lebendigen, also zur Seele. In ihnen liegt laut Hegel die Kraft zur Veränderung.
Weiter heißt es: "Das Werden im Wesen, seine reflektierende Bewegung, ist daher die Bewegung von Nichts zu Nichts und dadurch zu sich selbst zurück." 22 Der Kreis(lauf) von Nichts zu Nichts ist geschlossen. Die Ontologie Hegels verdient eigentlich gar nicht den Namen, da es für Hegel genaugenommen nur Werden und kein festes, noch weniger ein ursprüngliches Sein gibt. Aristoteles hingegen fand durch die Akt-Potenzlehre die realistische "Mitte" zwischen den beiden Reduktionismen der "Alles-ist-Werden"-Philosophie Heraklids und den Eleaten, die jedes Werden leugneten und alles für Sein hielten. Die Potenz, die mehr als nur Denkmöglichkeit, aber noch nicht Sein im vollen Sinne ist, kann dabei von einem anderen Akt angestoßen selbst zum Vollsein, d.h. Akt werden.
Ganz anders als Hegels Auffassung vom Nichts ist dagegen auch die Erkenntnis der Alten: Das Sein ist und das Nichts ist nicht. Es gibt keine Alternative zum Sein. Das Nichts bezeichnet den Totalausfall des Sein(s), hat keinerlei Realität. "Das Sein ist nicht das Nichts." Das ist das erste Urteil, das der Verstand fällen und hinter das nicht zurückgegangen werden kann. Das Widerspruchsprinzip ist demnach in erster Linie Seinsprinzip und erst dann - weil die Denkenden am Sein teilhaben und das Denken auf das Sein geht - Denkprinzip. Das "nicht" bezieht sich dabei auf die Kopula. "Keinesfalls sind wir berechtigt, aus dem negativen Prinzip vom Widerspruch ein positives zu machen, indem wir das 'nicht' von der Kopula abtrennen und dem Prädikat zuweisen, so daß nunmehr dialektisch die gedoppelte Negativität zur immanenten Form des Seins selber wird: Das Sein ist das Nicht-Nichts." 23 Obwohl das erste Urteil ein negatives ist, setzt es doch das positive Sein voraus. Denken und Sein sind eben nicht dasselbe.
19 Enzyklopädie §88; Logik I S. 67
20 Siehe hierzu auch A. Arnauld: Die Logik oder die Kunst des Denkens, S. xx
21 Logik II S. 58
22 Logik II S. 13
23 B. Lakebrink S. 213
- 9 -Es bleibt die Frage: Wie kann überhaupt vom Nichts gesprochen werden, wenn es doch der einzig leere Begriff ist, hinter dem eben real nichts steht? Die Lösung liegt in der überragenden Kraft des Verstandes 24 . Er stellt im Gegensatz zum ungeistigen Sein solch eine Macht dar, daß er nicht nur relativ verneinen kann (ich bin heute/morgen nicht mehr so stark wie gestern), sondern auch das gesamte Sein leugnen kann. Dem Nichts wird sein "ens rationes" dabei jedoch nur vom seienden Verstand geliehen. Es bleibt damit stets rückgebunden an das Sein. Thomas von Aquin sagt das so: "Non ens non habet ex se ut sit verum, sed solummodo ex intellectu apprehendente ipsum" 25 . Was nicht ist, kann auch nicht wirken und damit auch nicht verneinen. Es gelten die scholastischen Erkenntnisse: "Ex nihilo nihil fit" und "Agere sequitur esse". Alles andere wäre reine Paradoxie und Irrationalismus und verließe augenblicklich den Boden der Philosophie. Das Sein hängt somit in keiner Weise vom Begriff des Nichts ab, da es keine Notwendigkeit zur Verneinung gibt und das Sein keine Bestimmung oder Bereicherung nötig hat bzw. eine solche gar nicht möglich ist. Wie steht es nun aber mit dem absoluten Sein und in welchem Verhältnis steht es zum bisher Gesagten. Eine Klärung versucht das letzte Unterkapitel.
24 Vgl. zum Folgenden B. Lakebrink S. 138ff
25 Summe der Theologie I.16.7.4
- 10 - 3.4Gott
"Gott ist Geist". Darin sind sich Hegel, die abendländische Philosophietradition und die Bibel 26 einig. Was das jedoch im Hinblick auf sein Verhältnis zur Welt sowie sein Wesen bedeutet, da scheiden sich die Geister.
Für Hegel steht der "absolute Geist" am Ende einer Entwicklung 27 , die das System in der absoluten Dialektik beschreibt. Das Absolute setzt sich demnach in sein Außersichsein, in sein "Fürsichsein", um dann in einer ewigen Rückkehr zu sich selbst vollendet zu werden. Gott soll sich demnach stufenweise über Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Geist zum absoluten Geist läutern. "Als der Geist, der weiß, was er ist, existiert er früher nicht und sonst nirgends als nach Vollendung der Arbeit, seine unvollkommene Gestaltung zu bezwingen, sich für sein Bewußtsein die Gestalt seines Wesens zu verschaffen und auf diese Weise sein Selbstbewußtsein mit seinem Bewußtsein auszugleichen." 28
Wie schon im Kapitel 3.3 wird deutlich, daß Hegel dem Nichts schöpferische Kraft zusprechen will und so eine Entwicklung (Evolution) vom Niederen aus sich selbst zum Höheren postuliert. Dies ist jedoch unmöglich. Ohne eine äußere Wirk- bzw. Zielursache bleibt jede Höherentwicklung letztlich unerklärt. Die einzige Erklärung bietet die Akt-Potenz-Lehre Aristoteles'. Nur die Erkenntnis Gottes als actus purus, als reinem Akt, ermöglicht ein Verständnis des geschöpflichen Werdens. Gott ist ohne jeden Mangel, ohne jegliche Potenz. Er hat auch nicht, sondern ist immer. Als der unbewegte Beweger, die prima causa und das vollkommene Sein ist jedwede (Wesens-)änderung völlig ausgeschlossen. Bei Hegel steht genau betrachtet die Potenz am Anfang und doch soll ihr die Leistung eines freien Aktes zukommen.
Diese sowie andere Widersprüchlichkeiten, die Gott zugesprochen werden sollen, lassen sich auch nicht durch dessen Unendlichkeit und den Verweis auf die coincidentia oppositorum 29 ausräumen. Der Zusammenfall des (scheinbar) Widersprüchlichen meint nämlich nur, daß bei Gott nicht-kontradiktorische Gegensätze nicht auftreten, da bei ihm nichts ontologisch und moralisch Positives ausgeschlossen ist. Gott ist in jeder Hinsicht vollkommen, er ist das Sein, das ens a se. Im Gegensatz dazu hat alles geschöpfliche Sein nur teil am Sein. Seine Existenz hat es nur verliehenerweise von Gott. Der Begriff der Teilhabe steht im Gegensatz zu Hegels System nicht in der Gefahr, durch einen Monismus oder Panlogismus die Transzendenz Gottes zu nivellieren. Er ist der einzige, der wirklich zwischen dem Über-Endlichen und dem Endlichen vermittelt.
26 Johannes 4, 24
27 Vgl. z.B. Logik II S. 490ff
28 zitiert nach C. Hötschel, S. 120
29 Vgl. dazu die Ausführungen von Nikolaus von Kues
- 11 -Der Tradition der philosophia perennis ist klar, daß, wenn es das Bedingte gibt, das Absolute sein muß. Dabei wird auch der Begriff des "Absoluten" nicht inflationär abgewertet und verwischt, wie es bei Hegel der Fall ist 30 . Absolut 31 bedeutet bekanntlich "von nichts abhängig, vollständig unbedingt". Gerade das ist der Gott Hegels aber nicht. Hegels Gott ist fried- und ruhelos, letztlich unfrei, muß sich selbst erst noch finden, erkennen und verwirklichen 32 .
Die Tradition jedoch weiß Gott als den Transzendenten, der nicht Ziel seiner selbst, sondern Ziel der Schöpfung ist. Sie erkennt die bedingte Selbst-Ständigkeit des Endlichen, ohne die kein echtes Verhältnis möglich wäre.
30 z.B. Phänomenologie S. 162 (abs. Empirismus), S. 173 (abs. Flüssigkeit), S. 341 (abs. Unwesentlichkeit des abs.
Wesentlichen)
31 von lat. ab "weg" und solvere "lösen, trennen"
32 Siehe u.a. Logik II S. 504
- 12 - 5.Zusammenfassung
Trotz der ohnehin stark zusammenfassenden Behandlung der Philosophie Hegels an ausgewählten Hauptbegriffen soll ein abschließendes Resümee und Urteil gewagt werden. Die Fragen Hegels sind die Fragen der Philosophie seit jeher. Es geht um das Endliche und das Überendliche, das Absolute und das Kontingente, das Sein allgemein und sein Verhältnis zum Erkennen und vieles mehr. Die Antworten unterscheiden sich jedoch grundlegend von denen der bewährten abendländischen Tradition. Nicht nur, daß die wesentlichen Begriffe einen anderen Inhalt bekommen sollen, sondern mehr noch: die grundsätzlichen Erkenntnisse wie die Gottes als ens a se und actus purus, die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Akt und Potenz überhaupt, der Teilhabe-Gedanke, das Verständnis des "Nichts", der Analogie sowie des Widerspruchs werden allesamt verworfen. Mag dialektisches Denken im gesellschaftlichen Entscheidungsfindungsprozeß bedingt sinnvoll sein, als durchgehendes Prinzip alles Seienden hat sich die Dialektik als unhaltbar erwiesen.
Hegel kann unmöglich zur philosophia perennis gezählt werden. Er fängt die Philosophie damit mehr oder weniger noch einmal von vorne an und rühmt sich zudem, sein System sei das end-gültige und absolute. Wie anders ist dagegen die Tradition, die das Erbe von Sokrates, Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Franz Suarez und anderen bewahrt, prüft, anpaßt und erweitert. Keiner sagte sich von allen los und hielt seinen Erkenntnisstand für den letzten. An die Lösung der großen Fragen und die Vermittlung des auf den ersten Blick Unvereinbaren ging man mit Beharrlichkeit und Demut. Für das Geheimnis und den Glauben blieb man offen. Dagegen bleibt festzuhalten, daß Hegel die Vermittlung der scheinbaren Gegensätze nicht gelungen ist. Durch die "Identität der Nicht-Identitäten" und die Identität von Sein und Nichts heben sich nicht nur die Probleme, sondern auch das ganze System der Antworten selbst auf. Die oft undurchsichtigen und langen Formulierungen können dies letztendlich auch nicht verbergen. Ernest Hello bezeichnete deshalb zurecht den Irrtum Hegels als den Irrtum in seiner letzten Vollendung 33 . Man kann es auch abschließend mit den Worten Richard Kroners 34 sagen: "Hegel ist ohne Zweifel der größte Irrationalist, den die Geschichte der Philosophie kennt" 35 .
33 Vgl. dazu auch F. Hoh, S. 78ff
34 obwohl dieser es weniger negativ verstanden haben wil
35 R. Kroner: Von Kant bis Hegel, S. 271
- 13 - Literaturverzeichnis
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eine Einleitung erweiterte Auflage, Darmstadt 1994 Brugger, Walter: Philosophisches Wörterbuch, 21. Auflage, Freiburg 1992 Cramer, Wolfgang: Gottesbeweise und ihre Kritik - Prüfung ihrer Beweiskraft, Frankfurt am Main
1967
Deku, Henry: Wahrheit und Unwahrheit der Tradition, Ottilien 1986 Die Heilige Schrift, revidierte Elberfelder Fassung, dritte Sonderauflage, Wuppertal 1992 Hartmann, Nicolai: Die Philosophie des deutschen Idealismus, 2. unveränderte Auflage, Berlin 1960 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, neu hrsg. von Hans-Friedrich Wessels
u. Heinrich Clairmont, Philosophische Bibliothek Bd. 414, Hamburg 1988
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik (I+II), Theorie Werkausgabe, Frankfurt am
Main 1969
Hermann, Ursula: Knaurs Herkunftswörterbuch, München, 1982
Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie, Sonderausgabe der 13. Auflage, Freiburg 1991 Hötschl, Calixt: Das Absolute in Hegels Dialektik - Sein Wesen und seine Aufgabe, Paderborn 1941 Hoh, Friedrich: Ernest Hello - Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie - und
Zeitkritik, Dissertationsschrift an der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1958 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Hrsg. Raymund Schmidt, Hamburg 1993 Kantische und scholastische Einschätzung der natürlichen Gotteserkenntnis, I. Band, 5. Heft in:
Philosophie und Grenzwissenschaften - Schriftenreihe hrsg. von Innsbrucker Institut für scholastische
Philosophie, Innsbruck 1925
Kroner, Richard: Hegel - Zum 100. Todestage, Tübingen 1932 Kroner, Richard: Von Kant bis Hegel, 2. Auflage - 2 Bände in einem, Tübingen 1961 Lakebrink, Bernhard: Hegels dialektische Ontologie und die thomistische Analektik, Köln 1955 (dieses
Buch ist gemeint, wenn die Fußnoten B. Lakebrink angeben!)
Lakebrink, Bernhard: Kommentar zu Hegels "Logik" in seiner "Enzyklopädie" von 1830, Band 1: Sein
und Wesen, Freiburg / München 1979
Lakebrink, Bernhard: Studien zur Metaphysik Hegels, Freiburg 1969
Meyer, Hans: Thomas von Aquin - Sein System und seine geistesgeschichtliche Stellung, Bonn 1938 Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie in 2 Bänden, Frankfurt/Main 1983 Thomas von Aquin: Fünf Fragen über die intellektuelle Erkenntnis, übers. u. erkl. von Eugen Rolfes,
Hamburg 1986
Thomas von Aquin: Summe der Theologie, deutsch-lateinische Ausgabe, hrsg. vom kath. Aka-demikerverband, Salzburg, 1934
Willmann, Otto: Geschichte des Idealismus, Band 1 (1973), Band 2 (1975), Band 3 (1979), Aalen
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