Universität Lüneburg Sommersemester 2002
Veranstaltungsnummer: Bereich: Abgabetermin: 24. Mai 2002
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Maik Philipp
E-Mail:
Studiengang:
Angewandte Kulturwissenschaften
Fachsemester: 2
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Betriebswirtschaftslehre (HF) Sprache und Kommunikation (HF) Kulturinformatik (NF)
1
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Einleitung 1
1 Mitchells „pictorial turn“ - Theorie und immanente Probleme 2
2 Die bislang friedliche Koexistenz von Sprache und Bild 5
3 Mehr als tausend Worte? Sprache und Bild als Komplemente und Kontrahenten 6
4 Ist die Substitution der Sprache durch Bilder möglich? 7
5 Die Triade Bilder, Macht und Manipulation. 9
5.1 Ein Exempel lügender Bilder: Stalins Bilderregime 9
5.2 Die Kontinuität der Bildmanipulationen in den Medien. 11
Fazit 15
Literaturverzeichnis 17
Abbildungsnachweis 20
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Die Kultur des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts wird als „visuelle Kultur“ bezeichnet: Ä:LUOHEHQLQHLQHPYLVXHOOHQ=HLWDOWHUHLQHP=HLWDOWHUGHU%LOGHU³
# In
einer Spirale wachsen die Bilderflut auf der einen Seite und die Bedürfnisse der Rezipienten nach mehr Visuellem. Diese Ä:HQGXQJ]XP%LOG[…]ILQGHWNRQWLQXLHUOLFKXQGPLWJURHP 7HPSR VWDWW³ Das Phänomen, das die visuelle Kultur forciert, wird als ÄSLFWRULDO WXUQ³
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bezeichnet, ein Ausdruck, den der Literaturwissenschaftler William John T. Mitchell im Jahr 1997 aufs Tableau brachte.
Bilder in ihrer Eigenschaft, optisch und zweidimensional Inhalte zu (re)präsentieren, haben zu einer ÄXWRSLVWLVFKHQ6SHNXODWLRQVZXWEHUGLHHUO|VHQGHXQGXPZlO]HQGH0DFKWGHU%LO GHU³ im weltweiten wissenschaftlichen und interdisziplinären Diskurs geführt. Ä6WLFKZRUWH
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ZLH Ã6LPXODWLRQµ Ã,PPDWHULDOLWlWµ Ã6HKHQ RKQH %OLFNµ Ã8QLYHUVXP GHUWHFKQLVFKHQ %LOGHUµ Ã8QVLFKWEDUNHLWGHU:HOWµÃ+\SHUVLFKWEDUNHLWµDJLWLHUHQGLH'HEDWWLHUHQGHQ³
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So ausführlich der Dialog ist, so skurril erscheint er angesichts Mitchells Aussage, dass wir heute
Ä[…] LPPHU QRFK QLFKW JHQDX ZLVVHQ ZDV %LOGHU VLQG LQ ZHOFKHP 9HUKlOWQLV VLH ]XU 6SUDFKHVWHKHQZLHVLHVLFKDXI%HREDFKWHUXQGGLH:HOWDXVZLUNHQZLHLKUH*HVFKLFKWH ]XYHUVWHKHQLVWXQGZDVPLWLKQHQE]ZJHJHQVLHJHPDFKWZHUGHQNDQQ³
(
Dem Phänomen des „pictorial turn“ und einer kritischen Beurteilung will sich diese Hausarbeit widmen. Zunächst wird Mitchells Theorie des „pictorial turn“ dargelegt. Daran knüpfend werden Sprache und Bild als Koexistenten, Komplementäre und Rivalen dargelegt. Es folgt eine Diskussion der Frage, ob das Bild die Sprache ersetzen kann, und die kurze Illustration bislang vorgenommener Versuche. Im Anschluss werden ältere und aktuelle Fälle der Machtschöpfung durch Bilder, vornehmlich durch Fotografien, vorgestellt. Das Fazit bündelt Kerngedanken und fasst den Inhalt der vorangegangenen Kapitel zusammen.
1 Rehkämper, Klaus; Sachs-Hombach, Klaus: Einleitung. In: dies.: Bild - Bildwahrnehmung - Bildverarbeitung. Interdisziplinäre Beiträge zur Bildwissenschaft. 1. Aufl., Nachdr. Wiesbaden 2000, S. 9 - 11, S. 9. 2 Holert, Tom: Gelenkte Visualität. In: ders. (Hg.): Imagineering. Visuelle Kultur und Politik des Sichtbaren. Köln 2000, S. 13.
3 Mitchell, William John T.: Der Pictorial Turn. In: Kravagna, Christian (Hg.): Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur. Berlin 1997. S. 15 - 40, S. 15.
4 ders. In: Schöllhammer, Georg: Was wollen Bilder? Ein Gespräch mit W. J. T. Mitchell von Georg Schöllhammer. Juni 1998. In: Springerin (Hg.): Widerstände. Kunst - Cultural Studies - Neue Medien. Interviews und Aufsätze aus der Zeitschrift Springerin 1995 - 1999. Wien 1999, S. 156 - 163, S. 157. Zit. nach: Holert, Tom: Bildfähigkeiten. Visuelle Kultur, Repräsentationskritik und Politik der Sichtbarkeit. In: ders. (Hg.) 2000, S. 14 - 33, S. 19. 5 Ibd. 6 Mitchell (1997), S. 17.
1
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7 Wie weit sich das Theorem des „ linguistic turn“ interdisziplinär internalisiert hat, zeigt exemplarisch folgende Äußerung:
9 @ B A C ¥ D F E H G A P I C ¢ Q ¨ C ¨ C H A S R C T ¨ A W V U X A ` Y a A C ¥ D c bd C e X Df A 4 U g A c E G C A ¨ h H e P i D c pA W e q pA r V W A ` Y s A ¨ D C ¨ C bd H A e F h q R ¨ A T F U 4 e q pA 0 D ¢ pA X Df 4 U g A c E G A ¨ h C ¢ T A ¨ A P C e H t i
(Maturana, H. R.: Autopoiestische Systeme: Eine Bestimmung der le- e u ¥ U g E v A G x w U ¢ A ¢ u F Y a A C ¥ h ¨ i e D y c pA R ¥ A T U D c pA X Df 4 U g A c E A G C H F
bendigen Organisation. In: ders.; Varela F. J. (Hg.): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung der Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten zur Biologischen Epistomologie. Braunschweig 1982. S. 264. Zit. nach: Stengel, Martin: Psychologie der Arbeit. Weinheim 1997. S. 63.) 8 Mitchell (1997), S. 15.
9 A. a. O., S. 16. - Interessanterweise hatte Wittgensteins Theorie des Sprachspiels (vgl. auch die Parallele zu Nietzsches Aussage über den zwanghaft interpretierenden Umgang des Menschen in der Umwelt) maßgeblichen Anteil am „ linguistic turn“ . 10 Ibd.
11
Ibd. - Wittgensteins Umgang mit Bildern und Mitchells Interpretation sieht Thomas Hölscher kritisch. Er schreibt mit direktem Verweis auf Mitchell:
W pe H A 8 i U C q Y D ¢ b
Hombach (Hg.) (2000), S. 89 - 93, S. 89f.) Vielmehr stehe Wittgenstein
b pD F E S u G ¥ C P i e H C b
Wittgenstein als bilderfeindlichen gedanklichen Urheber des „ pictorial turn“ anzuführen ist demnach fragwürdig. 12 A. a. O., S. 18.
13 Vgl. Giesecke, Michael: Buchdruck in der frühen Neuzeit. In Bielefelder Universitätszeitung 19 (1989), H. 155, S. 15 - 18, S. 15.
2
RULHQYRQ5HSUlVHQWDWLRQRGHUHLQHHUQHXHUWH0HWDSK\VLNYRQSLNWRUDOHUÃ3UlVHQ]µGDUVWHOOW Im Gegenteil avancieren Bilder als etwas zwischen „ Anomalie“ und „ Paradigma“
# & [… ]³
zum Gegenstand einer neuen Wissenschaft, der „ Ikonologie“ . 15 Die bislang marginalisierte Disziplin Kunstgeschichte könnte sich damit
Ä[… ]LQHLQH3RVLWLRQGHVLQWHOOHNWXHOOHQ=HQWUXPVZDQGHOQLQGHPQlPOLFKSO|W]OLFKGLH DQGHUHQ+XPDQZLVVHQVFKDIWHQYRQLKUHLQH(UNOlUXQJLKUHVJUXQGOHJHQGHQWKHRUHWLVFKHQ *HJHQVWDQGVHUZDUWHQ±HEHQYRQYLVXHOOHU5HSUlVHQWDWLRQ±GLHGLHVH'LV]LSOLQHQGDQQ YHUZHQGHQN|QQHQ³l
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Dies scheint geboten angesichts einer ÄEOHQGHQGHQ XQG EHWlXEHQGHQ %LOGHUIOXW³ derer
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sich die Rezipienten tagtäglich ausgesetzt sehen. Radikal gesprochen, führt jene Bilderflut Ä]XUVHPLRWLVFKHQ9HUVFKPXW]XQJGHU8PZHOW³
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Als das erste Problem der „ Ikonologie“ stellt sich bereits die Abgrenzung ihres Forschungsgebietes dar. Ä'HU%LOGEHJULIIHUVWUHFNWVLFKDXIHLQHQDXHURUGHQWOLFKKHWHURJHQHQ3KlQR PHQEHUHLFK [… ]³
# g 6 : Kunst, Wissenschaft, Technik, Fotografie, geografische Karten, Piktogramme, Computersimulationen sind nur einige Bereiche, 20 die die „ Ikonologie“ abdecken müsste. Im Mikrobereich sind die gleichen Schwierigkeiten anzutreffen, wie Mitchell selbst zugibt: Es ist unbekannt, was ein Bild ist. 21 Sicher scheint nur Folgendes: Ä%LOGHU E]Z ELOGOLFKH 'DUVWHOOXQJHQ VLQG HLQ EHVRQGHUHU 0RGXV V\PEROLVFKHQ $XV GUXFNVGHQGLH6\PEROWKHRULHYRUDOOHPJHJHQEHUGHU6SUDFKHDE]XJUHQ]HQYHUVXFKWH .HLQHUGHUELVODQJJHPDFKWHQ9RUVFKOlJHLVWMHGRFKSUREOHPORV³n
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Sicherlich liegt es ebenso an der absenten Definition bzw. Definierbarkeit, ÄGD%LOGHUHLQH VRQGHUEDUH5HLEXQJVIOlFKHXQG$QOD]X8QEHKDJHQLQHLQHUEUHLWHQ9LHOIDOWYRQLQWHOOHNWXHO OHQ8QWHUVXFKXQJHQVLQG³ Dieses Unbehagen offenbart sich exemplarisch darin, wenn aus
dem Irak-Krieg und „ Desert Storm“ dank CNN ein ÄVSHNWDNXOlUHV)HUQVHKPHORGUDP³
gefährlichem und perfidem Märchen-Charakter wird. Bilder, Manipulation und Macht bilden eine Triade, nicht erst seit dem „ pictorial turns“ , der Manipulation durch Bilder jedoch forciert.
Die Wende zum Bild birgt ferner die Erkenntnis, dass, ÄREJOHLFKVLFKGDV3UREOHPGHUELOG
14 Mitchell (1997), S. 18.
15 Vgl. a. a. O., S. 17. 16 Ibd.
17 Flusser, Vilém: Bilderstatus. In: ders.: Die Revolution der Bilder. Der Flusser-Reader zu Kommunikation, Medien und Design. Mannheim 1995, S. 81 - 95, S. 83.
18 Posner, Roland; Schmauks, Dagmar: Die Reflektiertheit der Dinge und ihre Darstellung in Bildern. In: Rehkämper, Sachs-Hombach (Hg.) (2000), S. 15 - 31, S. 27. 19 Plümacher, Martina: Sinn der Bilder. A. a. O., S. 49 - 58, S. 50f.
20 Vgl. a. a. O., S. 51. - Die Autorin führt hier einige weitere Beispiele auf.
21 Vgl. Mitchell (1997), S. 17. 22 Plümacher (2000), S. 50. 23 Mitchell (1997), S. 16f. 24 A. a. O., S. 18.
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Maik Philipp, 2002, Mehr als 1000 Worte - Die Emanzipation der Bilder: Mitchells pictoral turn, München, GRIN Verlag GmbH
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