Universität Leipzig Institut für Philosophie
Hauptseminar
Brentanos Philosophie des Geistes
Wintersemester 2001/2002
Die Grundlegung der Psychologie vom empirischen Standpunkt von Franz Brentano
Katja Beitat
6. Fachsemester Philosophie Magister Nebenfach
Gliederung
1. Einleitung 03
2. Ausgangspunkt Brentanos
04
2.1 Eingrenzungen des Begriffes Psychologie 04
2.1.1 Aristotelisches Verständnis 04
2.1.2 Brentanos Verständnis 05
2.2 Die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen 06
3. Höhergestelltheit der Psychologie gegenüber Naturwissenschaften
07
3.1 Unterscheidungen der physischen und psychischen Phänomene 07
3.2 Abgrenzung und Wechselbeziehungen zwischen den Wissenschaften
08
3.3 Praktische Bedeutungen der Psychologie 09
3.4 Die Psychologie im Haus der Wissenschaften 09
4. Kritische Anmerkungen 10
5. Ausgewählte Rezeptionen und Standpunkte zu Brentanos Psychologie
vom empirischen Standpunkt 11
5.1 Die Rezeption Brentanos in den spanischsprachigen Ländern 12
5.2 Rezeption Franz Brentanos in Russland 13
6. Fazit 14
Literaturverzeichnis 15
2
1. Einleitung
Zur Entwicklung der Grundlagen der heutigen Psychologie als eine Wissenschaft hat Franz Brentano mit seinem 1874 erstmals veröffentlichten Buch Psychologie vom empirischen Standpunkt erheblich beigetragen. Seien seine Ansichten und Methoden teilweise umstritten und kritisiert, so sind einige seiner damaligen Überlegungen noch immer aktuell. Zeichen dafür sind beispielsweise die noch heute regelmäßig erscheinenden Brentano-Studien, welche zu den verschieden Schriften aus dem Gesamtwerk Franz Brentanos sowie deren Rezeption interessante Stellungnahmen enthalten. Brentano verfolgte ein ehrgeiziges Ziel mit seinem Buch sowie der acht Jahre später veröffentlichten Abhandlung über eine deskriptive Psychologie. Er wollte den Grundstein für eine zwar nicht neue, aber neu aufgebaute und strukturierte Wissenschaft legen, verschiedene Ideen und Meinungen, die bis dahin entwickelt wurden, sollten miteinander vereint oder endgültig widerlegt werden. Die Psychologie vom empirischen Standpunkt war der
„Versuch einer Neubegründung der Psychologie als philosophische Grunddisziplin, welche psychische Phänomene empirisch-deskriptiv und auf wissenschaftlich gesicherten Fundamenten erforschen soll.“ 1
In dieser Arbeit soll im ersten Teil die Eingrenzung und Aufgabendefinition der Psychologie, wie Brentano sie vornahm, vorgestellt werden. Vor allem der strikte Versuch der Abgrenzung zu den Naturwissenschaften sowie zwischen physischen und psychischen Phänomenen soll dabei im Vordergrund stehen. Zwar waren gerade die zu diesem Zeitpunkt weit entwickelten Naturwissenschaften und deren methodischer Apparat Vorbild für eine wissenschaftliche Psychologie, allerdings ging Brentano davon aus, dass die Psychologie ihre Methodik und Ausrichtung ihrem Untersuchungsgegenstand, nämlich den psychischen Phänomenen und deren Eigenarten, anpassen sollte. Und diese ist nach Brentanos Auffassung grundsätzlich verschieden von den Erkenntnisgegenständen der Naturwissenschaft, den physischen Phänomene, sowohl in deren Natur, als auch in der Art, wie wir zu Erkenntnissen darüber gelangen können. 2
Im zweiten Teil sollen einige ausgewählte Rezeptionen und Stellungnahmen zu Brentanos Psychologieentwurf gegenübergestellt und diskutiert werden. 3
1 Volpi (1989), S. 13.
2 Grundlage des ersten Teiles der vorliegenden Arbeit ist vorrangig das 1. Kapitel des ersten Buches „Psychologie vom empirischen Standpunkt aus“.
3 Die Quelle dafür sind die seit 1988 erscheinenden gesammelten Aufsätze, die in den Brentano
3
2. Ausgangspunkt Brentanos
Brentano veröffentlichte 1874 seine ersten beiden Bücher zu der Psychologie vom empirischen Standpunkt. Zu dieser Zeit war die Psychologie noch immer Teil philosophischer Betrachtungen. Dies sei im voraus bemerkt, denn es ist zum Verständnis des von Brentano gewählten Ausgangspunktes und seiner Argumentationsweise entscheidend.
„Noch immer besteht etwas von dem Wahne, dass man in der Philosophie anders als auf allen übrigen Wissenschaften arbeiten dürfe.“ 4 Sein Ziel war es, eine gesicherte Grundlage zu schaffen, die eine wahre und gesicherte Lehre ermöglicht. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten unterschiedlichste Konzepte und Ideen hinsichtlich der Psychologie nebeneinander. Brentano versuchte nun aus den vielen Psychologien, die eine wahre und auf gesicherten Grundlagen basierende, zu entwickeln. Als Orientierung dienten ihm dabei die Naturwissenschaften. Er schrieb in seinem Vorwort:
„Wir müssen hier das zu gewinnen trachten, was die Mathematik, Physik, Chemie und Physiologie, [...], schon erreicht haben; einen Kern allgemeiner Wahrheit, an welchen dann bald, durch das Zusammenwirken vieler Kräfte, von allen Seiten her neue Kristalle anschließen werden. An die Stelle der Psychologien müssen wir eine Psychologie zu setzen suchen.“ 5
Er baute seine Überlegungen nach eigenen Aussagen auf den Schriften von Mill, Bain, Fechner, Lotze und Helmholtz auf. Dabei möchte er die Psychologie als eine Wissenschaft auf Grundlage der Erfahrung, somit als eine empirische, begründen.
2.1. Eingrenzung des Begriffes Psychologie
2.1.2. Aristotelisches Verständnis
Aristoteles bezeichnete in seiner Einteilung der Wissenschaften die Psychologie als die Wissenschaft von der Seele. Was Seele in seinem Verständnis umfasst und bedeutet, gilt es näher zu erläutern. Seele war nach seiner Ansicht die Natur, gleichbedeutend mit allem Lebendigen. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es zu Leistungen, wie wachsen, nähren, empfinden oder auch denken, fähig ist Damit schloss Aristoteles das Pflanzenreich als Lebendiges und eine Seele besitzend mit ein. Die Psychologie als Wissenschaft der Seele in diesem weiten Verständnis,
Studien veröffentlicht sind.
4 Franz Brentano. Zitiert in: Hedwig (1988), S. 31.
5 Brentano (1874), S. 2.
4
Arbeit zitieren:
Katja Beitat, 2002, Die Grundlegung der Psychologie vom empirischen Standpunkt von Franz Brentano, München, GRIN Verlag GmbH
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