Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Hausarbeit, 1999, 23 Seiten
Autor: Uta Nowak
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Details
Jahr: 1999
Seiten: 23
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-07460-5
Dateigröße: 152 KB
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Volltext (computergeneriert)
MANUALDie Gawan-Bücher in Wolfram von Eschenbachs ,,Parzival,, - Funktion und Bedeutung
1 EINLEITUNG 2
2 ,,DER TAVELRUNDER HÔHSTER PRÎS,,: EINE CHARAKTERISIERUNG GAWANS 3
3 GAWANS VERHÄLTNIS ZUM KAMPF 6
3.1 Das siebte Buch: Ein Wegweiser - Gawan kämpft für Obilot 9
4 GAWANS AFFINITÄT ZUR MINNE 11
4.1 Antikonie 11
4.2 Orgeluse 14
5 GAWAN ALS ERLÖSER: DIE ABENTEUER AUF SCHASTEL MARVEIL 19
6 RESÜMEE 21
1 Einleitung
Der ,,Parzival,, des Wolfram von Eschenbach ist ein bemerkenswertes Werk.
Interessant ist vor allem, daß von seinen 16 Büchern sieben hauptsächlich
,,des maeres herren,, Parzival zum Thema haben, während ebensoviele Gawan als
Hauptfigur behandeln. Dieses Novum der Erzähltechnik wirft viele Fragen auf.
Aus welchem Grund fügt Wolfram eine zweite eigenständige Erzählung in sein
Werk ein? Warum haben die Gawan-Bücher solche Ausmaße? Welche Funktion kommt
ihnen zu? Ist Gawan eine Nebenfigur oder ein Gegenstück zu Parzival? Ist er
lediglich notwendig, um einen Kontrast zu Parzival herzustellen oder hat
Gawan eine eigene Aufgabe?
Die Hörer von Wolframs Erzählung kannten Gawan aus Artuserzählungen als
einen Ritter ohne Tadel. Er war der Repräsentant des Artushofes, doch im
Gegensatz zu berühmten Rittern wie Lancelot oder Erec war Gawan nie eine
Romanfigur, sondern erfüllte in der mittelalterlichen Literatur lediglich
seine Rolle als fehlerloser Ritter.
Im Mittelteil des ,,Parzival,, hat Gawan nun sowohl eine eigene Geschichte als
auch einen bedeutenden Charakter inne. Die sieben Gawan-Bücher verfügen über
einen klar strukturierten Aufbau und könnten strenggenommen als eigene
Erzählung für sich stehen
Aufgrund dieser Überlegungen soll es in dieser Arbeit nicht darum gehen,
Parzival und Gawan zu vergleichen. Ich möchte den Schwerpunkt der
Untersuchung viel eher darauf richten, warum Wolfram so viel Gewicht auf die
Gawan-Handlung gelegt hat., bzw. welche Funktion Gawan als eigenständigem
Helden im ,,Parzival,, zukommt.
.
2 ,,Der tavelrunder hôhster prîs,, : Eine Charakterisierung Gawans
In Gawan stellt Wolfram von Eschenbach seinen Hörern und Lesern den wohl
vorbildlichsten aller Artusritter dar. Der ,,wol gelobte man,, wird von
Wolfram fortlaufend mit positiven Attributen beschrieben. Auch in seinem
Verhalten handelt Gawan stets vorbildlich und meistert selbst schwierige
Situation würdevoll. Er ist mehr als nur der typischste aller Artusritter ,
durch seine Tugendhaftigkeit ist er der Inbegriff dessen, wofür der Artushof
und die Artusgesellschaft stehen sollte. Im Gegensatz zu anderen Rittern hat
Gawan keine auffälligen Fehler. Sein Charakter ist exzellent und seine
Position in der Tafelrunde hervorragend. So heißt es, als Gawan den Artushof
verläßt um nach Ascalun aufzubrechen: ,,der werdekeit ein weise/ wart nun diu
tavelrunder.,,(335,8 f.).
Um so bemerkenswerter ist es, daß nicht Gawan Held dieses Romans ist,
sondern Parzival, der sich anfänglich lediglich durch ,,tumpheit,, und
fehlerhaftes Verhalten auszeichnet.
Im Gegensatz dazu lernen wir Gawan als einen Menschen kennen, der durch sein
fehlerloses Verhalten besticht.
Im Buch II wird er als Junge in die Handlung eingeführt. ,,Der kleine,, (66,
18) kommt mit seinem Vater Lot von Norwegen zu dem Turnier vor Kanvoleis.
Schon bei diesem ersten Auftreten wird der Grundstein für den Charakter des
Ritters Gawan gelegt. Er wird uns vorgestellt als ,,suon,, eines Königs, der
sich durch alle ritterlichen Eigenschaften auszeichnet.
,,hie ist och sîner tohter man,
der wol mit rîterschefte kann,
Lôt von Norwaege,
gein valschheit der traege
und der snelle gein dem prîse,
der küene degen wîse.,, (66, 9 ff.)
Von dem Zeitpunkt an, an welchem Gawan als kleiner, unerfahrener Junge in
die Handlung eingeführt wird, hat er beständig einen Platz in den
Familienbanden der Artusgemeinschaft. Im Gegensatz zu Parzival, der sich
seiner Herkunft lange Zeit nicht bewußt ist.
Da Gawan mit den ritterlichen und höfischen Traditionen aufwächst, muß er,
anders als Parzival, seinen Standpunkt in der Gesellschaft nicht erst
suchen. Im ,,Parzival,, wird immer wieder auf seine Zugehörigkeit zum Artushof
verwiesen. Wolfram bezeichnet Gawan als ,,Artûs swester sun,, (416, 6).
Während Parzival nur sehr selten ,,hêr Parzivâl,, (316,26) betitelt wird, so
spricht Wolfram unzählige Male von ,,mîn hêr Gâwân,, (so z. B.301,21; 302,19;
303,1; 350,248) oder einfach von ,,hêr Gâwân,, (299,10). Auch das ist wieder
ein Hinweis auf die Zugehörigkeit Gawans zur ritterlichen Artusgesellschaft.
Parzival muß eine beschwerliche Entwicklung durchmachen, bis er merkt, daß
er zum Gralskönig berufen ist. Gawan hingegen weiß von Geburt an, wo er hin
gehört. Diese Tatsache ist für seine Figur und seine Aufgabe im ,,Parzival
unerläßlich, denn so besteht von Beginn an das Fundament für die
Beständigkeit von Gawans Charakter.
Vorerst werde ich mich auf die eigentliche Gawan-Handlung konzentrieren, die
338, 1 beginnt.
Im siebten Buch des Parzival wendet sich die Erzählung von ,,des maeres hêrre
,,(338, 7)
ab und widmet sich Gawans Abenteuern. Wolfram macht dem Rezipienten
deutlich, daß dieser sich nun für einige Zeit mit dem ,,werde erkande Gâwân
(338, 4) beschäftigen wird und steigt alsbald in das Geschehen ein.
Wir lernen den nun herangewachsenen Gawan in seinem Handeln als tapferen und
ehrenwerten Ritter kennen. Als er auf seiner Reise gewaltigen Kriegsheeren
gegenübersteht, mischt er sich furchtlos, jedoch darauf bedacht nicht
provozierend zu wirken, unter sie. Er erfährt durch diplomatisches Geschick,
woher die Kriegsscharen kommen und wohin sie ziehen.
Wolfram nimmt sich in der Darstellung seines zweiten Helden nicht viel Zeit.
Sofort zu Beginn der Gawan-Bücher erhalten die Hörer durch sein überlegtes
Verhalten ein tadelloses Bild von Gawan. Doch Wolfram läßt nicht nur dessen
Taten sprechen.
Auffällig ist auch die häufige Nutzung von ausgezeichneten Eigenschaften,
mit denen Wolfram Gawan betitelt. So ist Gawan der ,,reht gemuote,, (339,1),
,,der werde degen,,(339, 15), ,,sîn herze was ze velde ein burc,,(339,5).
Innerhalb von 20 Versen (339, 1-20) beschreibt Wolfram gleich zwei mal die
,,manheit,, Gawans.
Es wird also deutlich: Hier geht es zwar nicht um den eigentlichen Helden
der Geschichte, wir haben es aber mit einer außergewöhnlichen Figur zu tun,
mit einem zweiten Helden.
Auf dieser Basis, die sich dem Leser oder Hörer nun erschließt, baut Wolfram
den Charakter Gawans weiter aus.
Einige seiner ritterliche Eigenschaften werden häufig erwähnt. So werden wir
von Wolfram sehr oft auf Gawans ,,werdekeit,, hingewiesen. Nicht den Kampf,
nicht die ,,âventiure,, sucht ,,der werde helt,, (397.29), sondern er versucht
ein Leben zu führen, das seinen hohen moralischen Ansprüchen standhält.
Gawan bemüht sich, Unrecht von den Menschen fernzuhalten. Er ist ,,der
valsches vrie,, (668, 30).
Schon in der Blutstropfenepisode grenzt sich Gawan von Keie und Segramors
ab, indem er den minneversunkenen Parzival nicht angreift, sondern zu
verstehen sucht, warum dieser fremde Ritter sich so auffällig verhält.
Hier offenbart sich wiederum ein gravierender Charakterzug Gawans. Er ist
darauf bedacht, Waffengebrauch zu vermeiden. Während es im der
Aventiure-Ideologie des Artushofes üblich ist, nach Herausforderungen und
Kämpfen zu suchen, um ,,prîs,, und ,,êre,, zu erlangen, versucht Gawan,
anstehende Kämpfe durch Diplomatie und Verstand zu verhindern.
Das bedeutet wiederum nicht, daß Gawan sich scheut zu kämpfen, wie Keie ihm
vorwirft:
,,Ouch enist hie ninder vrouwen hâr
weder sô mürwe noch sô clâr,
ez enwaere doch ein veste bant
ze wern strîtes iuwer hant.
swelch man tuot solhe diemuot schîn,
der êret auch die muoter sîn:
vaterhalb sollte er ellen hân.
kêrt muoterhalp, hêr Gâwân:
sô wert ir swertes blicke bleich
und manlîcher herte weich.,,(299,2 ff.)
Uns wird von vielen Kampfsituationen Gawans berichtet, doch wenn er kämpft,
dann nicht aus einem aktiven Streben nach Zugewinn von ,,prîs,, heraus,
sondern weil er auf eine Herausforderung reagiert bzw. seine ,,êre,, durch
eine Verweigerung des Kampfes schaden nehmen könnte.
Diese Eigenschaft ist eine gewichtige Komponente dessen, was Gawans
,,werdekeit,, ausmacht.
Die hohe Frequenz, mit der Wolfram das Wort ,,werde,, in Verbindung mit Gawan
nutzt, zeigt uns, daß es ihm wichtig ist, dem Hörer ein moralisch
einwandfreies Bild von Gawan zu vermitteln.
Ich schließe mich Norbert Sieverding an, der davon ausgeht, daß die
,,ritterschaft,,, so wie sie von Gawan verstanden und gelebt wird, den
Interessen der Frau dient.
Auch in den Beziehungen Gawans zu den Frauen zeigt sich, daß er, ähnlich wie
in den anderen Bereichen, ein nahezu perfekter Ritter ist. Er macht keine
Fehler, durchlebt keine moralische Entwicklung und handelt, kontinuierlich
einen tugendhaften Standart haltend, wie es die Situation erfordert.
Auf das Verhalten und die Aufgabe Gawans in seinen Minneabenteuern werde ich
im Laufe dieser Arbeit noch tiefer und detaillierter eingehen.
Vorläufig werde ich es bei dieser grundsätzlichen Charakteristik Gawans
belassen, die jedoch unerläßlich ist, um sein Handeln und seine Funktion im
,,Parzival,, zu verstehen.
3 Gawans Verhältnis zum Kampf
Wir wissen, daß Gawan über alle ritterlichen Qualitäten verfügt. Mehr als
jeder andere lebt er die höfischen Tugenden der ,,mâze und staete,,, ,,triuwe
,,, ,,werdekeit,,, ,,diemüete,, und ,,milte,,. Ihn unterscheidet von den anderen
Rittern jedoch seine für die ,,âventuire,,-Ideologie des Artushofes untypische
Unlust zu kämpfen.
Als Artusritter befolgt man die Regeln von Aventiure, Ritterschaft und hoher
Minne. Gawan aber, als Inbegriff des Artusritters, setzt eindeutige
Prioritäten.
Der Minnedienst und das Verhältnis zu Frauen im Allgemeinen findet bei ihm
höchste Bedeutung.
Auch die Ritterschaft, die zum Gewinnen der Minne unerläßlich ist,
realisiert Gawan in seinem Verhalten. Im Gegensatz zu vielen klassischen
Artusromanen, wie z. B. Hartmann von Aues ,,Erec,, oder ,,Iwein,, zieht unser
Held nicht aus, um die Aventiure zu suchen und so ,,prîs,, und ,,êre,, zu
erlangen.
Wolframs Gawan benötigt die Aventiure nicht, denn er hat von Geburt an einen
tadellosen Ruf, den er durch seine oben beschrieben Charaktereigenschaften
pflegt und mehrt. Wolfram macht uns klar, daß Gawans guter Ruf im ganzen
Land bekannt ist.
Selbst Kingrimursel, der Gawan beschuldigt seinen Herren erschlagen zu
haben, charakterisiert ihn vor der gesamten Tafelrunde als ,,hêr Gâwân, der
dicke prîs hât getân und hôhe werdekeit bezalt.,, (321, 5 f.).
Da Kingrimursel im Folgenden Gawans Ruf in Frage stellt, kämpft der so
Herausgeforderte, um ,,prîs,, und ,,êre,, zu verteidigen.
Diese Besonnenheit hinsichtlich eines Kampfes durchzieht sämtliche
Gawan-Bücher. Daß er diese Zurückhaltung nicht aus Feigheit praktiziert,
erfahren wir, als Gawan sich in der Blutstropfenepisode gegenüber Keie
rechtfertigt. Dieser wirft Gawan vor, den minneversunkenen Parzival nicht
angegriffen zu haben. Gawan entgegnet darauf:
,,swâ man sluog oder stach,
swas des gein mir ist geschehen,
swer mîne varwe wolde spehen,
diu waene ich ie erbliche
von slage oder von stiche.
Du zürnest mir âne nôt:
Ich bin der dir ie dienst bôt.,, (299, 20 ff.)
Wolfram ergreift hier ganz klar Partei für das Verhalten Gawans. Er hat
Mitleid mit ihm, da dieser zu Unrecht an seiner ,,blozen sîten,, (299, 14)
angegriffen wird und setzt gleichzeitig Keies Auffassung von ,,êre,, und
,,ritterschaft,, herab, indem er ihn den ,,verschamten,, (299, 18) nennt.
Dem Leser wird von Wolfram zu diesem Zeitpunkt ein neues Bild des
Artusritters präsentiert. Obwohl Keie streng genommen keinen Fehler macht ?
bis auf seine Hitzköpfigkeit befolgt er alle höfischen Tugenden ?
favorisiert Wolfram eindeutig Gawans Verhalten. Dieser ,,wol gelobte man
(299, 13) handelt nach einer besonderen Art von Menschlichkeit, die den
Charakter eines Artusritters perfektioniert. Gawan fühlt sich aus eigener
Erfahrung in seine Mitmenschen ein und hat daher oft die Chance, auf Waffen
zu verzichten.
Wolfram legitimert dieses neues Bild des Artusritters, indem er noch einmal
ausdrücklich auf Gawans ritterliche Herkunft (s.o.) verweist (,,dô sprach
des künec Lôtes sun [?],,(300, 23)), als dieser zu Parzival reitet, um ihn
durch Diplomatie und Verstand zu besänftigen.
Diese Handlungsweise steht im Gegensatz zu Segramors und Keie, die sich in
ihrem Verhalten angesichts der vermeintlichen Herausforderung von den
konventionellen Vorstellungen ritterlicher Verhaltensethik leiten lassen.
Und obwohl Gawan unkonventionell handelt, verkörpert er aber weiterhin die
ritterlichen Tugenden, indem er Parzival anbietet, bei König Artus um Gnade
und Vergebung für sein unehrenhaftes Handeln zu erbitten (s. 300, 28).
Sein Verhalten ist also durch und durch ritterlich, obwohl er, im Gegensatz
zu Segramors und Keie, Parzival nicht sofort zur ,,tjoste,, getrieben hat, was
legitim gewesen wäre. Denn Parzival hatte nicht auf Gawans Ansprechen
reagiert und wirkte durch sein Verhalten herausfordernd.
Durch dieses vernünftige Handeln verhinderte Gawan einen Kampf zwischen
zwei Artusrittern und bringt Parzival wieder an den Artushof.
Hier treffen wir auf ein Motiv, was uns in den Gawan-Büchern noch einige
Male auffallen wird. In seiner Figur als fehlerfreier Artusritter hilft
Gawan immer wieder Situationen zu retten, die verfahren scheinen. Indem
Gawan handelt, bringt er Ordnung in eine Situation oder in eine
Gesellschaft, die in Unordnung geraten ist.
Auffällig oft ist der Auslöser für eine solche Misere fehlgeleitete oder
unkontrollierbare ,,minne,,.
In der Blutstropfenepisode erkennt Parzival in drei Blutstropfen im Schnee
das Gesicht seiner Condwiramurs. Obwohl der Minnedienst eine ritterliche
Tugend ist, vollzieht sich Parzivals Minne hier fehlgeleitet. Er fällt in
eine Art Trance:
,,sus begunde er sich verdenken,
unz daz er unversunnen hielt:
diu starke minne sîn dâ qielt,
sölhe nôt vuogt im sîn wîp.,,(283,16 ff.)
Gawan erlöst Parzival, da er aus eigener Erfahrung weiß, was mit Parzival
geschehen ist. So heilt Gawan ihn von seiner fehlgeleiteten Minne und ordnet
eine verfahrene Situation.
Gawans Zurückhaltung gegenüber dem ritterlichen Kampf ist ein wesentlicher
Punkt, daß seine ,,tjoste,, den Frauen nie Leid, sondern immer Freunde
bringen.
Es bleibt also vorerst festzuhalten:
- Gawan meidet den Kampf, vorausgesetzt, daß dadurch nicht seine ritterliche
Ehre verletzt wird.
- Konfliktsituationen versucht Gawan eher mit Diplomatie und Verstand zu
lösen, statt durch den Kampf.
- Wenn Gawan kämpft, dann tut er dies für oder im Auftrag von Frauen, bzw.
wenn der Minnedienst es verlangt.
- Gawan stellt gestörte Ordnungsverhältnisse wieder her.
Diese Punkte sollen nun anhand der Analyse von exemplarischen Textstellen
vertieft und verdeutlicht werden.
3.1 Das siebte Buch: Ein Wegweiser - Gawan kämpft für Obilot
Im siebten Buch des ,,Parzival,, beginnt die eigentliche Gawan-Handlung.
Wolfram demonstriert hier Gawans ideale Vollkommenheit in ,,strît,, und ,,minne
,,.
Der Sinn dieses Buches ist es ,,zu veranschaulichen, was der Prolog des
Buches theoretisch sagt: das vorbildliche Verhalten des Ritters Gawan: die
triuwe und schame und gewiß auch seinen vorbildlichen minnedienst; all das
bestätigt seine êre.
Während Gawan auf seinem Weg nach Ascalun ist, wird er in das Gefecht vor
Bearosche verwickelt. Auslöser für diesen Kampf war, daß Obie das Werben
Meljanz` ablehnte und diesen verspottete (,,Obîe vrumt uns diese nôt.,, (345,
26)).
Obwohl sich Gawan vorerst weigert zu kämpfen, tritt er später doch, als
Ritter Obilots, dem Heer des Meljanz gegenüber. Nach dem erfolgreichen Kampf
versöhnen sich Meljanz und Obie unter Gawans Hilfe wieder. Dieser kann nach
der erfolgreichen Begebenheit neuen Abenteuern entgegen ziehen.
Grundsätzlich werden in diesem Buch all die Punkte aufgenommen, die ich in
Kapitel 3 herausgearbeitet habe:
Zu Beginn des Buches sehen wir Gawan als vorbildlichen Artusritter. Sein Weg
führt ihn zufällig in eine Situation gestörter Ordnung. Sowohl Meljanz als
auch Obie sind der Liebe nicht gewachsen, die sie in die Feindschaft führt.
Gawan sieht sich einem defekten Minneverhältnis gegenüber gestellt. Die
Verursacher dieser ,,unrehten minne,, handeln nach Liebesvorstellungen, die
nicht harmonieren.
Wolfram nutzt die Chance, um dem Hörer die ,,rehte minne,, zu zeigen, indem er
das Verhalten von Meljanz und Obie als falsch kennzeichnet. Meljanz wird uns
als unritterlicher junger Mann vorgestellt, der nicht fähig ist, wahren
Minnedienst zu leisten:
,,er treit der unvuoge cranz
unde heizet Meljacanz.
Ez waere wîb oder magt,
swaz er dâ minne hât bejagt,
die nam er gar in noeten:
man sollte in drumbe toeten.,, (343, 35 ff.)
Wenn ein Ritter eine Frau bittet, ihm für seine Dienste den Liebeslohn zu
gewähren, so ist es seine Aufgabe, der Auserwählten zu beweisen, daß er
,,werde,, ist. Meljanz hingegen ist zwar mutig und besitzt viele ritterliche
Tugenden, er verfügt jedoch nicht über Anstand und Sitte (,,ichne hôrte man
geprîsen nie,/ was sîn ellen âne vuoge:/ des volgend mir genuoge.,, (343, 8
ff.)). Seine Vorstellung und Verwirklichung des Minnedienstes ist nicht
tragbar.
Doch ebenso hat Obie ein unrealistisches Bild des Minnedienstes. Obwohl sie
Meljanz scheinbar einige Sympathien entgegenbringt (,,ir sît mir liep (wer
lougent des?),, (346, 15)), verhöhnt sie ihn, als er um Liebeslohn bittet,
und stellt ihm abwegige Forderungen, um seine ,,werdekeit,, zu beweisen (s.
346, 2 ff.).
Aus Zorn über Obies Absage beginnt Meljanz einen Krieg gegen Lippaut, den
Vater Obies. In diesen Krieg wird Gawan verwickelt. Das heißt, er trifft auf
eine Situation, die sich im Zustand der Unordnung befindet.
Wie oben schon erwähnt, vermeidet Gawan das Kämpfen, und auch hier hat er
vorerst große Bedenken, sich auf den Konflikt einzulassen:
,,Er dâhte `sol ich strîten sehen,
und sol des niht von mir geschehen,
so ist al mîn prîs verloaschen gar.
Kum aber ich durch strîten dar,
und wirde ich dâ geletzet,
mit warheit ist entsetzet
al mîn wertlicher prîs.
Ichne tuon es niht deheinen wîs:
Ich sol ê leisten mînen kampf.′,, (350, 1 ff.)
Jeder andere Ritter hätte diese Situation vermutlich genutzt, um durch den
Kampf Ruhm und Ehre zu erlangen. Gawan geht es definitiv darum, seinen
eigenen Ruf zu erhalten, d. h. ,,prîs,, und ,,êre,, zu bewahren. Es liegt ihn
nichts daran, einen Zugewinn an diesen Tugenden zu erstreiten. Auch als
Lippaut ihn später noch einmal persönlich bittet, für ihn zu kämpfen, lehnt
Gawan mit Bestimmtheit ab.(s. 366, 20 ff.).
Doch Gawan kämpft, trotz mehrfacher Weigerung, dennoch. Der Grund für diesen
Sinneswandel ist Obilot, die kleine Schwester von Obie. Sie bittet Gawan für
sie, in ihrem Namen, zu kämpfen (,,mîns lîbes namen sult ir hân:,, (369, 24)).
Nun muß Gawan sich entscheiden, denn lehnt er die Bitte Obilots ab, so ist
er in der Gefahr, einen ,,prîs,,-Verlust hinzunehmen. Nimmt er sie jedoch an,
könnte er sich verletzen oder aus anderen Gründen den Kampf in Ascalun
verpassen. Würde das geschehen, so müßte er auch eine Einbuße an ,,prîs,, in
Kauf nehmen. Er steht in dem Konflikt, sich zwischen der Herausforderung
Kingrimursels und Obies Bitte um Liebesdienst zu entscheiden.
Seine Wahl, sich für den Minnedienst zu entschließen, ist wegweisend, denn
sie zeigt die Priorität, die Gawan setzt. Obwohl Obie ein kleines Mädchen
ist, eigentlich viel zu jung um den Minnedienst zu erbitten, entscheidet
sich Gawan, für sie zu kämpfen.
In diesem Buch zeigt sich sehr klar der Ansatz, daß dem Artusritter Gawan
eine neue Aufgabe zu kommt: Statt um ,,prîs,, und ,,êre,, zu kämpfen, setzt er
sich für ein neues Minnetum ein und entscheidet sich im Zweifelsfall für die
,,minne,,.
Dadurch, daß Gawan sich dazu entschieden hat, für Obilot zu kämpfen, nimmt
der Kampf ein positives Ende. Obie und Meljanz versöhnen sich und werden von
ihren überzogenen Minnevorstellungen erlöst. Die gestörte Situation, die
ihren Ursprung in einem falschen Minneverständnis hatte, wurde von Gawan
geheilt und die Ordnung ist wieder hergestellt.
Dieses Beispiel ist aber nur der Beginn des Motivs , das sich in einer
Klimax so durch die gesamten Gawanbücher zieht.
4 Gawans Affinität zur Minne
4.1 Antikonie
Im weiteren Verlauf des Geschehens, zum Anfang des 8. Buches, setzt Gawan
seine Reise nach Schampfanzûn fort, um den Zweikampf mit Kingrimursel
auszufechten. Kurz bevor er dort ankommt, trifft er auf König Vergulaht, der
ihn zu seiner Schwester Antikonie schickt.
Hier wird der Hörer mit der zweiten wichtigen Frauenfigur in Gawans Leben
bekannt gemacht. Durch Obilot wurden wir in Gawans Minneverhalten
eingeführt. Zu ihr hatte er aber keine tiefe Beziehung, er handelte
lediglich gemäß der höfischen Minnekonvention. So bemerkt Gawan selbst zu
Vergulaht: ,,Ich sihe iuch gern, als tuon ich sie./doch hânt mich grôze
vrouwen ie / ir werden handlunge erlân.,, (403, 1ff.)
Gawan macht damit klar, daß Obilot faktisch noch ein Kind war und keine
,,grôze vrouwe,,. Seine nächste Begegnung, Antikonie, ist das Gegenteil.
Während uns Obilot als ,,diu junge süeze clâre,, (369, 1) oder ,,diu junge
Obilôt,, (353, 17) vorgestellt wird, bezeichnet Vergulaht seine Schwester
als ,,ein magt,, und beschreibt sie weiter: ,,swaz munt von schoene hât
gesagt,/ des hât si volleclîchen teil.,, (402, 21 ff.). Obilot ist ein
,,vröuwelîn,, (370, 22), Antigonie dagegen eine ,,vrouwe,, (405, 16).
Schon bei dem ersten Zusammentreffen fühlen sich Gawan und Antikonie
zueinander hingezogen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich zwischen
beiden ein Minne-Verlangen, daß, anders als bei Obilot, eine erotische Basis
hat.
Friedrich Maurer postuliert, daß ,,diese zweite Gawangeschichte, die
Begegnung Gawans mit Antigonîe [...] nur in geringem Maße eine
Minne-Geschichte [ist].,, Und wenig später faßt er zusammen: ,,Grundidee des
Buchs 8 scheint mir also: Stellung des ritterlichen Menschen zwischen valsch
und triuwe.
Diese Grundidee erscheint mir plausibel, jedoch legt Friedrich Maurer
zuwenig Gewicht auf diese außerordentliche Minneszene.
Schon beim rituellen Begrüßungskuß vergißt sich Gawan ganz. Statt des
Willkommenskußes ,,ergienc ein kus ungastlîch.,,(405, 21). Wolfram kritisiert
dieses unritterliche Verhalten nicht im geringsten. Schon im nächsten Satz
betitelt er Gawan als ,,der wol geborne gast,,(405, 23). Auch im Folgenden,
als Gawan und Antikonie sich auf eine sinnliche Art unbesonnen immer näher
kommen, greift Wolfram als Erzähler nicht wertend ein.
Meines Erachtens werden wir hier mit einer Minne-Geschichte konfrontiert,
die außerordentliche Bedeutung hat.
Gawan wird, wie oben schon festgestellt, dem Hörer nicht nur in dieser
Erzählung, sondern auch in vielen anderen Artusromanen als tugendhafter und
fehlerloser Ritter dargestellt. Die Vollkommenheit Gawans und sein hoher
Wert ist dem mittelalterlichen Hörer aus der literarischen Tradition und aus
der bisherigen Erzählung Wolframs bekannt.
Nun begeht Gawan plötzlich einen Affront gegen die Artusgesellschaft und
ihre Tugenden. Bei jedem anderen Ritter kann man das hinnehmen, denn ,,gerade
die größeren und kleineren Pannen, die am Artushof passieren, sind dem
Artusroman erzählenswert.. [...] Es gehört zum Charme der Artusgeschichten,
daß sie ein Idealbild mit kleinen Fehlern, das Bild einer schönen, aber
leicht verletzlichen Ordnung vor Augen führen.
Genau diese Fehler sind es, die den Grundstoff für die Artusgeschichten
bilden. Parzival, ein ,,tumber,, Junge, kann zum Gralskönig werden; Erec
,,verligt,,, doch durch die Aventiure wird er zu einem Helden, dessen Ruhm
größer ist als zuvor.
Davon ausgenommen aber ist Gawan. Er macht ,,der Tafelrunde Ehre (307, 15f.),
Gawan vor allen ist der tavelrunder hoechster pris (301,7; vgl. 608,26.).
Aufgrund des unerwarteten Handelns von Gawan werden wir von Wolfram geradezu
auf die Minne gestoßen. Wenn sich schon der Paraderitter Artus` zu einem
solchen Verhalten hinreißen läßt, dann kann doch mit dem Minnetum am
Artushof etwas nicht stimmen...
Doch Wolfram läßt den Leser nach seinen farbenprächtigen Schilderungen erst
einmal mit dieser Tatsache allein. Der klimatische Aufbau der Gawan-Bücher
führt uns aber gegen deren Ende erneut auf diese Thematik zu.
Vorerst werden Gawan und Antigonie erwischt, und es kommt zum Kampf. Gawan
ist als guter Kämpfer bekannt, doch hier ist es wieder die Minne, bzw. das
Verlangen nach Antikonie, die ihm Kraft und Ausdauer gibt (,,daz gap ir
gesellen/ Gâwâne manlîch ellen.,, (410, 5 f.)).
Da Kingrimursel Gawan hilft, kommt es zum Waffenstillstand. Wenn man die
darauf folgenden Verhandlungen genauer liest, bemerkt man, daß nicht Gawan
und Antigonie angeklagt werden, sondern viel eher Vergulaht.
Friedrich Maurer geht davon aus, daß Gawan und Antikonie das falsche
Verhalten in der Minne darstellen. Sie ,,verhalten sich falsch und lösen
damit die Ereignisse aus.,, Obwohl Vergulaht die beiden wegen ihres
Verhaltens angreift, sind sie aber strenggenommen nicht der Grund für die
daraus resultierende Auseinandersetzung. Es wird bei der folgenden
Verhandlung weder ihr Verhalten kritisiert, noch werden sie schuldig
gesprochen. Die Vorwürfe werden Vergulaht gemacht, der sich, ganz und gar
unritterlich, nicht an eine Abmachung gehalten hat. Denn durch sein
Verhalten hat er nicht nur seine eigene, sondern insbesondere die Ehre
Kingrimursels beschmutzt:
,,iuwer sicherheit was pfant,
ob in sîn ellen trüege her,
daz ich des vür iuch wurde wer,
in bestüend hie niht wan einec man.
hêr, dâ bin ich becrenket an.,,(415, 14 f.)
Für Kingrimursel ist das Vergehen gravierend. Er gibt diesem Angriff den
Stellenwert einer Sünde (,,der treit mit sünden mînen haz.,,(418, 7)).
Im gesamten Streitgespräch wird aber der erotische Faux pas von Gawan und
Antigonie nicht thematisiert. Statt dessen darf Antikonie Gawan mit in ihre
Gemächer nehmen: ,,nu nim den gesellen dîn/ und ouch den lantgrâven zuo dir.
(422, 14 f.).
Nach einigen Verhandlungen wendet sich alles zum Guten. Gawan wird aus der
mißlichen Situation befreit, da sich Antikonie durch ihre ,,triuwe,, für ihn
einsetzt, indem sie an die ,,triuwe,, ihres Bruders appelliert:
,,denk an brüederlîche triuwe,
unde tuo daz âne riuwe.
Dir stêt manlîchiu triuwe baz,
dan daz du dolst der werlde haz,
und mînen, kunde ich hazzen:
den lêr mich gein dir mâzen.,, (427, 25 ff.)
Durch dieses Engagement für Gawan bringt sie ihren Bruder dazu, ihn um Hilfe
zu bitten (,,helft mir daz mîn schulde/ mîn swester ûf mich verkiese.,,(428,
16 f.)). Indem sich Gawan bereit erklärt, für Vergulaht auf Gralssuche zu
gehen, entspannt sich die Situation und alle versöhnen sich.
Sich für das Verlangen und die Minne zu entscheiden war für Gawan
letztendlich nicht negativ, denn auch dieses Buch schließt in Harmonie. Mit
Hilfe des Minneverhältnisses zu Antikonie wird eine durch menschliches
Fehlverhalten entstandene Unordnung wieder in Ordnung gebracht.
In dieser Antikonie-Episode deutet sich an, was in der nun folgenden
Orgeluse-Handlung seinen Höhepunkt erreicht: Für Gawan ist subjektiv und
objektiv die Liebe zu einer Frau die wichtigste Voraussetzung seiner
persönlichen ,,s?lde,,, nicht das Streben nach ,,prîs,,.
4.2 Orgeluse
Im 10. Buch des ,,Parzival,, begegnet Gawan Orgeluse, der letzten großen, und
mit Sicherheit kompliziertesten Frauengestalt dieses Werkes. Von dem
Zeitpunkt, an dem Gawan sich in ein Minnedienstverhältnis zu Orgeluse
begibt, bis zum Ende der Gawanbücher, erschließt sich dem Hörer ein
kunstvolles Geflecht zweier Erzählepisoden, die ein gemeinsames glückliches
Ende finden. Die Gewinnung von Orgeluse und das Bestehen der Abenteuer auf
Schastel Marveil greifen ineinander über.
Orgeluse scheint für Gawan so etwas wie eine Bestimmung zu sein. Als er sie
zum ersten Mal sieht, weißt er, daß er sie für sich gewinnen will. In
Orgeluse findet Gawan die Vollendung seines Minnestrebens. Daß es nicht
einfach sein wird, die Gunst dieser stolzen und schwierigen Frau zu
gewinnen, merkt Gawan schon beim ersten Anblick:
,,Gâwân die strâze al ûf hin reit:
Da ersach er niderhalben sîn
Vröude und sîn herzen pîn.,,(508, 14 ff.)
Gawan reitet auf Orgeluse zu und biete ihr den ritterlichen Minnedienst an.
Diese reagiert ganz und gar nicht wie eine Dame, ist schnippisch und
abweisend. Gawan aber, der schon von diesem Zeitpunkt an minnekrank in ihrem
Bann ist, läßt sich nicht abweisen. Auf jede Bosheit von ihr reagiert
zweckentsprechend, immer versucht, tugendhaft zu bleiben und seine
ritterliche Ehre zu bewahren.
Orgeluse macht es ihm nicht einfach und ist für vollkommensten aller
Artusritter wahrlich eine Herausforderung. Jetzt zeigt sich die Wichtigkeit
der Erfahrungen, die er mit Obie und Antikonie gesammelt hat. Gawan, der die
Minne dem ,,prîs,, -Erwerb vorzieht, benötigte diese Lebenserfahrung, um sich
auf diese letzte Prüfung vorzubereiten.
Anstatt Lohn für seinen Dienst stellt Orgeluse Gawan nur Schande und Spott
in Aussicht. Als sie widerstrebend in seinen Minnedienst einwilligt, stellt
sie ihm groteske und lächerliche Forderungen, bei deren Erfüllung er sich
nur blamieren kann oder sein Leben auf dem Siel steht.
Joachim Bumke meint dazu:
,,Die ins bösartig verzerrte Dienstforderung Orgeluses ist ein Katalysator,
der die Erkenntnis fördert, daß fast alles Unheil und Leid, das im `Parzival
′ passiert, im ritterlichen Frauendienst seine Wurzeln hat. Die düstere
Motivkette von Krieg, Gewalt und Tod, die sich vom ersten Buch an durch die
ganze Dichtung zieht, ist fast überall mit dem Frauendienst verknüpft.
Isenhart, Belacarnes Freund, ist im Frauendienst umgekommen, ebenso Galoes,
Gahmurets Bruder, und Schionatulander, Sigunes Freund. [...] Eng verbunden
mit dem Motiv des ritterlichen Frauendienstes ist die gewaltsame Werbung,
das für die meisten Kriege im `Parzival′ verantwortlich ist.[...] Zuletzt
ist es eine Frau, Orgeluse, die durch ihr abstoßendes Verhalten das
klassische Modell der höfischen Geschlechterbeziehung ad absurdum führt.
Aber gerade hier greift Gawan an. Der Ritter, der sonst eher die
Repräsentativfunktion des Artushofes übernommen hatte, bewältigt in seinen
Minne-Erfahrungen neue Aufgaben. Wie ich schon des öfteren festgestellt
habe, stellt Gawan eine Ordnung wieder her oder behebt verfahrende
Situationen. Nun wird er mit Orgeluse konfrontiert, die seelisch an ihrem
Unglück zerbrochen ist, wie uns Wolfram erklärt. Hier zeigt sich, daß Gawan
durch seine Einstellung zu Frauen und zum Minnedienst diese symbolisch und
auch real heilen kann.
Im klimatischen Aufbau der Minneepisoden kann man nun die eigentliche
Aufgabe Gawans erkennen. Zum Ende besteht er die Abenteuer auf Schastel
Marveil und befreit dadurch 400 Frauen. Doch darauf werde ich im folgenden
Kapitel näher eingehen. Wenden wir uns vorher wieder Orgeluse zu.
Diese beteuert mehrfach, daß Gawan nur Schande ernten kann, wenn er in ihren
Dienst tritt. Sie bringt Gawan bewußt in gefährliche Situationen, um seine
Werthaftigkeit und seine Dienstbereitschaft zu prüfen (,, Ich wiste gerne ob
ir der sît,/ der durch mich getorste lîden strît.,, (511, 1 f.). Der Hörer
weiß, daß Gawan ,,werde,, ist, um für die Minne einer Frau zu kämpfen. Das ist
ihm aus dem literarischen Gawanbild und aus Wolframs Charakterisierung im
Gawan-Prolog ( ,,der werde hêr Gâwân,,) bekannt. Vor Orgeluse muß Gawan das
allerdings erst beweisen.
Interessant ist, daß Orgeluse Gawan hier unbewußt wieder vor den Konflikt
stellt, der sein Handeln immer wieder bestimmt. Sie gibt ihm zu verstehen,
daß er seine Ehre aufs Spiel setzt, wenn er sich mit ihr einläßt:
,,daz verbert, bedurft ir êre.
solt ich iu râten mêre,
spraecht ir denne der volge jâ,
sô suocht ir minne anderswâ.,, (511, 3 ff.)
Diese Situation ist für einen Ritter paradox. Zeigt er sich würdig, zu einer
Frau in ein Minnedienstverhältnis zu treten, so mehrt sich seine Ehre, indem
er um sie kämpft. Orgeluse aber stellt dem Ritter in Aussicht, seine Ehre zu
verlieren.
Gawan ist bereit, diesen Preis zu zahlen. Obwohl er in seinen früheren
Erlebnissen stets darauf bedacht war, seine Ehre zu bewahren, entscheidet er
sich hier, in seiner bis dahin größten Herausforderung, wieder für die
Minne, obwohl die Erfolgsaussichten eher schlecht sind.
Orgeluse muß dem Hörer kompliziert und ungerecht erscheinen. Es ist schwer
zu verstehen, wie sie den vollkommenen Gawan verhöhnt und bösartig
behandelt, sich über jedes seiner in ihrem Dienst geschehenen Mißgeschicke
lustig macht und ihn ohne menschliche Rührung in die gefährlichste Aventiure
schickt. Dennoch verurteilt Wolfram sie nicht, sondern macht ihr
ungewöhnliches Verhalten verständlich.
Nachdem Gawan Orgeluse beteuert hat, daß er definitiv den Minnedienst für
sie leisten will, verhöhnt sie ihn für seine Entscheidung. Es folgen eine
Reihe von Abenteuern und Erlebnissen, die Gawans Bereitschaft zum
Minnedienst deutlich machen.
Es ist klar erkennbar, was für eine dominierende Rolle die Minne in Gawans
Leben spielt. Obwohl er sich sonst von Kämpfen ferngehalten hat, kommt er
allen Forderungen Orgeluses ohne Zögern nach, wenn sie auch sein Leben
teilweise willkürlich aufs Spiel setzt. Gawan unterstellt sich ganz ihrem
Willen:
,,möhte ich iwer minne hân,
diu waer mir lieber danne iht. [...]
ir wüestet iwer eigen.
ob ich vrîheit ie gewan,
ir sult mich doch für eigen hân:
daz dunct mich iwer ledec reht.,, (523,14 ff.)
Diese Passage zeigt sehr deutlich, wie Norbert Sieverding festgestellt hat,
welche Funktion der ritterliche Kampf für Gawan in der Orgeluse-Handlung
einzig und allein hat: Sein Sinn ist der Erwerb eines Anspruches auf
Orgeluses Minne.
Im Gegensatz zu anderen Minne-Erzählungen des Artushofes muß Gawans
Charakter sich während des Minnedienstes nicht wandeln und weiterentwickeln,
wie man es von anderen Rittern aus der Artusliteratur kennt. Ich habe im
zweiten Kapitel schon festgestellt, daß der Charakter Gawans in diesem Werk,
wie auch in der literarischen Tradition, vollkommen ist. Er besitzt eine
konstante Persönlichkeit, die aber gerade der Ausgangspunkt für seine
Erlebnisse im ,,Parzival,, sind. Denn dadurch, daß Gawan perfekt, ja fast eine
Schablone der Ideale des Artushofes ist, kann der Erzählschwerpunkt von den
Rittererlebnissen weg, auf das Umfeld des Ritters gerichtet werden
So ergeben sich völlig neue Gesichtspunkte. Auf einer solchen Grundlage läßt
sich der Artushof, die Aventiure-Tradition und der höfische Minnedienst
völlig neu bewerten und untersuchen.
So ist es auch in der Orgeluse-Episode. In was für eine Situation Orgeluse
Gawan auch bringt, er handelt immer zweckentsprechend und seinem Charakter
gemäß. Und da dieser beständig ist, ,,reift er durch seine Diensterweise für
Orgeluse nicht etwa stufenweise zum geeigneten Partner für sie heran,
sondern stellt damit lediglich seinen allseits bekannten Wert erneut unter
Beweis. Nicht er muß sich in diesem Minneverhältnis wandeln, sondern
Orgeluse!
Bis sie das getan hat, erträgt Gawan ihren Spott mit Selbstsicherheit und
Stolz. Er geht unbeirrt davon aus, irgendwann den Lohn für seinen
Liebesdienst zu erhalten. Trotz ihrer ablehnenden Haltung und ihren
Beteuerungen, daß er keine Ehre zu erwarten habe, hofft er unentwegt auf
ihren ,,lôn,, (515, 22), ,,genâde,, (515, 18) und ,,ergetzen,,(515, 20).
Gawan kann nicht anders. Orgeluses Spottreden überhört er (,,ir scharpfiu
salliure/ in dûhte sô gehiure/ daz ern ruochte waz si sprach.,,(531, 19 ff.))
und wenn er sie ansieht, vergißt er ihre Boshaftigkeit.
Wolfram bedauert den seelischen Zustand seinen Protagonisten und fügt einen
Minneexkurs in die Gawan-Bücher ein. Dort erklärt er den Hörern, daß sich
die Liebe mit der ,,triuwe,, verbinden muß, um ,,rehtiu minne,, zu werden. (532,
7 ff.).
Dieser Exkurs über reine und wahrhaftige Liebe(,,lûter minne,, (533, 21)) hat
seinen Platz nicht ohne Grund im 10. Buch. Inmitten der Gawan-Bücher steht
er als Zeichen für die Aufgabe Gawans. Erst hier, in der schwierigsten
Situation kann er seine tadellosen Anlagen unter Beweis stellen. Orgeluse
ist eine Herausforderung, die auf den ersten Blick nicht zu bewältigen ist.
Gegenüber den Obilot- und Antikonie-Episoden steigt nicht nur der
Schwierigkeitsgrad der Situation, auch das Engagement Gawans steigt.
Auch in dieser ausweglosen Situation handelt Gawan nach den
Verhaltensregeln, die Wolfram für die ,,rehtiu minne,, fordert, und die er von
Orgeluse scheinbar nicht erwarten kann. Neben seiner offensichtlichen ,,minne
,,, beweist er auch ,,triuwe,,, indem er ausgesprochenen Dienstwilligkeit
zeigt. Diese ist ihm ein inneres Bedürfnis . Obwohl Gawan Orgeluses
Forderungen oft das Leben kosten können, hält er an dem Versprechen fest,
für sie den Minnedienst zu leisten.
Und tatsächlich wandelt sich Orgeluse. Als sie Gawan über ,,Li gweiz prelljûs
,, schickt, damit er ihr von der anderen Seite den Kranz vom Baum des
Gramoflanz holt, beginnt die unnahbare Orgeluse zu weinen, als ihr klar
wird, daß Gawan den Sprung nicht schaffen könnte.
Als Gawan mit dem Kranz zurückkommt, erwartet ihn eine demütige Orgeluse,
die sich ihm zu Füßen wirft. Interessant ist hier, daß sich ihre seelische
Läuterung in der Körpersprache manifestiert. Sitzt sie zu Anfang der
Erzählung noch hoch zu Roß und schaut auf Gawan hinab, kniet sie nun vor
ihm, um zu ihm aufzublicken.
Gawan macht auch hier keine solche Entwicklung durch. Er hat die Funktion
eines Katalysators, der Orgeluse heilt, sich selbst dabei aber nicht
verändert.
Die Beziehung von Gawan und Orgeluse wandelt sich nun in ein
klassisch-höfisches Minnedienstverhältnis. G. Zimmermann sieht das als ein
Indiz dafür, ,,daß Wolfram deshalb so ausführlich von den Abenteuern Gawans
erzählt [...], weil er in den Gawanpartien die Minnethematik in einer Breite
darzustellen wünschte, die er sich in der Parzivalhandlung verbot.
So kann Wolfram Kritik daran üben, wie sich der Kodex des höfischen
Verhaltens verselbständigt. Er zeigt, was geschieht, wenn der Minnedienst
lediglich noch als ,,leere Verhaltensschablone,, benutzt wird.
Sowohl in der Parzival-Handlung als auch in den Gawan-Büchern hat Wolfram
dem Hörer etliche Beispiele einer falsch verstandenen oder falsch gelebten
Minne gegeben. Die Leidtragenden sind hierbei meist die Frauen. Gawans
Aufgabe ist also nicht nur, auf den Mißstand dieser höfischen Konvention
aufmerksam zu machen, sondern aktiv diese Frauen zu heilen oder zu erlösen.
Seinen Höhepunkt findet diese Thematik, neben der Orgeluseepisode in
Schastel Marveil.
5 Gawan als Erlöser: Die Abenteuer auf Schastel Marveil
Schon im 6. Buch erfahren wir von Cundrî etwas über Schastel Marveil. Sie
schildert das Leid der dort gefangenen 400 Frauen und bittet die anwesenden
Ritter, sie zu befreien. Als Belohnung winkt diesem Ritter Ruhm und edle
Liebe: ,, ist hie kein rîter wert,/ des ellen prîses hât gegert,/ unt dar zuo
hôher minne?,, (318, 13 ff.).
Es ist Gawans Bestimmung, diese Frauen zu erretten, denn der erfolgreiche
Abschluß dieser Aventiure ist der Höhepunkt und das Ziel seiner klimatischen
Minneerlebnisse. Wegen der verflochtenen Handlungsstränge der Orgeluse- und
der Schastel Marveil-Episoden ist es Gawan möglich, gleichsam um Ehre und
Liebe zu kämpfen.
Durch den glücklichen Ausgang des Schastel Marveil-Abenteuers erhält Gawan
beides: einen Zugewinn an ,,prîs,, (die Bewältigung einer scheinbar
unmöglichen Aventuire) und ,,hôhe minne,, (das Gewinnen von Orgeluses Liebe):
,,al âventiure ist ein wint,/ wan die man dâ bezalen mac,/hôher minne wert
bejac.,, (318, 20 ff.).
Ich widerspreche in diesem Punkt Wolfgang Mohr, der meint:
,,Gawans besondere Weise der Menschlichkeit und seine Funktion im
Zusammenhang der Menschen offenbart sich gewiß eindrucksvoll in seinen
Minneabenteuern, aber das Hauptthema der Gawan-Handlung sind sie doch nicht.
Gawan fällt eine Erlösungsaufgabe zu, ebenso wie Parzival.
Ich bin ebenso der Meinung, daß Gawan eine Erlösungsaufgabe hat. Er bringt
Ordnung in die Unordnung, er erlöst Menschen, die meist ohne ihr Zutun in
eine schreckliche Lage geraten sind. Doch diese Menschen sind meist Frauen
und die Kraft, aus der Gawan für diese Erlösungsabenteuer schöpft, ist die
Minne. Gawans Verhältnis zur Minne ist nicht nur ein Beweis für seine
Menschlichkeit, sie leitet ihn durch sein Leben und ist ausschlaggebend für
seine Entscheidungen. In jedem der Gawan-Bücher spielt die Minneepisode die
Hauptrolle, während sie bei Parzival immer eher im Hintergrund steht.
Das Geschehen auf Schastel Marveil und die Minnehandlung zu Orgeluse stehen
in wechselseitiger Abhängigkeit und haben zum Schluß einen gemeinsamen
Höhepunkt.
Nachdem Gawan dem Kampf mit dem Zauberbett und dem Löwen gewonnen, die
,,tjoste,, mit dem Turkoyten erfolgreich beendet und Orgeluses letzte Aufgabe
sicher erfüllt hat, zieht er mit ihr siegreich in Schastel Marveil ein. Dort
trifft er auf das personifizierte Mißverhältnis des höfischen Minnelebens.
Clinschor, der Erschaffer von Schastel Marveil, hielt die dort lebenden
Männer und Frauen getrennt gefangen. Diese wurden einer natürlichen
Geschlechterbeziehung völlig entfremdet. Die Einwohner wurden von der
Ausübung der Minne ferngehalten. Dieses ist jedoch eine treibende Kraft im
gesellschaftlichen Leben des Artushofes.
Bei dem großen Freudenfest zum Ende der Gawan-Bücher, hat Gawan Orgeluses
Minne schon gewonnen und kann aus dieser Kraft heraus auch die Bewohner von
Schastel Marveil erretten.
Zu Beginn des Festes halten sich Männer und Frauen noch an getrennten Seiten
des Festsaals auf. Im Verlauf des Abends kommen sich diese aber immer näher,
bis sie ausgelassen ihre neugewonnene Freiheit feiern. So ermöglicht Gawan
allen Festteilnehmern wieder ein höfisches Minneleben und führt damit zum
letzten Mal eine gestörte Gesellschaft der Ordnung zu.
Durch diese letzte und größte Heilung der Minnewelt in Schastel Marveil
heilt Gawan symbolisch auch das Minne- bzw. das Frauenbild in der gesamten
höfischen Welt. Somit hat er die Aufgabe erfüllt, die von Beginn an seine
Bestimmung war.
6 Resümee
Diese Arbeit ist ein Versuch, die Gawan-Bücher in Wolfram von Eschenbachs
,,Parzival,, nicht im Vergleich mit dem eigentlichen Helden der Geschichte,
Parzival, zu analysieren, sondern Gawan als eigenständige Figur zu
untersuchen.
Wolfram hat in seinem ,,Parzival,, die Chance ergriffen, in einer neuartigen
Erzählweise die Handlungsstränge der beiden autonomen Protagonisten
geschickt zu verknüpfen.
Obwohl man die Gawan- und die Parzival- Handlung sicherlich nicht
voneinander trennen kann, da jeder Charakter dem anderen durch seine
Existenz einen neuen Handlungsraum öffnet, habe ich in dieser Arbeit
absichtlich auf einen direkten Vergleich verzichtet.
Denn das besondere an den Gawan- Büchern ist ja gerade, das sie eine eigene,
geschlossene Erzählung in einem Gesamtwerk bilden, dessen Hauptfigur ein
anderer ist.
Die Antwort auf die anfangs gestellte Frage, warum Wolfram dieser Erzählung
so viel Raum gibt, liegt also in der Figur des Gawan.
Gerade weil Gawan so bekannt ist und er eine Persönlichkeit besitzt, die
keine Entwicklung durchmacht, gibt er Autor und Hörer die Möglichkeit, den
Blick auf sein Umfeld zu richten. Auf Gawans Charakter kann man aufbauen. In
seiner Gradlinigkeit ist er als Romanfigur frei, durch seine Perfektion auf
Mißstände hinzuweisen und diese zu beseitigen.
Ich habe das Thema dieser Arbeit bewußt sehr eng gewählt, da es nur so in
dem begrenzten Rahmen einer Hausarbeit die Chance gibt, eine Analyse an der
gesamten Gawan-Handlung zu vollziehen.
Die auffallende Hervorhebung der Minneproblematik begründet den Schwerpunkt
dieser Arbeit, für eine ausgedehntere Analyse der Gawan-Bücher ist es aber
unerläßlich, weitere Studien durchzuführen.
Kommentare
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Autor: Claudia NickelHausarbeit, 2006Als PDF-Datei downloaden für 4,99 EUR
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:



26.02.2008 15:43:43