können) und kann demnach keinesfalls degradiert werden zu einem bloßen Nebenkriegsschauplatz.
Eines der stärksten Motive, aus denen heraus Hegel als einer der ersten eine Philosophie der Philosophiehistorie (124) 5 erarbeitet, besteht darin, dem heute noch ebenso wie zu seiner Zeit gängigen Vorurteil entgegenzutreten, die Philosophie bestünde lediglich aus einem Konglomerat unterschiedlicher Meinungen. Denn stimmte diese geistlose und oberflächliche Vorstellung (281) 6 , so wäre jeder in der Philosophie erhobene Wahrheitsanspruch schlichtweg dahin. Es stünden sich nur noch vollkommen beliebige subjektive Vorstellungen (110) gegenüber, die, gänzlich unvermittelt, jeweils ein bloßes ‚mein’ darstellten 7 : „Das Erkennen ist so ein für allemal als Nichts erwiesen“! (316) Die Geschichte der Philosophie würde aufgehen in einer stupiden Kenntnis von Meinungen - und zur Gänze müßig und langweilig. (142) Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Meinungen anderer „nur mit dem Toten zu tun“ (282) haben, die Philosophiegeschichte sich dementsprechend lediglich darbieten könne als „Schlachtfeld, wo nichts als Totes zu schauen wäre.“ (316) Da aber „ein trockenes Versichern (…) gerade soviel als ein anderes“ 8 gilt, muss das, was der Meinung entgegengesetzt ist, gerade nicht eine andere Meinung sein, sondern schlicht: Wahrheit. Diese verschafft sich selbst dann Luft, wenn „die Toren und die Trägen (..) nie bekehrt werden“ (sollten). 9 Daher ist die φιλοσοφια von alters her, schon bei Plato, der δόξα entgegengesetzt - weil jene objektives Erkennen ist muss diese vor ihr als dem „lebendige[n] Baum der Erkenntnis“ (124) letztlich erbleichen. Demzufolge kann die altkluge Forderung nach dem, was man so ‚Unparteilichkeit’ nennt, für die Philosophie keinerlei Geltung beanspruchen. Ganz im Gegenteil! Für sie ist die Parteinahme geradezu konstitutiv, und zwar die für das Wesentliche, soll heißen: für „die freie Entwicklung des Gedankens“, die den ganzen Zweck und damit das ganze Interesse, der Geschichte der Philosophie bildet. (330) 10 Doch da eben jene Wahrheit nach Hegel nur eine ist (140), kommt er angesichts dessen, dass gleichzeitig viele voneinander unterschiedene Philosophien existieren, sogleich in die vermeintliche Verlegenheit, erklären zu müssen, warum sich denn noch
menologie des Geistes, in: Werke in zwanzig Bänden [auf der Grundlage der Werke von 1832 bis 1845 neu ed. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel; im Folgenden kurz: Werke], Frankfurt am Main 1969-1971, Vol. 3, p. 591; Herv. i. Orig.).
5 Cf. 220, 340; „Philosophie und Geschichte der Philosophie ist eins ein Abbild des anderen; das Studium der Geschichte der Philosophie ist Studium der Philosophie selbst.“ (222) Cf. Jaeschke: Einleitung, p. XXV passim.
6 Cf. 110.
7 Von diesem ‚mein’ rührt Hegel zufolge der Name ‚Meinung’ überhaupt her (cf. 110, 142, 225, 281, 329).
8 Hegel: Phänomenologie, p. 60.
9 Eine solche Bekehrung erscheint jedoch deshalb als äußerst unwahrscheinlich, weil angesichts der Wahrheit diejenigen in der Regel einfach „den Kopf [wenden], welche meinen, nur Meinungen seien in der Geschichte der Philosophie zu finden.“ (140 sq.)
10 Cf. 232, 294, 329.
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nicht die Eine (richtige) Philosophie herausgebildet habe? 11 Aber dies stellt sich schnell als Scheinproblem heraus, das auf dem bloß abstrakt gefassten, bloß verstandesmäßigen 12 Gegensatz von Wahrheit und Irrtum beruht 13 - tatsächlich aber ist der Irrtum für die Wahrheit sogar konstitutiv. 14 Denn diese ist nicht etwa ein einfacher Satz oder Gedanke, sondern muss, ebenso wie die Vernunft, „schlechthin in sich konkret“ (111) 15 sein, um überhaupt sie selbst sein zu können. Doch sollte zunächst der Begriff des Konkreten selbst kurz konkretisiert werden; dies allein schon aus dem einfachen Grunde, dass er im hier vorliegenden Kontext eindeutig dem Alltagsverständnis widerspricht. Da man sich in der Philosophiehistorie nämlich auf dem Boden der Entwicklung des Gedankens befindet, muss das natürlich Konkrete gerade abgesondert werden. Denn im Gegensatz zu diesem muss im Geist, i.e. in der tätigen, wissenden Vernunft vom Anfänglichen, das stets das Ärmere, zum Späteren, Reicheren, i.e. Konkreteren fortgegangen werden. Und wenn sich der abstrakte oder verstandesmäßige Gedanke als verschieden, als gegen sein Anderes setzt, so enthält der konkrete das Andere. (173 sqq.) 16 So enthält das Wahre das Falsche 17 , und ist dadurch ebenfalls nicht etwa als etwas Statisches, sondern als Prozess zu verstehen. Damit besitzt die Wahrheit, nach einem auf Benjamin zurückgehenden Begriff, einen Zeitkern 18 . Mit Adorno und Hegel ist demnach festzuhalten: „Nicht ist, wie der Relativismus es will, Wahrheit in der Geschichte, sondern Geschichte in der Wahrheit.“ 19 Die Philosophie ist demgemäß die Entwicklung
11 Doch selbst dann, wenn diese Eine Philosophie unter den vielen bereits existierte - einer solchen Vorstellung gemäß wäre sie unmöglich identifizierbar (cf. 281).
12 Der (abstrakte) Verstand hält „das Unterschiedene als sich Ausschließendes“ (151) fest, verflacht dadurch aber das Konkrete, wohingegen die Vernunft das Wahre erkennt als Einheit der Gegensätze - deshalb ist sie „dem Abstrakten am entgegengesetztesten, und ihr Kampf ist der stete Krieg mit der Verstandesreflexion.“ (149; cf. 215).
13 „Das Wahre und Falsche gehört zu den bestimmten Gedanken, die bewegungslos für eigene Wesen gelten, deren eines drüben, das andere hüben ohne Gemeinschaft mit dem ändern isoliert und fest steht.“ (Hegel: Phänomenologie, p. 40; Herv. i. Orig.).
14 „Dagegen muss behauptet werden, dass die Wahrheit nicht eine ausgeprägte Münze ist, die fertig gegeben und so eingestrichen werden kann.“ (ibid.).
15 „Nur das Konkrete ist das Wirkliche, das Wahre, das die Unterschiede tragende.“ (152)
16 Cf. 158, 293.
17 Allerdings kann darum nicht etwa gesagt werden, „dass das Falsche ein Moment oder gar einen Bestandteil des Wahren ausmache. Dass an jedem Falschen etwas Wahres sei“. Denn so gölten beide immer noch als (abstrakt) entgegengesetzte, „wie Öl und Wasser, die unmischbar nur äußerlich verbunden sind. Gerade um der Bedeutung willen, das Moment des vollkommenen Andersseins zu bezeichnen, müssen ihre Ausdrücke da, wo ihr Anderssein aufgehoben ist, nicht mehr gebraucht werden. So wie der Ausdruck der Einheit des Subjekts und Objekts, des Endlichen und Unendlichen, des Seins und Denkens usf. das Ungeschickte hat, dass Objekt und Subjekt usf. das bedeuten, was sie außer ihrer Einheit sind, in der Einheit also nicht als das gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt, ebenso ist das Falsche nicht mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.“ (Hegel: Phänomenologie, p. 41; Herv. i. Orig.).
18 Adorno zitiert diesen Begriff aus Benjamins bis dahin unveröffentlichtem Passagenwerk: „Entschiedne Abkehr vom Begriffe der ‚zeitlosen Wahrheit’ ist am Platz. Doch Wahrheit ist nicht - wie der Marxismus es behauptet - eine zeitliche Funktion des Erkennens sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden.“ (T[heodor] W[iesengrund] Adorno: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen Antinomien [GS 5, pp. 7-245], p. 141).
19 Ibid.; ein ebenso aktuelles wie besorgniserregendes Beispiel mag dies veranschaulichen helfen: Zu Zeiten des so genannten ‚Historikerstreites’ ist es noch wahr gewesen, auf der Einzigartigkeit nationalsozialistischer
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dieses Konkreten als lebendiges Fortschreiten (111), womit ihre Existenz notwendig an die Mannigfaltigkeit der vielen bestimmten Philosophien gekoppelt ist. Doch wie genau kann es angehen, dass die Philosophie trotz der offensichtlichen Vielzahl an Philosophien (143) letzten Endes doch nur eine ist - wo diese sich doch gegenseitig zu widerlegen scheinen? Wie kann also vermieden werden, dass man den Wald vor lauter Bäumen, i.e. vor Philosophien die Philosophie nicht mehr sieht? (208) 20 Zur Explikation dieses Vorgangs greift Hegel immer wieder zu verschiedenen Analogien - und das trotz seiner grundsätzlichen Zweifel gegenüber denselben 21 sowie, mit ihnen einhergehend, der Betonung dessen, dass es sich immer nur um eine Vorstellung handeln kann, deren Charakter generell nur als vorläufig, als (in den Gedanken) einleitend bezeichnet werden kann. (318 sq.) 22 Diejenige Analogie, die im Zusammenhang mit den nun in Frage stehenden ‚Widerlegungen’ stets aufs Neue wiederkehrt, ist die ‚Pflanzen-Analogie’. 23 Zunächst betont Hegel, dass im Keim, diesem ganz Einfachen, bereits jeweils das ganze Gewächs enthalten ist. Aus dem Keim entwickeln sich durch den Trieb, sich weiter zu bestimmen, mit der Zeit sämtliche Qualitäten der Pflanze, also Wurzel, Stamm, Blatt, Blüte usf. Diese Entwicklung ist es, die von Hegel mit der Philosophiegeschichte analogisiert wird: Ebenso wie in dieser widerlegen sich auch die einzelnen Bestandteile der Pflanze gegenseitig. So wird die Blüte beispielsweise widerlegt durch die Frucht. Diese bildet den letzten Zweck der Pflanze, zu dessen Verwirklichung sie notwendig das negative Moment - in diesem Falle das Negieren der Blüte - zu durchschreiten hat, damit der Fruchtknoten sich entwickle. Desgleichen in der Philosophie: Damit diese ihren letzten Zweck, i.e. ihre konkreteste und damit aktuellste Ausgestaltung erreichen konnte, mussten viele andere Philosophien widerlegt werden.
Verbrechen, die den Kern der damaligen Debatte bildete, zu beharren (cf. Ernst Reinhard Piper [Ed.]: Historikerstreit. Die Dokumente der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987). Angesichts eines iranischen Präsidenten jedoch, der zur Eröffnung des Kampfes um die uneingeschränkte Weltherrschaft des (schiitischen) Islams - welcher sich unmittelbar danach erklärtermaßen gegen den mächtigsten seiner Gegner, das Christentum wenden will -Israel in seinem Wahn unverhohlen mit nuklearer Vernichtung droht, bringt die (zumindest in Deutschland) nunmehr allgegenwärtige Insistenz auf eben jene Präzedenzlosigkeit der Shoah die Welt einer ‚Wiederholung’ derselben immer näher. Auf diese Weise wird die hartnäckige Betonung der Singularität von Auschwitz heute geradewegs zur Unwahrheit.
20 Cf. 139 sowie G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder: Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse (1821), Werke 7, p. 14.
21 „Denn eine Vergleichung kann nie dem Gedanken ganz angemessen sein, sondern enthält immer noch ein Anderes des Gedankens (…) und dies bringt Missverständnisse in Betreff auf die Hauptsache hervor.“ (182).
22 Daher bilde man sich auch nicht etwa ein, es könne sich nach der Lektüre der Einleitung bereits ein wirkliches, ein philosophisches Verstehen der vorgetragenen Gedanken einstellen. Denn diese können hier noch gar nicht bewiesen werden - dies nämlich „fällt in die Wissenschaft der Philosophie selbst, in die logische Philosophie.“ (207)
23 Cf. zum Folgenden 111, 124, 146 sq., 154, 213, 227, 278 sq., 284-286, 288, 290, 319 sq., 355-357 sowie Hegel: Phänomenologie, p. 12.
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Aus diesem Bild lassen sich im Grunde sämtliche wesentlichen Gedanken der Hegelschen Geschichte der Philosophie entwickeln. Zunächst erhellt aus ihm unmittelbar, dass es sich in dem geschilderten Fall keineswegs mehr um den undifferenzierten Ausgangsbegriff von ‚Widerlegung’ handeln kann, da es selbstverständlich ein einheitliches Prinzip geben muss, das die Pflanze als solche überhaupt in ihr Dasein treten lassen kann. Besteht dieses Prinzip für die Pflanze schlicht in deren Lebendigkeit, so bedeutet dies parallel für die Philosophiegeschichte, dass auch sie sich nicht etwa mit der bloßen Erkenntnis von Vergangenem beschäftigen kann; ein solches könnte schließlich ohne Weiteres im Tempel der Mnemosyne (109) abgeladen werden. Zwar hat die Geschichte der Philosophie ihren Gegenstand tatsächlich primär in demjenigen, das „der menschliche Geist zur Erlangung des Schatzes der Vernunfterkenntnis“ (157) bisher bereits geleistet hat. Doch kann dieser durch die geistige Arbeit der nachfolgenden Generationen immer mächtiger und größer werdende Strom - dem Hegel bekanntlich den Namen ‚Weltgeist’ verlieh - (im Gegensatz zu einzelnen Nationen) naturgemäß zu keiner Zeit statisch werden, sondern steht als dynamischer Prozess niemals still. Insofern müssen wir es in der Philosophiehistorie schon allein deshalb mit Lebendigem zu tun haben, als wir unsere gesamte (historische) Identität stets „als Erbschaft aller vergangenen Operationen des Menschengeschlechts“ (109) erlangen 24 ; so bestehen die Prinzipien all jener vergangenen Philosophien trotz deren vermeintlicher Widerlegung fort. (156) Demgemäß lernt der Mensch am Ende auch niemals etwas vollständig Neuessondern wir erinnern uns nach Hegel, ähnlich der Platonischen αναμνεσις-Lehre, lediglich derjenigen Gedanken, die der Geist aus sich hervorbringt (355), die also gewissermaßen immer schon in irgendeiner Form vorhanden gewesen sind. Deshalb haben Vorstellungen, deren man sich nicht erinnert, noch überhaupt kein Dasein (114), und das Ich ist demgemäß zu betrachten als „Schacht, in dem dies alles darin ist, und die Geschichte der Philosophie arbeitet daraus den Schatz hervor.“ (355) Doch wird dasjenige, dessen Veranschaulichung bei der angeführten Analogie eigentlich im Vordergrund steht, sehr viel deutlicher durch das von Hegel als größeres Beispiel (213) apostrophierte, in das die ‚Pflanzen-Analogie’ in den verschiedenen Einleitungen zumeist fließend übergeht. 25 Es ist das Beispiel des ‚Ichs’, bei dem als Ausgangspunkt für die gesamte Bewegung anstelle des Keimes das Kind fungiert. Anhand dessen können die für die gesamte Hegelsche Philosophie wesentlichen Kategorien des ‚Ansich-’ und ‚Fürsichseins’ besser verdeutlicht werden: Der Keim ist an sich ebenso
24 „Wir haben es mit Begriffen zu tun, in welchen das Unsrige lebt, durch die wir sind, in denen wir sind.“ (156).
25 Cf. 115, 121, 145 sq., 157 sq., 213 sq, 271, 279, 285, 319, 356.
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Arbeit zitieren:
Stefan Kühnen, 2008, Hegels Einleitung in die Geschichte der Philosophie und deren utopischer Gehalt, München, GRIN Verlag GmbH
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Zerfall und Neubeginn – Die Gründung der FPÖ
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