Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung 1
2. Die Standardversion der Prototypensemantik 2
2.1 Die horizontale Ebene 2
2.2 Die vertikale Ebene 6
2.3 Probleme mit der Standardversion 8
3. Die erweiterte Theorie der Prototypensemantik. 10
3.1 Vorläufige Lösung. 11
3.2 Die neue, erweiterte Version. 12
4. Vergleich der Versionen. 14
5. Zusammenfassung. 16
Literatur 18
1. Einleitung
Augusta: Was meinst du, welche Farbe die Marsmenschen haben? Freundin: Grün.
Augusta: Was für ein Grün? Ich meine, sind sie smaragdgrün oder erbsengrün oder apfelgrün oder flaschengrün oder meergrün oder wie? Freundin: Also, ich finde, sie haben so ein grünes Grün. (Aitchison 1997: 65)
Wie dieser kleine Dialog zwischen Augusta und ihrer Freundin zeigen soll, gehen Sprecher anscheinend davon aus, dass manche Wortreferenten grundlegender und einige Objekte bessere Vertreter für die Bedeutung eines Wortes sind als andere. So ist für Augustas Freundin das Grün der Marsmenschen nicht irgendeines, sondern ein besonders grünes Grün. Dies wird auch deutlich, wenn man z.B. einen Pinguin mit einem Vogel, der alle typischen Merkmale eines idealen Vogels trägt, vergleicht. Einige Merkmale des Pinguins stimmen mit diesem idealen Vogel überein, so dass man den Pinguin als Vogel bezeichnen kann. Der Pinguin muss keine feste Anzahl an Vogelmerkmalen haben, um als Vogel charakterisiert zu werden, seine Merkmale müssen nur einigermaßen mit denen des idealen, prototypischen Vogels übereinstimmen. Für Aitchison ist dies eine faszinierende Idee, die jedoch noch überprüft werden muss (vgl. Aitchison 1997: 65f). Dies tat Eleanor Rosch in den 70er Jahren in verschiedenen Experimenten. Aus der Analyse der Ergebnisse dieser Experimente entwickelte sie mit ihren Mitarbeitern die Standardversion der Prototypensemantik. Ziel dieser Prototypensemantik ist es, „die Zonen der gemeinsamen Prototypenkenntnisse zu beschreiben (Kleiber 1998: 31).“ Inzwischen haben Rosch und ihre Mitarbeiter ihre Meinung zu einigen Punkten der Theorie geändert und eine neue Version, die erweiterte Version der Prototypensemantik, erarbeitet.
In dieser Arbeit werde ich zunächst die Standardversion beschreiben, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Begriff des Prototyps und der Kategorisierung liegt. Anschließend werde ich die Probleme der Standardversion darlegen, die zum nächsten Abschnitt, der erweiterten Version der Prototypensemantik, führen. Betrachtet man beide Theorien, stellt sich die Frage, ob die Theorien aufeinander aufbauen und ob die erweiterte Version, wie es ihr Name sagt, eine Erweiterung, Weiterführung und Weiterentwicklung der Standardversion ist. Dies wird im Vergleich beider Theorien im vierten Abschnitt deutlich, auf den abschließend eine kurze Zusammenfassung folgt.
1
2. Die Standardversion der Prototypensemantik
Die Standardversion der Prototypen wurde Mitte der siebziger Jahre von E. Rosch und ihren Mitarbeitern entwickelt. Diese nehmen eine Zweiteilung von Kategorie und Kategorisierung vor. Es gibt zum einen die horizontale Dimension oder Ebene, die die innere Struktur der Kategorie und die Gesetzmäßigkeiten ihrer Organisation (vgl. Dörschner 1996: 53) aufzeigt, und zum anderen die vertikale Dimension bzw. Ebene, die die interkategoriellen Strukturen darlegt.
2.1 Die horizontale Ebene
Auf der horizontalen Ebene wird die innere Struktur der Kategorie aufgezeigt. Wie Dörschner (1996: 43) schreibt, muss auf der horizontalen Ebene erst einmal geklärt werden, was ein Prototyp ist. Rosch beschrieb den Prototyp zunächst als bestes Beispiel, besten Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie. Demnach besteht eine Kategorie nicht aus vielen gleichgestellten Elementen, vielmehr gibt es ein zentrales, prototypisches Element, den besten Vertreter, um den sich die übrigen mehr oder weniger guten Vertreter gruppieren. Rosch (1973) führte ein Experiment durch, in deren Anleitung es hieß, dass es „in dieser Untersuchung um unsere Vorstellungen ginge, wenn wir Wörter benutzten, die sich auf Kategorien beziehen (Aitchison 1997: 66).“ In dem Experiment sollten mehr als 200 Psychologie-Studenten beurteilten, inwieweit gegebene Beispiele gute oder schlechte Beispiele für eine Kategorie sind. Laut Aitchison (1997: 66) sollte die These überprüft werden, dass Menschen einige Vogelarten „vogeliger“, einige Gemüsearten „gemüsiger“ und einige Werkzeuge „werkzeugiger“ erscheinen als andere. Die Ergebnisse des Experiments zeigten eine große Übereinstimmung in Bezug auf die besten Vertreter einer Kategorie auf. So nannten nahezu alle Studenten das Rotkehlchen als typischen Vertreter für die Kategorie VOGEL und die Erbse für die Kategorie GEMÜSE. Die Ergebnisse dieses Experiments wurden durch weitere Experimente von Rosch und anderen Psychologen bestätigt. In Abbildung 1 (Aitchison 1997: 68) ist das Ergebnis für die Kategorie VOGEL zu sehen. Alle Vögel gruppieren sich um das prototypische Rotkehlchen. Taube, Spatz und Kanarienvogel sind dem Rotkehlchen sehr ähnlich und ihm daher auch in der Abbildung sehr nahe. Pinguin und Strauss ähneln dem Rotkehlchen dagegen nicht so sehr, weshalb sie am Rand der Kategorie zu finden sind.
2
Nach Kleiber (1998: 32) wird der Prototyp nur dann als solcher akzeptiert, wenn er hoch frequent ist, so dass eine interindividuelle Stabilität gegeben ist. Er betrachtet den Prototyp als das beste Exemplar, das mit einer Kategorie assoziiert wird. Ein Vertreter gilt also dann als Prototyp einer Kategorie, wenn sich viele Sprecher einig sind, dass dieses Beispiel besser ist als andere Vertreter dieser Kategorie. Ein Prototyp ist folglich das Exemplar, das von Sprechern als bestes Exemplar einer Kategorie anerkannt und am häufigsten genannt wird. Wichtig hierbei ist, dass nicht ein einzelnes Individuum, sondern eine große Sprechergemeinschaft den Prototyp als bestes Exemplar ansieht. Woraus abzuleiten ist, dass individuelle Einzelexemplare (z.B. mein Kanarienvogel) nicht als Prototypen anerkannt werden, da sonst die interindividuelle Stabilität (nicht jeder kennt meinen Kanarienvogel) nicht mehr gegeben wäre. Ein Prototyp muss alle typischen Eigenschaften, die die Mitglieder einer Kategorie aufweisen, in sich vereinen. Nach Dörschner (1996: 49) ist es hierfür nicht notwendig, dass der Prototyp real existiert, es kann sich dabei auch um eine abstrakte Einheit, ein kognitives Konstrukt handeln. Über die typischen Eigenschaften einer Kategorie müssen sich die Sprecher einer Gemeinschaft einig sein. Für Dörschner (1996: 45) sind die typischen Eigenschaften nicht gemeinsame Kenntnisse über etwas, sondern vielmehr das, was Sprecher allgemein vermuten. Nutz jemand z.B. das Wort Vogel, so kann man davon ausgehen, dass er
3
mit dem Vogel nicht seinen eigenen Kanarienvogel meint, sondern eher einen typischen Vogel. Zwar gibt es von Sprecher zu Sprecher unterschiedliche Begriffe, die mit einem Wort in Verbindung gebracht werden, dies gilt aber nur für die Begriffe am Rand einer Kategorie, im Kern nimmt Dörschner (1996: 45) eine gewisse Konstanz an, die er als Grundlage jeglicher Kommunikation nennt. Es stellt sich nun die Frage, wie sich die typischen Eigenschaften eines Prototyps bestimmen lassen. Wie Dölling (2007) schreibt, haben die Merkmale des Prototyps einer Kategorie einen hohen Erkennungswert (cue validity). Diese cue validity wird von Rosch et al. (1976) als Bestimmungsgröße für die typischen Eigenschaften genannt, sie ist „ein mathematischer Ouotient aus der Häufigkeit, mit der ein Merkmal bei den Mitgliedern einer Kategorie erscheint und der Frequenz, mit der dasselbe Merkmal bei allen anderen Kategorien auftritt (Dörschner 1996: 50).“ Als Beispiel nennt Dölling (2007) das Merkmal ‚hat Federn’ für die Kategorie VOGEL. Dies hat einen großen Erkennungswert, da nahezu alle Mitglieder der Kategorie dieses Merkmal aufweisen und es bei Nichtmitgliedern nicht zu finden ist. Die Merkmale ‚Flügel haben’ und ‚fliegen können’ haben dagegen einen geringen Erkennungswert, da auch Nichtmitglieder wie Insekten fliegen können und auch, da Mitglieder wie z.B. der Pinguin nicht richtig fliegen können. Prototypen sind also diejenigen Vertreter einer Kategorie, die die meisten typischen Merkmale einer Kategorie und gleichzeitig am wenigsten Merkmale, die auch zu anderen Kategorien gehören, und zusätzlich die höchste cue validity aufweisen (vgl. Dörschner 1996: 52). Durch die Annahme eines Prototyps ergibt sich eine neue Konzeption für die Kategorie und die Kategorisierung, die sich auf folgende Thesen, die Grundthesen der Standardversion, stützt (Kleiber 1998: 33f.).
1. Eine Kategorie hat eine prototypische innere Struktur.
2. Der Repräsentativitätsgrad eines Exemplares entspricht dem Grad seiner Zugehörigkeit zur Kategorie.
3. Die Grenzen zwischen den Kategorien bzw. Begriffen sind unscharf. 4. Die Vertreter einer Kategorie verfügen nicht über die Eigenschaften, die allen Vertretern gemeinsam sind; sie werden durch eine Familienähnlichkeit zusammengehalten.
5. Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ergibt sich aus dem Grad der Ähnlichkeit mit dem Prototyp.
6. Über diese Zugehörigkeit wird nicht analytisch, sondern global entschieden. Anders als im Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen (NHB-Modell) angenommen, verfügen die Vertreter einer Kategorie nicht über Eigenschaften, die allen gemeinsam sind. Es gibt keine feste Menge von Merkmalen und kein Merkmal ist für die Zugehörigkeit zu einer Kategorie unbedingt notwendig. Wie Löbner (2003: 255) schreibt,
4
Arbeit zitieren:
2007, Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Seminararbeit, 15 Seiten
Merkmalstheorie und Prototypensemantik in Theorie und Schulpraxis
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Anwendung der Prototypentheorie auf Wortbedeutungen polysemer Adjektiv...
Niederlandistik (Literatur, Sprache, Kultur)
Seminararbeit, 14 Seiten
Empirische Untersuchung zur Prototypentheorie
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Villen des Veneto, Die Villa GODI
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Seminararbeit, 19 Seiten
Erich Kästners Satire der Neuen Sachlichkeit. "Fabian" - Die...
Ein Zerrspiegel der Gesellscha...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Essay, 15 Seiten
Motivation and Foreign Language Teaching - Strategies for Motivation
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Adaptation von Werbetexten und anderen appellbetonten Texten
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 19 Seiten
Inwiefern ist Kleists Novelle "Die Verlobung in St. Domingo"...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Erich Kästner als Literat der Zwischenkriegszeit
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 17 Seiten
Andrea Palladio: Die Villa Barbaro
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Referat (Ausarbeitung), 20 Seiten
Erzählstandpunkt und Erzählstrategien in den ´Leyendas´ Béquers
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 35 Seiten
Anonym hat den Text Standardversion der Prototypentheorie versus erweiterte Version der Prototypentheorie: ein Vergleich veröffentlicht
0 Kommentare