Am 29. Februar 2004 wurde ich nach fast zweiundvierzig Jahren Polizei- vollzugsdienst mit Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze durch Rolf Sprinkmann in den Ruhestand verabschiedet.
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Ich war, das kann ich rückschauend schreiben, mit Leib und Seele Polizist und Kriminalist. Sicherlich gab es in über vier Jahrzehnten Dienst zum Wohle gesetzestreuer Bürgerinnen und Bürger auch Tiefen und persönliche Rückschläge. Doch die mehr oder weniger positiven oder auch erfreulichen Erlebnisse sind präsenter.
Ich schreibe vordergründig über Stationen und Situationen aus meinem Be- rufsleben, die durch Bilder ergänzt werden. Menschliches und Privates kommen dabei nicht zu kurz.
Die Geschichten sollen – mit zeitlichem Abstand – überwiegend erheitern; aber das Spektrum polizeilicher Arbeit enthält auch weniger Erfreuliches oder sogar Tragisches.
Namen und Bilder beteiligter Personen sind so ausgewählt, dass durch die- se Veröffentlichung keine Rechtsverletzungen entstehen. Aus vorgenannten Gründen halte ich es für angemessen, mehrheitlich – was Polizeibedienste- te betrifft – mit namentlichen Abkürzungen zu arbeiten oder auf Namen gänzlich zu verzichten.
Ich habe immer wieder überlegt, ob ich dieses Manuskript, das ich im We- sentlichen bereits vor Jahren erstellt habe, überhaupt der Öffentlichkeit zu- gänglich machen soll. Auch deshalb, weil der ehrbare Polizeiberuf auf Grund einiger Auswüchse, an denen ich zum Teil beteiligt war, in eine Schieflage geraten könnte. Aber: Der Polizeidienst ist ein Beruf mit viel Anspannung, der eben manchmal auch Entspannung sucht und braucht. Ge- rade in Kasernierungszeiten führt das auch schon mal dazu, dass selbst er- wachsene Personen „über die Stränge schlagen“, also die Grenze des Übli- chen oder Erlaubten auf übermütige, unbekümmerte Weise überschreiten, wovor offenbar auch die solidesten Familienväter nicht gefeit sind (vgl. Duden 11, Redewendungen).
Meine (früheren) Kolleginnen und Kollegen könnten bestimmt über ähnli- che oder vergleichbare Erlebnisse schreiben. Sie tun es aber nicht. Leider, denn so geht Vieles an „Polizeileben“ (Polizeigeschichte, Polizeikultur) verloren.
Ich habe mich dazu entschlossen, das – auch autobiographische – Gesamt- werk in Teil 1 (Jahre 1962 bis Mai 1988) und Teil 2 (Juni 1988 bis zur Pensionierung im Jahr 2004) aufzuteilen, da meine Rückkehr in die Krimi- nalpraxis im Jahr 1988 nach zehnjähriger „Abstinenz“ eine Zäsur ist. In Teil 2, an dem ich bereits arbeite, folgen noch viele interessante Ge- schichten, in denen auch (sehr) bekannte Persönlichkeiten eine Rolle spie- len.
Ernst Hunsicker (2008)
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Inhaltsverzeichnis
Seite NA
11 NA
Die Berufswahl
13 NA
Polizeischule: erste Eindrücke und Episoden
Bier aus Stöckelschuhen
14 NA
Zur Abwechselung ein Ernteeinsatz
16 NA
Orientierungsmarsch bei klirrender Kälte
17 NA
Erschossene Koreaner
17 NA
Große Geländeausbildung
18 NA
Die letzte Nachtzigarette
20 NA
Sommernachtstraum in Bad Hersfeld (mit Götz George)
20 NA
Bildungsfahrt NA
20 NA
Stinkende Mäuse
21 NA
23 NA
Bereitschaftspolizei Hannover
Kleine Ruhepausen im Hainhölzer Bahnhof
23 NA
Verpflegung durch einen Krankenpfleger
23 NA
Verkehrsregelung auf einer Großkreuzung
24 NA
Alkohol an der Kugel
25 NA
K der mehr als fürsorgliche Krankenpfleger
27 NA
Flächenbrand am Steinhuder Meer
28 NA
Urlaubsfahrten NA
31 NA
Die Mittagspause verpennt
35 NA
39 NA
Polizeiabschnitt Lingen (Ems)
Kein guter Auftakt
39 NA
Nicht nur Blutproben
40 NA
Der beißwütige Hund
42 NA
Die ausgebrochene Kuh
43 NA
Massenschlägerei bei Mia W
43 NA
Schwer Verkehrsunfall und großes Glück am eigenen Leibe
44 NA
Noch einmal Glück am Bahnübergang
45 NA
Eine unmögliche Pressemitteilung
45 NA
Richter H : gnadenlos
46 NA
Der Unfalltod von drei jungen Menschen
49 NA
Die fliegende Kuh
49 NA
51 NA
Ausbildung für die Kriminalpolizei
Sie sind für die Kriminalpolizei ungeeignet
52 NA
Wer hat da nicht aufgepasst
53 NA
7
Seite
„Wir machen keine Gefangenen im Milieu!“ 5 4
Die erste „Leichensache“
55
57
Landeskriminalpolizeistelle Osnabrück
Eine suizidgefährdete Sintofrau
57
Ibrahim S.: ein Passfälscher und Fliegenfänger von Format
59
Wir gründen eine neue Gewerkschaft
60
Die nächtliche Weihnachtsfeier
60
Die Pendellampe und eine brennende Theke
61
„Ich kenne Sie nicht!“
63
Terroristeneinsatz in Nordhorn
64
„Da schreibt einer unsere Kennzeichen auf!“
65
Der spuckende Automatenaufbrecher
65
Rückblende: Übertriebene Härte beim Dienstsport
66
„Die Leiche lebt“
66
Der obdachlose „Hähnchenwäscher“
67
69
Der 22. Oberstufenlehrgang
14 Tage Selbststudium auf den Stuben
69
73
Stress, und nichts als Stress
Eine widerwärtige Vergewaltigung
73
75
Der Kommissarslehrgang
Der uneinsichtige Hörsaalleiter
75
Die Situationssituation
76
Hängende Betten und Karibikflair in meinem Zimmer
76
Frauen an der Polizeischule
77
Schreck während der mündlichen Prüfung
77
79
Drei Jahre Stabsarbeit
Ein klärendes Gespräch
80
Der Rausschmiss
81
Abschiebung in die Türkei
82
„Sie bleiben jetzt drei Tage zu Hause!“
82
Raketennachbau: „Plop“ und Flop
83
85
Intermezzo bei der Kriminalpolizeiinspektion (KPI) Lingen
Völlig ungefährliche Kernenergie?
85
Die überwiegend lästigen „Knastvorgänge“
85
Willy Brandt und Genossen in Nordhorn
87
8
Seite
89 Das ungewohnte und arbeitsintensive Lehrerdasein
Darf ich mal Ihren Dienstausweis sehen?
89
91
Zwei Jahre Studium für den höheren Polizeivollzugsdienst
1. Studienjahr 91
Crash mit einer Nonne
92
Rosenmontag in Mainz
92
2. Studienjahr 93
Die Berliner Löschübungen
93
Der nachgiebige Präsident
96
Lyon und Umgebung
97
Zum Schluss ein fader Beigeschmack
97
99
Erneute Rückkehr zur Landespolizeischule Niedersachsen
„Hunsicker ist ein Vandale!“
100
105
Fast sechs Jahre Polizeiausbildungsstätte (ASt) Bad Iburg
„Festlicher Barockabend auf Schloß Iburg …“
109
Der Professor aus den USA
111
Der Tod meines Förderers
114
Morbus Boeck (Sarkoidose) überstanden
114
Das Berlin-Seminar vom 13. bis 17. Mai 1985
115
Ein Tag in Ost-Berlin voller Eindrücke
116
Der künstlerisch begabte Pfarrer
117
127
Abschließende Erklärung
129
Personenregister (Polizei)
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Personenregister (außerhalb Polizei)
133
Ortsregister
135
Berufliche Vita im Überblick
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Nach erfolgreichem Abschluss der Realschule in Meppen (Ems) wollte ich zur Seefahrtsschule und später zur Handelsmarine. Meine Mutter Herta Lappe, verw. Hunsicker, geb. Bayer, die ihren ersten Ehemann – und somit meinen leiblichen Vater – Friedrich Wilhelm („Fritz“) Hunsicker im 2. Weltkrieg als „Flieger“ verloren hatte 1 , war jedoch strikt dagegen. Sie hatte große Angst, dass mich als ihrem einzigen Kind auf hoher See ein ähnli- ches Schicksal ereilen könnte. Da ich noch nicht volljährig war, hätte mei- ne Mutter ihre schriftliche Zustimmung zu dieser Marineausbildung geben müssen. Dazu war sie aber nicht bereit, wofür ich heute großes Verständnis habe.
So schnell wollte ich mich aber nicht von meinem Plan abbringen lassen, und ich ging zu einer Info-Veranstaltung „Seefahrt“ des Arbeitsamtes.
Im Anschluss erschien ein Polizeihauptkommissar, der über den Polizeibe- ruf informierte und diesen in den höchsten Tönen mit den abschließenden Worten „Sie haben den Marschallsstab im Tornister!“ lobte. An den Mar- schallsstab mochte ich nicht glauben, trotzdem fand ich wohl Gefallen an diesem Beruf. Meine Mutter hatte – wie wohl viele andere Mütter und Vä- ter – auch hierzu leichte Bedenken. Unterstützung erhielt ich aber durch meinen zweiten Vater Heinrich Lappe 2 , sodass das Unternehmen „Polizei- dienst“ starten konnte.
Der für meinen Wohnort Rühle (heute Emslage) zuständige Stationspolizist aus Groß-Hesepe war von meinem Berufswunsch begeistert, denn er war davon überzeugt, mich für diesen Beruf geworben zu haben. Wohl nicht ganz uneigennützig, denn damals gab es noch zwei Tage Sonderurlaub für eine erfolgreiche Werbung. Außerdem erklärte der Stationspolizist meinen Eltern, dass ich auf jeden Fall mit einer Kofferschreibmaschine ausgestattet sein müsse, die er selbstverständlich besorgen könne. So kam eine Koffer- schreibmaschine „Olympia Monica“ frühzeitig ins Haus.
im Jahr 1955 kamen wir nach Rühle (damals Landkreis Meppen/Ems). Vor/nach dieser Heirat wurden mir zwei be- deutsame Fragen gestellt:
Hunsicker.
2. Evtl. noch eine Halbschwester oder einen Halbbruder? Ich entschied mich gegen ge- schwisterliche Konkurrenz, sodass ich Einzelkind blieb.
Tatsächlich hatte ich mich vorher bei der Landespolizeischule Niedersach- sen in Hann. Münden (Kurzform: Münden) beworben, und ich wurde auch zum 1. April 1962 in den Polizeidienst des Landes Niedersachsen als „Po- lizeiwachtmeister“ eingestellt. Vorher waren noch eine schriftliche und mündliche Eignungsprüfung zu bestehen sowie eine polizeiärztliche Unter- suchung zu überstehen. Damit nicht genug: Der Stationspolizist musste sich zu meinem Leumund äußern; ein Beamter der polizeilichen Staats- schutzdienststelle Nordhorn „besuchte“ meine Eltern und erkundigte sich bei unseren Nachbarn.
Die Bahnfahrt von Meppen nach Münden war keine Anreise, sondern fast eine kleine Weltreise von ungefähr acht Stunden.
Am Bahnhof Münden wurden wir bereits von unseren Ausbildern erwartet und mit einem „Grukw“ (Gruppenkraftwagen = Lkw mit Plane und Holz- bänken) zur Polizeischule kutschiert, wo wir ab sofort Teilnehmer des 24. Grundausbildungslehrgangs waren.
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Polizeischule: erste Eindrücke und Episoden
Der Ton unserer Ausbilder, die mit ihrer Amtsbezeichnung („Herr Polizei- oberwachtmeister“ usw.) angesprochen wurden, war überwiegend rau und wenig herzlich. Meine Gruppe im 3. Zug der III. Lehr-Hundertschaft hatte Glück, denn unser Ausbilder gehörte zu der humaneren Sorte, was auch für unsere höherrangigen Vorgesetzten (Zugführer und Hundertschaftsführer) galt.
Polizeiwachtmeister Ernst Hunsicker ( Juli 1962).
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Das Zusammenleben auf einer „Stube“ (offizielle Bezeichnung) von ca. 30 qm Größe, die sich sieben Wachtmeister zum Schlafen und Leben teilen mussten, war schon gewöhnungsbedürftig. Das Mittagessen wurde im Speisesaal eingenommen; Frühstück und Abendbrot gab es in Form von „Kaltverpflegung“ auf der Stube. Duschen durften wir nur nach dem Dienstsport und nach schweißtreibender Formalausbildung („Nach hinten weg, Marsch, Marsch!“, „Volle Deckung!“ und immer wieder „Achtung!“). Zum Duschen mussten wir vorher auf dem Flur antreten. Das Duschen wurde von den Ausbildern überwacht, weil sich zum Beispiel einige weni- ge Polizeiwachtmeister zierten, ihre Badehosen auszuziehen. Übrigens: Be- amtinnen gab es zu der Zeit noch nicht im Polizeidienst.
Bier aus Stöckelschuhen
Das mit den Beamtinnen stimmt nicht so ganz. Es gab ganz wenige bei der Weiblichen Kriminalpolizei. Besonders Qualifizierte schafften auch den Sprung in den gehobenen Dienst („Kommissarslaufbahn“). Dazu mussten die geeigneten Frauen und Männer der Kriminal- wie auch der Schutzpoli- zei grundsätzlich einen Oberstufenlehrgang (zwölf Monate), einen Vorbe- reitungslehrgang und danach einen Kommissarslehrgang (acht Monate) besuchen.
Unser spezieller Auftrag war es, die Damen und Herren des Oberstufen- lehrgangs morgens mit Kaffee und Tee zu versorgen, d.h., wir mussten je eine Kanne Kaffee und Tee vor einem separaten Wohnbereich in einem an- deren Wohnblock abstellen. Wenn wir diesen Auftrag mal vergessen hatten, gab es eine Beschwerde und wir erhielten einen Sonderdienst verpasst (z.B. einen zusätzlichen Wachdienst am Wochenende).
Doch dann geriet unser Bild von der anständigen Polizei ins Wanken. Wir, einige „Stubenkameraden“ und ich, gingen nach dem Abendessen und den täglich erforderlichen Schularbeiten in eine Mündener Kneipe. Dort trafen wir auf einen Teil unserer vermeintlich blitzsauberen „Oberstufler“, die wir jeden Morgen mit Getränken zu versorgen hatten. Sie, Damen und Her- ren gleichermaßen, waren ziemlich betrunken. Wir trauten unseren Augen nicht, als die „Herren“ den „Damen“ die Stöckelschuhe auszogen, die Schuhe mit Bier füllten und anschließend das Bier aus den Schuhen tran- ken.
Ich gehe davon aus, dass die „Oberstufler“ das Bestehen des Lehrgangs oder die Rückgabe gelungener Klausurarbeiten auf übermütige und unbe- kümmerte Weise ausgiebig gefeiert haben (vgl. Vorwort).
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Formalausbildung (erste „Gehversuche“) im April 1962; Ernst Hunsicker als 5. von links.
„Stube 37“ beim „Budenzauber“;
vordere Reihe links: Ernst Hunsicker.
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Die Ausbilder achteten nicht nur auf körperliche Sauberkeit, sondern auch auf pünktliche Nachtruhe (in den ersten sechs Monaten grundsätzlich 22.00 Uhr, am Wochenende 23.00 Uhr), einen ordentlichen Kurzhaarschnitt (da- mals orientierten wir uns mehr an den Pilzköpfen der „Beatles“), saubere Stuben, Spinde und Kleidung. Unsere Wäsche wurde von der Reinigung „Schneeweiß“ gewaschen und geplättet.
Nur die im Nahbereich von Münden wohnhaften Wachtmeister konnten an den Wochenenden mit besonderer Genehmigung ziemlich regelmäßig nach Hause fahren. Für uns Emsländer und die Wachtmeister, deren Heimat- wohnsitz noch weiter entfernt lag, kam eine Heimreise kaum in Betracht. In unserer Hundertschaft hatte auch keiner ein privates Auto. Während dieses Jahres konnte ich meine Eltern in Rühle nach langen Zugfahrten lediglich fünfmal besuchen.
In den ersten Wochen erhielten wir nach Dienstschluss wiederholt „Be- such“ vom so genannten Stammpersonal, das sich aus gutem Grund äußerst zuvorkommend und freundlich zeigte. Es wurde uns dringend empfohlen – und wer mochte sich da schon widersetzen – eine Kofferschreibmaschine anzuschaffen (die hatte ich ja bereits), in die „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP), in den „Polizeisportverein (PSV) Hann. Münden“ und in die „Deut- sche Lebens- und Rettungsgesellschaft“ (DLRG) ein- sowie verschiedenen Versicherungen und Kassen beizutreten.
Besonderer Wert wurde auch auf körperliche Fitness gelegt. Neben der Formalausbildung (ein mehrere Stunden andauendes Hin und Her auf dem Ausbildungsplatz) standen Leichtathletik (das Sportabzeichen war Pflicht), Geräteturnen, Schwimmen (das DLRG-Leistungsabzeichen musste ge- macht werden) und Waldlauf auf dem Wochenprogramm. Hinzu kam die Geländeausbildung im Bereich Meensen/Jühnde.
Zur Abwechselung ein Ernteeinsatz
Im September 1962 wurde unsere Hundertschaft vierzehn Tage lang jeden Morgen zu einem riesigen Bohnenfeld nach Geismar bei Göttingen gefah- ren. Die Bohnen waren notreif und mussten dringend vom Strauch. Pro Zentner gepflückte Bohnen gab es zusätzlich 20 DM, die jeden Abend bar ausgezahlt wurden. Wenn man sich anstrengte, konnte man pro Tag auf einen guten Zentner Bohnen kommen und mehr als 20 DM mit nach Hause nehmen. Ein Teil des Baren wurde am Abend in Getränke und halbe Hähn- chen umgesetzt. Beim Pflücken tat sich besonders ein Ausbilder hervor, der sich gerade einen nagelneuen VW Käfer gekauft hatte.
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Apropos Geismar:
Orientierungsmarsch bei klirrender Kälte
An einem Wintertag 1962/63, es waren etwa zwanzig Grad unter Null und es lag ziemlich viel Schnee, wurde unsere Hundertschaft jeweils in Grup- penstärke am frühen Morgen im Raum Geismar „ausgesetzt“. Wir erhiel- ten einen Kompass, eine Geländekarte und eine Marschzahl mit dem Auf- trag, auf schnellstem Wege die Unterkunft (Kaserne) in Münden zu errei- chen. Meine Gruppe war besonders ehrgeizig. Ich und weitere Marschierer hätte lieber unterwegs in einer Waldgaststätte eine kurze Pause gemacht und etwas Alkoholfreies getrunken, da sich im Marschgepäck lediglich eine kleine Feldflasche mit schwarzem Tee befand. Die Mehrheit wollte aber durchmarschieren. Wir kamen total kaputt und mit blutverschmierten Ge- sichtern (Äderchen im Gesicht waren von der „beißenden“ Kälte aufge- platzt) gegen Mittag in unserer Unterkunft an. Der Ehrgeiz hatte sich aber gelohnt: Da wir mit großem Zeitabstand als erste Gruppe zurück waren, gab es zur Belohnung am Nachmittag dienstfrei. Nach unserer Rückkehr habe ich erst einmal zwei Liter Milch getrunken und eine Tafel Schokolade verspeist, um dann für mehrere Stunden in einen Tiefschlaf zu versinken. Das ging aber nicht nur mir so.
Nun darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Ausbildung überwiegend sportlich ausgerichtet war. Nein, wir wurden auch unterrichtet (Fachausbil- dung, Allgemeinbildung) und an der Pistole (P 38) sowie am US-Karabiner ausgebildet. Großer Wert wurde auf die Waffenpflege gelegt. Nicht nur nach jedem Übungsschießen mussten die Waffen in alle Einzelteile zerlegt und gründlich gereinigt werden.
„Erschossene Koreaner“
An den Rohren unserer US-Karabiner befanden sich eingefeilte Kerben. Es ging das Gerücht um, dass so markierte US-Karabiner bereits im Korea- krieg (1950 - 1953) im Einsatz waren. Jede Kerbe sei Indiz für einen er- schossenen Nordkoreaner.
In diesem Zusammenhang konnte ich mich noch entsinnen, dass wir wäh- rend meiner ersten Schuljahre, die ich in Lengerich (Westfalen) verbrachte, das Lied „Ei, ei, ei Korea, der Krieg kommt immer näher … “ gesungen haben. Über die Bedeutung eines solchen Schwachsinns waren wir uns als Kinder offenbar nicht im Klaren.
Mit diesen US-Karabinern „zogen wir auch in den Krieg“, wie die Ausbil- dung im Gelände manchmal scherzhaft umschrieben wurde. Tatsächlich hatte diese Geländeausbildung mit der Grundausbildung bei der Bundes- wehr viele Gemeinsamkeiten. Einmal kam es knüppeldick:
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Große Geländeausbildung Die letzten vierzehn Tage vor dem Sommerurlaub (1962) zogen wir täglich mit unseren US-Karabinern und Platzpatronen ins Gelände. Auf dem Dienstplan stand „Große Geländeausbildung, Ausbildungsorte Barlissen, Meensen, Wiershausen“. Wir wurden täglich von morgens bis abends durch die Gegend gescheucht. Laufend kamen angeblich Tiefflieger von vorne, von hinten oder von der Seite, verbunden mit dem Kommando „Vol- le Deckung!“. Tatsächlich waren weit und breit keine Flugzeuge zu sehen, schon gar nicht Tiefflieger. Einmal hatte ein genervter Wachtmeister die Faxen dicke. Er ging nach dem Kommando „Volle Deckung!“ nur in die Hocke, woraufhin sich etwa folgendes Wortgefecht ergab:
Ausbilder (schreiend): Volle Deckung! Volle Deckung! Wachtmeister: Bin ich doch, Herr Oberwachtmeister! Ausbilder: Sind Sie nicht! Wachtmeister: Doch, ich hocke hinter einer Mauer! Ausbilder (zornesrot): Ich sehe keine Mauer! Wachtmeister: Ich sehe auch keine Tiefflieger! Für solche Scherze hatten unsere Ausbilder überhaupt kein Verständnis. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: „Volle Deckung!“ für diesen Wachtmeister und seine Gruppe bis zur völligen Erschöpfung. Am Rande der Erschöpfung war ich auch einmal: Meine Gruppe musste über einen längeren Zeitraum durch einen kleinen Bach robben, der sehr moderig war. Der US-Karabiner baumelte um den nach oben gestreckten Hals, da die Waffe auf keinen Fall mit Wasser oder Moder in Berührung kommen durfte. Im und über dem Wasser war reichlich Getier (vorwiegend Schnecken und Mücken). An meiner Seite kroch ein Stubenkollege, der di- rekt neben meinem Ohr einen Schuss aus seinem Karabiner abgab. Ich dachte, mir fliegt das Trommelfell raus. Aber, ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ich robbte weiter, doch die Tränen flossen reichlich vor lauter Erschöpfung und Wut.
Kleine Abwechselungen boten nur die Pausen an der Feldküche („Gu- laschkanone“), wo es Essen und Getränke gab.
Ach ja, Getränke. Behauptet wurde immer wieder, in den Getränken der Polizeiküche sei Hängolin 3 enthalten.
Soll angeblich den Sexualtrieb von Kasernierten dämpfen.
Die letzte Nachtzigarette Stubenkollege C. hatte die Angewohnheit, nach dem abendlichen Stuben- durchgang (22.00 bzw. 23.00 Uhr), der durch einen Ausbilder erfolgte, noch eine Zigarette zu rauchen. Der Rest der Stube lag dann schon im Bett. Einmal hörten wir Schritte auf dem Flur, die sich kurz nach dem Stuben- durchgang rückkehrend unserer Stube näherten. C. warf, bevor der erwar- tete Ausbilder unsere Stube betreten hatte, seine noch glühende Zigarette in den Besenschrank. Der Ausbilder roch den frischen Qualm (auch wohl schon auf dem Flur), sah C. in sein Bett springen und bemerkte den qual- menden Besenschrank. Am nächsten Tag musste C. seine Sachen packen und den Polizeidienst quittieren.
Mit fünfzig Stunden Dienst pro Woche kamen wir nicht aus, zumal wir auch noch samstags bis 13.00 Uhr ausgebildet wurden. Und das alles bei einem Monatsgehalt von gut 200 DM, was aber 1962 bei freier Verpfle- gung und Unterkunft ein Haufen Geld war. Das meiste davon wurde für Essen und Getränke ausgegeben, denn die Kaltverpflegung bestand aus Brot, Margarine, Marmelade und überwiegend Leberwurst, die wir wegen ihrer Farbe und Konsistenz als „Betonwurst“ bezeichneten.
Es gab auch Kulturelles im Angebot:
Sommernachtstraum in Bad Hersfeld (mit Götz George)
An einem lauen Sommerabend wurden wir mit Gruppenkraftwagen nach Bad Hersfeld gefahren, wo in einer Burgruine Shakespeares „Sommer- nachtstraum“ mit dem auch noch heute bekannten Schauspieler Götz George aufgeführt wurde. Dazu mussten wir unsere Uniformen anziehen. Ausnahmsweise war es erlaubt, weiße Oberhemden zur Uniform zu tragen. Ein Privileg, das sonst nur den so genannten „Oberbeamten“ (Kommissa- re, Räte, Direktoren) zustand. Einige dieser Spezies trugen selbst im Som- mer private Handschuhe aus besonders feinem und hellem Leder.
Auf dem Programm stand auch eine mehrtägige Bildungsfahrt mit der ge- samten Hundertschaft. Es ging in den Harz. Höhepunkt war eine Gemein- schaftsveranstaltung in Bad Harzburg, an der auch der Verwaltungspräsi- dent aus Braunschweig teilnahm.
Das Halten von Haustieren war strengstens verboten. Wobei sich die Frage stellte, sind weiße Mäuse Haustiere.
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Stinkende Mäuse Eines Tages brachte Stubenkollege H. ein Art Aquarium mit, in dem sich eine weiße Maus befand. Kurz darauf musste ich wegen einer Erkrankung mit hohem Fieber ins Krankenrevier der Polizeischule, wo ich etwa zwei Wochen blieb. Meine Krankheit wurde im Wechsel mit rotem Pulver (Ab- führmittel) und schwarzem Pulver (Kohlepulver gegen Durchfall) behan- delt. Das hohe Fieber, verbunden mit Appetitlosigkeit, hatte mich ziemlich geschwächt. Als ich nach meiner Entlassung aus dem Krankenrevier auf meine Stube zurückkam, wimmelte es in dem Aquarium nur so von Mäusen. Ganz offenbar war die zunächst allein im Aquarium lebende Maus weiblich und bereits tragend bei ihrem Einzug in unsere Stube.
Die Mäuse verbreiteten einen solchen Gestank, dass ich mich erst einmal kräftig übergeben musste. Ich forderte H. auf, sofort die Mäuse abzuschaf- fen. Aber wohin damit? Schließlich wurde eine Lösung gefunden: Jeden Abend steckten sich H. und auch wohl noch andere Polizeischüler ein paar Mäuse in die Taschen, um sie dann in Mündener Kneipen freizulassen. H. und Kollegen haben sich nach ihren Erzählungen tüchtig amüsiert. Insbe- sondere darüber, dass die weiblichen Gäste beim Anblick der Mäuse auf Stühle und Tische sprangen.
Im 2. Halbjahr gab es an Samstagen keine Torschlussstunde mehr, und die Polizeischüler trafen sich im „Bergschlösschen“ und im „Schützeneck“. Beide Lokalitäten waren nur nach einem langen Fußmarsch und überwie- gend bergauf zu erreichen. Aber: Durchtrainiert waren wir ja und zurück ging es meistens bergab.
Die einjährige Grundausbildung an der Polizeischule war hart und lehr- reich. Nach dem Bestehen der Prüfungen,
- „U-Prüfung“ (Deutsch, Geschichte, Heimatkunde, Rechnen) und
- „Fachprüfung I“ (Staatsbürgerkunde, Allgemeines Polizeirecht, Be- sonderes Polizeirecht, Dienstkunde/polizeipraktische Psychologie, Fuß- dienst/Ausbildungsunterricht, Körperschulung/Selbstverteidigung,
Strafrecht, Strafprozessrecht, /Berufsethik, Erste Hilfe), wurden wir in die Landesbereitschaftspolizei, Abteilungen Hannover und Braunschweig, versetzt. Mich führte der Weg nach Hannover. Später kehr- te ich wiederholt nach Münden zurück, wo ich insgesamt annähernd fünf Jahre meiner Dienstzeit verbracht habe.
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Bereitschaftspolizei Hannover
Am 1. April 1963 kam ich in die 1. Ausbildungs-Hundertschaft. Unser Ausbilder war wieder so ein Glücksfall. Er scheuchte uns in der „Vahren- walder Heide“ bis hinter den nächsten Erdhügel. Außerhalb des Blickwin- kels von Vorgesetzten war er dann ein toller Kumpel und verordnete „Erst mal hinsetzen und ausruhen!“.
Das Wohnen in der neuen Wohngemeinschaft war schon wesentlich luxu- riöser. Wir waren nur noch zu sechst auf der Stube; insbesondere gab es einen separaten Schlafraum.
Das Jahr in der 1. Hundertschaft verging ziemlich schnell. Der Dienst war aber nicht so kurzweilig wie im Jahr davor:
Beispielsweise wurden wir nachts zu Bezirksstreifen eingeteilt. Das waren Doppelstreifen zu Fuß oder auf dienstlichen Fahrrädern in den Außenbezir- ken von Hannover. An der Polizeischule hatte man uns viel Theorie vermit- telt; die polizeiliche Praxis war uns dagegen völlig fremd. Wir waren im- mer froh, wenn wir mal angesprochen und lediglich nach dem Weg bzw. einer Straße gefragt wurden. Einen Stadtplan hatten wir ja dabei. Den Ver- antwortlichen in der Polizei war dabei offensichtlich auch nicht ganz wohl, denn alle zwei Stunden musste ein festgelegter Kontrollpunkt „angelaufen“ bzw. „angefahren“ werden, um festzustellen, ob wir uns nicht verlaufen oder verfahren hatten. Funkgeräte standen uns nämlich nicht zur Verfü- gung.
Kleine Ruhepausen im „Hainhölzer Bahnhof“
Einer meiner Streifenkollegen war im Stadtteil „Hainholz“ groß geworden und kannte sich dort bestens aus. Im „Hainhölzer Bahnhof“ gab es ein paar lauschige Ecken, und im Winter war es dort auch einigermaßen warm. Publikumsverkehr gab es dort zur Nachtzeit nicht. Zwischen den Kontrollzeiten haben wir dann hin und wieder diesen Bahnhof aufgesucht, um uns mit geschlossenen Augen ein wenig von dem nächtlichen Streifen- dienst zu erholen.
„Verpflegung“ durch einen Krankenpfleger
Ein Streifenbezirk befand sich auch im Bereich des „St. Vinzenzstiftes“. Wenn wir uns dem Vinzenzstift näherten, lag ein bestimmter Krankenpfle- ger (K.) bereits auf der Lauer. Er galt als überaus polizeifreundlich, ver- pflegte uns mit geschmierten Broten und zeigte uns, sofern es die Zeit zu- ließ, Fotos von seinen vielen Reisen. Nicht bekannt war mir bis dahin seine schwule Neigung. Später bekam ich diese dann aber hautnah zu spüren.
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(Einzelheiten folgen unter „K., der mehr als fürsorgliche Krankenpfle- ger“).
Besonders unbeliebt war die Bestreifung des Innenministeriums an der „Lavesallee“. Jeweils zwei Polizeiwachtmeister wurden während der Nacht dem Pförtner zugeteilt. Eine Stunde war für den Rundgang um das Innen- ministerium eingeplant. Danach war der andere Kollege dran und man selbst hatte eine Stunde Pause, um danach wieder das Ministerium zu um- kreisen.
Mehr Abwechselung bot da schon die Industriemesse während der Messetage. In meinem ersten Dienstjahr in Hannover durfte ich den Ver- kehr an einer Parkplatzein- und ausfahrt regeln. Der Messeeinsatz begann aber schon eine Woche vor Beginn der eigentlichen Messe, sodass sich in dieser Vorphase der Verkehr von selbst regelte.
Später gab es dann aber aus einem anderen Anlass ein Highlight.
Verkehrsregelung auf einer Großkreuzung
Bei Fußballländerspielen kamen wir auch zum Einsatz. Einmal erhielten wir den Auftrag, einen erfahrenen Verkehrspolizisten auf einer Kreuzung am Maschsee zu unterstützen (Arthur-Menge-Ufer/Culemannstraße/Willy- Brandt-Allee/ Rudolf-von-Bennigsen-Ufer). Der „Verkehrskollege“ stand mit seinem Verkehrsregelungsstab mitten auf der Kreuzung, um den Ver- kehr zu regeln. Auf sein Zeichen hin mussten wir jungen Wachtmeister an vier Stellen dafür sorgen, dass die Fußgänger sicher auf die andere Stra- ßenseite kamen. Nach Ende des Spiels, als der abfließende Verkehr stark zunahm, winkte mich „Kollege Verkehrspolizist“ zu sich. Ich dachte, dass er auf der Kreuzung Unterstützung braucht. Mir sackte fast das Herz in die Hose, als er mir seinen Verkehrsregelungsstab in die Hand drückte, um sich dann in Richtung Toilette zu verabschieden. Nach etwa zehn Minuten kam er zurück. Ich war heilfroh, als der Kollege wieder auftauchte und dass ich kein Chaos auf der Kreuzung verursacht hatte. Er blieb aber am Straßenrand stehen, und ich durfte den Verkehr bis zum Einsatzende ver- antwortlich regeln. Hinterher war ich mächtig stolz, dass alles so glatt ge- laufen war.
Beteiligt war ich auch an anderen Großeinsätzen:
Besonders ist mir der Besuch von Queen Elizabeth II. und Prinzgemahl Philipp im Mai 1965 in Erinnerung. Auf dem Flughafen Hannover waren wir als Ehrenhundertschaft eingesetzt. Aus einem anderen Anlass mussten
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wir für Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dem Militärflughafen Wuns- torf einen Streckenabschnitt schützen 4 .
Ministerpräsident Dr. Diederichs neben der Queen (Mai 1965).
Alkohol an der Kugel
Aktiv beteiligt war unsere Hundertschaft auch an Polizeischauen in Han- nover, Braunschweig und Salzgitter. Wir mussten Kugeln, die sonst beim Kugelstoßen zum Einsatz kamen, synchron durch die Luft werfen. Das wurde Wochen vorher auf dem Ausbildungsplatz mit Hingabe geübt. Bei den Polizeischauen waren wir mit unserer Übung immer erst zum Schluss an der Reihe. Die Polizeischau in Braunschweig fand bei Dunkelheit statt. Für diesen Zweck waren die Kugeln, um im Scheinwerferlicht einen beson- deren Leuchteffekt zu erzielen, mit Phosphorfarbe präpariert worden. Wir saßen auf unserem Gruppenfahrzeug und verbrachten die Wartezeit mit Tee trinken. Sehr schnell fiel uns ein, dass der Tee mit ein bisschen Rum noch besser schmecken könnte. Aus der Stadiongaststätte wurde eine Fla-
befand sich auf seiner Abschiedsreise.
sche Rum auf unser Gruppenfahrzeug geschmuggelt. Die Kollegen, die auf den anderen Kfz saßen, bekamen Wind von der Aktion „Tee mit Rum“ und versorgten sich auch mit diesem Zuckerrohrschnaps. Unsere Ausbilder wa- ren ahnungslos. Da es ziemlich kalt war, tat uns dieses Getränk so richtig gut. Bei unserem Kugeleinsatz war die gesamte Hundertschaft mehr oder weniger angesäuselt. Das führte zu allerhand Kugelverlusten, und mancher Kugelakrobat suchte krabbelnd nach seiner Kugel. Die Zuschauer haben das, wie wir später hörten, so gut wie nicht bemerkt, wohl aber unsere Ausbilder. Es gab ein Donnerwetter, und bei der nächsten Polizeischau waren wir unter strenger Bewachung der Ausbilder.
Während meiner Freizeit war ich häufiger im „Savoy“ am Marstall. Das „Savoy“, in dem es täglich Lifemusik gab, war wegen der vielen hübschen Mädchen auch im Kollegenkreis sehr beliebt.
Es gab aber auch noch andere Interessen wie der Besuch von Fußballspie- len. „Hannover 96“ spielte in der gerade gegründeten 1. Bundesliga mit so bekannten Spielern wie dem bulligen Mittelstürmer Walter Rodekamp, Karl-Heinz Mühlhausen und dem Urgestein Otto Laszig; später kam noch der Techniker Hans Siemensmeyer hinzu. Trainer war übrigens Helmut („Fiffi“) Kronsbein. Dann waren da noch die Fußballländerspiele, die ich zusammen mit Kollegen besuchte, wenn wir nicht selbst durch den Polizei- einsatz gefordert waren.
Hin und wieder bin ich auch zum Berufsboxen in die Stadionsporthalle ge- gangen. Eine besondere Show boten die Veranstaltungen mit Norbert Gru- pe („Prinz von Homburg“) 5 und dem niederländischen Schwergewichtler Wim Snoek, der für seinen kurzen Prozess bekannt war.
In Hannover habe ich auch wieder angefangen, selbst Fußball zu spielen. Meine Fußballkarriere war mit meiner Entscheidung, zur Polizei zu gehen, abrupt zu Ende. Immerhin stand ich bis dahin im Tor der A-Jugend des „SV Meppen“ und gehörte auch zur Kreisauswahl. Im „Polizeisportverein Hannover“ reichte es nach längerer Pause und mit nicht mehr ganz so gro- ßer Begeisterung für die 2. Herrenmannschaft.
im Ring; verlor gegen diesen aber am 7. Dezember 1970 in New York (erst) in der 15 Runde durch k.o.
K., der mehr als fürsorgliche Krankenpfleger In einem Spiel sprang ich als Torwart einem gegnerischen Angreifer ent- gegen, der, obwohl ich den Ball bereits unter Kontrolle hatte, voll durch- zog und mir heftig gegen die linke Schulter trat. Ich verspürte einen starken Schmerz, der auch nicht nachließ. Man brachte mich zum Sanitätsbeamten, der meine sofortige Einlieferung ins „St. Vinzenzstift“ veranlasste. Dort fixierte man meinen linken Arm mit viel Verbandsmaterial auf der Brust, sodass ich nur noch bedingt handlungsfähig war. Freudig begrüßt wurde ich von K., dem mir von meinen Streifengängen ja bereits bekannten Kran- kenpfleger. Er tat sehr fürsorglich. Von dem Fußballspiel war ich noch ziemlich verdreckt und K. erklärte, dass ich erst einmal duschen müsste. Das war auch in meinem Sinne. K. kam mit. Ehe ich wusste, was mir ge- schah, fing K. an, mich im Genitalbereich besonders sorgfältig zu waschen. Das war zu viel der Fürsorge. Ich schubste ihn mit meiner freien rechten Hand zurück und erklärte ihm deutlich, dass er umgehend das Badezimmer verlassen möge. Fortan waren die Verhältnisse geklärt und seine Fürsorge hielt sich nun sehr in Grenzen.
An Wochenenden begleiteten wir oft unsere polizeieigene Beatkapelle „the stokers“, die vorwiegend im Raum Peine spielte. Hin und wieder gingen wir auch in die nahe gelegene Kneipe „Gibraltareck“ oder wir hielten uns in der Polizeikantine auf. Selbstverständlich wurde in der Freizeit auch für die Polizeiberufsschule gelernt („M-Stufe“; Fächer: Deutsch, Staatsbür- gerkunde/Geschichte, Erdkunde, Rechnen).
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Arbeit zitieren:
Ernst Hunsicker, 2008, Authentische Polizei- und Kriminalgeschichten - Teil 1, München, GRIN Verlag GmbH
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