1. Einleitung 2
2. Einführung in den historischen Hintergrund des Staates Kaschmir
3. Entstehung und Entwicklung des Kaschmirkonfliktes
3.1. Die Unabhängigkeitsbewegung in Britisch-Indien
3.2. Der Fürstenstaat am Vorabend der Unabhängigkeit und Teilung Britisch-Indiens
3.3. Der Weg in den ersten Kaschmirkrieg
3.4. Der zweite indo-pakistanische Krieg und die Bangladeschkrise 9
4. Instabilität als dauerhafter Zustand – Entwicklungen in Kaschmir nach dem
Shimla-Abkommen 14
4.1. Der innenpolitische Fortgang in Jammu und Kaschmir 14
4.2. Terrorismus – der verdeckte permanente Krieg 15
4.3. Die atomare Dimension des Disputes 16
4.4. Kargil – der unerklärte Krieg 18
5. Die Auswirkungen des Kaschmirkonfliktes 20
5.1. Die Folgen für die Region Kaschmir 20
5.2. Das Verhältnis von Indien und Pakistan 20
5.3. Die Konsequenzen für die Internationale Sicherheitsarchitektur 21
6. Zusammenfassung 24
7. Anhang - Kartenmaterial 27
7.1 Übersichtskarte Religionen 27
7.2. Übersichtskarte – Verbreitung des Islam 28
7.3. Übersichtskarte – Verbreitung des Hinduismus 29
7.4. Übersichtskarte – Verbreitung von Buddhismus, Sikhismus, Jain-Religion 30
7.5. Übersichtskarte Kaschmir – die umstrittene Region 31
8. Literaturverzeichnis 32
1
1. Einleitung
Durch die zunehmende Bedeutung Indiens in der Internationalen Politik und in der Weltwirtschaft, sowie die Einbindung Indiens und Pakistan in die weltweite Bekämpfung des Terrorismus, rückt auch der seit 1947 schwelende Kaschmirkonflikt stärker ins Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit, zumal sich hier zwei hochgerüstete Atomstaaten feindselig gegenüberstehen. Dabei spielten Konflikte zwischen den verschiedenen Religionen im Gebiet von Kaschmir schon immer eine große Rolle, was sich bis in die Moderne fortsetzt.
“Wenn es irgendwo ein Paradies auf Erden gibt, dann ist es hier, ist es hier, ist es hier” 1 . Nach der
Überlieferung stammen diese Worte von Nuruddin Salim Jehangir, Mogulherrscher Indiens im frühen 17. Jahrhundert, als er das Tal von Kaschmir besuchte, das noch heute zu den schönsten Naturlandschaften der Welt zählt. Dieser Einschätzung können Zeugen und Beteiligte des Konfliktes nicht mehr notwendigerweise folgen, nach deren Dafürhalten sich das Tal von Kaschmir seit der Unabhängigkeit und Teilung Britisch-Indiens vom Paradies zur Hölle verwandelt hat.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich sowohl mit der Entstehung des Kaschmirkonfliktes, als auch seinen historischen Ursachen und kriegerischen Kulminationspunkten. Ebenso werden die Auswirkungen auf die Region und die beiden beteiligten Staaten, sowie die Internationale Sicherheitsarchitektur betrachtet. Abschließend werden der Prozeß der Annäherung beider Staaten nachgezeichnet und mögliche Szenarien für eine künftige Lösung der Kaschmirfrage erörtert.
Das im Anhang enthaltene Kartenmaterial soll der Orientierung dienen und einen Überblick über die geographische Verbreitung der beiden Hauptreligionen Islam und Hinduismus geben, die einen Teil des Konfliktes ausmacht.
1
Longley, Robert: India – Pakistan: Background & Threat – What are these nuclear neighbors fighting over?, About.com: US Government Info (Stand: 02.06.2008), Link: (siehe Literaturverzeichnis).
2
2. Einführung in den historischen Hintergrund des Staates Kaschmir
Der Name Kaschmir kann etymologisch auf zweierlei Weise aus dem klassischen Sanskrit hergeleitet werden. Ein Teil der Geschichtsschreibung sieht den Ursprung des Namens in den Wörtern Ka = Wasser und shimeera = austrocknen/vertrocknen, was in etwa soviel heißt wie „Land, in dem das Wasser ausgetrocknet ist“. Eine andere Interpretation leitet Kaschmir von Kashyap-mira oder Kashyapmar (See oder Berg des Kashyapa) ab und geht zurück auf den antiken Hindu-Heiligen Kashyapa. 2
Bevor Kaiser Ashoka im dritten Jahrhundert v. Chr. das Gebiet des heutigen Kaschmir besetzte, waren die vorherrschenden Religionen Zoroastrismus und Hinduismus. Ashoka führte den Buddhismus ein und gilt als Gründer der noch heute bestehenden Sommerhauptstadt Srinagar. 3
Während der Herrschaft der Weißen Hunnen um 530 n. Chr. kam es zwischenzeitlich zu Buddhistenverfolgungen. 4
Unter der Karkota-Dynastie (ca. 625 - 855) kam es zur eigentlichen Staatsbildung Kaschmirs. Die Anwendung neuer Technologien, wie Terassenanbau und Bewässerung in der Landwirtschaft begünstigten die ökonomische Entwicklung des unwirtlichen Gebietes, welches mit seiner Hauptstadt Srinagar zu einem wichtigen Handelsplatz entlang der Ost-West-Handelsrouten wurde. Der Buddhismus hatte zu dieser Zeit wieder einen erheblichen Einfluß.
Zwischen 1003 und 1171 regierte die hinduistische Lohara-Dynastie, während deren Niedergang Muslime erstmals Einfluß im Staatswesen bekamen. 5
Im 12. und 13. Jahrhundert fand der Islam zunehmende Verbreitung. Trotz unterschiedlicher religiöser Toleranz der jeweils herrschenden islamischen Regenten lebten Muslime und Hindus im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert relativ friedlich miteinander. Im ausgehenden 14. Jahrhundert kam es jedoch im Kaschmirtal unter Sultan Sikandar Shah zur Verfolgung von Hindus, was die interreligiöse Toleranz dauerhaft beschädigte.
Ca. 1585 bis 1587 gliederte der muslimische Kaiser (Mogul) Jalaluddin Muhammad Akbar (bekannt als Akbar der Große) Kaschmir in sein ganz Nordindien umspannendes Mogulreich ein, das unter Sultan Aurangzeb bis 1707 seine größte Ausdehnung erreichte. Akbar galt als sehr fortschrittlich und insbesondere als sehr tolerant gegenüber anderen Religionen. Nach dem Tod von Akbars Sohn Aurangzeb verlor das Mogulreich an Bedeutung, seine schiere Größe hatte es militärisch und finanziell ausgezehrt.
In diesem Zusammenhang wurde Kaschmir Teil des paschtunischen Durrani-Reiches auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan. 6
Im späten 18. Jahrhundert, Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es von den Sikh-Armeen unter Ranjit Singh von Lahore erobert, welche auch das Hindu-Königreich Jammu in Abhängigkeit brachten. Ranjit Singhs Großneffe und Vasall Gulab Singh brachte dann das Tal von Kaschmir endgültig unter Kontrolle, worauf er den Titel des Gouverneurs von Jammu erhielt. Im ersten Krieg zwischen dem Sikh-Königreich von Punjab und den Briten im Jahre 1845 verhielt sich Gulab Singh neutral und trat als Unterhändler der britischen Truppen auf. Diese Loyalität führte zu zwei für die Region und den späteren Kaschmirkonflikt bedeutsamen Verträgen. In den Verträgen von Amritsar und Lahore erhielten die Briten den Staat von Lahore, der dem heutigen westlichen Punjab (Teil Pakistans) entspricht und Gulab Singh bekam im Gegenzug die Berggebiete östlich des Indus und westlich des Ravi-Flusses für 75 Lakh Rupien (7.500.000)
2
Vgl. Dhar, L. N.: An outline of the history of Kashmir, in: Kendra, Kanyakumari Vivekananda (2007): Kashmir: The crown of India, iKashmir.net, Link: (siehe Literaturverzeichnis), S.1 ff.
3, 4, 5, 6 ebd., S.2, ff.
3
zugesprochen, die im Wesentlichen das Kaschmirtal beinhalteten. Dessen Sohn Ranbir Singh fügte noch die Emirate von Hunza, Gilgit und Nagar hinzu, sowie die Region Ladakh. 7
Dieser neu geschaffene Staat trug fortan den Namen Fürstenstaat von Jammu und Kaschmir. Aufgrund der Entstehungsgeschichte, der Eingliederung völlig verschiedener Ethnien mit unterschiedlichen Religionen, wie buddhistische Tibeter, Hindus aus Jammu, sowie Muslime und Sikhs aus dem Kaschmirtal, blieb dieser Staat ein künstliches Gebilde, das mehrheitlich von Muslimen bewohnt war, jedoch von einem Hindu-Fürsten regiert wurde. 1925 bestieg Hari Singh, Enkel von Ranbir Singh den Thron und regierte bis zur Abschaffung des Fürstentums durch die indische Kaschmir-Administration 1951 den Fürstenstaat Jammu und Kaschmir. 8
7
Vgl. Dhar, L. N.: An outline of the history of Kashmir, in: Kendra, Kanyakumari Vivekananda (2007): Kashmir: The crown of India, iKashmir.net, Link: (siehe Literaturverzeichnis), S.11 ff. und Wortlaut des Vertrages von Amritsar vom 16.03.1846 (Stand: 03.06.2008), Link: (siehe Literaturverzeichnis)
8
Dhar (2007), S.12.
4
3. Entstehung und Entwicklung des Kaschmirkonfliktes
3.1. Die Unabhängigkeitsbewegung in Britisch-Indien
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Britisch-Indien eine immer stärker werdende Bewegung, die zunächst die Selbstverwaltung von der britischen Kolonialverwaltung verlangte und später in eine Unabhängigkeitsbewegung umschlug. Erste politische Durchsetzungskraft entfaltete in diesem Zusammenhang die All India Home Rule League (Gesamtindische Selbstverwaltungsliga), welche die seit 1916 im Lucknowpakt verbündeten Parteien All India Muslim League (Gesamtindische Muslimliga) und einen Teil des gespaltenen Indian National Congress (Kongreßpartei) vereinigte. Die Gesamtindische Selbstverwaltungsliga forderte den Status eines Dominion im Commonwealth mit Selbstverwaltungsrechten, wie ihn beispielsweise Kanada und Australien innehatten.
1920 ging die Liga in der Kongreßpartei auf, deren Führung Mohandas Karamchand Gandhi, seit seiner Rückkehr aus Südafrika 1915 Mahatma (Große Seele) genannt, übernahm. Gandhi hatte während seines langjährigen Aufenthalts in Südafrika seine gesamte politische Philosophie, insbesondere seine Prinzipien des zivilen Ungehorsams, der Gewaltlosigkeit und der Nichtzusammenarbeit entwickelt, die er erfolgreich im Kampf gegen die rechtliche Benachteiligung von indischen Landsleuten in Südafrika angewandt hatte. Während seiner Zeit als Führer der Kongreßpartei verlor Gandhi nie das Ziel eines unabhängigen und multireligiösen Gesamt-Indien aus den Augen.
Der bekannteste Führer der Muslimliga und spätere Staatsgründer Pakistans Mohammed Ali Jinnah setzte sich zunächst für die politische Einheit von Hindus und Muslimen ein, distanzierte sich aber später aufgrund inhaltlicher Differenzen von Gandhi. Er führte die Muslimliga wieder auf einen eigenen politischen Pfad.
Während unter Gandhi ein umfassender Demokratisierungsprozeß in der Kongreßpartei stattfand, bestand das politische Grundgerüst der Muslimliga hauptsächlich in der Person Jinnahs unter Betonung des Islam. Gandhis Vision war ein demokratischer und säkularer Staat in der Nachfolge Britisch-Indiens, in dem Hindus und Muslime friedlich miteinander leben könnten. 9
Ging es zunächst um Selbstverwaltung für ganz Indien, später auf Basis der britisch-indischen Territorien um ein unabhängiges Gesamtindien, so bestimmte ab der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre die Idee von zwei Nachfolgestaaten auf dem Subkontinent die Leitlinie der Muslimliga. Die seit 1936 betriebene Abspaltung von der Kongreßpartei fand ihren Höhepunkt in der 1940 von Jinnah verfaßten Lahore-Resolution, 10 in welcher die Muslimliga erstmals offiziell eine Teilung Indiens in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil vorschlug (Zwei-Nationen-Theorie). Hintergrund dieses Vorschlags waren die vielfältigen Befürchtungen muslimischer Politiker und insbesondere Jinnahs, daß Muslime in einem mehrheitlich hinduistischen Gesamt-Indien dominiert und in ihren Rechten eingeschränkt würden.
Der für den künftigen Muslim-Staat gewählte Name Pakistan geht zurück auf die Anfangsbuchstaben der fünf nordwestlichen Provinzen Indiens: Punjab, Afghanistan Province, Kaschmir, Sindh und die Endung –stan für Belutschistan. Hier wird bereits deutlich, daß Kaschmir von den Muslimen immer als Teil eines künftigen Pakistan gesehen wurde.
9
Vgl. Ganguly, Sumit (2001): Conflict unending – India-Pakistan tensions since 1947, 1.Auflage, New York, S. 10 .
10
Vgl. Wortlaut der Pakistan-Resolution/Lahore Resolution der All India Muslim League vom 04.03.1940 (Stand: 28.05.2008), Link: (siehe Literaturverzeichnis)
5
3.2. Der Fürstenstaat am Vorabend der Unabhängigkeit und Teilung Britisch-Indiens
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich die Frage nach der Dekolonisierung Indiens immer drängender, da auch in nahezu allen anderen Besitzungen des durch den Zweiten Weltkrieg geschwächten Vereinigten Königreichs separatistische Kräfte nach Unabhängigkeit verlangten und ein Erhalt des Empire immer schwieriger wurde.
Am 3. Juni 1947 wurde der nach dem britischen Vizekönig Lord Mountbatten benannte Plan veröffentlicht, in welchem die Teilung des indischen Subkontinents in zwei Nachfolgestaaten (als Dominions of the Commonwealth) und der Ablauf der Entlassung in die Unabhängigkeit festgelegt wurden. Sowohl die Muslimliga als auch die Kongreßpartei willigten ein. Der Mountbattenplan lies die endgültige Grenzziehung Indiens zunächst offen, besagte jedoch, daß die mehrheitlich muslimischen Provinzen an Pakistan fallen würden und die mehrheitlich hinduistischen an die Indische Union (siehe Karte 7.1.). Für Gebiete mit unterschiedlicher religiöser Ausprägung (Punjab, Bengalen) wurden Grenzkommissionen eingerichtet, die eine Teilung entlang der ethnischen Grenzen ausarbeiten sollten. Grundlage dieser Grenzziehung waren frühere Volkszählungsdaten, die durch einen britischen Richter per Urteil in konkrete Gebiete umgesetzt wurden. Diese Regelung galt jedoch nur für die Gebiete, die der britischen Kolonialverwaltung (und damit formell zu Britisch-Indien gehörten) unterstellt waren, ausdrücklich nicht für die Fürstenstaaten, welche nur der Krone direkt unterstanden.
Den rund 500 Fürstenstaaten des Subkontinents wurde es im Mountbattenplan gestattet, sich entweder für einen Anschluß an Pakistan oder Indien zu entscheiden, respektive in Spezialfällen unabhängig zu bleiben. Unter den größten Fürstenstaaten befand sich neben Hyderabad, Mysore und Baroda auch Kaschmir, das jedoch nicht für einen Anschluß an einen der beiden Nachfolgestaaten optierte, sondern zunächst unabhängig bleiben wollte. Dies war unter anderem der muslimischen Bevölkerungsmehrheit geschuldet, die nicht von Indien regiert werden wollte, andererseits war der hinduistische Maharaja Hari Singh nicht geneigt, Pakistan beizutreten. Dem Herrscher von Jammu und Kaschmir schwebte ein unabhängiger Staat nach dem Vorbild der Schweiz vor. Auch die einzige muslimische Opposition in Kaschmir, die Jammu and Kaschmir National Conference zog eine Unabhängigkeit vor. 11
Der Sonderstatus von Jammu und Kaschmir resultierte unter anderem auch daraus, daß er von keinem der beiden Nachfolgestaaten vollständig umgeben war und noch an Afghanistan und China grenzte.
Der Teilungsplan sah vor, daß die Provinz Punjab in eine künftige pakistanische Provinz Westpunjab mit der Hauptstadt Lahore und einen indischen Ostpunjab aufgeteilt wurde. Als besonders kennzeichnend für die spätere Entwicklung des Kaschmir-Konflikts erwies sich die Zuordnung der Provinz Gurdaspur 12 zur Indischen Union, die eine Grenze zum Fürstenstaat
Jammu und Kaschmir besaß und damit erst den Zugang Indiens zu Kaschmir erlaubte. Aus dem indischen Ostpunjab gingen 1966 im Rahmen einer Neugliederung die heutigen Bundesstaaten Himachal Pradesh, Haryana und Punjab hervor.
3.3. Der Weg in den ersten Kaschmirkrieg
Am 14. und 15. August 1947 wurden die beiden Nachfolgestaaten Dominion of Pakistan und Union of India in die Unabhängigkeit entlassen. Die bis dato geheimgehaltene Grenzziehung wurde am darauffolgenden Tag verkündet und löste auf beiden Seiten massive Proteste aus. Die
11
Swami, Praveen (2007): Asian Security Studies: India, Pakistan and the secret Jihad – The covert war in Kashmir, 1947-2004, 1.Auflage, New York/ London, S. 15.
12 ebd., S. 20 .
6
Arbeit zitieren:
Tobias Wolf, 2008, Der Kaschmirkonflikt, München, GRIN Verlag GmbH
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