VORWORT
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Antizipation und der Spielfähigkeit und deren Wechselwirkungen und Fördermöglichkeiten in der Spielpraxis von Jugendlichen. Eine Literaturrecherche, sowie eine Untersuchung bilden die Grundlage der Ergebnisse.
Die Untersuchung wurde mit Spielerinnen der B -Jugend des TSV Rottweil durchgeführt, denen ich an dieser Stelle für ihre Bereitschaft und aktive Mitarbeit danken möchte; der Dank gilt ebenso ihrer Trainerin Galina Bartel und der A-Jugendspielerin Michaela Drempetic, die mir bei der Untersuchung zur Seite gestanden sind. Ein weiteres Dankeschön geht an meine Mutter, die sich um die Räumlichkeiten gekümmert hat und die Videoaufnahmen ermöglichte.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Schoder und Herrn von Grabowiecki, die mir bei der Planung und Durchführung der Arbeit ihre fachliche und freundli- che Unterstützung in reichlichem Maße gewährt haben.
Inhaltsverzeichnis III
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS. VI
TABELLENVERZEICHNIS VII
1. EINLEITUNG. 1
1.1. Thema und Problem. 1
1.2. Methoden und Untersuchungskonzept. 2
2. ANTIZIPATION UND SPIELFÄHIGKEIT IN DER LITERATUR. 5
2.1. Formen der Antizipation 5
2.1.1 Komplexe Antizipation im Sportspiel. 6
2.2. Grundlagen der Antizipation 7
2.2.1 Handlungsregulation. 7
2.2.2 Sollwert-Istwert-Vergleich 13
2.2.3 Wahrnehmung 14
2.2.4 Aufmerksamkeit. 15
2.3. Die Formen der Spielfähigkeit. 16
2.4. Die Grundlagen der Spielfähigkeit 18
2.4.1 Anforderungsprofil des Volleyballspiels 18
2.4.2 Person-, Umfeld- und Aufgabenanforderungen als Grundlage der
Spielf ähigkeit. 19
2.4.3 Bedeutung der einzelnen Fähigkeiten für die Spielfähigkeit 21
Inhaltsverzeichnis IV
2.5. Zum Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit -
Ergebnisse der Literatur 23
3. ANTIZIPATION UND SPIELFÄHIGKEIT IN DER PRAXIS: EINE
EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG. 25
3.1. Das Untersuchungsinteresse. 25
3.2. Hypothesen. 25
3.3. Die Operationalisierbarkeit der Antizipation und der
Spielf ähigkeit 26
3.3.1 Die Spielfähigkeit 26
3.3.2 Die Antizipation. 26
3.4. Testpsychologische und statistische Anforderungen 27
3.4.1 Die Reliabilität. 28
3.4.2 Die Objektivität 28
3.4.3 Die Validität. 29
3.5. Zu den Rahmenbedingungen der Untersuchung 29
3.5.1 Personenstichprobe. 29
3.5.2 Merkmalsstichprobe. 29
3.6. Untersuchungsinstrumente, Untersuchungstechnik und
Untersuchungskonzept. 30
3.6.1 Übungen der Förderphase 31
3.6.2 Spielbeobachtung zur Untersuchung der Spielfähigkeit. 33
3.6.2.1 Aufbau der Spielbeobachtung und Messverfahren. 33
3.6.2.2 Durchführung der Spielbeobachtung 34
3.6.2.3 Auswertung der Spielbeobachtung 42
3.6.3 Sportmotorische Tests zur Untersuchung der Antizipation. 43
3.6.3.1 Merkmalsanalyse der Antizipation. 43
3.6.3.2 Aufbau der sportmotorischen Tests und
Messverfahren 44
Inhaltsverzeichnis V
3.6.3.3 Durchführung und Auswertung der sportmotorischen
Tests 47
3.7. Zum Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit -
Untersuchungsergebnisse. 54
4. FOLGERUNGEN FÜR DIE SCHULUNG DER ANTIZIP ATION 55
4.1. Methodische Maßnahmen der Antizipation im
volleyballspezifischen Training 55
4.1.1 Variation der Bewegungsausführung 55
4.1.2 Veränderung der äußeren Bedingungen. 56
4.1.3 Üben unter Zeitdruck 56
4.1.4 Üben nach Vorbelastung 57
4.1.5 Die Aufmerksamkeitslenkung 57
4.1.6 Das Schaffen einer wettkampfähnlichen Situation. 58
4.1.7 Die Bewegungsvorstellung 59
4.1.8 Täuschbewegungen 59
4.2. Konkrete Spielreihe mit antizipativen Ansprüchen. 59
4.3. Literaturempfehlungen. 60
5. SCHLUSSBEMERKUNG. 63
6. ANHANG. 67
ERKL ÄRUNG 78
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1: Ebenen der Handlungsregulation
Abb. 2: Allgemeines Schema der Handlungsregulatoren.
Abb. 3: Phasen des Entscheidungsprozesses bei Spielhandlungen
Abb. 4: Vereinfachtes Modell der Bewegungskoordination.
Abb. 5: Zur Ausdifferenzierung der Spielfähigkeit
Abb. 6: Spielfähigkeit als situative Bewältigung von Person-, Umwelt-
und Aufgabenanforderungen.
Abb. 7: Gewichtung der einzelnen Leistungsbereiche für die Bedeutung
der Spielfähigkeit.
Abb. 8: Schema der Spielbeobachtung
Abb. 9: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bei der Stellung zum Ball
in der Annahme/ Abwehr
Abb. 10: Endtest: KG und VG im Vergleich bei der Stellung zum Ball in
der Annahme/ Abwehr
Abb. 11: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bezüglich der
Zuspielgenauigkeit
Abb. 12: Endtest: KG und VG im Vergleich bezüglich der
Zuspielgenauigkeit
Abb. 13: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bezüglich der
Platzierung im gegnerischen Feld
Abb. 14: Endtest: KG und VG im Vergleich bezüglich der Platzierung im
gegnerischen Feld
Abb. 15: Schema des sportmotorischen Tests Teil 1
Abb. 16: Schema des sportmotorischen Tests Teil 2
Abb. 17: Schema des sportmotorischen Tests Teil 3
Abb. 18: Eingangstest: Pritschtest - KG und VG im Vergleich
Abb. 19: Endtest: Pritschtest - KG und VG im Vergleich.
Abb. 20: Eingangstest: Baggertest - KG und VG im Vergleich.
Abb. 21: Endtest: Baggertest - KG und VG im Vergleich
Abb. 22: Eingangstest: Abwehrtest - KG und VG im Vergleich
Abb 23: Endtest: Abwehrtest - KG und VG im Vergleich
Tabellenverzeichnis VII
TABELLENVERZEICHNIS
Tab.1 : Arbeitsschritte 4
Tab.2 : Muster eines Beobachtungsbogens 36
Tab.3 : Spielbeobachtungsergebnisse Ina 37
Tab.4 : Spielbeobachtungsergebnisse Agnia 37
Tab.5 : Spielbeobachtungsergebnisse Olga 37
Tab.6 : Spielbeobachtungsergebnisse Klara 38
Tab.7 : Spielbeobachtungsergebnisse Christina 38
Tab.8 : Spielbeobachtungsergebnisse Nadja 38
Tab.9 : Sportmotorischer Test zur Zielantizipation (Aufschlag auf Matten) 47
Tab.10 : Sportmotorischer Test zur Programmantizipation (Pritschtest) 48
Tab.11 : Sportmotorischer Test zur Programmantizipation (Baggertest) 49
Tab.12 : Sportmotorischer Test zur Situationsantizipation (Abwehrtest) 53
Tab.13 : Spielbeobachtungsbogen Ina 67
Tab.14 : Spielbeobachtungsbogen Agnia 69
Tab.15 : Spielbeobachtungsbogen Olga 70
Tab.16 : Spielbeobachtungsbogen Klara 71
Tab.17 : Spielbeobachtungsbogen Christina 72
Tab 18: Spielbeobachtungsbogen Nadja 73
Einleitung 1
1. EINLEITUNG
1.1. THEMA UND PROBLEM
Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball - eine Untersuchung von
Wechselbeziehungen und Fördermöglichkeiten in der Spielpraxis von
Jugendlichen.
Die vorliegende Arbeit wird sich mit diesem Thema, mit dem Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit und deren Schulung, beschäftigen. Wirkt sich eine gute Antizipationsleistung positiv auf die Spielfähigkeit aus? Mit anderen Worten: Erzielen Spielerinnen mit guten antizipatorischen Fähigkeiten im Volleyball bessere Ergebnisse, und wenn ja, wie kann man diese fördern? Mit diesen Fragen soll sich die Arbeit auseinandersetzen und nach einer ausführlichen Prüfung entsprechende Ergebnisse formulieren.
Im Volleyballtraining fiel mir auf, dass sich Spielerinnen erst kurz vor der Ballberührung bewegten, so dass ein Weiterspiel in den meisten Fällen nicht mehr möglich war. Viele Entscheidungen für bestimmte Reaktionen wurden erst im letzten Moment getroffen - leider oft zu spät, um den Ball noch zu erreichen. Es fehlte auch das Vermögen, richtig und frühzeitig einzuschätzen, wohin der Ball fliegt. Diesen Phänomenen begegnet man ständig im Anfängerbereich und zwar nicht nur in der Annahme und Abwehr, sondern auch beim Zuspiel und beim Angriff.
Meine langjährige Erfahrung als Volleyballtrainerin mit Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren bestätigt die Beobachtungen meiner eigenen Spielerfahrung. Viele Fehler resultieren aus mangelnder Beobachtung des Balls, Mit- und Gegenspieler. Erst wenn sich der Ball wieder im eigenen Feld befindet, wird ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Während jedoch der Ball in der gegnerischen Hälfte gespielt wird, sind die meisten Spielerinnen unkonzentriert. Daraus ergeben sich eine Menge misslungener Abwehraktionen. Aber auch in Angriffssituationen kommt es häufig zu Fehlern. Einige Spielerinnen finden die Lücken in der Aufstellung des Gegners, andere spielen den Ball jedoch in die Hände ihres Gegenübers, was in der Regel nicht zu einem Punktgewinn führt. Warum gelingt es einigen Jugendlichen immer wieder, auch in schwierigen Si-
Einleitung 2
tuationen rechtzeitig den richtigen Standort im Feld einzunehmen und eine situationsangepasste Entscheidung zu fällen, anderen dagegen nicht? Kann man dieses Verhalten schulen, und wenn ja, mit welchen Methoden? Auch diese Fragestellungen sollen in dieser Arbeit berücksichtigt werden. Beobachtet man hingegen Profimannschaften, so kommt es wesentlich seltener zu vergleichbaren Situationen. Die Spielerinnen entscheiden sich frühzeitiger für eine bestimmte Bewegung. Es gelingt ihnen auch besser, sich an der Stelle im Feld zu platzieren, an der sie die folgende Aktion ausführen. Für die verschiedensten Spielsituationen scheinen sie immer eine passende Antwort zu kennen, und das unabhängig von äußeren Störfaktoren. Tatsache ist, dass sich diesbezüglich vom Anfänger- über das Fortgeschrittenen- bis zum Könnerstadium ein Wandel vollzieht. Mein Interesse besteht nun darin, die Faktoren dieser Veränderung herauszufinden und zu erklären.
1.2. METHODEN UND UNTERSUCHUNGSKONZEPT
Eine Literaturrecherche soll vorab einen Überblick über die Grundlagen und Formen der Antizipation und der Spielfähigkeit geben. In einem ersten Schritt wird die Antizipation in all ihren verschiedenen Ausprägungsformen definiert und erläutert. Direkt im Anschluss soll außerdem auf die Antizipation im Sportspiel und somit im Volleyball näher eingegangen werden. Es folgt ein Kapitel, das die Grundlagen der Antizipation darstellt und somit auf den Begriff der Antizipation vertieft eingeht. Nach der Klärung des Terminus Spielfähigkeit - im engeren und weiteren Sinn - wird ebenso auf die Grundlagen der Spielfähigkeit eingegangen. Nachdem nun die beiden Begriffe - Antizipation und Spielfähigkeit - eingehend behandelt wurden, stellt ein weiteres Kapitel die Aussagen in der Literatur über die Zusammenhänge von Antizipation und Spielfähigkeit zusammen.
Eine empirische Untersuchung soll nun in der Praxis die gegenseitige Abhängigkeit von Antizipation und Spielfähigkeit prüfen. Aufgrund des begrenzten Zeitraumes dieser Arbeit, ist lediglich ein Experiment im kleinen Rahmen möglich. Aus diesem Grund können die Resultate nur eine Tendenz aufzeigen. Es geht also vielmehr um die Frage, ob die Thesen der Literatur durch die Unter-
Einleitung 3
suchungsergebnisse bestätigt werden können. Sie können ebenso als Grundlage für spätere Untersuchungen verwendet werden.
Nach der Formulierung des Untersuchungsinteresses und der Hypothesen, soll eine Vorüberlegung klären, inwiefern Antizipation und Spielfähigkeit operationalisierbar sind. Diese Reflexion stützt sich hauptsächlich auf die Theorien von MEINEL / SCHNABEL (1998). Diese testähnliche Konstruktion teilt sich in eine Spielbeobachtung, die die Spielfähigkeit überprüft und in einen sportmotorischen Test zur Antizipation. Hierfür wurde die Mannschaft in zwei etwa gleichstarke Gruppen, eine Kontroll- und eine Versuchsgruppe, eingeteilt. Der Eingangstest gab Aufschluss über den aktuellen Könnenstand der Jugendlichen. Während nun die Versuchsgruppe einem spezifischem Antizipationstraining unterzogen wurde, trainierte die Kontrollgruppe unspezifisch weiter. Der Endtest, der sich in seiner Form nicht vom Eingangstest unterschied, informierte über Veränderungen. Die Untersuchungsergebnisse wurden in tabellarischer, schematischer und schriftlicher Form dokumentiert und ausgewertet. Auf diese Art und Weise kann die Frage, ob die Antizipation mit der Spielfähigkeit z usammenhängt, bejaht oder widerlegt werden. An die Auswertung schließt sich eine Interpretation der Untersuchungsergebnisse, d.h. deren Aussagen über den Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit. In einem weiteren Kapitel sollen Methoden dargestellt werden, die bei der Förderung der antizipatorischen Fähigkeiten berücksichtigt werden müssen. Konkrete Übungsbeispiele und weitere Literaturempfehlungen sollen bei der Verwirklichung des Antizipationstrainings helfen. Das Erarbeitete wird in einer Schlussbemerkung nochmals zusammengefasst. Die abschließende Bibliographie gibt Anregungen zur weiteren Vertiefung dieses Themas.
Die folgende Tabelle stellt das Vorgehen nochmals übersichtlich zusammen:
Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur 5
2. ANTIZIPATION UND SPIELFÄHIGKEIT IN DER LITERATUR
2.1. FORMEN DER ANTIZIPATION
Im Alltag, am Steuer im Straßenverkehr, überlegen wir uns schon vor dem Abbiegen an einer Kreuzung, welche Richtung wir einschlagen möchten. Überqueren nun Fußgänger die Fahrbahn, so unterbrechen wir unser Vorhaben und lassen sie passieren. Wir nehmen unsere Absicht, nämlich an der Kreuzung abzubiegen, geistig vorweg, kalkulieren Störgrößen wie beispielsweise die Fußgänger mit ein und reagieren so gut wie möglich auf spontane, nicht vorhersehbare Gegebenheiten.
Auch das Handeln im Sport besteht sowohl aus Agieren, als auch aus Reagieren mit der Vorwegnahme der bevorstehenden Handlung. Bevor wir eine Aktion ausführen, nehmen wir unser Umfeld wahr, fällen eine entsprechende Entscheidung für eine ganz bestimmte Lösungsvariante und programmieren die einzelnen Schritte. Der Zuspieler im Volleyball macht sich zum Beispiel ein Bild der gegnerischen Aufstellung, entscheidet sich, den Ball auf die Außenposition zu stellen und geht die einzelnen Schritte im Kopf durch, bevor er sie ausführt.
In der Literatur finden sich hinsichtlich der Antizipation verschiedene Definitionen, abhängig vom Bereich, in dem sie verwendet werden. Die allgemeine Definition des Sports lautet: „[...] die [gedankliche] Vorwegnahme oder Erwartung eines bestimm-
ten Ziels bzw. Ereignisse in der Vorstellung bzw. Phantasie , an dem
sich das Verhalten, v.a. künftiges Handeln, orientiert. Im Sport spielt
die Fähigkeit des Menschen zur Antizipation i nsofern eine wichtige
Rolle, als mit ihrer Hilfe die Eigenbewegung leichter einer Fremdbe-wegung anpasst, die Reaktionszeit wegen des weitgehenden Aus-falls des Überraschungseffekts verkürzt werden können, wodurch die
Antizipation u.a. für das taktisch angemessene Verhalten bei der
Ausübung eines Sports unentbehrlich wird.“(MEYERS LEXIKON-
VERLAG (Hrsg.), 1987, 37)
MEINEL / SCHNABEL (1998, 57ff) behandeln die Antizipation wesentlich ausführlicher und unterscheidet drei Arten: die Ziel-, die Programm- und die Situati- onsantizipation:
Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur 6
Die Zielantizipation „geht vom Ziel, vom Zweck der Tätigkeit aus und nimmt das angestrebte Resultat bereits voraus“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 57) . Der Sportler nimmt das Ziel geistig vorweg, d.h. schon vor der Ausführung kennt er den Ausgang seines Vorhabens - ob er ihm so gelingt, wie er sich ihn vorstellt, ist allerdings nicht garantiert. So wird vor einem Aufschlag im Volleyball die gegnerische Aufstellung wahrgenommen und analysiert und das Ziel, den Ball in die gegnerischen Lücke zu spielen, geistig vorweggenommen. Die Programmantizipation hingegen ist wesentlich komplexer. Sie beinhaltet den „Aufbau eines inneren Modells der motorischen Handlung, das im Verlauf des motorischen Aktes durch Regelvorgänge differenziert und modifiziert wird“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 57f). Es wird nicht nur das Ziel vorweggenommen, sondern ein ganzer Bewegungsablauf. Vor dem Bewegungsakt geht der Sportler die einzelnen Schritte der darauffolgenden Handlung in der Vorstellung durch. Während der Bewegungsausführung ist er geistig immer schon eine Stufe weiter, das bedeutet, dass er sich geistig schon mit dem nächsten Handlungsteil auseinandersetzt. Während sich der S pieler beispielsweise im Absprung zum Block befindet, konzentriert er sich gedanklich schon längst mit dem eigentlichen Blockieren des Balles und der darauffolgenden Landung. Ziel-und Programmantizipation bilden daher eine unzertrennliche Einheit, jede Programmantizipation beinhaltet gleichzeitig auch eine Zielantizipation. Die Situationsantizipation ist vor allem auf Kampf- und Spielsportarten bezogen. Sie soll im folgenden Kapitel ausführlich besprochen werden.
2.1.1 Komplexe Antizipation im Sportspiel
In den Spielsportarten und somit auch im Volleyball, kommt es ständig zu Antizipationsleistungen. Spitzensportler und Jugendliche im Anfängerstadium werden permanent damit konfrontiert. Der Angreifer, der sich einem Zweierblock gegenüber sieht, muss nicht nur die Flugkurve des Balles, sondern auch die Bewegung seines Gegners antizipieren. Dabei erfolgt eine Situationsanalyse, d.h. die aktuelle Spielsituation wird wahrgenommen, gespeichert und anschließend werden „mehrere Varianten im Modell - in der Vorstellung des Sportlersdurchgespielt“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 61). Er hat die Möglichkeit, den Block mit einem Driveschlag zu überspielen, den Block links oder rechts anzu-
Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur 7
schlagen oder ihn mit einem gezielten Lob auszuspielen. Es ist wichtig, dass der Spieler nach einer genauen Analyse des Ball-, Gegner- und Mitspielerverhaltens die richtige Entscheidung trifft. Dafür ist jedoch eine langjährige Erfahrung nötig; je erfahrener der Spieler, desto umfangreicher ist sein Repertoire an Reaktionsvarianten. Auf längere Sicht werden sich also die Jugendlichen durchsetzen, die es verstehen, Bewegungen richtig zu antizipieren, gegebenenfalls auch unter Druck.
Um den Gegner diese Vorwegnahme zu erschweren, ist es das Bestreben j edes Spielers, seinen Gegner zu täuschen oder zumindest das beabsichtigte Ergebnis so spät wie möglich zu offenbaren. Durch eine Angriffstäuschung ist es möglich, der abwehrenden Mannschaft erst relativ spät das Vorhaben zu offenbaren. Ein kleiner Zeitvorsprung genügt, um einen Punktgewinn zu erzielen. Nicht selten wird im Volleyball das Stellen nur angetäuscht, der zweite Ball jedoch schon in die Lücken der anderen Mannschaft gespielt. Mit dem Begriff der Programmierung wird sich das folgende Kapitel noch vertiefend beschäftigen.
2.2. GRUNDLAGEN DER ANTIZIPATION
2.2.1 Handlungsregulation
Jeder Aktion im Volleyball, sei es ein Angriff oder die Abwehr eines Lobs, ist eine komplexe Handlung, die sich aus mehreren Teilen zusammensetzt. So könnte man den Angriff weiter in Anlauf, Absprung und Schmetterschlag unterteilen. Bei dieser Handlungskette laufen im Innern der Sportler verschiedene Prozesse ab, die unter dem Begriff Handlungsregulation zusammengefasst werden können.
Zunächst soll jedoch der Ausdruck der sportlichen Handlung besprochen werden. Es handelt sich hierbei um
„in sich abgeschlossene, zeitlich und inhaltlich strukturierte Ein-
heiten der sportlichen Tätigkeit, die auf das Erreichen eines be-
stimmten Zieles gerichtet und durch Vorausnahme des Hand-
lungsergebnisses und des Handlungsprogramms durch b e-
wusste Entscheidungen sowie durch ständige analytisch-synthetische Kontroll- und Regulationsprozesse gekennzeich-
net sind“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 34)
Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur 8
Während der Begriff der Handlung sowohl die inneren, als auch die äußeren ablaufenden Prozesse berücksichtigt, beschränkt sich die Handlungsregulation auf die Vorgänge im Innern der Spieler. Genau diese Vorgänge spielen sich auch bei jeder Bewegungsantizipation ab. Es geht hier um die „Steuerung und Regelung jeder menschlichen Handlung durch psychische beziehungsweise psychophysische Vorgänge“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 34). HACKER (1978, 103ff) unterscheidet zwischen der intellektuellen, der perzeptiv-begrifflichen und der sensomotorischen Regulationsebene. In der ersten Ebene, der intellektuellen, wird ein Handlungsplan aufgestellt, d.h. die jeweilige Situation wird analysiert und der folgende Bewegungsakt wird geistig vorweggenommen. In der zweiten Regulationsebene wird ein Handlungsschema erstellt, die Programmierung findet statt. Das Verhalten der Umwelt wird bei der Programmierung mitberücksichtigt, besonders, wenn diese aktiv ist. In der letzten Ebene liegt der Bewegungsentwurf vor, der Spieler hat sich also für eine ganz bestimmte Vorgehensweise entschieden. Auf jede der drei Ebenen kann methodisch eingewirkt werden. Während man die sensomotorische Ebene hauptsächlich durch Selbstbeobachtung schult, reicht für die zweite Stufe die Fremdbeobachtung aus. Ein Handlungsplan wird durch die sprachliche Information des Trainers erstellt, beim weiteren Üben durch Rückinformationen. Hierzu die folgende Darstellung von MEINEL / SCHNABEL (1998, 35) :
Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur 9
Abb. 1: Ebenen der Handlungsregulation
Die Handlungsregulation bei CHRISTMANN / FAGO (1991, 79ff) betrifft ebenfalls die psychische Komponente der Spieler. Im Gegensatz zu MEINEL / SCHNABEL (1998, 35) beschränkt sie sich jedoch nicht auf die Erstellung eines Handlungsplanes, eines Handlungsschemas und Bewegungsentwurfes, sondern berücksichtigt darüber hinaus auch die Ausführung und die Ergebniskon- trolle.
CHRISTMANN / FAGO (1991, 80) veranschaulichen die Handlungsstruktur wie folgt:
Abb. 2: Allgemeines Schema der Handlungsregulatoren
In der ersten Ebene der Handlungsstruktur - dem Orientierungsteil -orientieren sich die Volleyballer, d.h. sie gewinnen einen Überblick über die aktuelle Situation. Sie verarbeiten die Eingangsinformationen und versuchen ihr Ziel und einen Handlungsplan zu antizipieren. Dabei stützen sie sich auf gespeicherte I n- formationen aus ihrem Erfahrungsschatz.
Die Antriebsregulation, die den ganzen Handlungsprozess überdauert, ist besonders wichtig beim Entscheiden für ein bestimmtes Handlungsschema. Eine Spielerin mit einer hohen Antriebsregulation wird sich überlegter und schneller entscheiden als eine mäßig motivierte Sportlerin. Da Volleyball ein Reaktionsspiel ist und es ständig um den Zeitfaktor geht, sind schnelle Entscheidungen essentiell für einen Punktgewinn.
Die dritte Ebene beinhaltet die Ausführung der Bewegung, die unter Umständen an die wechselnden Umweltbedingungen angepasst werden muss. Tritt unvorhergesehen ein Störfaktor auf, muss der Handlungsplan aktualisiert werden. Eine plötzliche Richtungsänderung des Angreifers würde einen Standortwechsel des Abwehrspielers bewirken. Dieser müsste spontan sein Vorhaben ändern und sich auf die neue Situation einstellen.
Im Erlebnisteil wird beurteilt, ob das angestrebte Ziel erreicht wurde und der Verlauf dafür angemessen war - je nachdem wird die Bewegung verworfen oder in den Speicher weitergeleitet.
Handlungen laufen teilweise bewusst, teilweise unbewusst ab. Sobald gewisse Aufgabenlösungen wiederholt zum Erfolg führen, wird ihr Ablauf automatisiert und kann „zum Teil «gedankenlos», «mechanisch» und «verkürzt» ab“ (CHRISTMANN / FAGO, 1991, 79). Sind die Bewegungsabläufe jedoch stark automatisiert, so neigen die Spieler zu Unkonzentriertheit. Um dieser Automatisierung vorzubeugen, ist es notwendig, die Spiel- und Übungsformen im Training ständig zu variieren.
Die Antizipation sollte auch so spät wie möglich und so früh wie nötig erfolgen. Stellt sich beispielsweise der Abwehrspieler zu früh auf einen longline gepritschten Ball ein, der im letzte Moment doch diagonal geschlagen wird, so hat er das Nachsehen. Aber auch zu langes Überlegen kann sich negativ auswirken. Die Antizipation eines Angriffs muss demnach so früh erfolgen, dass der Abwehrspieler noch rechtzeitig den vom Angreifer anvisierten Ort erreicht.
Arbeit zitieren:
Juliane Grimm, 2001, Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball, München, GRIN Verlag GmbH
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