Gesellschafts - und Romantikkritik:
Automatenmenschen in
E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
Inhalt
1. Der Automat als Objekt literaturwissenschaftlicher Kontroversen2
2. Die Faszination von Automaten in Literatur und Realität 3
2.1. Die Geschichte der Automaten-Faszination 3
2.2. Die Automaten-Faszination in der Romantik 4
3. Automatenmenschen in „Der Sandmann“ 5
3.1. Olimpia: Kritik an Wissenschaft und Gesellschaft 6
3.2. Nathanael: Kritik an Romantik und Subjektivismus 8
3.3. „Du lebloses, verdammtes Automat“: Clara als Ideal 12
4. Schlussbemerkung 14
5. Literaturverzeichnis 15
5.1. Quellen 15
5.2. Sekundärliteratur 15
1
1. Der Automat 1 als Objekt literaturwissenschaftlichter
Kontroversen
Das Automatenmotiv bietet bis heute Stoff für zahlreiche Geschichten in Literatur und Film. Modernen Vertretern der Gesellschaftskritik wie Ridley Scott oder George Orwell, die den Menschen im Zuge der andauernd fortschreitenden Technisierung immer weiter zum Automaten verkommen sehen, steht bereits in der Romantik E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ gegenüber, das noch immer für eine große Zahl an Diskussionen in der Literaturwissenschaft sorgt.
Die anhaltenden Kontroversen sind vor allem darauf zurückzuführen, dass Hoffmann keine eindeutige Interpretation zulässt: Er erzählt multiperspektivisch und lässt seinen Leser im Unklaren darüber, wo sich in seinem Werk die Grenzen zwischen Traum und Realität befinden und welche Perspektiven als objektiv betrachtet werden dürfen. Schon mit den drei Briefen, die als Einleitung in die Geschichte dienen, werden dem Leser die subjektiven Ansichten der Protagonisten Clara und Nathanael förmlich aufgedrängt, und auch durch den Erzähler bietet sich im weiteren Verlauf der Erzählung kein klareres Bild. Eine Vielzahl der Debatten zum „Sandmann“ beschäftigt sich mit dem Automatenmotiv, das durch die Figur der Olimpia vertreten wird. Mit den Automaten übt Hoffmann nicht allein eine Kritik an der philiströsen Gesellschaft aus. Vielmehr ist diese Kritik in einen größeren Rahmen einzuordnen, in dem Olimpia als Extrem kleinbürgerlicher Alltäglichkeit Nathanael als Extrem frühromantischer Ideale gegenübersteht. Beide führen zu einem nicht lösbaren Perspektivenkonflikt, den ich in dieser Hausarbeit neben der Frage, worin die Faszination von Automaten allgemein und speziell in der Epoche der Romantik liegt, näher darstellen und teilweise auflösen möchte.
1 Von griech. autómatos: „sich selbst bewegend“, „aus eigenem Antrieb“.
2
2. Die Faszination von Automaten in Literatur und
Realität
2.1. Die Geschichte der Automaten-Faszination
Der Drang nach dem Beleben des Unbelebten, der mechanischen Nachahmung menschlicher Eigenschaften, aber auch allein die Beschäftigung mit diesem Thema sind alt.
Bereits im Altertum versuchte man, mit Hilfe von Automaten ganze Theater nachzuahmen. Bereits im 14. Jahrhundert entstanden erste automatische Uhren mit Figurenwerk, so auch am Straßburger Münster oder an der Frauenkirche in Nürnberg. Etwa 200 Jahre später wurden erste mechanische Musikinstrumente entwickelt, denen der Komponist, Kapellmeister und Musikrezensent Hoffmann später besonders kritisch gegenüber stand. Ende des 18. Jahrhunderts erlosch dann das Interesse an den Automaten kurz nach seinem eigentlichen Höhepunkt - und bevor es in der Literatur überhaupt zum Thema wurde. In dieser Zeit gelang es dem Mechaniker Jacques de Vaucanson, einen mechanischen Flötenspieler, einen automatischen Webstuhl sowie einen gehenden, fressenden, verdauenden und schnatternden Automaten in Gestalt einer Ente zu bauen.
Über die Faszination in der Realität hinaus sind die Automaten jedoch bis heute ein beliebtes Thema in der Literatur. In der Antike schafft Hephaistos in Homers „Ilias“ einen Erzriesen, der der Verstärkung in Kampfsituationen dienen soll. Im 13. Jahrhundert soll sich der Naturforscher, Philosoph und Theologe Albertus Magnus der Legende nach einen Automaten aus Holz, Messing und Leder gebaut haben, den der Kirchenlehrer Thomas von Aquin in der Überzeugung, Automaten seien Werke des Teufels, zerstört haben soll. Es folgte die Beschäftigung mit Automaten in vielen weiteren Werken: vom Homunkulus 2 in Goethes „Faust II“ über Mary Shelleys Monster in „Frankenstein“ bis zu George Orwells „1984“ 3 , in dem mechanische
2 Von lat. homunculus: „künstlich erzeugter Mensch“.
3 Orwell, George: 1984. Hrsg. von Herbert W. Franke. 21. Aufl. München: Ullstein 1984. S. 24.
3
„Teleschirme“ 4 im Auftrag des in Ozeanien diktatorisch agierenden Großen Bruders dessen Volk ausspionieren.
Auch in Filmen ist das Automatenmotiv ein Thema: In Ridley Scotts „Blade Runner“ erhält der ehemalige Polizist Rick Deckard, den Auftrag, vier geflohene „Replikanten“ zu töten - Androiden, die vom Menschen nicht zu unterscheiden sind. Um zu ermitteln, ob es sich bei den Verdächtigen um Replikanten handelt, benutzt Deckard die „Voight-Kampff-Maschine“, eine weiterentwickelte Form des Lügendetektors, mit der sich Kontraktionen der Iris feststellen lassen. 5
2.2. Die Automaten-Faszination in der Romantik
Im 18. und 19. Jahrhundert kam es zur rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der damit einhergehenden Technisierung. Mit der Erfindung der Dampfmaschine begann eine erste industrielle Revolution. Im Zuge der Aufklärung entstand bei den Menschen ein grenzenloses Vertrauen in die Fähigkeiten des menschlichen Verstandes, die Maschinen zu beherrschen - und mit ihnen auch die Natur. Die Aufklärer strebten danach, auch in der Gesellschaft natürliche Ordnungen aufspüren und beweisen zu können. Der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de la Mettrie ging in seinem Werk „L’homme machine“ 6 sogar so weit, den Menschen als eine sich selbst steuernde Maschine anzusehen und ihn so sogar mit der Maschine auf eine Ebene zu stellen.
Es kam durch diese Ansichten zu einem starken Interesse an den Automaten und deren Erbauern. Deren Aufgabe bestand vor allem darin, das
4 Obwohl „Teleschirm“ die korrekte Übersetzung darstellt, wurde das Wort „telescreen“ in
Anspielung darauf, dass das Gerät neben seiner Propaganda- auch eine Spionagefunktion
besitzt, in vielen deutschen Texten auch mit „Televisor“ übersetzt. In dieser gehaltvolleren
Übersetzung wird auch das Augenmotiv deutlich, das in Hoffmanns „Der Sandmann“
ebenfalls eine zentrale Rolle einnimmt.
5 Auch Scott stellt damit wie Orwell eine Verbindung zwischen Augen- und Automatenmotiv
her.
6 Dt. „Der Mensch eine Maschine“.
4
Arbeit zitieren:
Dennis Horn, 2002, Gesellschafts- und Romantikkritik: Automatenmenschen in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag GmbH
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