Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie
SS 06
Hauptseminar: Deutschland im Spiegel des Exilromans
,,Den Schritt hinauswagen!"
Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers
Roman Transit
Seminararbeit von
Sara Ehsan
7. Semester
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung... 3
2
Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman ... 4
2.1
Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität ... 4
2.2
Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die Überangepasstheit
gegenüber dem sozialistischen Staat ... 5
2.3
Résistance, eine revolutionäre Utopie ?... 6
2.3.1 Flüchtlinge
und
Slumbewohner- Utopisten oder potentielle
Revolutionäre? ... 7
2.4 Legitimation
des Widerstands ... 8
2.5
Formen und Methoden des deutschen Widerstands im besetzten Europa .. 9
2.5.1 Passiver
Widerstand ... 9
2.5.2 Aktiver
Widerstand ... 9
2.6
Heinz, der schweigende Held als Gegenpol zum islamistischen Märtyrer . 10
2.7
Spuren von ethischer Transzendenz... 11
3
Ist es möglich in einer narrativen Rekonstruktion für sich Rechenschaft
abzulegen? ... 12
3.1
Die Solidarisierung der Verletzlichen... 12
3.2 Negative
Freiheit ... 13
4
Exil und Emigration ... 14
4.1 »Feindliche
Ausländer« - das Trauma der zweimaligen Internierung der
deutschen Emigranten ... 15
4.2 Der
mittelbare Feind... 15
4.3 Der
unmittelbare Feind... 16
4.4 Verantwortlichkeit im Krieg... 17
4.4.1 Die
Hauptfigur ... 18
4.4.2 Der
mexikanische Konsul... 19
5
Zusammenfassung und Schlussfolgerung... 20
6 Literaturverzeichnis ... 22
3
1 Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich eine psychoanalytisch-philosophische Analyse
einiger Figuren und Konzepte des Widerstands, sowie des Exil und der Emigration in
Anna Seghers Buch
Transit
durchführen. Dabei beziehe ich mich auf die
theoretischen Begriffe Lacans und ihre Rezeption und Fortentwicklung in Alain
Badious und Slavoj Zizeks Philosophie in dem Buch
Die politische Suspension
des Ethischen
, ebenso Jean-Paul Sartres existentialistisches Werk
Das Sein und
das Nichts.
Ich fange mit der Endaussage des Romans an, welche die Flucht für alle negiert und
den Anschluss an den Widerstand, der Résistance, befürwortet. Es werden
zeitbezogene Unterschiede erläutert; sowie Seghers eigene Vergangenheit, die sich
nicht ohne Widersprüche in ihrem öffentlich-politischen Handeln widerspiegelte als
ein Symptom für eine radikale Vergangenheit erkannt. Anhand einiger Figuren
werden die verschiedenen Formen des Kampfes verdeutlicht. Dabei werde ich auf
die Frage eingehen, in wie weit Widerstand eine Utopie ist und ob Flüchtlinge und
andere Ausgegrenzte, wie etwa Slum-Bewohner, potentielle Revolutionäre sein
können. Dazu muss zuerst die Frage erläutert werden, in wie weit Widerstand eine
Legitimationsgrundlage besitzt und welche Folgen und Konsequenzen für das eigene
Handeln man daraus ziehen kann. Anhand der Figur von Heinz wird gezeigt, wie der
Prototyp des Revolutionärs im Roman beschrieben wird und ob die Figur des
Legionärs für den Aspekt einer ´ethischen Transzendenz´ stehen könnte.
Im dritten Abschnitt wird die Frage der Rechenschaft in narrativen Rekonstruktionen
erläutert. Aus der Analyse schlussfolgere ich die Konsequenz, die zur Solidarität und
Widerstandleisten führen kann.
Im vierten Abschnitt werden die Begriffe Exil und Emigration erläutert und die Rolle
des Feindes näher analysiert. Dabei wird zunächst der geschichtliche Hintergrund
der Situation der deutschen Flüchtlinge erläutert, die mit mittelbaren und
unmittelbaren Feinden zu kämpfen hatten. Dabei versuche ich anhand Jean-Paul
Sartres existentialistischem Hauptwerk, welches auch unter der deutschen
Besatzung entstand, die Rolle der Verantwortung im Krieg sowie im Exil zu erläutern.
Anhand der Figur des Ich-Erzählers und dem mexikanischen Konsul werden
Beispiele für verantwortliches Handeln aufgezeigt.
Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.
4
2 Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman
2.1 Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität
In wie weit ist die Hauptfigur durch seine politische Passivität bis zur plötzlichen
Wende am Ende des Romans ein Repräsentant der wahren Aktivität? Nach Alain
Badious und Slavoj Zizeks Begriffen. unternimmt die Hauptfigur den ersten kritischen
,,Schritt im Rückzug in die Passivität, in der Weigerung, teilzunehmen dies ist der
notwendige erste Schritt, der gleichsam den Boden für wahre Aktivität bereitet, für
einen Akt, der die Koordinaten der Konstellation wirklich ändert"
1
.
Heutzutage sehen wir uns mit einer Flut von (Pseudo-)Aktiven konfrontiert, die
glauben an unzählige Diskussionen teilnehmen zu müssen, nur um »etwas zu tun«
2
.
Hier sieht Zizek die wahre Gefahr für unsere Zeit, da sie zur Erfindung formaler
Möglichkeiten beiträgt, ,,deren Funktion es letztlich ist, das System reibungsloser
laufen zu machen [sic!]"
3
. Von den Machthabern wird der Dialog, in der jetzigen Zeit,
dem Schweigen bevorzugt, da das Schweigen etwas unheilvoll Bedrohliches an sich
hat
4
. Doch wie war es während der NS-Zeit im Exil?
Der anonyme Erzähler in Anna Seghers Roman zeichnet sich durch seine
einzelgängerische passive Orientierungslosigkeit aus, die in ,,tödliche Langeweile"
(Transit, S. 25)
5
mündet. Er ist nicht daran interessiert, sich wie sein Freund Heinz in
Freiheitskämpfe zu stürzen, und als ein ´Held´ dazustehen, ein Vorzug , den er mit
dem Verlust oder dem Opfer seines Beins bezahlen musste (Vgl. Transit, S. 18).
Jeder ´Kampf´, sei es mit dem Wort, wie es der Schriftsteller Weidel betrieb, verlangt
große Opfer. Er bezahlte sie mit seinem Leben (Vgl. Transit, S. 23). Der Legionär
opferte sich auch, um seinen Vater vor dem Militärdienst zu verschonen. Seine Zeit
bei der Fremdenlegion zeigte ihm zwar das Grauen und die Brutalität des Krieges,
jedoch verlor er sich nicht völlig in jener Welt, sondern bewahrte sein menschliches
Antlitz durch den solidarischen Beistand bei seinen Kollegen in der Wüste, die an der
Grenze der Verzweiflung und Erschöpftheit seinen Zuspruch als eine Überlebenshilfe
annahmen (Transit, S. 219 - 220).
1
Zizek, S. 8 9 [alle folgenden Zitatsangaben mit dem Hinweis auf Slavoj Zizek stammen aus seinem Buch Die
politische Suspension des Ethischen, 2005]
2
Vgl. Ebd. , S. 8
3
Ebd. , S. 8
4
Vgl. Ebd., S. 8
5
Seghers, Anna: Transit. Berlin 1982. [Alle folgenden Zitate aus dem Text beziehen sich auf diese Ausgabe und
stehen in runden Klammern, direkt nach dem Zitat]
5
Vielleicht sollte man einen kategorischen Unterschied zwischen Aktivität im Krieg und
Aktivität in Friedenszeiten machen. Wenn die Existenz des Menschen wahrhaft
bedroht ist, wie es im Krieg der Fall ist, dann gewinnt die Aktivität einen anderen
symbolischen Wert, es ist eher eine Form der Selbstverteidigung im Angesicht des
grauenhaften Staates. In Friedenszeiten, wie wir sie nach dem 2. Weltkrieg in
Deutschland erlebt haben, hat die aktive Linke oder die radikale Linke, wie die RAF,
eher dazu beigetragen, dass sich der Staat, den sie bekämpfen wollte, im Angesicht
der Bedrohung in ihren Maßnahmen genauso radikalisiert hat und somit das
Wertesystem, welches sie beschützen wollte, selbst verleugnet hat. Hier diente die
Verfolgung von Terroristen als Legitimationsgrundlage für die Offenlegung der
dunklen Kehrseite des Systems, wie wir es in den 70ern in Stammheim und heute in
Abu Ghuraib sehen.
Im Abschnitt vier werde ich tiefer auf die Aktivität des Ich-Erzählers eingehen und zu
dem Schluss kommen, dass seine Passivität keine echte Passivität war, da er durch
seine produktive Hilfe vielen anderen Menschen geholfen hat und sich zu einem
Kämpfer am Ende des Romans kristallisiert.
2.2 Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die
Überangepasstheit gegenüber dem sozialistischen Staat
Wie man an Anna Seghers Leben sehen kann, hat ihre radikale Vergangenheit eher
zu einer Integration in die herrschende ideologisch- politische Gemeinschaft in der
DDR geführt. Dieses Phänomen sehen wir auch noch heute bei einer großen Anzahl
der amerikanischen Neokonservativen, die in ihrer ´radikalen´ Vergangenheit
Trotzkisten waren
6
. Ähnliches sehen wir beim ehemaligen Außenminister von
Deutschland, Joschka Fischer.
Nach ihrer Rückkehr nach Berlin im April 1947 und ihre Entscheidung für die DDR,
wurde sie von den West-Medien immer mehr als ´kommunistische Staatsdienerin´
brüskiert. Als eine öffentliche Person mit mehreren Ämtern im kulturellen Leben der
DDR, hatte sie sowohl Kontakte zu den SED - Räten, sowie großen Einfluss auf das
kulturelle Geschehen. Es gibt einige dunkle Leerstellen in ihrem Leben, welches ihre
Staatstreue bis zur Selbstverleugnung oder -verrat verdeutlichen. 1955 spielte sie
6
Vgl. Zizek, S. 8
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