Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das heuristische Gitter 2
2.1 Der grundlegende Unterschied 2
2.2 Dichtungstheoretische Grundmomente 3
2.3 Zusammenfassung 3
3. Der Übergang von der Regelpoetik zur Genieästhetik 4
3.1 Die Regelpoetik des Barock 4
3.2 Die Zwischenstellung - Gottsched 7
3.3 Die Schweizer - Bodmer und Breitinger S.10
3.4 Die Genieästhetik - Goethe S.15
4. Schlusswort S.19
5. Literaturverzeichnis S 21
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1. Einleitung
Die folgende Arbeit unternimmt den Versuch, den „Übergang“ von der barocken Regelpoetik zur Genieästhetik im 18. Jahrhundert nachzuvollziehen. Allerdings wollen wir bereits an dieser Stelle einräumen, dass unsere Darstellung keinen Anspruch auf Plausibilität erheben kann. Warum? Jede historische Untersuchung muss eine bestimmte Perspektive wählen, um sich dem zu erkennenden Phänomen überhaupt nähern zu können. Durch die Wahl der Perspektive wird aber gleichsam das zu untersuchende Phänomen selbst mit gewählt bzw. verändert: Bestimmte Dimensionen treten deutlich hervor, während andere zu einem blinden Fleck verschmelzen. Um diesem erkenntnistheoretischen Dilemma - wenigstens stückweisezu entgehen und dem Ideal wissenschaftlicher Redlichkeit annäherungsweise Rechnung zu tragen, ist jede historische Untersuchung dazu verpflichtet, selbstreflexiv vorzugehen und möglichst viele der verschiedenen Perspektiven einzubeziehen. Nur so kann der Anspruch auf Plausibilität begründet werden. Da unsere Arbeit den erwähnten Übergang von der barocken Regelpoetik zur Genieästhetik aber allein aus der ideengeschichtlichen Perspektive heraus untersuchen wird, kann die Frage nach den „Ursachen“ dieses Übergangs nicht beantwortet werden.
Angesichts dieses wissenschaftlichen Defizits haben wir uns vorgenommen, zumindest eine systematische Darstellung zu leisten. Daher werden wir uns auf einige ausgewählte Dimensionen beschränken und mittels dieser Auswahl versuchen, jene (signifikanten) Verschiebungen sichtbar zu machen, welche sich zwischen Regelpoetik und Genieästhetik in der theoretischen Reflexion ereignet haben. Die Auswahl der entsprechenden Dimensionen wird hierbei nicht willkürlich erfolgen, sondern 1.) durch die Analyse des allgemeinen Unterschieds zwischen Regelpoetik und Genieästhetik und 2.) durch Überlegungen zu dichtungstheoretischen Grundmomenten vorgenommen werden. Nachdem wir auf diesem Wege unser heuristisches Grundgitter gewonnen haben, werden wir sodann die verschiedenen Phasen des Übergangs von Regelpoetik zur Genieästhetik (Barock, Gottsched, Bodmer/Breitinger, Goethe) systematisch darstellen und die jeweils zu beobachtenden Verschiebungen festhalten, so dass wir am Ende eine ungefähre Vorstellung von den historischen Wandlungsprozessen haben.
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2. Das heuristische Gitter
2.1 Der grundlegende Unterschied
Der allgemeine Unterschied zwischen einer Regelpoetik und einer Genieästhetik tritt bereits auf der semantischen Ebene offen zu Tage. Während in der Regelpoetik das poetische Schaffen durch Regeln und Vorschriften geregelt und organisiert ist, finden wir in der Genieästhetik das geniale Subjekt als Ausgangspunkt des künstlerischen Prozesses vor. In nuce bedeutet dies, dass der Hauptunterschied zwischen Regelpoetik und Genieästhetik in der jeweils verschiedenen Auffassung vom Ursprungsort des Dichtens liegt. Aus diesem Hauptunterschied folgen zwangsläufig zwei weitere Divergenzen:
a) Es liegt auf der Hand, dass die Regelpoetik der Phantasie bzw. dem Ingenium des Dichters nur einen geringen Stellenwert einräumen kann, da das künstlerische Schaffen hauptsächlich auf der Kenntnis und Befolgung der normativen Regeln beruht. Daher müssen Phantasie und Ingenium in der Perspektive der Regelpoetik sogar als potenzielle Gefahr wahrgenommen werden, da durch sie die normative Allgemeinverbindlichkeit der Regeln verletzt zu werden droht. Demgegenüber muss die Genieästhetik, welche nicht mehr auf einen festgelegten Regelfundus als Quelle des poetischen Schaffens verweisen kann, gerade das Moment der individuellen Schöpfungspotenz (d.i. Phantasie bzw. Ingenium) verstärkt in den Vordergrund rücken, um das Zustandekommen von künstlerischen Produkten erklären zu können. Wir können also davon ausgehen, dass die theoretische Reflexion im Übergang von der Regelpoetik zur Genieästhetik das Moment der Regelkenntnis (bzw. der Rhetorik) immer stärker vernachlässigt und sich immer mehr dem Moment des Ingeniums bzw. der Phantasieals neue Quelle des künstlerischen Schaffens - zuwendet.
b) Die zweite Divergenz, welche sich notwendigerweise aus der unterschiedlichen Auffassung vom Ursprungsort des Dichtens ergibt, besteht in der Bewertung des Dichters. Während in der Regelpoetik - zumindest theoretisch - jeder ein Dichter sein kann, der die Regeln kennt und befolgt, kommt es in der Genieästhetik zu einer radikalen Verknappung der künstlerischen Subjekte, da nun nur noch derjenigen Künstler sein kann, welcher von Natur aus die Anlagen zum Künstler mitbringt. Infolgedessen können wir davon ausgehen, dass sich im Übergang von der Regelpoetik zur Genieästhetik ein grundlegender Wandel in der (Selbst-)Wahrnehmung des Dichters vollzieht und in den jeweiligen zeitgenössischen Poetiken zum Ausdruck gebracht wird.
An dieser Stelle können wir festhalten, dass - unserer Analyse zu Folge - sowohl a) die Vorstellung von der Grundlage des Dichtens (Regeln vs. Ingenium) als auch b) die
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Vorstellung vom Dichter (Jedermann vs. Genie) besonders stark vom Wandel von der Regelpoetik zur Genieästhetik betroffen und vica verca besonders gut geeignet sind, um den Wandel sichtbar zu machen. Sie werden daher feste Bezugspunkte unserer systematischen Darstellung sein.
2.2 Dichtungstheoretische Grundmomente
Über die in 2.1 analysierten Unterscheidungsmerkmale heraus scheint es sinnvoll zu sein, auch jene allgemeinen dichtungstheoretischen Grundmomente in unserer systematischen Darstellung zu berücksichtigen, welche von Anbeginn poetologischer Reflexion eine wichtige Rolle spielen:
a) Allen voran ist hier das Mimesis-Konzept zu nennen, welches seit Aristoteles nicht nur festes Element jeder Poetik ist, sondern auch zentrale Wesensbestimmung von Kunst überhaupt. Während Aristoteles die Aufgabe der darstellenden und poetischen Kunst zunächst in der Nachahmung von „handelnden Menschen“ 1 sieht, wird im Laufe der Geschichte die Frage nach dem genauen Gegenstand bzw. den Grenzen der Nachahmung immer virulenter. Dürfen auch die empirischen Objekte nachgebildet werden? Wenn ja, auf welche Weise? Und mit wie viel künstlerischer Freiheit? Immer wieder entscheidet sich am Mimesiskonzept die grundlegende Ausrichtung der jeweiligen Poetik. Von daher müssen wir das Moment des Mimesis-Konzeptes unbedingt in unser heuristisches Gitter integrieren und unsere Darstellung des Wandels von der Regelpoetik zur Genieästhetik auch unter diesem Gesichtspunkt systematisieren.
b) Nicht ganz so zentral wie das Mimesis-Konzept und doch eng mit ihm verbunden, ist das jeweilige Naturverständnis, welches einer Poetik zugrunde liegt. Im Grunde entscheidet sich hier, welches Mimesis-Konzept zum Tragen kommt, da die Bestimmung des Wesens der Natur unmittelbar die Frage nach dem Gegenstand und der Art und Weise der Mimesis mitbeantwortet. Wir werden daher auch den Aspekt des jeweiligen Naturverständnisses berücksichtigen und ebenfalls zu einem Parameter unserer systematischen Darstellung machen.
2.3 Zusammenfassung
Das heuristische Gitter, mit welchem wir im Folgenden den Versuch einer systematischen Darstellung des Wandels von der Regelpoetik zur Genieästhetik bestreiten wollen, enthält also folgende Komponenten: 1.) Die Frage nach der Grundlage des Dichtens (rhetorischer
1 Vgl. Aristoteles (2001), S.7
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Regelfundus vs. Ingenium, Phantasie), 2.) die Auffassung vom Dichter (Regelkundiger vs. naturbegabtes Genie), 3.) das Mimesis-Konzept und 4.) die zugrunde liegende Naturvorstellung. Wir werden die verschiedenen Übergangsstationen mit Hilfe dieser vier Parametern darstellen und zwar in entgegen gesetzter Reihenfolge, d.h. mit dem Naturverständnis beginnend, dann das korrespondierende Mimesis-Konzept erläuternd, um anschließend die Frage nach Dichterbild und Dichtungsgrundlage zu beantworten. Auf diese Weise sollte es uns gelingen, eine möglichst systematische Darstellung zu erarbeiten, welche die entscheidenden Veränderungsprozesse zwischen Regelpoetik und Genieästhetik zur Anschauung bringt.
3. Der Übergang von der Regelpoetik zur Genieästhetik
3.1 Die Regelpoetik des Barock
Das barocke Naturverständnis orientiert sich an der stoischen Erkenntnistheorie, welche zwischen den real-physischen Objekten, ihrer sprachlichen Bezeichnung (dem Signifikant) und deren „Bedeutung“ unterscheidet. Allerdings ist die „Bedeutung“ hierbei nicht bloß die zum Signifikanten gehörende mentale Repräsentation, sondern das „Wahre“ an sich, welches hinter dem physischen Objekts bzw. seiner sprachlichen Bezeichnung verborgen liegt. Dies bedeutet aber, dass nicht nur die empirischen Objekte und ihre sinnliche Wahrnehmung zur Erkenntnis des Wahren führen können, sondern ebenso gut jene sprachlichen Signifikanten, mit welchen die physischen Objekte bezeichnet werden. 2
Dies hat unmittelbaren Einfluss auf das barocke Konzept der Mimesis, da vor diesem erkenntnistheoretischen Hintergrund nicht nur die empirischen Objekte als nachahmungswürdige Natur erscheinen, sondern ebenso jene tradierte antiken Texte, in welchen das „Wahre“ bereits erkannt und auf sprachliche Weise zum Ausdruck gebracht worden ist. Ja, die Nachahmung von literarischen Quellen wird im Barock sogar bevorzugt, wie Gaede erläutert:
„Wie es die Funktion des Einzelurteils ist, ein Objekt in der dem Bewußtsein gemäßen Weise zu fassen, so richtet sich die gegenständliche Nachahmung des Dichters anders als die des Malers nicht auf empirische, sondern auf vorgestellte, also im Urteil erfaßte Gegenstände. Diese sind vor allem in literarischen Quellen präsent, so daß es in der Natur der Sache liegt, daß die gegenständliche Nachahmung die Möglichkeit der Imitation poetischer Muster nicht nur einschließt, sonder in ihr kulminiert. Die Grundlage dafür ist mit der erkenntnistheoretischen Dreiteilung gegebene, die die
2 Vgl. hierzu genauer: Gaede (1978), S.26-S.33
Arbeit zitieren:
Bastian Ronge, 2005, Von der Regelpoetik zur Genieästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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